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Ende der 80er ist Punk verdammt tot. Punkplatten liegen wie Blei in den Regalen. Fünf Jahre später sieht das schon wieder ganz anders aus. Der Erfolg von Nirvana macht Gitarrenmusik der härteren bzw. schnelleren Gangart wieder gesellschaftsfähig, Punkbands verkaufen ihre Scheiben millionenfach. Die beiden erfolgreichsten heißen The Offspring und Green Day.
Letztere stammen aus Berkeley im sonnigen Kalifornien. Sie gründen sich 1987. Zu der Zeit machen der 15-jährige Billie Joe Armstrong (Vocals und Gitarre), sein gleichaltriger Freund Mike Dirnt (aka Michael Pritchard, Bass und Backing-Vocals) und El Sobrante (aka John Kiffmeyer, Drums) noch unter dem Namen Sweet Children Musik. Zusammen veröffentlichen sie ihre erste Single "Slappy Hours" auf Lookout!-Records.
Der Chef eben dieses Plattenlabels kennt einen jungen Schlagzeuger aus der Nachbarschaft. So kommt Frank Edwin Wright III, später besser bekannt als Tre Cool, 1989 nach diversen Wechseln am Schlagzeug hinter die Becken. Im selben Jahr erscheint bei Lookout! ihre erste Platte: "1039 / Smoothed Out Slappy Hours" - hauptsächlich eine Zusammenstellung alter EPs, auf denen noch Kiffmeyer die Felle prügelt.
Als 1992 "Kerplunk" auf den Markt kommt, macht das Album Green Day in der Punk- und Independent-Szene zu kleinen Stars und führt dazu, dass die Jungs ihre Seelen an die "böse Majorcompany" Reprise bzw. Warner verkaufen - zumindest in den Augen einiger Fans.
1994 liegt der ganz große Braten auf dem Tisch: "Dookie" erscheint, und die Welt liegt Green Day zu Füßen. Insgesamt verkauft sich ihr Majordebüt mehr als elf Millionen Mal, sie spielen bei Woodstock II, haben wohl für den Rest ihres Lebens ausgesorgt, und das Punkrevival erlebt seinen Höhepunkt.
Danach geht es ein wenig bergab. Das ein Jahr später erscheinende Album "Insomniac" verkauft sich zwar gut, bleibt aber weit hinter "Dookie" zurück. Im Frühjahr 1996 brechen Green Day wegen Burnouts ihre Europatournee ab, was sie später als den größten Fehler ihrer Laufbahn bezeichnen. Den Rest des Jahres nutzen sie, um an neuem Material zu arbeiten. "Nimrod" erscheint 1997 und zeigt Green Day in besserer Form als je zuvor.
Bis ihr sechstes Album das Licht der Welt erblickt, gehen drei Jahre ins Land. Erst im Herbst 2000 gibt es neues Material von Green Day. Der Versuch, dieses Mal mit Scott Litt (R.E.M., The Replacements, Nirvana) als Produzent am Album zu arbeiten, wird nach kurzer Zeit wieder verworfen. "Warning" entpuppt sich als Platte, die weg vom Punk, mehr in Richtung Pop und Songwriter-Style geht.
Es folgt eine Pause, die für alte Fans gähnende Leere bedeutet: Green Day gehen lange nicht auf Tour, bringen eine Single- und eine mäßige B-Seiten-Collection auf den Markt.
Erst nach vier Jahren schlagen sie wieder neue Töne an. Und was für welche: Mit "American Idiot" beginnen Green Day, im hohen Alter noch politisch (korrekt) zu werden. Nebenbei entfaltet sich ein Konzeptalbum, bei dem ein Song schon mal so lange dauert wie früher vier.
"Punk-Oper", so taufen eifrige Vermarkter das Epos. Bezeichnung hin oder her, die im Januar 2005 folgende Deutschlandtour ist komplett ausverkauft. Das Album verkauft sich auch bestens, so ist nur folgerichtig, dass Green Day unter anderem mit ihrem Video zu "Boulevard Of Broken Dreams" bei den MTV Awards 2005 im August in insgesamt sieben Kategorien abräumen.
Während das Punk-Trio am Nachfolger zu "American Idiot" arbeitet, der 2008 erscheinen soll, vertreiben sich die Fans die Zeit mit den Foxboro Hot Tubs. Hinter diesem Pseudonym verbergen sich Armstrong, Dirnt und Cool. Allerdings spielen sie hier keinen Punkrock, sondern feinsten Sixties-Garagesound.
Auf der eigens eingerichteten Webseite verschenken sie zunächst einige Tracks, ab April 2008 bietet die Band Songs vom Foxboro Hot Tubs-Album "Stop Drop And Roll!!!" zum kostenpflichtigen Download an.
Im Laden steht die Scheibe ab Mai 2008. Zwölf energiegeladene Songs lang erweisen die Punker stilistisch Rock-Veteranen wie Eddie Cochran, den Kinks oder The Who ihre Ehre. Ein launiger und höchst unterhaltsamer Rock-Schokoriegel für zwischendurch.
Mitte Mai 2009 präsentieren Green Day mit "21st Century Breakdown" ihr neues Album, das abermals einem Konzept unterliegt. Das Album schließt nahtlos an den Erfolg des Vorgängers an und beschert der Band gar einen Grammy in der Kategorie "Best Rock Album".
Die folgende Tour umfasst 130 Konzerte weltweit. Unterwegs schneiden Green Day diverse Konzerte mit. Aus den beiden Auftritten in der Saitama Super Arena in der japanischen Stadt Saitama am 23. und 24. Januar 2010 geht die Live-DVD/Blu-ray "Awesome As Fuck" hervor, die in Deutschland Ãm März 2011 erscheint.
