laut.de-Kritik

Guantanamo-Goa, gemacht von Spacken für Spacken.

Review von

Nach der Arschlochplatte nun das große Arschlecken. "Lecko Grande" heißt der zweite Streich des Kollektivs HGich.T. Und genau so klingt es auch. Spacken-Techno, Spacken-Goa und Spacken als Handlungsträger. "Du liebst mich, obwohl ich ein Pfosten bin", heißt es gleich im ersten Track, einer dargestellten Affäre zwischen lüsternem, altem Rektor und grenzdebilder Göre. Entsprechendes gilt für diese Platte: Nur unter vorübergehender Auslöschung großer Teile der Persönlichkeit kann man den Tonträger einigermaßen überstehen.

Dabei ist die Scheibe konzeptionell alles andere als unsouverän. Wer so viel Schockpotential hat, dass selbst dekonstruktionserfahrene Freunde früher Berserker wie Neubauten oder Throbbing Gristle hierbei verstört mit der Schulter zucken, kann seinerseits sicherlich kein Klappskalli sein. Sind sie auch nicht. Wer daran glaubt, der glaubt auch an den Weihnachtsmann und dass Laibach Nazis sind. Nein, so einfach läuft das nicht mit einer Schublade für das Phänomen HGich.T.

Für "Lecko Grande" angelten sich die Musikanarchisten gleich den denkbar passendsten Partner in Crime: Dietrich Kuhlbrodt aka Opa16 in der Rolle des patriarchalischen alten Drecksacks. Ein nicht zu unterschätzender Coup. Der Jurist Kuhlbrodt ist eine ebenso schillernde wie kulturhistorisch bedeutsame Figur in der deutschen Landschaft. Als Staatsanwalt war er langjährig für die Aufklärung von Naziverbrechen zuständig. Nach seiner Hinwendung zur Kunst kollaborierte er so ausgiebig wie kompromisslos u.a. mit Die Tödliche Doris und Schlingensief (er war der Berserker in "Das Deutsche Kettensägenmassaker").

"Stagnation und Frustration als Song, verkleidet mit euphorischem Überbau. Das ist es." Der Ansatz HGich.Ts ist nicht unbedingt neu, aber recht effektiv. Getreu der alten Laibach-Methode Überidentifikation löst sich der Graben zwischen Bühnencharakter und Darstellerpersönlichkeit nahezu komplett auf. Alle sind Prekariat. Täter? Opfer? Scheißegal! Hauptsache stumpf instinktbefohlen. Einzige Ausrichtung: Die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Alles auf die Fresse und zwar fett. Am besten gleich mit doppelter Analfixierung. Schön oral serviert mit wiederkehrenden Thomas Bernhard-Schlenkern. Hätte man sich als Haus- und Hofband bei Schlingensief bewerben müssen, gäbe es sicherlich keine bessere Visitenkarte als "Lecko Grande".

So weit, so respektabel. Der Herangehensweise nach müsste man nun konsequent die Höchstwertung vergeben. Es gibt nur ein Problem: Man muss sich den ganzen Schrott ja auch anhören. Und da wird es wirklich eng. Durch den Verzicht auf jeglichen ästhetischen Wert in ihren Stücken wird das gezeichnete Bild zwar ebenso plastisch wie öliges Reality-TV. Leider auch ebenso ermüdend und lahm. "Widdewiddewiddbumm Arsch! Mein Arsch ist noch ganz locker", kann als elfter Song in einer unangenehm endlosen Kette öder Pippi-Kakka-Verse schon nicht mal mehr im Ansatz unterhalten. Songs wie ein Mikro auf der Big Brother-Toilette.

Zugegeben: Die ersten zwei 'Lieder' sind beeindruckend. "Ich Liebe Dich Egal Ob Du 16 Bist" - das obig beschriebene 'Pfostenlied' - hat echte Hitqualitäten und keinen Mangel an elterlichem Schockpotential. Kuhlbrodts nachfolgendes Gerontensex-Hörspiel "Opa16" schießt dank konsequent deutlicher Widerlichkeit auch lecker meilenweit über die eigene Ekelgrenze hinaus. Aber ein zweites Mal braucht man das nicht. Im Theater zieht man sich die Szene nach dem Knalleffekt ja auch nicht mit Repeat-Taste rein. So schwindet die Attraktivität des Dargebotenen bereits nach dem ersten Hören. Von 100 auf Null in fünf Minuten. Und das war bereits der Höhepunkt.

