laut.de-Kritik

Deutschlands verspätete Antwort auf Simon And Garfunkel.

Review von

Als Heinz Rudolf Kunze nach der Zusammenarbeit mit dem Prinzen Tobias Künzel ("Ich Bin - Im Duett Mit") Sätze wie: "Wir haben sehr viele Gemeinsamkeiten. Da ist - auch musikalisch gesehen - das letzte Wort noch nicht gesprochen", zu Protokoll gab, kam dies einer Drohung gleich. Wenn Zombies, Aliens und die Diddl-Maus zusammen die Menschheit auslöschen, dürfte das mehr Spaß machen. Nun machen die Barden mit "Uns Fragt Ja Keiner - Live" ernst.

Gemeinsam gingen die beiden auf eine minimalistisch instrumentierte Kleintournee. Neben einigen Lieder aus dem früheren Schaffen liegt das Hauptaugenmerk auf neuen, extra für die Auftritte geschriebenen Songs. Zumeist übernimmt Kunze die Texte, Künzel die Musik. Ausnahmen bestätigen die Regel. Nachdem das Eröffnungskonzert in Schwerin zuerst nur auf einem USB-Stick zu erhalten war, liegt es nun, neu abgemischt und zeitlich gestrafft, als reguläres Album vor.

Den Ton gibt Kunze vor, die Prinzen spielen nur am Rande eine Rolle. Erfreulicherweise führt der Weg weg vom Carmen Nebel-Schlager-Pop der letzten Jahre. Viel mehr erinnert die Zusammenarbeit an die Direktheit des Räuberzivil-Albums "Hier Rein Da Raus", ohne ganz dessen Level zu halten.

Tobias Künzel stellt die Wundertüte auf "Uns Fragt Ja Keiner – Live" dar. Wer hätte gedacht, dass der Gesang des ehemaligen Thomanerchormitglieds gegenüber Professor Deutsch-Rock dermaßen abfällt? Dafür überzeugt er am Schlagzeug und liefert im Alleingang mit "Melancholie" und "Keine Luft Mehr" die wohl beiden besten Stücke des Abends.

Die Selbstbeweihräucherung der beiden selbsternannten Partypuper geht im doppelten Einstieg von "Uns Fragt Ja Keiner" und "Was Hätten Wir Davon" erst mal kräftig in die Hose. Schlimmste Befürchtungen scheinen bestätigt. Doch mit dem gelungen psychotischen "Fotos von Renee" kippt die Stimmung. Ein Orgelsolo von Paul Millns verschönert die zurückhaltende Ehrlichkeit und erstmals steht die Frage im Raum, die Künzel am Ende von "A7" selbst stellt: "Was machen Heinz Rudolf Kunze und Tobias Künzel auf der Bühne bei einem Paul Millns Konzert?"

Wie viel unerwartetes Potenzial in diesem Projekt steckt, zeigt das Yin und Yang aus "Melancholie" und "Euphorie". Das erste eine herzzerreißende Ballade, in dem sich Künzels Stimme erstmals wirklich wohl fühlt. Harmonisch unterstützt von Kunze wird aus den beiden Deutschlands verspätete und geheime Antwort auf Simon & Garfunkel. Mit leicht abgeänderten Arrangement folgt Kunzes Parodie "Euphorie", die mit ihren letzten Worten den Kreis schließt. "Das, was du spürst, mach dir nichts vor / ist auch nichts weiter als 'ne Parodie / auf des Pudels Kern: Melancholie."

Doch gerade in der zweiten Hälfte fällt "Uns Fragt Ja Keiner – Live" stark ab. Langweilige Routine ("Leben Auf Der Flucht", "Und Sie Lacht") folgt unlustigem Gehabe ("Das Handy"). Zuletzt wird im zopfigen Bibel-Blues-Rock von "A7" auch noch die zum Glück in Vergessenheit geratene Tradition des Schlagzeugsolos wiederbelebt. Nach wie vor der perfekte Moment zum Bier holen.

