laut.de-Kritik

Ja, verdammt! Genau das ist Punkrock!

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"Ist das noch Punkrock?", fragten Die Ärzte vor ein paar Jahren. Nach einiger Zeit mit "Sturm Und Dreck" lässt diese Frage nur eine Antwort zu: "Ja, verdammt! Genau das ist Punkrock." Im noch jungen Jahr 2018 steigert die fünfte LP von Feine Sahne Fischfilet den Wahrheitsgehalt jedes Punk's-Not-Dead-Aufnähers erheblich.

Die Nordlichter um den charismatischen Frontmann Jan "Monchi" Gorkow zelebrieren schnörkellose drei Akkorde mit äußert tanzbarem Ska-Einschlag, der nie die Bodenhaftung verliert. Der Opener "Zurück In Unserer Stadt" tritt das Gaspedal gleich zu Beginn voll durch. "Wir sind zurück in unserer Stadt / Und scheißen vor eure Burschenschaft." Während den Burschen die mit Degenschmissen verzierten Gesichtszüge entgleisen, dürfte dieses Brett für etliche volle Moshpits sorgen. Die Live-Energie, für die die Truppe mittlerweile berüchtigt ist, bannt "Sturm Und Dreck" erstmals auch auf Platte.

Das liegt auch an der saftigen Produktion von Tobi Kuhn (Die Toten Hosen, Thees Uhlmann), der den zwölf Tracks klangliche Tiefe verpasst. So druckvoll wie hier klangen Feine Sahne Fischfilet auf keinem ihrer vorherigen Alben.

Die wertige Arbeit an den Reglern lässt die Band dabei keinesfalls abheben. Sie bleiben immer noch kernig, nahbar und geben direkt auf die Zwölf, nur knallt es jetzt noch mehr. "Ich kann immer noch nicht singen / Und spiel' jetzt bei Rock am Ring", reflektiert Gorkow auf "Alles Auf Rausch". Die Jungs lassen sich einfach nicht verbiegen, was der Musik eine entwaffnende Ehrlichkeit verleiht.

Auch politisch haben sich Feine Sahne Fischfilet stets klar positioniert. Die Scherereien der linken Punker mit dem Verfassungsschutz sind längst passé, die Probleme mit rechter Gewalt bleiben bestehen. Die Band, die selbst auf der Abschussliste radikaler Hirnverbrannter steht, hätte jeden Grund, um lyrisch gegen den rechten Sumpf auszuteilen. "Monchi" Gorkow wählt mit seinen Texten jedoch einen wesentlich intelligenteren und effektiveren Weg. Statt auf Rechte einzudreschen, beschwört er den Zusammenhalt derer, die in einem modernen Land in Frieden leben möchten. "Wenn alle mutlos sind, halt' ich mich an dir fest", heißt es auf "Angst Frisst Seele Auf", mit dem Querverweis auf Rainer Werner Fassbinders antirassistischen Film aus den Siebzigern.

Auf "Zuhause" knöpft sich Gorkow den von Rechten oft herangezogenen Heimatbegriff vor und verpasst diesem eine adäquate Definition, die ins Jahr 2018 passt. Heimat bedeutet eben nicht Fliesentisch und Maibaumsetzen, sondern Geborgenheit und Freundschaft. "Zuhause heißt, wir schützen uns, alle sind gleich." Feine Sahne Fischfilet liefern auf "Sturm Und Dreck" einen wichtigen Gegenentwurf zu einem antiquierten Lebensgefühl, das sich in Deutschland breit zu machen droht.

Abseits des politischen Geschehens darf man natürlich weiterhin feucht-fröhlich auf die Kacke hauen. "Schlaflos In Marseille" und "Ich Mag Kein Alkohol" sollte sich jeder Festivalgänger schon mal in die Playlist packen. Ein Highlight hebt sich das Album bis zum Schluss auf. In "Niemand Wie Ihr" richtet sich "Monchi" direkt an seine Eltern, die dem Unruhestifter bei all seinen Eskapaden zur Seite standen. Ein ergreifender Song, in dem Gorkow den Hörer ganz nah an sich ran lässt.

Mit "Sturm Und Dreck" veröffentlichen Feine Sahne Fischfilet ihr bisher stärkstes Album. Die LP erbringt den Beweis, dass geradliniger, bodenständiger Punk immer noch funktioniert und das Prädikat "zeitlos" verdient. Musikalisch gesehen macht 2018 schon einmal viel richtig. Darauf sollte man mit einem Bier anstoßen. Oder mit fünf.

