laut.de-Kritik

"This is only pretty, don't look for any meaning."

Review von

Jahrzehnte später sollte Harold Budd einmal über Ambient sagen, dass er diesen Stempel eher als übergestülpt wahrgenommen habe, anstatt sich tatsächlich mit der Musikrichtung zu identifizieren. Eine unerwartete Aussage von dem Mann, dem nicht weniger nachgesagt wird, als gemeinsam mit dem Wegbegleiter Brian Eno die gesamte Strömung überhaupt erst ins Leben gerufen zu haben.

1978 schafft Eno das bald schon als Klassiker und Meisterwerk geltende "Music For Airports" und prägt damit auch den Begriff "Ambient". Verlorene, mystische und hallende Soundgerüste, das Gefühl von Ferne und Formlosigkeit, eine komplette Reduktion auf Textur und Klang der Musik.

All dies lässt sich auch über das im selben Jahr erschienene "The Pavillion Of Dreams" sagen: Ein Album, das heute ebenfalls im Kanon der Ambient-Meisterwerke gelistet wird, aber bei genauerer Betrachtung doch einige Wege anders beschreitet, als sein Zeitgenosse es tat.

Offensichtlichst wäre da die Instrumentierung, die neben einer Vielzahl an Marimbas und Vibraphonen Chorgesang aus christlichen wie muslimischen Spielweisen integriert und am Fundament des Klangs die Saxophonarbeit von Marion Brown wirken lässt. Dieser in Atlanta geborene Mitstreiter von Jazz-Größen wie John Coltrane bricht den sonst sehr mystischen Flair der Platte beizeiten mit Anleihen bei der Avant-Jazz-Szene von New Yorks Sechzigern und sorgt für Momente der aufbrausenden musikalischen Lebhaftigkeit und komplexere Dramaturgien, als man es dem Ambient sonst für gewöhnlich unterstellen würde.

Doch diese Komplexität sollte man nicht unterschätzen. "The Pavillion Of Dreams" widmet sich mit behutsamer Präzision der Darstellung von spiritueller Erstauntheit, breitet sich in beinahe architektonischer Maßarbeit in verschiedene Klangtexturen aus und sammelt sich in meditativen Momenten der religiösen Erfahrung.

"This is only pretty, don't look for any meaning", so beschrieb der Komponist die Arbeit selbst. Und dabei widerspricht die Aussage nicht den vorigen Beobachtungen. Tief verwurzelt in der minimalistischen Avantgardeschule und neoklassizistischen Strömungen verschreibt sich die Komposition dieses Projekts vielmehr der Rekonstruktion einer tiefen menschlichen Erfahrung: Der religiösen Ehrfurcht.

Schon die Tracklist beschreibt theologische Motive verschiedener Glaubensrichtungen. "Bismillahi 'Rrahmani 'Rrahim", aus dem Arabischen zu Englisch etwa "In The Name of God, The Beneficent, The Merciful" oder "Madrigals Of The Rose Angel" erwecken spirituelle, abstrakte Bilder, tragen aber auch keine weitere Bedeutung in sich. "The Pavillion Of Dreams" emuliert die Erfahrung eines Gotteshauses, die Andächtigkeit, das Staunen, die Ehrfurcht.

Statt einen Kommentar zu diesem Phänomen abzugeben, bildet das Album diesen Zustand jedoch schlicht ab, entrückt ihn seiner politischen oder moralischen Dimension und reproduziert die Erfahrung für einen Hörer jenseits des Glaubensdiskurses. Schon der Albentitel führt die Form des Produktes als Räumlichkeit ein, ähnlich sollte man sich auch die Wahrnehmung des Albums vorstellen. Vergleichbar mit vielen Projekten im Ambient, aber auch im Minimalismus oder im Black Metal (Burzums "Rundgang um die transzendentale Achse der Singularität" fühlt sich interessanterweise an vielen Stelle wie eine komplett invertierte Version dieses Projektes an) bleibt die Dramaturgie statisch, es zieht keine sich entwickelnde Geschichte am Hörer vorbei, vielmehr erkundet er mannigfaltige Räume und Winkel eines großflächigen, dekorierten und reichlich ausgeschmückten Gebäudes für sich.