Als wirklich störend erweisen sich die alten Gassenhauer, die wohl bedacht eingebaut wurden, um das Publikum nicht vollends mit ausschließlich neuen Tracks zu belästigen. Das mag live noch halbwegs erforderlich sein, auf CD zerstört es das Gesamtbild. Wie oft verträgt die Menschheit noch "Finden Sie Mabel" und "Meine Eigenen Wege"? Oder wollte irgendjemand schon immer die Kappesnummern "Mann Im Mond" und "Alles Nur Geklaut" von Kunze gesungen hören? Seien wir froh, dass sie nicht auch noch "Küssen Verboten" aus dem Hut gezaubert haben. Ausgerechnet das auf eine Piano-Ballade heruntergebrochene "Dein Ist Mein Ganzes Herz", von Künzel interpretiert, überzeugt.

Paul Millns sorgt mit seinen Solo-Nummern "Undercover Man" und "When Love Comes Calling" für die eigentlichen Höhepunkte des Abends. Der ehemalige Sidekick von Eric Burdon, John Mayall und David Crosby stiehlt den beiden Krauts gekonnt die Show. Seine beiden Tracks bilden eine in sich gekehrte, glanzvolle Blues-Welt, in mitten der oft zerfahrenen Darbietung der Hauptakteure. Dagegen muss man nicht gleich, nur weil der ehemalige Fury In The Slaughterhouse-Gitarrist Stein-Schneider an den Saiten zupft, das verstaubte "Won't Forget These Days" ausgraben. Nein, wirklich nicht.

"Uns Fragt Ja Keiner – Live" lebt von und stirbt an seiner Skizzenhaftigkeit. Was eben noch durch seinen rohen und ungeschliffenen Live-Sound einen zerschlissenen Charme vermittelt, stürzt im nächsten Moment wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Gute Ansätze gibt es genug zu entdecken, doch bleiben diese leicht zerbrechlich. Mit zu viel Füllmaterial ausgestattet, hätte eine genauere Fokussierung dem Longplayer mehr als gut gestanden. So bleibt die eigentliche Erkenntnis, doch dringlichst mehr Alben von Paul Millns zu hören.

Trackliste

CD 1

  1. 1. Uns Fragt Ja Keiner
  2. 2. Was Hätten Wir Davon
  3. 3. Radio Galeere
  4. 4. Schlechtes Gewissen
  5. 5. Fotos Von Renee
  6. 6. Ich Will Den Kalten Krieg Zurück
  7. 7. Mann Im Mond
  8. 8. Dein Ist Mein Ganzes Herz
  9. 9. Wenn Du Sie Siehst
  10. 10. Melancholie
  11. 11. Euphorie
  12. 12. Die Patenschaft
  13. 13. Das Handy
  14. 14. Alles Nur Geklaut
  15. 15. Und Sie Lacht
  16. 16. Finden Sie Mabel
  17. 17. Überlebensmüde

CD 2

  1. 1. Keine Luft Mehr
  2. 2. Unser Platz An Der Sonne
  3. 3. Fast
  4. 4. A7
  5. 5. Undercover Man
  6. 6. When Love Comes Calling
  7. 7. Es War Nicht Alles Schlecht
  8. 8. Meine Eigenen Wege
  9. 9. Leben Auf Der Flucht
  10. 10. Won't Forget These Days
  11. 11. Im Aufbruch
  12. 12. Lola
  13. 13. Münchhausens Nachtlied
  14. 14. Das Handy (Single Mix)