Anfang Februar 2012 starten die drei die nächste Studio-Offensive. Unter der Regie von Produzent Rob Cavallo entstehen 38 neue Songs, die in drei verschiedene Sound-Blöcke unterteilt sind (Pop-Punk, Garage-Punk, Epik-Rock). Im April 2012 teilt das Trio der Öffentlichkeit mit, dass es zwischen September 2012 und Januar 2013 zu einer Trilogie-Veröffentlichung des neuen Materials kommen wird:
"Wir wollten keine sechs Jahre warten, ehe auch der letzte dieser Songs veröffentlicht wird. Also haben wir uns entschieden, drei Alben zu veröffentlichen", so Bassist Miker Dirnt im Interview. der erste Teil des Dreier-Pakets, "Uno!" erscheint im September 2012.
Bassist Mike Dirnt über "Uno!", "Dos!", "Tre!", Florence Welch und amerikanische Über-Idioten.
Nach den beiden vorangegangenen Konzept-Granaten "American Idiot" und "21st Century Breakdown" fragten sich viele Green Day-Anhänger, was das Trio denn als nächstes austüfteln würde. Wie könnte man die jüngere Vergangenheit noch toppen? Ganz einfach: man haut der lechzenden Anhängerschaft nicht ein, sondern gleich drei neue Alben um die Ohren.
Die Scheiben "Uno!", "Dos!" und "Tré!" sind der vorläufige i-Punkt einer Entwicklung, die vor über zwanzig Jahren in dreckigen kleinen kalifornischen Clubs seinen Anfang nahm. Von derartigen Etablissements sind Billie Joe Armstrong, Mike Dirnt und Tré Cool mittlerweile so weit entfernt wie der Erdkern vom Everest-Gipfel. Der Rubel rollt, die Stadion sind voll und das pompöse Berliner Hyatt-Hotel ist gerade gut genug, um sich kurz vor ihrem ausverkauften Gig in der Berliner Wuhlheide der Presse zu stellen.
Während Billie Joe aufgrund von Augenproblemen nahezu alle Vier-Augengespräche kurzzeitig canceln muss, sorgen derweil seine Kollegen Mike und Tré in der feudalen Location mit unkonventionellen Outfits und hibbeligen Bewegungsabläufen für reichlich staunende Gesichter unter den "normalen" Gästen des Hauses. Man merkt beiden kaum an, dass sie sich schon lange in Ü35er-Kreisen bewegen.
Vor allem Bassist Mike Dirnt bedient so ziemlich jedes oberflächliche Punkrock-Klischee. Mit gefärbtem Haupthaar, Lederjacke und Röhren-Jeans packt uns der Gute am Unterarm und zerrt uns mit einem Dauergrinsen im Gesicht in das für die Interviews bereitgestellte Konferenzzimmer. Kaum sitzen wir uns gegenüber, zeigt Mike mit seinem Finger auf meine mitgebrachte Tasche, aus der ein kleiner Softball-Schläger in Froschform herausragt.
Mike: Hi, was hast du denn da mitgebracht? Zeig mal her.
Oh, das ist ein kleines Mitbringsel für einen unserer Leser.
Mike: Cool. Wie sagt man hier dazu?
Frosch.
Mike: Was?
Das ist ein Frosch.
Mike: Ah, ok. Der ist grün. Das passt zu uns (lacht).
Nun, dazu kommen wir später. Du bist ziemlich gut drauf?
Mike Dirnt: Yeah, absolut. Ich freu mich tierisch auf heute Abend.
Die Hütte ist voll, obwohl das neue Album noch gar nicht draußen ist. Überrascht?
Mike: Erfreut (lacht). Aber wir werden all denen, die es nicht mehr abwarten können, auch einen Gefallen tun und einige neue Songs zum Besten geben.
Ihr scheint ziemlich überzeugt vom neuen Material zu sein. Ich las von einer Show in Newport, bei der ihr nur neue Songs gespielt haben sollt? Stimmt das?
Mike: Ja, das war aufregend und beängstigend zugleich. Die neuen Songs entstanden alle an den unterschiedlichsten Orten. Wir haben in der Bay Area, in New York, in Austin und in Newport an den Songs gearbeitet. Als wir dann in Newport waren, dachten wir uns, warum nicht? Lass uns abends auf die Bühne hüpfen und die Leute vor den Kopf stoßen. Also, gingen wir raus und sagten den Leuten, dass wir ihnen ein paar neue Songs mitgebracht hätten. Wir spielten neunzehn Songs. Nur neues Material, ohne Ausnahme (lacht). Dasselbe machten wir dann auch noch in New York. Wir stehen total auf diese Anspannung, wenn man nicht so richtig weiß, ob alles funktioniert und wie die Leute letztlich darauf reagieren.
Mike: (lacht) Ein paar fragende Gesichter in den ersten Reihen konnte ich schon ausmachen, aber insgesamt waren die Reaktionen phänomenal. Das ist schon eine krasse Sache. Ich meine, welche Band macht so etwas? Wer traut sich das heutzutage noch?
Wahrscheinlich nur Bands, die sich mittlerweile ein Stück weit in Sicherheit wiegen können.
Mike: Diese Sicherheit muss man sich aber auch erst einmal verdienen. Da ist was dran.
Mike: Absolut.
Und welche Band veröffentlicht mal eben drei Alben innerhalb von vier Monaten?
Mike: Ein weiterer Superlativ (lacht).
Da wären wir auch gleich bei meinem Mitbringsel angelangt, das du gleich signieren darfst. Wir haben nämlich unsere Leser aufgefordert uns Fragen an euch zu schicken. Und eine davon war: Wie habt ihr die Energie/Kreativität für drei ganze Alben aufgebracht?
