laut.de-Kritik

Zu viel Schmutz verdreckt die tollsten Momente.

Review von

Ungestüm, kompromisslos, dreckig, schnell, punkig. So kannte man Iceage bisher. Im Geiste von Black Flag, Fugazi und den Dead Kennedys rotzten sie ihre meist um die zwei Minuten kurzen Songs runter.

"Plowing Into The Fields Of Love" ist da in vielerlei Hinsicht anders. Das macht schon der Opener "On My Fingers" klar. Über fünf Minuten lang krächzt die Gitarre, wirbelt die Snare, jammert Elias Bender Rönnefelt, während das Klavier im Vordergrund steht. Das klingt teilweise regelrecht entspannt und zurückgelehnt.

Ihr Lofi-Stil ist Iceage geblieben. Auch ihr drittes Album klingt wie kurz mal eben im Proberaum aufgenommen. Da rummst der Bass einmal viel zu laut rein, die Becken klirren kümmerlich und Elias stöhnt und grunzt ins Mikro. Manchmal hat man das Gefühl, Iceage kommen aus ihrem Rhythmus raus, verzetteln sich, stolpern übereinander und vergessen den Takt ("Stay"). Das hat einen gewissen dreckigen Charme, geht zwischendrin stellenweise aber auch auf die Nerven. Zu viel Schmutz verdreckt irgendwann die tollsten Momente. Besonders, wenn die Songs plötzlich fünf Minuten dauern.

Musikalisch bleibt das Ganze aber immer noch spannend. Mit Bläsern, Klavier, Mandoline und Streichern erweitern Iceage ihr Soundspektrum deutlich. "The Lord's Favorite" hat sich seinen Drive von Johnny Cash abgeschaut. "Abundant Living" erinnert an den wüsten Folk der Pogues. Die alten Bekannten sind freilich immer noch vertreten: Joy Division, Nick Cave oder Black Flag inspirieren die jungen Dänen zu ihrem düsteren Postpunk. Der darf jetzt mehr atmen, klingt verspielter und bekommt wesentlich mehr Zeit, sich zu entfalten. Da entstehen finstere Klangcollagen, viele Snare-Wirbel und eine enorm dichte Atmosphäre.

In "Stay" kratzt eine Geige ins Soundchaos, mehr hat sie bei dem Song nicht zu melden. Dafür darf sie bei "Forever" ran, spielt schiefe Töne und krude kleine Melodien, während Elias lamentiert: "I loose myself forever." Iceages Lyrics bleiben dunkel, Elias Stimme unsauber, nölig, krächzend und meistens komplett neben dem Ton. Das kann ganz schön auf den Geist gehen. Wenn er dann auch noch wie bei "Cimmerian Shade" immer wieder ins Mikro stöhnt, lockt die Skip-Taste.

Tatsächlich entpuppt sich Elias' Gesang als einer der größten Minuspunkte bei Iceage. Gerade weil sie sich mehr Zeit für ihre Songs lassen, bekommt seine Stimme mehr Gewicht. Hat sie bei den Vorgänger-Alben noch nicht so sehr gestört, weil ohnehin alles drunter und drüber ging, fällt sie bei der aktuellen Platte immer wieder negativ auf. Dabei macht ein Song wie "Simony" klar, wie großartig hier eine melodiöse Stimme klingen würde. Der Ansatz ist sogar da.

Instrumental präsentieren sich Iceage neugierig und kompromisslos wie eh und je. Immer wieder brechen Schlagzeug und Gitarre aus, wirbeln umeinander, klappern und scheppern. Über weite Teile bewahrt "Plowing Into The Fields Of Love" aber vergleichsweise Ruhe, die wilden Parts bleiben widerspenstige Ausbrüche. Das steht Iceage richtig gut. Bei "Against The Moon" schachteln sie ihre Gitarren und Bässe zu einem dichten Soundteppich übereinander, auf dem das Klavier sanft tanzt.

Trotz all der neuen Elemente: Iceage bleiben ungewöhnlich, schräg, rotzig und unangepasst. "Plowing Into The Fields Of Love" zeigt eine gelungene Weiterentwicklung, ein Ausstrecken nach neuen Soundmöglichkeiten. Allerdings: Auch wenn es unfair klingt, der Gesang macht leider vieles kaputt.

Trackliste

  1. 1. On My Fingers
  2. 2. The Lord's Favorite
  3. 3. How Many
  4. 4. Glassy Eyed, Dormant and Veiled
  5. 5. Stay
  6. 6. Let It Vanish
  7. 7. Abundant Living
  8. 8. Forever
  9. 9. Cimmerian Shade
  10. 10. Against the Moon
  11. 11. Simony
  12. 12. Plowing Into the Field of Love

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