laut.de-Kritik

Spacige Klänge und tief blubbernde Bässe.

Review von

Da hat man sich gedanklich schon in die Weihnachtspause verabschiedet, Glühweinschwaden umwehen das ermattete Hirn. Die Charts für 2006 sind erstellt, es erscheint ohnehin nichts mehr von Bedeutung. "Setzen wir doch das Jahres-Album auf den Album der Woche-Platz", so der Tenor in der Redaktion. Die Arctic Monkeys. Jetzt schon. Brrrr! Die unterbesetzte Hip Hop-Abteilung schaudert.

Manchmal kommen Beats aber doch mit der Post: Der freundliche Briefträger bringt die Rettung. "Hip Hop Is Dead" behauptet Nas. Gar nicht wahr! Mos Def liefert "True Magic" frei Haus. Ghostface legt noch etwas mehr Fisch oben drauf - und behält im wirklich knappen Rennen um die vermutlich letzte Empfehlung der Woche für dieses Jahr die Nase vorn.

Kein Zweifel: "Ghost Is Back", und das, nachdem er erst im Frühjahr mit "Fishscale" ein strahlendes Highlight lieferte. Ein schier endloses Intro bereitet den Weg für eine Einstiegs-Nummer, auf die es sich zu warten lohnt. Von einem derartigen Basslauf lass' ich mich gerne ins neue Jahr katapultieren. Bläserakzente, funkelnde Gitarren und Flöten: So zäh die Einleitung war: Der eigentliche Track könnte kurzweiliger nicht sein.

Ghosts gierige Flows lassen auf grenzenlose Unersättlichkeit schließen. Ein Hammer pro Jahr ist wohl nicht genug, hmmm? Hell, no! Außerdem hat man ja seine Crew noch nicht ausgiebig gefeaturet. Diesmal begleitet die Theodore Unit ihren Gründer Rasierklingen spuckend über die gesamte Wegstecke. Auf derselben bleibt so zwar die technische wie inhaltliche Geschlossenheit, dennoch strotzt "More Fish" vor Charme, Talent, Musikalität und Ideen, dass es eine Freude ist.

Womit haben wir es denn zu tun? "Ich musste mich auf den Ursprung, die Grundgedanken konzentrieren: Drogen, Sex, Geld und Gewalt. Damit die jüngeren Kids sich einmal bei mir abschauen können, wie es wirklich geht." Liebe Kinder, aufgepasst: Wenn alte Wu-Hasen "Outta Town Shit" ausbreiten und Verhaltensratschläge für die Handhabung von "Greedy Bitches" erteilen, ist Erkenntnisgewinn garantiert. Redman lässt seine Zeilen über gemütlichen Orgelsound ab, der zu bedächtigem Kopfnicken animiert. Darf eigentlich mitgeklatscht werden?

Futuristisch wird es, wenn MF Doom spacige Klänge über tief blubbernde Bässe setzt. Unmerklich verwandelt sich in "Alex" der abgehobene Unterbau in einen geradezu klassischen Orchesterteppich. Wesentlich beeindruckender gehen die metallenen Finger noch in "Guns N' Razors" zu Werke: Hochgradig komplex und unaufhaltsam rückt einem der Beat auf die Pelle und überrollt auch den skeptischsten Hörer. Kinnlade wieder nach oben! Wir haben noch mehr Bonbons.

Soulig, überschwänglich und prall vollgestopft tönt es aus den Boxen: "I know you heard it a thousand times." Ja, aber selten wirklich "Good"! Dicht gepackte Gitarren machen aus "Block Rock" nicht eben Schonkost: Wer, wenn nicht Madlib, würde Novalis verwursten?

Superfetter Basseinsatz erdet das ansonsten leicht lächerliche "Pokerface", und wäre "Josephine" nicht so unglaublich satt produziert, man wäre gezwungen, bei Phrasen wie "The rain will wash away your sins", "you better leave those drugs alone" und "I will help you" an ein christliches Pfadfinderlager zu denken.

Da sind wir aber nicht, wir befinden uns immer noch in den 36 Kammern, in denen alles, restlos alles möglich ist. Da fließen entspannte Raps über ein gepimptes Crusaders-Sample, als gehörten sie tief in die 70er Jahre. Da geben sich Kanye West und Ne-Yo in der Remix-Version zu "Back Like That" das Mic in die Hand. Da sorgen irrsinnige Drums und Amy Winehouse mit einer umwerfenden Gesangseinlage ("I Know I'm No Good") für Gänsehaut auf allen Zellmembranen.

Vermutlich hat Kollege Wittorf recht, wenn er meint, Nas wäre die logischere Wahl für das Album der Woche gewesen. Doch wen interessiert Logik, wenn man auf anderer Ebene derbe getroffen wird? Danke für all den Fisch, Mr. Coles.

Trackliste

  1. 1. Ghost Is Back
  2. 2. Miguel Sanchez
  3. 3. Guns N' Razors
  4. 4. Outta Town Sh*t
  5. 5. Good
  6. 6. Street Opera
  7. 7. Block Rock
  8. 8. Miss Info Celebrity Drama Skit
  9. 9. Pokerface
  10. 10. Greedy B*tches
  11. 11. Josephine
  12. 12. Grew Up Hard
  13. 13. Blue Armor
  14. 14. You Know I'm No Good
  15. 15. Alex (Stolen Script)
  16. 16. Gotta Hold On
  17. 17. Back Like That (Remix)

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21 Kommentare

  • Vor 7 Jahren

    Habe gerade GFKs neusten Streich in die Hände gekriegt und bin eben am durchhören. Dazu bleibt bis jetzt nur zu sagen: Wahnsinn!
    Wie macht er das nur, bei so einem (für Wu Tang Relationen) massenhaften Album-Ausstoss jedesmal innovativ zu sein und neue Maßstäbe zu setzen.
    Die Beats sind natürlich klasse von Anfang bis Ende, wozu namhafte Produzenten wie Hi-Tek und MF Doom ihren Teil beigetragen haben.
    Für weitere Ausführungen muss ich jetzt erstmal zu Ende hören, bzw. bin ich ja nicht sooo Hip Hop das ich groß mäkeln könnte.

    Vorabnote: 5/5

  • Vor 7 Jahren

    ich freu mich drauf. 'Fishscale' hatte zwar recht viele Nieten dabei (wobei, bei ~ 5 bei mehr als 20 Tracks ist das auch verzeihbar) ... aber mit so vier bis fünf Brettern rechne ich auch hier. ;)

    Aber ... Meinung unterdessen geändert? > oder immer noch full house?

  • Vor 7 Jahren

    hab noch keinen grund zum meckern gefunden :D
    übrigens auch bei fishscale nicht. das album muss als ganzes einen sinn ergeben, dann bin ich auch zufrieden, wenn kleine schwächen auftreten.