Mike: Die Songs sprudelten einfach so aus uns raus, that's it! Es war verrückt, aber wir konnten einfach nicht aufhören zu schreiben. Die letzten beiden Alben waren wirklich harte Arbeit für die Band. Diesmal lief irgendwie alles wie von selbst. Es schien einfach kein Ende zu nehmen (lacht). Und ich spreche nicht von irgendwelchen Demo-Songs, die später auf dem Müll landen, sondern von Songs, die uns allesamt umgehauen haben. Plötzlich steht man da und hat über dreißig gleichwertige Songs in der Tasche.
Wir wollten aber keine sechs Jahre warten, ehe auch der letzte dieser Songs veröffentlicht wird. Also überlegten wir uns, was wir mit all den Songs anstellen sollten. Ein langes Album mit der Option auf ein B-Sides-Release kam für uns nicht in Frage, denn dafür gab es, unserer Meinung nach, einfach keine Filler. Ein Doppelalbum wollten wir auch nicht angehen, denn jeder bringt in so einer Situation ein Doppelalbum raus. Dann kam die Idee, drei komplette Alben zu veröffentlichen, und alle waren happy.
Inwieweit spielte bei der Entscheidung drei Alben zu veröffentlichen, die Tatsache eine Rolle, dass es sich beim Gesamtmaterial um drei unterschiedliche Sound-Blöcke handelt?
Mike: Das spielte der Grundidee natürlich super in die Karten, keine Frage. Es wäre doch letztlich langweilig, drei Alben zu veröffentlichen, die alle gleich klingen.
Mike: "Dos!" klingt ziemlich rau und dreckig. Vor allem im Vergleich zu "Uno!". Das Album geht ziemlich in die Garage-Richtung mit vielen Ecken und Kanten. "Tré!" hingegen ist epischer. Es war uns wichtig, drei völlig verschiedenen Facetten von uns zu präsentieren und dennoch jedes Album mit dem unverkennbaren Green Day-Vibe zu versehen. Gab es eigentlich keinen Stress mit Rob Cavallo, eurem Produzenten, der auch gleichzeitig Präsident von Warner, eurem Label, ist, bezüglich des Drei-Album-Plans?
Mike: Nein, gar nicht. Rob war permanent involviert in den Entstehungsprozess des Ganzen. Er hat uns sogar ständig auf die Füße getreten, bloß nicht mit dem Schreiben aufzuhören.
Auf "Dos!" habt ihr einen Song Amy Winehouse gewidmet. Habt ihr euch persönlich gekannt?
Mike: Nein, leider nicht. Dieser Song war vor allem Billie eine Herzensangelegenheit, denn er ist ein großer Fan ihrer Musik. Sie war wirklich unfassbar talentiert und es ist wirklich traurig, dass sie nicht mehr unter uns weilt.
Ich habe letztens mit Bands wie The Offspring oder Muse gesprochen, die sich in ihrer musikalischen Entwicklung immer mehr von ihren Anfängen entfernen und sich mit dem Zorn vieler Basic-Fans konfrontiert sehen. Eure letzten Alben haben, nach Ansicht vieler Fans, ebenfalls nicht mehr allzu viel mit "Dookie"- oder "Nimrod"-Zeiten gemeinsam. Wie geht ihr mit der Kritik um?
Mike: Ehrlich? Die geht mir am Arsch vorbei. Punkt.
Hörst du dir manchmal noch eure alten Alben an?
Mike: Ja, natürlich. Ich liebe diese Sachen. Deswegen spielen wir Songs wie "Basket Case", oder "When I Come Around" auch immer wieder gerne live. Es geht nicht nur darum, dass die Kids die Songs lieben. Uns geht es nicht anders.
Florence Welch adelte letztens euer Album "Nimrod" und bezeichnete es als eines ihrer Lieblingsalben aus den Neunzigern.
Mike: Florence ist fantastisch. Sie hat eine wunderschöne Version von "Hitchin' A Ride" gemacht. Ich erinnere mich noch, wie wir in Oakland probten, als uns plötzlich ein Anruf erreichte. Zwei Kilometer von unserem Proberaum fand ein großes Konzert eines lokalen Radiosenders statt und Jane's Addiction, die als Headliner vorgesehen waren, hatten kurzfristig abgesagt. Also, fragte man uns, ob wir nicht Zeit hätten, um vieler Leute Ärsche zu retten (lacht). Wir schnappten uns also unser Zeug und feierten mit 16.000 Leuten eine dicke Party. Florence war an diesem Abend ebenfalls dort und Billie holte sie irgendwann zu uns auf die Bühne. Das war ein schöner Moment. Sie ist wirklich unglaublich. Eine tolle Frau mit einer tollen Stimme.
Neben den drei neuen Alben wird es auch noch zur Veröffentlichung einer umfassenden Dokumentation unter der Regie von Tim Lynch und Tim Wheeler kommen. Wie ist da der Stand der Dinge und was können eure Fans erwarten?
Mike: Wir befinden uns gerade in einer extrem kreativen Phase (lacht). Die Doku wird auf jeden Fall anders werden, als das, was man normalerweise im Bereich Band-Dokus so zu sehen bekommt. Wir wollten nicht einfach nur zwanzig Kameras im Studio aufstellen, die uns bei den Recordings beobachten, sondern den wahren Rock'n'Roll-Zirkus beleuchten. Das ist es doch, was die Fans wirklich interessiert. Das ist auch das, was uns als Fans interessieren würde. Wie laufen die Aufnahmen wirklich ab? Was passiert während der Shows backstage? All dieser interne Kram, den sonst niemand wirklich zu Gesicht bekommt, wird in dieser Doku offengelegt. Wir hoffen, dass das ganze Projekt Anfang 2013 fertig ist.
