26. September 2012

"Kritik geht mir am Arsch vorbei!"

Interview geführt von

Nach den beiden vorangegangenen Konzept-Granaten "American Idiot" und "21st Century Breakdown" fragten sich viele Green Day-Anhänger, was das Trio denn als nächstes austüfteln würde. Wie könnte man die jüngere Vergangenheit noch toppen? Ganz einfach: man haut der lechzenden Anhängerschaft nicht ein, sondern gleich drei neue Alben um die Ohren.Die Scheiben "Uno!", "Dos!" und "Tré!" sind der vorläufige i-Punkt einer Entwicklung, die vor über zwanzig Jahren in dreckigen kleinen kalifornischen Clubs seinen Anfang nahm. Von derartigen Etablissements sind Billie Joe Armstrong, Mike Dirnt und Tré Cool mittlerweile so weit entfernt wie der Erdkern vom Everest-Gipfel. Der Rubel rollt, die Stadion sind voll und das pompöse Berliner Hyatt-Hotel ist gerade gut genug, um sich kurz vor ihrem ausverkauften Gig in der Berliner Wuhlheide der Presse zu stellen.

Während Billie Joe aufgrund von Augenproblemen nahezu alle Vier-Augengespräche kurzzeitig canceln muss, sorgen derweil seine Kollegen Mike und Tré in der feudalen Location mit unkonventionellen Outfits und hibbeligen Bewegungsabläufen für reichlich staunende Gesichter unter den "normalen" Gästen des Hauses. Man merkt beiden kaum an, dass sie sich schon lange in Ü35er-Kreisen bewegen.

Vor allem Bassist Mike Dirnt bedient so ziemlich jedes oberflächliche Punkrock-Klischee. Mit gefärbtem Haupthaar, Lederjacke und Röhren-Jeans packt uns der Gute am Unterarm und zerrt uns mit einem Dauergrinsen im Gesicht in das für die Interviews bereitgestellte Konferenzzimmer. Kaum sitzen wir uns gegenüber, zeigt Mike mit seinem Finger auf meine mitgebrachte Tasche, aus der ein kleiner Softball-Schläger in Froschform herausragt.

Mike: Hi, was hast du denn da mitgebracht? Zeig mal her.

Oh, das ist ein kleines Mitbringsel für einen unserer Leser.

Mike: Cool. Wie sagt man hier dazu?

Frosch.

Mike: Was?

Das ist ein Frosch.

Mike: Ah, ok. Der ist grün. Das passt zu uns (lacht).

Nun, dazu kommen wir später. Du bist ziemlich gut drauf?

Mike Dirnt: Yeah, absolut. Ich freu mich tierisch auf heute Abend.

Die Hütte ist voll, obwohl das neue Album noch gar nicht draußen ist. Überrascht?

Mike: Erfreut (lacht). Aber wir werden all denen, die es nicht mehr abwarten können, auch einen Gefallen tun und einige neue Songs zum Besten geben.

Ihr scheint ziemlich überzeugt vom neuen Material zu sein. Ich las von einer Show in Newport, bei der ihr nur neue Songs gespielt haben sollt? Stimmt das?

Mike: Ja, das war aufregend und beängstigend zugleich. Die neuen Songs entstanden alle an den unterschiedlichsten Orten. Wir haben in der Bay Area, in New York, in Austin und in Newport an den Songs gearbeitet. Als wir dann in Newport waren, dachten wir uns, warum nicht? Lass uns abends auf die Bühne hüpfen und die Leute vor den Kopf stoßen. Also, gingen wir raus und sagten den Leuten, dass wir ihnen ein paar neue Songs mitgebracht hätten. Wir spielten neunzehn Songs. Nur neues Material, ohne Ausnahme (lacht). Dasselbe machten wir dann auch noch in New York. Wir stehen total auf diese Anspannung, wenn man nicht so richtig weiß, ob alles funktioniert und wie die Leute letztlich darauf reagieren.

"Wer traut sich das heutzutage noch?"


Gab es denn enttäuschte "Basket Case"- oder "When I Come Around"-Gesichter?

