10. November 2011

"Ich bin ein Kontroll-Freak!"

Interview geführt von

Wenn sich dieser Tage in Gesprächen zwischen Musikredakteuren Wortfetzen wie Bombast, Epik oder Stimmgewalt ausmachen lassen, dann ist in der Regel von Florence Welch die Rede. Die britische Art-Pop-Bardin und ihre "Machine" sind derzeit mit der Veröffentlichung ihres Zweitwerks "Ceremonials" in aller Munde.Die Superlative überschlagen sich förmlich, wenn Freunde gepflegter Opulenz vom melancholischen Sound der gebürtigen Mittzwanzigerin aus London schwärmen. Bereits mit ihrem Debüt "Lungs" aus dem Jahr 2009 sorgte die Mode-Fetischistin für Aufruhr in Kreisen derer, die es schon seit Jahren nach einer Kate Bush-Nachfolgerin dürstet.

Die Liste der Auszeichnungen seit der Veröffentlichung ihres Erstwerks nehmen kein Ende: Nr. 1 in England, Gold in den Staaten; die Musikzeitschrift "Spin" wählte "Lungs" seinerzeit zum Album des Jahres, und 2011 schaffte es Florence sogar auf die "Time Magazine"-Liste der 100 weltweit einflussreichsten Persönlichkeiten. Mit ihrem zweiten Album "Ceremonials" pflastert die Britin ihren eh schon beeindruckenden Weg mit weiteren Steinen aus Edelmetall. Ohne Umwege katapultierte sich das Folgewerk von "Lungs" an die Pole Position der englischen Hitliste. Imponierender geht es kaum.

Einige Tage vor der Veröffentlichung von "Ceremonials" plaudern wir mit einer bestens gelaunten Künstlerin über ihr neues Schaffen und vergangene Ängste.

Hallo Florence, in wenigen Tagen erscheint dein zweites Album. Du weißt ja mittlerweile, was eine Album-Veröffentlichung von dir mitunter nach sich ziehen kann. Fühlst du dich bereit für die zweite Erfolgswelle?

Florence: Nun, man wird sehen. Ich freue mich auf jeden Fall riesig, dass es endlich so weit ist und bin mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Ob es den Leuten da draußen letztlich ähnlich gefällt? Keine Ahnung, ich hoffe es zumindest.

Die Vorzeichen stehen dafür denkbar günstig. Ich konnte bereits in das neue Material reinhören und glaube, dass sich zumindest diejenigen freuen werden, die mit "Lungs" etwas anfangen konnten, und das waren ja nicht wenige. Wie würdest du die neue Platte beschreiben?

Florence: Für mich ist es der ideale Soundtrack zum Weltuntergang (lacht). Eine Definition zu finden ist immer schwer, aber ich glaube, ich würde das Album in die Schublade stecken, wo draufsteht: Apokalyptischer Pop.

Das Album wirkt meines Erachtens wesentlich einheitlicher als "Lungs", auf dem du noch mit mehreren Genres gespielt hast. Siehst du das ähnlich?

Florence: Ja, absolut. Es war mir diesmal sehr wichtig ein kompaktes Paket zu fertigen, das in sich stimmig ist. Die Songs auf "Lungs" sind zwischen meinem siebzehnten und zweiundzwanzigsten Lebensjahr entstanden. In so einem Zeitraum durchläuft man natürlich verschiedene Entwicklungsphasen, und dementsprechend breitgefächert klang dann auch das Album. Auf "Ceremonials" entstanden die Songs in einem weitaus kürzeren Zeitraum. Und genau diese Phase wollte ich auf dem Album einfangen.

War es schwer für dich, erstmals innerhalb eines abgesteckten Zeitfensters arbeiten zu müssen?

Florence: Ich war schon ein wenig überrascht, wie gut alles lief. Es wurde mir aber auch einfach gemacht. Mit Paul (Paul Epworth, Produzent) zu arbeiten, ist einfach ein Genuss. Als er mir während der "Lungs"-Aufnahmen beim Song "Cosmic Love" zur Seite stand und aus den Fragmenten etwas ganz Einzigartiges schuf, wusste ich, dass ich bei ihm gut aufgehoben bin. Wenn es um musikalische Dinge geht, sind wir einfach auf einer Wellenlänge, und das ist ungemein wichtig, wenn man klare Vorstellungen hat.

Plötzlich richteten sich alle Augen auf mich


Du hast das Album eingangs als deinen persönlichen "Soundtrack zum Weltuntergang" beschrieben. Nimmt man die Texte genauer unter die Lupe, entdeckt man in Songs wie "Shake It Out" oder "Heartlines" aber auch viel Hoffnung und Sehnsucht. Wie passt das zusammen?

Florence: Nun, es kommt natürlich immer auf die Perspektive an. Für mich hat Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit auch etwas mit Licht und Befreiung zu tun. Irgendwie haben mich düstere Visionen und Vorstellungen schon immer fasziniert. Letztlich taucht man in diese Bereiche aber doch auch ein, um sich wieder zu befreien. Es geht doch in vielen Bereichen des Lebens stetig um das Hin und Her zwischen Gut und Böse, hell und dunkel und dem permanenten Kampf zwischen Gegensätzen. Am Ende will sich aber doch ein jeder in Sicherheit wiegen, unabhängig davon, ob die Dunkelheit einen fasziniert. In dem Song "Shake It Out" geht es um das Gefühl das man hat, wenn man sich und seine Emotionen hinterfragt. Es geht darum, loszulassen. Dieses innere Gespräch, das du mit dir selber führst, wenn du Dinge hinter dir lassen willst. Das trägt alles viel Dunkelheit in sich, aber es geht auch um die hoffnungsvolle Botschaft, etwas daran ändern zu können. Das Album reflektiert vieles von meiner persönlichen Entwicklung. Darauf lag der Fokus.