Ihr seid jetzt seit fast 25 Jahren unterwegs. Es gibt nicht viele Bands mit einer ähnlich langen Geschichte, die auch heute noch ganz oben mitschwimmen. Wie erklärst du dir das?
Mike: Die Band kommt immer zuerst. Das ist der entscheidende Punkt. Das war früher so, und das ist auch heute noch so. Wir lagen uns schon oft in den Haaren wegen irgendwelchem Scheiß. Wir feiern nicht seit über zwanzig Jahren Kindergeburtstag, verstehst du? Aber wenn wir fighten, dann nur um eine Lösung herbeizuführen. Das ist der Schlüssel. Man darf sich nicht streiten und im Hinterkopf haben, dass es nur darum geht, wer letztlich seine Meinung durchboxt. Das ist Käse und führt zu nichts. Ein Streit sollte dazu führen, dass sich Menschen, die sich voneinander entfernt haben, wieder zusammen kommen. So läuft das bei uns. Und deswegen haben wir auch heute noch genauso viel Spaß zusammen wie vor zwanzig Jahren.
Abschließend würde ich dir noch gerne eine weitere Leser-Frage stellen, die ich unter keinen Umständen unter den Tisch fallen lassen wollte: George Bush, Sarah Palin oder Mitt Romney: wer ist der wahre "American Idiot"?
Mike: (lacht) Oh je, die drei zusammen, das wär's doch: der ultimative Ober-Idiot. Keine Ahnung, ich glaube, dass alle drei ganz gut passen.
Über Wanderhoden, fucking Slipknot, Butch Vig, Handy-Ticks und geile Teenager.
Drei Jahre Arbeit zogen ins Land, bevor die Kalifornier ihrem neuesten Machwerk den Segen gaben. Von einem Schnellschuss kann somit keine Rede sein. Butch Vig, Produzenten-Ikone der Grunge-Ära, feilte gemeinsam mit den Alt-Punkern am roten Faden.
Green Day haben sich großzügig in mehreren Suiten des Kölner Interconti-Hotels eingerichtet, bevor sie am Abend ihr neues Material bei einem Radiokonzert vorstellen. Während des Gesprächs versucht Drummer und Klassenclown Tré Cool, das Diktiergerät mit aufgestecktem Mikro wie eine Crackpfeife zu rauchen, während Billie Joe und Mike Dirnt sich behutsam für den Gig warmtrinken.
Hey, für Totgesagte seht ihr aber ganz gut aus!
Was? Wer hat uns totgesagt?
Die Presse, zumindest halbwegs. Wochenlang war nichts anderes über euch zu lesen, als dass ihr alle schrecklich krank geworden seid an der Fertigstellung eures Albums.
Billie Joe: Ach was, guck uns an: Manche von uns haben sogar geduscht, und wir sind alle riesig froh, dass wir jetzt endlich live spielen können!
Um so besser, also musste auch keiner von euch ins Krankenhaus in den letzten Monaten?
Mike: Nee. Wir hatten wirklich viel Stress, aber den haben wir uns selbst gemacht. Ich hatte schon früher mal leichte Herzprobleme und manchmal auch Angstattacken, und diesmal haben wir bei der Arbeit die Latte so hoch gehängt, da kann man schon mal zittrig werden.
Tré Cool: Baby, das Zittern verschwindet nach den ersten sechs Raid-a-Burger [Radeberger]!
Billie Joe: Mir ging es ähnlich. Aber dann fährt man mal wieder nach LA, läuft eine halbe Stunde rum und erkennt: Ach, SO sehen also richtig abgefuckte Typen aus!
Ihr meidet LA also eher?
Billie Joe: Für einen Urlaub is es echt okay, es gibt ein paar richtig gute Strände, und man auch gut einen draufmachen. Aber große Teile davon, wie Hollywood, das sind einfach keine echten Orte. Es ist eher - ein heuntergekommenes Disneyland, nur mit mehr Silikon. Wir sind Kalifornier, aber lieber in Berkeley und Oakland.
Wie tief verwurzelt seid ihr eigentlich noch in der Punkszene, aus der ihr ursprünglich kommt?
Ziemlich, schließlich haben wir unsere Freunde, unsere Familien und unser Studio in der Gegend, in der wir musikalisch aufgewachsen sind. Es ist toll zu wissen, dass es noch richtig legendäre Underground-Punkschuppen wie das 924 Gilman Street gibt, das zeugt von einer Bewegung, die sich keinen Trends unterwirft.
Aber da habt ihr doch bestimmt Hausverbot.
Jaja, wir durften da eine Weile nicht spielen, weil wir mit Dookie bei einem Major unterschrieben haben. Sie unterstützen nur sehr junge Bands, das ist doch cool, das muss man akzeptieren.
Jello Biafra von den Dead Kennedys wurden doch mal beide Beine dort gebrochen, weil er angeblich ein "Sell-Out" war ...
Es ist bis heute nicht ganz klar, wie viele Beine ihm damals gebrochen wurden, aber es hat ihn definitiv übel erwischt. Dabei hat er nie einen großen Vertrag unterschrieben.
Vielleicht solltet ihr dem Laden dann noch eine Weile fernbleiben. Was habt ihr denn gemacht, um von der massiven Resonanz auf "American Idiot" Abstand zu gewinnen?
Tré: Ich war in Kuba.
Was hast du da genau gemacht?
Tré: Ich habe eine Weile Congaunterricht genommen, man mischt die Conga- und Cymbal-Parts zusammen ...
Und, wie war's?
Tré: Fucking hard!
Ich habe, ehrlich gesagt, auch nichts davon auf dem neuen Album gehört.
Tré: Äh, ja, nur eine weitere Waffe im Arsenal, falls ich mal Weiber aufreißen muss, die das beeindruckt.