Mike: (lacht) Ein paar fragende Gesichter in den ersten Reihen konnte ich schon ausmachen, aber insgesamt waren die Reaktionen phänomenal. Das ist schon eine krasse Sache. Ich meine, welche Band macht so etwas? Wer traut sich das heutzutage noch?

Wahrscheinlich nur Bands, die sich mittlerweile ein Stück weit in Sicherheit wiegen können.

Mike: Diese Sicherheit muss man sich aber auch erst einmal verdienen.

Da ist was dran.

Mike: Absolut.

Und welche Band veröffentlicht mal eben drei Alben innerhalb von vier Monaten?

Mike: Ein weiterer Superlativ (lacht).

Da wären wir auch gleich bei meinem Mitbringsel angelangt, das du gleich signieren darfst. Wir haben nämlich unsere Leser aufgefordert uns Fragen an euch zu schicken. Und eine davon war: Wie habt ihr die Energie/Kreativität für drei ganze Alben aufgebracht?

Mike: Die Songs sprudelten einfach so aus uns raus, that's it! Es war verrückt, aber wir konnten einfach nicht aufhören zu schreiben. Die letzten beiden Alben waren wirklich harte Arbeit für die Band. Diesmal lief irgendwie alles wie von selbst. Es schien einfach kein Ende zu nehmen (lacht). Und ich spreche nicht von irgendwelchen Demo-Songs, die später auf dem Müll landen, sondern von Songs, die uns allesamt umgehauen haben. Plötzlich steht man da und hat über dreißig gleichwertige Songs in der Tasche.

Wir wollten aber keine sechs Jahre warten, ehe auch der letzte dieser Songs veröffentlicht wird. Also überlegten wir uns, was wir mit all den Songs anstellen sollten. Ein langes Album mit der Option auf ein B-Sides-Release kam für uns nicht in Frage, denn dafür gab es, unserer Meinung nach, einfach keine Filler. Ein Doppelalbum wollten wir auch nicht angehen, denn jeder bringt in so einer Situation ein Doppelalbum raus. Dann kam die Idee, drei komplette Alben zu veröffentlichen, und alle waren happy.

Inwieweit spielte bei der Entscheidung drei Alben zu veröffentlichen, die Tatsache eine Rolle, dass es sich beim Gesamtmaterial um drei unterschiedliche Sound-Blöcke handelt?

Mike: Das spielte der Grundidee natürlich super in die Karten, keine Frage. Es wäre doch letztlich langweilig, drei Alben zu veröffentlichen, die alle gleich klingen.

"Die Band kommt immer zuerst"


"Uno!" schließt in puncto Sound nahtlos an die jüngere Vergangenheit der Band an. Wie sieht es mit "Dos!" und "Tré!" aus?

Mike: "Dos!" klingt ziemlich rau und dreckig. Vor allem im Vergleich zu "Uno!". Das Album geht ziemlich in die Garage-Richtung mit vielen Ecken und Kanten. "Tré!" hingegen ist epischer. Es war uns wichtig, drei völlig verschiedenen Facetten von uns zu präsentieren und dennoch jedes Album mit dem unverkennbaren Green Day-Vibe zu versehen.

Gab es eigentlich keinen Stress mit Rob Cavallo, eurem Produzenten, der auch gleichzeitig Präsident von Warner, eurem Label, ist, bezüglich des Drei-Album-Plans?

Mike: Nein, gar nicht. Rob war permanent involviert in den Entstehungsprozess des Ganzen. Er hat uns sogar ständig auf die Füße getreten, bloß nicht mit dem Schreiben aufzuhören.

Auf "Dos!" habt ihr einen Song Amy Winehouse gewidmet. Habt ihr euch persönlich gekannt?

Mike: Nein, leider nicht. Dieser Song war vor allem Billie eine Herzensangelegenheit, denn er ist ein großer Fan ihrer Musik. Sie war wirklich unfassbar talentiert und es ist wirklich traurig, dass sie nicht mehr unter uns weilt.

Ich habe letztens mit Bands wie The Offspring oder Muse gesprochen, die sich in ihrer musikalischen Entwicklung immer mehr von ihren Anfängen entfernen und sich mit dem Zorn vieler Basic-Fans konfrontiert sehen. Eure letzten Alben haben, nach Ansicht vieler Fans, ebenfalls nicht mehr allzu viel mit "Dookie"- oder "Nimrod"-Zeiten gemeinsam. Wie geht ihr mit der Kritik um?