Trackliste

  1. 1. Zurück In Unserer Stadt
  2. 2. Alles Auf Rausch
  3. 3. Angst Frisst Seele Auf
  4. 4. Schlaflos In Marseille
  5. 5. Zuhause
  6. 6. Alles Anders
  7. 7. Dreck Der Zeit
  8. 8. Ich Mag Kein Alkohol
  9. 9. Suruç
  10. 10. Wo Niemals Ebbe Ist
  11. 11. Wir Haben Immer Noch Uns
  12. 12. Niemand Wie Ihr

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15 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 9 Tagen

    Lob für diese schöne Rezi :) Kann ich nur zustimmen!

  • Vor 9 Tagen

    Absoluter 08/15 Deutschpunk. Würde kein Schwein hören, wäre da nicht der Deal mit audiolith und die Nummer mit dem Verfassungsschutz.

    • Vor 9 Tagen

      Ein bisschen mehr als das ist es schon. Musikalisch ist das allenfalls Hausmannskost, das steht außer Zweifel, aber davon abgesehen machen die Jungs halt vieles richtig. Vor allem live ist die Band fast unschlagbar, und das, was auf den Konzerten abgeht, geben die Tonträger nur bedingt wieder.
      Hinzu kommt noch die Attitüde, und die extrem hohe Glaubwürdigkeit, die vielen anderen Bands nunmal abgeht, sowie Aktionen, die auch abseits der Musik für Aufsehen sorgen, wie z.B. "Noch nicht komplett im Arsch" im Vorfeld der Landtagswahl 2016 in MeckPomm. Das Gesamtpaket stimmt, und letztlich kann man froh sein, dass es eine solche Band gibt, die in ihrer Einfachheit und Direktheit auch und gerade ein relativ junges Publikum erreicht und anspricht, und so für wichtige Themen sensibilisiert. Ich sehe jedenfalls lieber , wenn Kids in FSF-Shirts rumlaufen, als zB in Frei.Wild-Klamotten, egal was das Zentralkommitee der Punk-Rock-Polizei so sagt.

    • Vor 9 Tagen

      Das stimmt natürlich, politisch machen die mit ihrem Engagement alles richtig! Ging mir nur um die Musik

    • Vor 9 Tagen

      Wobei, Hausmannskost ist eigentlich das grösste Kompliment, das man einer Punkplatte machen kann.

    • Vor 9 Tagen

      Estoy con Horstio.

      Guter Kommentar, der die Sache auf den Punkt bringt. Persönlich muss ich keine Platte von denen besitzen, aber auch nicht genervt den Platz verlassen, wenn sie irgendwo auf nem Festival spielen und "niedrigschwellige deutschsprachige Angebote" für unsere formbare Jugend gibt's am anderen Ende des politischen Spektrums ebenfalls mehr als genug (bzw. sind einige der Acts sehr viel einflussreicher als gesund ist), so dass ich auch ohne Fanbrille die Existenz von FSF und deren Wirken würdigen kann.

    • Vor 8 Tagen

      So ist das! Wobei ich mir auch die Platten ins Regal stelle. Die laufen zwar etwas seltener als zB Turbostaat oder Pascow, aber die Kollegen von FSF sind einfach so sympathisch und geradeaus, dass ich denen den Erfolg gönne.
      Und wenn man die mal auf einem Festival sehen kann, dann sollte man den Platz definitiv nicht verlassen! Hab die jetzt dreimal gesehen, und es war jedesmal ein Komplettabriss.

  • Vor 9 Tagen

    1. Track - Flashback auf übelste Die Toten Hosen Zeiten - skip. Anonsten siehe Kommentar von Kas.

  • Vor 7 Tagen

    Absolute Top Platte. Live ist die Band Großartig. Ich wurde selten so gut unterhalten. Der Sänger kann nicht singen? Stimmt! Und der Soziale und politische Einsatz den die zeigen macht Sie mehr zu Punks als es die Platte je könnte

  • Vor 3 Tagen

    kenne die Alben der Band nicht und schon gar nicht ihren Hintergrund. Auch höre ich normalerweise andere Musikstile. Rein aus Neugierde wegen dem netten Namen Spotify mal bemüht. Gefällt irgendwie, auch wenn's natürlich bisschen platt ist aber macht Stimmung

  • Vor 14 Stunden

    Der Bandname ist so Haha-Scheiße. Schon von daher kann man das nicht wirklich gut finden. Doch, natürlich. Wir leben in einer oberflächlichen Idiotenwelt, wo man so extrem billg punkten kann. Hat ich vergessen.