Mike: Wir sind heimgefahren, nach Oakland, wo unsere Familien und Freunde leben. Auf eine gute Art und Weise ist es immer sehr demütigend, von Leuten umgeben zu sein, die einen so gut kennen. Man muss sich ganz schnell daran gewöhnen, dass man daheim todsicher nicht wie ein Rockstar behandelt wird - das kratzt zunächst am Ego und ist dann aber sehr befreiend.
Billie Joe: Sobald man wieder in alltägliche Routine verfällt, tauchen die Songideen auf, und dann muss man nur geduldig sein.
Ist das nicht schwer für euch?
Billie Joe: Klar, und wie! Wir sind generell sehr ungeduldige Menschen und mussten uns sehr zurückhalten, um nicht sofort nach "American Idiot" irgendwelche Schnellschüsse rauszuhauen – zehn Songs in drei Wochen. Aber wir wollten wissen, was wir musikalisch wirklich draufhaben. Das Warten darauf, dass sich ein Song entwickelt, ist das allerhärteste.
"21st Century Breakdown" wurde ja von Butch Vig produziert, eine große Nummer als Produzent für Nirvana, Sonic Youth und Smashing Pumpkins. Wieso seid ihr nach so vielen Jahren Rob Cavallo losgeworden?
Billie Joe: Es war einfach Zeit, in eine andere Richtung zu gehen, und jemand stellte uns dann Butch vor. Er ist wirklich ein richtig netter Typ, ein guter Junge - und wir wussten, dass er den "American Idiot"-Nachfolger stemmen konnte, dass er sich traute. Er brachte uns Ruhe, Selbstbewusstsein und Klasse ins Studio und hat uns geholfen, den Überblick über die ganzen Ideen zu behalten. Er liebt Musik so sehr, einfach fantastisch! Und soundmäßig finde ich, das ist das beste Album, das wir je gemacht haben.
Mike: Seine Liebe zur Musik geht weit über seine Angst vor dem Erfolg hinaus.
Das hast du schön gesagt.
Tré: Oh ja.
Und er war ja auch selbst Musiker, oder? Drummer bei Garbage ...
Mike: Naja, wenn du einen Drummer Musiker nennst, dann ja ... er ist ein toller 'Musiker', höhö.
Es ist ein loses Konzept in drei Akten um zwei Charaktere, die in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends ihr Glück suchen. Die Hauptperson heißt Gloria, sie ist eine idealistische engagierte Kämpferin, immer aufrecht und integer – und ihr Counterpart heißt Christian, er ist selbstzerstörerisch und wütend und möchte am liebsten alles niederbrennen.
Auch auf "American Idiot" gab es ja diese narrative Struktur, inklusive der guten und der zerstörerischen Figur.
Billie Joe: Ja, sie stehen für zwei Seiten ein und derselben Person ...
Tré: Und du wirst nie drauf kommen, welche Person das ist!
Sind Christian und Gloria ein Paar oder finden zueinander, wie es das Cover schon vorschlägt?
Billie Joe: Sie versuchen, sich zu finden ... es sind Geschichten, die inspiriert sind von persönlichen Erlebnissen vor dem Hintergrund des abgefuckten Amerika der ausgeheden Bush-Ära, in der jeder versucht, etwas Greifbares aus dem Chaos zu ziehen und gegen innere und äußere Feinde zu kämpfen.
Ich glaube, es ist enorm wichtig, eine Wahrheit für sich selbst zu finden, wenn man ständig mit diesen ganzen Bildern, Ängsten und Krisen bombadiert wird. Was ist eine richtige Krise? Und was ist nur eine gehypte Medienkrise? Darum geht's auf dem ganzen Album: Die Suche nach der Wahrheit. Oder vielmehr: Die Suche nach etwas, an das man glauben kann.
Im Titelsong singst du: "I never made it as a working class hero". Wessen Eingeständnis ist das?
Billie Joe: Es ist zunächst mal eine Referenz an John Lennon, ich bin ein großer Fan von ihm. Als er den Song gesungen hat, bedeutete das noch etwas, ein Held der Arbeiterklasse zu sein. Mittlerweile gibt es, zumindest in den USA, so viele Verlierer und Obdachlose, dass das völlig entwertet wurde. Und auch wenn ich selbst ein Wohlfahrtskind war, hatte ich früher doch nie das Gefühl, dass auf meinen Schultern für die nächsten paar Jahrzehnte ein riesiger Haufen Scheiße und Ballast aufgetürmt wurde, den ich jetzt abarbeiten muss.
Mike: Versteh uns nicht falsch, wir denken alle, dass Obama ein Supertyp ist - ein cleverer Mensch, der mit einer großartigen Rocktour alle im Land wachgerüttelt hat, aber ich möchte wirklich nicht in seiner Haut stecken. Bush hat das Land desaströs zurückgelassen, und es hilft niemandem etwas, wenn wir einen Menschen zur Ikone verklären.
Der 14-jährige Green Day-Fan, der sich 2004 "American Idiot" gekauft hat, konnte 2008 zum ersten Mal wählen, es lag ja eine ganze Legislaturperiode dazwischen.
Billie Joe: Yeah, gar keine schlechte Vorstellung!
Mike: Hauptsache, es ist vorbei!
Tré: Hauptsache, es ist nicht nur bei dem einen geblieben!
Billie Joe, einer deiner Söhne ist doch jetzt gerade im perfekten Green Day-Fan-Alter, oder?
Billie Joe: Jacob Danger ist 14, ja.
Ich wollte eigentlich auch nur, dass du diesen geilen Namen mal sagst. Mag er denn Green Day?