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6 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Über weite Stellen leider zutreffend. Ich hatte mir nach dem letzten HRK-Album deutlich mehr von dem Album versprochen. Künzel und Kunze singen erstaunlich häufig aneinander vorbei, wenn sie gemeinsam an der Front stehen, im Gegenzug kriegt Kunze einen begleitenden Gesang besser geregelt als Künzel, der sich wohler zu fühlen scheint, wenn er nicht gleichzeitig das Schlagzeug bedienen muß oder auf die Rolle des Begleitsängers beschränkt wird. 31 Lieder auf dem Album und nur ein erschreckend kleiner Teil davon verdient es wirklich, der Nachwelt erhalten zu bleiben. Die Stücke von Paul Millns auf jeden Fall - "Undercover Man" oder "When Love Comes Calling" kommen irre gut; warum ist mir der Mann bislang eigentlich so völlig unbekannt? "Dein ist mein ganzes Herz" beeindruckt in dieser Version, "Melancholie"/"Euphorie" wissen zu gefallen, "Keine Luft mehr" zeigt, was da noch alles drin wäre, "Münchhausens Nachtlied" ist ein schöner Stimmungsdrücker zum Abschied, "Handy" - jo, klamaukig, kann man sich trotzdem mal geben, "Schlechtes Gewissen" oder "Lola" sind bestimmt nicht die schlechtesten Pferde im Stall, bringen aber trotzdem nicht die Leistung, die man ihnen zugetraut hätte, aber sonst? Auch Kunzes gesprochenen Texte bleiben hinter den Erwartungen zurück, lassen eine Pointe vermissen oder bemühen Bilder, die man eigentlich nicht braucht - kein Vergleich mit seinen "literarischen" Programmen, bei denen das Augenzwinkern nicht so plump daherkommt oder ein paar geschliffene Gedanken serviert werden ...
    Die Tonqualität ist auch nicht immer überzeugend, gerade gegen Anfang merkt man schon sehr deutlich, daß die Tontechnik ins Schwimmen kommt, erst bei "Mann im Mond" scheint sich das Mischpult selbst gefunden zu haben.
    Ich bezweifle nicht, daß Künzel mit Kunze gut auskommt und die beiden zusammen was reißen können, und vielleicht sollten sie sich mal gemeinsam ins Studio begeben und da ein paar Runden tüfteln, aber dieses Live-Album ist nicht unbedingt nötig gewesen. Ein paar schöne Sachen, um die es schade gewesen wäre, aber hauptsächlich Material deutlich unter Par. Viel Glück beim nächsten Mal.
    Gruß
    Skywise

  • Vor einem Jahr

    Hm. Die beiden sollten sich mal überlegen, wieso sie keiner fragt.

  • Vor einem Jahr

    hat irgendjemand von euch eines der Konzerte live gesehen? Ich glaube nicht...Mich haben die letzten Alben von Kunze auch nicht wirklich vom Hocker gehauen, aber live waren Kunze und Künzel echt nicht schlecht. Man darf nicht vergessen, das vorliegende Konzert, war das erste der Tour. In der Tat ist es eher schwächer, im Vergleich war as Leipziger Konzert deutlich stärker. Aber muss man alles gleich so nieder machen ?? Ja Künzel ist Ostmusiker...na und ? Zu den Liedern die Künzel von Kunze gesungen hat, das war nicht mal der HRK Einfluß...er wollte die Nummern selbst singen. Genauso wie HRK die Prinzen Nummern singen wollte.

  • Vor einem Jahr

    @MichaelSchmidt (« Ja Künzel ist Ostmusiker...na und ? »):

    Nichts "na und". Du bist der Erste, der ihn hier als Ostmusiker bezeichnet und das Thema Osten anspricht. Also, wo liegt dein Problem damit? Zudem wird hier eine Aufnahme des Schwerin Konzerts bewertet und nicht das Konzert in Leipzig. Kann sein, dass dies eine musikalische Offenbarung war. Das tut aber nichts zur Sache.

  • Vor einem Jahr

    @MichaelSchmidt (« In der Tat ist es eher schwächer, im Vergleich war as Leipziger Konzert deutlich stärker. Aber muss man alles gleich so nieder machen ?? »):

    Nun ja, wenn der Mitschnitt eines schwächeren Konzerts in Schwerin zu bewerten ist, sollte meines Erachtens ein Besuch des deutlich stärkeren Auftritts in Leipzig keine Auswirkung auf die Rezension haben ...
    Gruß
    Skywise

  • Vor einem Jahr

    Es ist klar, dass sich die Rezension nur auf die vorliegende Aufnahme stützen kann. Es verwundert mich nur, dass die beiden eben ein Auftaktkonzert verwursten, anstatt ein späteres..