Ein wichtiges musikalisches Stilmittel in dieser Räumlichkeit ist die Kontrastierung von perkussiven und melodischen Elementen, denn durch die ausgedehnte, hallige Natur der Musik lassen sich immer wieder verschiedenfach ausgebaute Layer an Perkussivität im Anschlag der Instrumente festhalten. Diese Technik ist mit dafür verantwortlich, eine derartig räumliche Anmut entstehen zu lassen. Doch der größte Faktor ist die schiere Liebe zum Detail in der Komposition und die virtuose, andächtige Arbeit an den eigenwillig kombinierten Instrumenten.

"The Pavillion Of Dreams" teilt viele Aspekte der Ambient-Musik, identifiziert sich aber noch mehr als spätere Eno & Budd-Projekte mit den Einflüssen aus Minimalismus, Neoklassizismus und Avantgarde-Jazz. Komplex und ambitioniert, gleichzeitig aber doch distanziert und kalt fühlt dieses Album sich kunstvoll und transzendent an, sich verneigend vor nie benannten höheren Instanzen und doch greifbarer für das alltägliche Ohr. Harold Budd überlässt den Umgang mit den dargestellten Inhalten nicht zuletzt dem Hörer selbst, die Wiedergabe der Ästhetik geriet fast schon dokumentarisch. Doch darüber, dass es in der Tat äußerst "pretty" ist, darüber lässt sich definitiv nicht streiten.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Bismillahi 'Rrahmani 'Rrahim
  2. 2. Let Us Go Into The House Of The Lord / Butterfly Sunday
  3. 3. Rosetti Noise / Chrystal Garden And A Coda
  4. 4. Juno

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1 Kommentar

  • Vor 30 Tagen

    glückwunsch zur auswahl und dem tollen text. :absinth:

    ich habe mich heute morgen schon sehr gefreut, als in in unserer internen pipeline sah, dass sich jemand harold budds angenommen hat.

    Ein paar anmerkungen:

    persönlich glaube ich nicht, dass "Bismillahi 'Rrahmani 'Rrahim" zwingend einer politischen ebene hätte entrückt werden müssen oder können. Aus der zeit heraus betrachtet, gab es den politischen gruselislam ja noch nicht so sehr im kollektiven gedächtnis. Khomeini oder taliban etwa existierten noch nicht als „macher“ zur zeit der komposition. Mit der rein spirituellen, ebenfalls gern abbildenden schule des sufismus geht der song jedoch erstaunlich parallel. Voll rumi!

    Eno war nur der cleverste in bezug auf vermarktung des ambient-genres. Ich verehre den ja zutiefst. Aber hier heftet man ihm oft lorbeeren an, die er nicht allein verdient. Da gibt es genug leute von weltrang, die musikhistorisch deutlich eher am drücker waren. Von den deutschen allein schon mal td, neu!, harmonia oder cluster. Im grunde haben rother und roedelius ihm das im wald erst beigebracht. Sost hätte er auch „low“ nie prägen können, wie er es tat. Nicht umsonst überlegte bowie sich zunächst, statt eno auf rother als sidekick zu setzen, um die existentialistische german stimmung zu erschaffen.

    auch im jazz gab es bereits ambientkompositionen, etwa von jan garbarek oder auch miles davis requiem „he loved him madly“ zum tode von duke ellington.

    Insofern kann ich sehr gut nachvollziehen, dass budd dieses im zuge der arbeit mit eno aufgedrückten stempels überdrüssig ist und sich selbst eher als klassikkomponist sieht, der das „zeitlupenpiano“ erfand.