Billie Joe: Ja, doch, ich glaub schon. Er findet's okay, zumindest vor mir ... wahrscheinlich lästert er hinter meinem Rücken über den lahmen Scheiß, den sein Dad so macht, aber damit muss ich wohl leben. Er hat mich auch auf ein paar Sachen gestoßen, die er gerne hört: The Kooks und Vampire Weekend, ist gar nicht so schlecht, auch wenn ich den meisten Kram nicht gut kenne. Und er ist selbst Drummer in einer Band.
Auf was für Musik steht ihr denn privat? Oder was kommt bei euch niemals auf den Plattenteller?
Billie Joe: Wenn ich eine Band hasse, dann doch wohl fucking Slipknot mit ihren lächerlichen Masken. Mein Gott, ich kann mich kaum zurückhalten ... ein neunköpfiger Haufen Scheiße.
Und wenn du seine Generation mit deiner damals vergleichst, denkst du denn, dass sich die Jugendlichen ausdrücken können, wenn ihnen etwas nicht passt? Und wenn ja, tun sie's?
Billie Joe: Äh, klar, mit Cyber ... Cyber-Blogging und der ganze Scheiß. Und Leute, die sich selbst auf Youtube stellen und so. Ich komme da nicht mehr so richtig mit. Manches davon erscheint mir einfach ziemlich bedeutungslos.
Mike: Ja, die schiere Masse an Blabla nimmt echter Wut den Wind aus dem Segeln. Es geht einfach unter, wenn jeder erzählt: "Ich bin ja so wütend!"-"Wieso bist du denn wütend, weil du bei McDonalds in der Schlange übersehen wurdest?!"
Billie Joe: Sie können immer ein bisschen rebellerien. Das machen wir ja auch!
Ein bisschen.
Billie Joe: Aber wenn ich eins nicht verstehen kann, dann ist es dieser Tick, ständig und überall Filme und Fotos mit dem Handy zu machen. Du stehst auf der Bühne und siehst nur kleine Displays, die dich verfolgen! Ich sage dann immer, los, macht jetzt ein paar Bilder und dann packt das Scheißding weg und lasst uns endlich tanzen und Spaß haben. Ich meine – dazu sind wir doch da!
Habt ihr denn das Gefühl, dass die Fans in den letzten 20 Jahren mit euch mitwachsen?
Mike: Du meinst wohl, ob sie mit uns alt werden?
Tré: Wir haben komplett gemischtes Publikum, alle Altersklassen, von Teenagern bis zu 60-Jährigen ist alles dabei.
Billie Joe: Und ich glaube, seit dem letzten Album haben wir auch ein paar mehr ältere Fans bekommen. Vielleicht fühlen die sich an ihre besseren Tage erinnert - "wie damals bei Led Zeppelin, Mann!"
Alle drei: Sehr, sehr gut, natürlich!
Ist ja nicht gerade die offensichtlichste Genrepaarung.
Mike: Michael Myers kam auf uns zu, er hatte gerade eine Auszeichnung für seine Adaption von "Frühlings Erwachen" abgeräumt und hat uns zu einem Workshop mitgenommen. Er meinte immer, kommt schon, das ist kein Omi-Musical, kein Lion King, probiert es aus! Das haben wir getan und ich muss sagen: Das war das inspirierendste, was ich seit langem gemacht habe und danach konnten wir uns das alle sehr gut vorstellen, wie "American Idiot" mit seiner sowieso schon erzählenden Struktur auf der Bühne sein wird. Wir setzen das jetzt mit um; im Herbst geht's in Berkeley los. Das wird super!
Wäre auch interessant zu erfahren, was da für ein Publikum im Vergleich zu euren Gigs hinkommt.
Tré: Tja, entweder sind es Musicalhasser, die Green Day sehen wollen oder Green Day-Hasser, die das Musical sehen wollen. So oder so kann nur jeder gewinnen.
Mike: Und es wird eine der raren Gelegenheiten, bei denen man Green Day im Sitzen sehen kann!
Trotz allem: Warum, meint ihr, ist euer Durchschnittspublikum seit 20 Jahren jung?
Billie Joe: Ich glaube, es liegt an der Energie ... und wir haben alle noch Haare.
Tré: Als Teenager ist man ja generell ziemlich geil - und wir sind enorm sexy.
Okay, die Überleitung ist jetzt nicht sehr elegant, aber bevor wir rausgeworfen werden, möchte ich gern noch ein Gerücht zerstreuen: Tré, stimmt es, dass du einen BMX-Unfall hattest und seitdem einen Hoden weniger dein eigen nennst? Ich hab versprochen, das zu fragen.
Mike: Da war kein Fahrradunfall.
Tré Cool: Ich war früher mal auf einer Clownsschule. Wie du dir vorstellen kannst, lernt man da alle möglichen Fertigkeiten...
Billie Joe: Ja, er kann verschiedene Taschenmuschis aus Luftballons kneten! Wunderschön.
Mike: Und so praktisch!
Tré Cool: ... und unter anderem auch Einradfahren. Während eines Auftriits bin ich mit so nem Einrad von der Bühne gefallen und wieder hart auf dem Sattel gelandet. Ein Teil meines Sacks rutschte in den Körper und ward nie mehr gesehen. Farewell, Testicle!
Hey, immerhin ist es noch da!
Tré: Eben, und das eine, was mir geblieben ist, ist richtig hübsch!
Mike: Wenn Tré den Mund ganz weit aufreißt, kannst du es dir auch angucken.
Ich muss dann auch los. Vielen Dank!
Unsere Zeit ist um, und der standesgemäß tätowierte Künstlerbetreuer von Warner führt mich zur Suite nebenan, damit ich mir mal das neue Album anhören kann. Er schmollt ein bisschen, weil das Hotel zwar Geld für schnieke Design-Anlagen in den Zimmern hatte, aber offensichtlich nicht für die Musik: Neben der Anlage liegen einige schlampig kopierte Pop-CDs. "Unverschämtheit", murmelt er, schiebt das Green Day-Album in den Player und die Band in Richtung Ausgang.