Danach geht es lang und weilig weiter mit den üblichen Tittengrabschern, Schulhofschlägern und ohnmächtigen Spießern. Jede weitere Einzelkritik der HGich.T-Songs wäre nicht sinnvoller als verschiedene Fäkalienarten nach Geruch zu sortieren. Wer nach dem fünften Lied der bewusst debil gehaltenen Stimmlage Tutenchamuns nicht die Boxen aus dem Fenster wirft, verdient meine Bewunderung als Held. Zur Krönung der eigenwilligen Ohrenkrebsorgie verfallen sie dann schlussendlich doch der Industriemühle aller Kommerzialität. Ein so dermaßen auf der Ralph Siegel-Ebene abgehangener Ostblockschlager wie "Igor Amore" hat auf der dunklen Seite der Macht sicherlich das Zeug zum Karnevalshit. Das "Alles Hat Ein Ende Nur Die Wurst Hat Zwei" für die Endzeit? Danke, nein!

Das Amüsanteste sind noch die Titel der Songs. "Die Letzten Titten Von Bethlehem" oder "Eiermalenlevis" versprechen gleichwohl mehr als sie im Amusement halten. Ein wenig wie auf einer Party von Leuten, denen man nie begegnen wollte. Nur, wie passt es zusammen? Einerseits die kompromisslose Eulenspiegelung einer Gesellschaft zu betreiben, während man auf der anderen Seite eine Spur zu abgezockt für den Faschingsbierzeltmarkt produziert? Nicht nur der böswillige Hörer könnte hier eine Glaubwürdigkeitslücke wittern.

Somit vergebe ich nicht etwa deshalb einen Punkt, weil die künstlerische Leistung mau wäre. Denn das ist sie nicht. Das Herausbrechen aus dem Theaterkosmos unter Zuhilfenahme derbst kommerzieller Schlüsselreize bringt indes eine Guantanamo taugliche Foltermusik als Medium in die Straßen unseres Alltags, die unerträglich das retardierte Element zu etablieren sucht. Van Goghs Ohr für Musik als Gradmesser salonfähigen Mainstreams? Ein unverzeihlicher Alptraum!

Am Ende des Tages ist HGich.T trotz gegensätzlicher Eigenwahrnehmung somit auch nur ein weiterer Stein in der dunklen Mauer zwischen Grinsekatze Bohlen und artverwandtem Nivellierungszirkus der gegenwärtigen Popkultur. Wenn wir die Geister, die sie rufen dann am Hals haben, möchte es wieder niemand gewesen sein. "Lass dich gehen. Du willst es doch auch!", sagen sie. Aber wenn das die Zukunft made by HGich.T sein soll, kann ich nur erwidern: Lecko Grande!

Trackliste

  1. 1. Ich Liebe Dich Egal Ob Du 16 Bist
  2. 2. Opa 16
  3. 3. Der Haken
  4. 4. Faulus Fantasia
  5. 5. Die Letzten Titten Von Bethlehem
  6. 6. Diddel Der Mäusedetektiv
  7. 7. Eiermalenlevis
  8. 8. Tittenpower
  9. 9. 2-CB
  10. 10. Igor Amore
  11. 11. Mein Arsch
  12. 12. Die Klospülung
  13. 13. Faxe
  14. 14. Cosma Shiva Wagen Da
  15. 15. Der Rosenkavalier
  16. 16. Schnucki
  17. 17. Crazy
  18. 18. Maipes Kneipe

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17 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Nun ja, auch schlechte bzw. schlecht gemachte Musik kann man mal hören. Davon haben schließlich auch Florence Foster Jenkins oder Darlene Jonathan Edwards oder Mrs. Miller oder Mr. Methane oder Wild Man Fischer oder The Legendary Stardust Cowboy oder wie-sie-alle-heißen mal profitiert. Problematisch wird's allerdings dann, wenn man Material rausbringt, das nach uninspirierter Kundenverarsche klingt, und ich finde, genau das ist bei HGich.T der Fall ...
    Gruß
    Skywise

  • Vor einem Jahr

    HGich.T sind grandios :D
    Da gibt's tatsächlich etwas "dahinter", auch wenn diese geschichten deutlich bessermit Video funktionieren ;)
    Herbere Gesellschaftskritik kann man kaum finden, grad opa16 ist doch schon eine knallharte Nuss :D (und gespielt von Dietrich Kuhlbrodt (!!!) )

  • Vor einem Jahr

    Konzert letzten Samstag in Krefeld war es mal wieder Wert :D