Mike: Ehrlich? Die geht mir am Arsch vorbei. Punkt.

Hörst du dir manchmal noch eure alten Alben an?

Mike: Ja, natürlich. Ich liebe diese Sachen. Deswegen spielen wir Songs wie "Basket Case", oder "When I Come Around" auch immer wieder gerne live. Es geht nicht nur darum, dass die Kids die Songs lieben. Uns geht es nicht anders.

Florence Welch adelte letztens euer Album "Nimrod" und bezeichnete es als eines ihrer Lieblingsalben aus den Neunzigern.

Mike: Florence ist fantastisch. Sie hat eine wunderschöne Version von "Hitchin' A Ride" gemacht. Ich erinnere mich noch, wie wir in Oakland probten, als uns plötzlich ein Anruf erreichte. Zwei Kilometer von unserem Proberaum fand ein großes Konzert eines lokalen Radiosenders statt und Jane's Addiction, die als Headliner vorgesehen waren, hatten kurzfristig abgesagt. Also, fragte man uns, ob wir nicht Zeit hätten, um vieler Leute Ärsche zu retten (lacht). Wir schnappten uns also unser Zeug und feierten mit 16.000 Leuten eine dicke Party. Florence war an diesem Abend ebenfalls dort und Billie holte sie irgendwann zu uns auf die Bühne. Das war ein schöner Moment. Sie ist wirklich unglaublich. Eine tolle Frau mit einer tollen Stimme.

Neben den drei neuen Alben wird es auch noch zur Veröffentlichung einer umfassenden Dokumentation unter der Regie von Tim Lynch und Tim Wheeler kommen. Wie ist da der Stand der Dinge und was können eure Fans erwarten?

Mike: Wir befinden uns gerade in einer extrem kreativen Phase (lacht). Die Doku wird auf jeden Fall anders werden, als das, was man normalerweise im Bereich Band-Dokus so zu sehen bekommt. Wir wollten nicht einfach nur zwanzig Kameras im Studio aufstellen, die uns bei den Recordings beobachten, sondern den wahren Rock'n'Roll-Zirkus beleuchten. Das ist es doch, was die Fans wirklich interessiert. Das ist auch das, was uns als Fans interessieren würde. Wie laufen die Aufnahmen wirklich ab? Was passiert während der Shows backstage? All dieser interne Kram, den sonst niemand wirklich zu Gesicht bekommt, wird in dieser Doku offengelegt. Wir hoffen, dass das ganze Projekt Anfang 2013 fertig ist.

Ihr seid jetzt seit fast 25 Jahren unterwegs. Es gibt nicht viele Bands mit einer ähnlich langen Geschichte, die auch heute noch ganz oben mitschwimmen. Wie erklärst du dir das?

Mike: Die Band kommt immer zuerst. Das ist der entscheidende Punkt. Das war früher so, und das ist auch heute noch so. Wir lagen uns schon oft in den Haaren wegen irgendwelchem Scheiß. Wir feiern nicht seit über zwanzig Jahren Kindergeburtstag, verstehst du? Aber wenn wir fighten, dann nur um eine Lösung herbeizuführen. Das ist der Schlüssel. Man darf sich nicht streiten und im Hinterkopf haben, dass es nur darum geht, wer letztlich seine Meinung durchboxt. Das ist Käse und führt zu nichts. Ein Streit sollte dazu führen, dass sich Menschen, die sich voneinander entfernt haben, wieder zusammen kommen. So läuft das bei uns. Und deswegen haben wir auch heute noch genauso viel Spaß zusammen wie vor zwanzig Jahren.

Abschließend würde ich dir noch gerne eine weitere Leser-Frage stellen, die ich unter keinen Umständen unter den Tisch fallen lassen wollte: George Bush, Sarah Palin oder Mitt Romney: wer ist der wahre "American Idiot"?

Mike: (lacht) Oh je, die drei zusammen, das wär's doch: der ultimative Ober-Idiot. Keine Ahnung, ich glaube, dass alle drei ganz gut passen.

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