Drei Stunden später stellen Green Day im Kölner E-Werk nun ihr Werk vor, das erst eine Woche später erscheint. Die Halle ist voll, die Stimmung außergewöhnlich gut. Kein Wunder: Die meisten Fans kennen die Platte schon fast auswendig.
Drei Jahre nach "Nimrod" veröffentlichen Green Day heute ihr sechstes Studioalbum. Aus diesem Anlass traf LAUT-Redakteur Sebastian Seib die Punker bei ihrem Label WEA in Hamburg.
Themen des Gesprächs waren das neue Album "Warning", Napster, Grammys und andere Preise sowie die asiatische Mentalität.
Ihr drei habt jetzt alle Kinder. Inwiefern haben sie euch beim Songwriting oder bei den Aufnahmen zu "Warning" beeinflusst oder inspiriert?
Mike: Frag Billy, er hat die meisten Lyrics geschrieben!
Billy Joe: Ich glaube, es gibt mir mehr das Gefühl, das mein Leben einen Zweck hat. Die Tatsache, ein Vater zu sein bringt mich dazu, ein stärkeres Individuum sein zu wollen. Ich versuche, meinen Söhnen ein gutes Beispiel zu sein, dass sie als verantwortungsvolle, feinfühlige junge Männer aufwachsen. Ich denke auch, es hat... Hast du die Scheibe gehört?
Ja!
Billy Joe: Okay. Wir haben einen Song namens "Misery" aufgenommen. Er klingt ein bisschen wie etwas aus einem Walt-Disney-Film. Ich denke, sie hatten mehr Einfluss, als man glauben mag.
Inwiefern war die Atmosphäre bei den Aufnahmen zu "Warning" anders, als bei euren vorigen Alben?
Tré: Wir haben "Warning" in Oakland aufgenommen, wo wir leben. Wir konnten also nachts oder morgens einfach nach Hause gehen. Das war auf jeden Fall ein Vorteil für uns. Auch, dass wir nicht in Los Angeles waren.
Mike: Unser Umfeld war einfach dabei, als wir in den Aufnahmen steckten.
Ihr hattet also eine sehr familiäre Atmosphäre bei den Aufnahmen?
Mike: Nein, nicht wirklich familiär. Klar, wenn man Freunde als Familie betrachtet. Aber das meine ich nicht. Wir hatten unsere Freunde und unsere Stammkneipe in der Nähe. Nach den täglichen Aufnahmen sind wir in unsere Stammkneipe gegangen, haben dort mit unseren Freunden abgehangen, ein paar Bier getrunken. Danach konnten wir mit unseren Familien abhängen. So war es nicht jeden Tag, aber es ist definitiv wichtig, diese Dinge um sich zu wissen, deine Freunde, deine Familie und deine Stammkneipe.
Tré: Alle heimischen Quellen sind für einen da.
Mike: Ja, und alle Quellen für Inspiration sind in deiner Nähe.
Was könnt ihr über die musikalischen Unterschiede zwischen "Nimrod" und "Warning" sagen?
Tré: Es sind mehr akustische Elemente auf "Warning", mehr "mad beats"…
Mike: Es gibt mehr "percussive beats" für die Gitarre…
Tré: Andere Grooves, mehr Variationen…
Mike: …Ich denke, ich habe Sachen für den Bass geschrieben, die meinen 50er-Einflüssen nahekommen.
Tré: Die Texte sind besser! Es ist wie die nächsthöhere Sprosse auf der Leiter, es ist die nächste abgedroschene Phrase, die aus meinem Mund kommt...
Würdet ihr sagen, dass "Warning" euer bestes Album ist?
Tré: Ja, ihr kleinen, verrückten Käufer!
Oder ist es nur anders?
Tré: Es ist unser bestes Album. Wahrscheinlich das beste überhaupt!
Billy Joe: Yeah, ich liebe die Scheibe, ich bin wirklich sehr zufrieden mit ihr. Ich werde nicht versuchen, sie jemandem zu verkaufen. Ich werde nicht versuchen, Werbung dafür zu machen. Ich denke, zu versuchen, die Platte mit mir als Verkäufer zu verkaufen, würde sie herabsetzen.
Mike: Natürlich möchte ich unsere anderen Platten nicht herabsetzen. Ich denke es ist eine andere Platte, aber es ist eine Platte mit Green-Day-Qualität. Wenn man Fan von uns ist, wird man das verstehen. Wenn nicht, leiht sie von euren Freunden aus und hört sie euch an, wenn ihr euch danach fühlt.
Tré: Entscheidet selber.
Was denkt ihr über die solche Leute, die euer neues Album bereits haben und es bei Napster anbieten, bevor es veröffentlicht ist?
Billy Joe: Es ist mir egal.
Ist es das wirklich?
Billy Joe: Ja, das ist es.
Viele Leute benutzen Napster, um Material herunterzuladen, das sie interessiert, und wenn es ihnen gefällt, kaufen sie die Platte. Glaubt ihr, dass es ein Mittel zur Vermarktung sein könnte für euch?
Mike: Ich denke, Napster trifft nur solche Songs wie "Macarena", wo der Rest des Albums wahrscheinlich nur ein Haufen Scheiße ist und nur ein Song sehr, sehr eingängig. Wenn es auf dem Album einen erwähnenswerten Rest gäbe, wäre es wahrscheinlich die großartigste Sache der Welt.
Tré: Man wird die CD kaufen müssen, weil man einfach nicht seinen Computer auf die Schulter nehmen kann und zum Strand gehen kann, um die Musik dort zu hören.
