laut.de-Kritik
Die übelsten Hardrocker werden zu schunkelnden Heulsusen.
Review von Alexander Austel
Wenn Haudegen auf der Bühne stehen, könnte man eigentlich meinen, jetzt gebe es demnächst rammsteinig auf die Zwölf. Bis unters Kinn tätowierte, stämmige und etwas angsteinflößende Rocker eben - so trügt der erste Schein. Wenn sie dann aber anfangen zu spielen, schaut man etwas verstört auf die Crowd und die Protagonisten: Zu Balladen werden Feuerzeuge in die Luft gehalten, die übelsten Hardrocker werden zu schunkelnden Heulsusen.
Hagen Stoll, früher als der Rapper und Produzent Joe Rilla bekannt, hat eine dreckige, verrauchte und tiefe Stimme. Da wundert es, dass er diese nicht voll zur Geltung bringt. "Wir Gegen Den Rest" von der Vorab-EP der Haudegen hatte noch richtig Schmackes und ging tatsächlich in Richtung Rammstein, Böhse Onkelz oder Unheilig. Zumindest konnte es was. Das Gesülze hier klingt aber irgendwie ausgelutscht und langweilig. Da keimt der Verdacht, dass das Label die Finger im Spiel hatte und dem Produkt den Mainstream-Stempel aufdrückte. Radiotauglich ist es nämlich allemal.
Trotzdem bleibt die Frage, warum Stoll singt. Dadurch klingt das Ganze viel zu soft. Dabei wirken die Themen wie Angst, Arbeits- und Hoffnungslosigkeit keineswegs aufgesetzt oder falsch. Verpackt in eine ordentliche Portion Hau-Drauf-Rock und mit einer wütenden Stimme wäre "Schlicht & Ergreifend" ein tolles Album geworden. Die Mischung aus Soft- und Kuschelrock aber kastriert die Nummern zu Balladen, die zu sehr von Klaus Lage, Herbert Grönemeyer und Schlagern beeinflusst sind.
Ist auf der ersten CD, "Schlicht", noch der eine oder andere rockigere Ausreißer dabei ("Ein Mann Ein Wort" und "Auf Die Alten Zeiten"), wird es auf "Ergreifend" geradezu schauerlich lasch. Ab hier regieren nur noch akustische Gitarren gepaart mit melancholisch anmutendem Piano-Geklimper unter dem Geheule Stolls. Sven Gillert steuert auf dem ganzen Album hier und da mal ein "Ooohh, ooohh" bei. Sein gesanglicher Anteil minimiert sich allerdings auf etwa zwei Prozent, er unterstreicht die Schmusenummern noch mit seinem hohen Gesang.
Auch wenn es beachtlich ist, dass Haudegens erste Platte ein Doppel-Album darstellt, bleibt trotzdem kein Song so wirklich im Ohr hängen. Talent fehlt den Haudegen sicherlich nicht, die Texte geraten im Großen und Ganzen auch ehrlich und authentisch. Aber der musikalische Hintergrund gehört verändert. Auf Tour gehen, ausruhen, in sich gehen und nochmal probieren!