Wenn wir von Entwicklung und Veränderung sprechen: Seit zwei Jahren herrscht ein regelrechter Hype um dich und dein Schaffen. Macht dir das auch ein bisschen Angst?

Florence: Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit erinnern, kurz bevor "Lungs" veröffentlicht wurde. Durch den "Critics Choice Award", den ich schon in Vorfeld erhalten hatte, fühlte ich mich plötzlich unter einem enormen Druck gefangen. Das war schon etwas beängstigend. Plötzlich richteten sich alle Augen auf mich, und damit umzugehen, muss man erst einmal lernen, zumal ich mir noch nicht richtig klar darüber war, wohin meine musikalische Reise eigentlich gehen sollte. Die Arbeit am zweiten Album gestaltete sich wesentlich einfacher für mich, da ich genau wusste, was ich wollte. Ich hatte dieses bestimmte Gefühl, wie das Album klingen sollte, fest in mir verankert. So entstand erst gar kein Druck, da ich mich nicht damit auseinandersetzte, was die Leute nach "Lungs" vielleicht von mir erwarten würden, sondern eine feste und klare Vorstellung hatte.

Was viele nicht wissen ist, dass du bereits vor "Lungs" viele Jahre musikalisch aktiv warst und auch diverse Label-Anfragen vorlagen. Warum hast du diese seinerzeit noch abgelehnt?

Florence: Ich war einfach noch nicht bereit. Ich war viel unterwegs, habe in Bars gespielt, nur ich und meine Gitarre, aber ich hatte keinerlei Vorstellung davon, wo ich musikalisch hin wollte. Meine Ideen und die Songs damals waren noch sehr roh und unfertig. So empfand ich es zumindest. Andere sahen das anders, aber hätte ich mich auf einen Deal eingelassen, wäre nichts entstanden, was wirklich Wert gehabt hätte. Diese Zeit war ungemein wichtig für mich, da ich heute vielleicht nicht dort wäre, wo ich gerade bin, wenn ich mich zu dieser Zeit auf eine Veröffentlichung eingelassen hätte. Ich hatte das Gefühl mich selbst und meine Musik noch schützen zu müssen, da mir alles noch so unreif erschien.

"Ich lasse nur ungern an meinen Ideen rumdoktorn"


Der Rummel dreht sich im Allgemeinen nur um deine Person. Die Band bleibt hingegen ziemlich unangetastet. Ärgert dich das?

Florence: Die Band ist unheimlich wichtig für mich, und ohne sie würde all das so nicht funktionieren. Wir haben ein wunderbares Verhältnis untereinander. Dass sich die Öffentlichkeit in erster Linie mit der Person im Mittelpunkt der Performance beschäftigt, ist, glaube ich, bei anderen Bands nicht anders.

Du standst aber auch nicht immer im Vordergrund. Du sollst früher Schlagzeug gespielt haben. Stimmt das?

Florence: Oh ja, das ist aber schon länger her. Ich liebe das Schlagzeug. Es hat so viel Macht und Kraft. Ich habe sogar anfangs bei Florence And The Machine getrommelt, aber irgendwann merkte ich, dass mein eher rustikaler Stil nicht ganz zu meinen musikalischen Vorstellungen mit der Band passte. Also suchte ich jemanden, der es besser kann. Dieser tribalistische Bombast, der von einem Schlagzeug ausgehen kann, hat mich schon immer fasziniert.

Inwieweit ist die Band in das Songwriting involviert?

Florence: Ich schreibe die Songs alleine. Wenn ich mit einer Idee glücklich bin, stürze ich mich auf meine "Maschine" und lasse sie daran teilhaben, um zu sehen, wie sich meine Vorstellungen mit denen der Band decken. Das klappt wunderbar. Ich muss aber gestehen, dass ich hinsichtlich meiner Songs ein ziemlicher Kontroll-Freak bin (lacht). Ich lasse nur ungern an meinen Ideen rumdoktorn. Die Band macht es mir aber auch sehr einfach, da sich ihr Einbringen in die Songs zu hundert Prozent mit meinen Wünschen und Vorstellungen deckt.

Demnach bist du mit der musikalischen Entwicklung glücklich und zufrieden. Wie sieht es aber mit dem Gesamtpaket aus, das innerhalb der letzten beiden Jahre dein Leben geformt hat? Wirst du noch täglich vom Ruhm und Erfolg überrascht oder hat sich schon so etwas wie Routine eingestellt?

Florence: Es ist jeden Tag aufs Neue spannend. Vieles ist so surreal, und man schafft oftmals nicht alles zu verarbeiten. Letztlich habe ich aber auch, so banal das klingen mag, kaum Zeit, mich mit äußeren Einflüssen zu beschäftigen. Die Tage sind dermaßen vollgepackt, dass 24 Stunden manchmal gar nicht ausreichen, um alles unter einen Hut zu bekommen. Aber ich will mich nicht beschweren. Ich bin glücklich.

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