Billy Joe: Unser Hauptziel ist: Wir wollen in erster Linie gehört werden. Und dies ist nur ein weiterer Weg, gehört zu werden. Leute haben illegal kopiert oder Bootlegging betrieben, seit Tonträger veröffentlicht werden, seit man die Möglichkeit hat, Musik zu überspielen. Also, egal wo man die Platte finden kann, ich hab nichts dagegen.
Mike: Es ist doch nur ein Weg, zu teilen. Eines Tages kommen wir bei dir vorbei und teilen einige deiner Sachen!
Seid ihr manchmal im Web unterwegs, um eure Fanpages oder eure offizielle Seite zu besuchen?
Mike: Ich persönlich versuche, diesem Scheiß fern zu bleiben. Wenn wir unseren Fans etwas schreiben wollen, schreiben wir es auf ein Stück Papier oder tippen es Hause und geben es den Leuten bei unserem Label, die unsere Website machen und es da draufsetzen können. Ich möchte mir mit so was echt keinen Kopf machen.
Tré: Wir haben nichts dagegen, hin und wieder Online-Chats zu machen oder Fragen zu beantworten, aber dazu ist nicht viel Zeit vorhanden.
Mike: Ich muss mir dort so viele Bilder von mir selbst anschauen... Offensichtlich denken andere Leute anders darüber! (lacht, sieht zu Billy hinüber)
Ihr habt gerade in Japan gespielt. Was denkt ihr über das Publikum dort? Ist es anders als das in Amerika oder Europa? Moshen oder pogen sie weniger als die Leute in anderen Erdteilen?
Mike: Weißt Du, woraus ihre Ernährung besteht? Aus purem Protein. Pure Kohlehydrate. Länger, schneller, härter als irgend jemand auf dem Planeten.
Billy Joe: Wir hatten dort großartige Auftritte. Es ist unglaublich. Es sind sehr nette Leute dort.
Tré: Die Alltagsgesellschaft in Japan ist sehr unterdrückt und es gibt so viele Regeln dort. Wenn die Leute dort also ausgehen und wild verrückt spielen können, tun sie es sofort. Es gibt dort einen Bedarf nach Befreiung.
Mike: Bevor wir nach Japan gefahren sind, habe ich die Gegebenheiten in den USA als selbstverständlich angesehen. Aber in Asien im allgemeinen ist die einzige Menge an Raum, mit der man geboren wird, sein Eigentum für das ganze Leben: Nämlich der Raum zwischen seinen Ohren (deutet auf seinen Kopf). Das ist alles. Und wenn wir da hineingelangen können, um diesen Raum für diese Leute zu erweitern und wenn wir sie an einen anderen Ort entführen können, als ihr überfülltes Haus oder ihre überfüllte U-Bahn oder was auch immer, dann bedeutet das diesen Leuten eine Menge. Ich habe einen Heidenrespekt vor dem Raum anderer Leute, weißt du. Diese Menschen wissen die Möglichkeit, von ihren Problemen für ein oder zwei Minuten abgelenkt zu werden, wirklich zu schätzen.
Billy Joe: Ich mag die Kultur dort. Sie ist großartig.
Tré: Respekt!
Vor fünf Jahren habt ihr einen Grammy bekommen. Bedeutet er euch etwas?
Billy Joe: Nein!
Mike: Ich hab aus meinem einen Bong gebaut!
Tré: Tatsächlich war das letzte Mal, dass ich daran gedacht habe, als wir ihn bekamen.
Mike: Mein Cousin hat meinen vor kurzem aus einer Kiste gezogen und es war ein Bong!
Tré: Der beste Preis, den wir bekommen können, sind die lächelnden Gesichter unserer Fans ! (würgt)
Mike: Ich würde diesen Preis gern den Kids widmen! (lacht) Wenn wir Preise gewollt hätten, wären wir Sportler geworden. Und wir sind so verdammt gut im Sport, es ist zum Lachen.
Was denkt ihr von solchen Bands ("New Voices") wie Limp Bizkit?
Tré: Limp Bizkit haben das wieder aufgehoben, was Body Count liegen ließen. Jemand musste es tun.
Mike: Ich weiß nicht so recht. Ich mag Gitarren, Drums und Bass. Andere Dinge sind... Niemand kann mich zwingen, ihre Platte zu kaufen. Ich muss sie mögen. Oder ich muss sie irgendwie respektieren. Oder ich muss etwas davon haben. Also kaufe ich, was ich mag oder ich stehle, was ich mag. Ich muss rausfinden wie, aber wenn ich nicht genug Geld habe, um sie zu kaufen, warum nicht. Wenn ich mir einen Computer leisten kann... fuck it all, geht und kauft die Platte!
Ein Freund von mir sagte mir, dass "Time of your life" auf seiner Beerdigung gespielt werden soll, weil der Song ihm etwas bedeutet. Was sagt ihr dazu?
Mike: Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich den Typen umbringe?
Tré: Ruhe in Frieden, mein Sohn!
Mike: Es ist echt verrückt. Wir haben einen Song gemacht namens "J.A.R.", den ich für einen Freund von uns geschrieben habe, der sich umgebracht hat. Er war einer von Billys und meinen besten Freunden. Vor Jahren brachte er mich dazu, ihm zu versprechen, fuckin' Freeberg bei seiner Beerdigung zu spielen. Und an diesem Abend musste ich ihn spielen. Ich hab mich gefragt: Warum hast du mich dazu gebracht, diesen Scheiß-Song bei dieser Beerdigung zu spielen? Ich persönlich mag es nicht, meinen Tod vorauszusagen, weißt du.
Gutes letztes Wort. Vielen Dank für das Interview!
American Idiot: The Original Broadway Cast Recording (2010), Awesome As Fuck (2010)
Live On Air (2007)
Kerplunk (1991), 1039/Smoothed Out Slappy Hours (1990)
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