Im Nachhinein betrachtet lieferte Farin Urlaubs Debütalbum von 2001 eine bemerkenswert akkurate Sound-Prognose für das zwei Jahre darauf folgende Ärzte-Album "Geräusch" ab: zwischen gewissenhaft und humorig-sinnfrei changierende Texte, eingebettet in ein solides Rockfundament, grundiert mit chorlastigem Pop und teilweise hymnischen Refrains, überzogen mit allerlei unpeinlichen Skurrilitäten von Punk bis Latin und Wave. Nicht, dass ich Bela und Rod ihren Input absprechen würde; natürlich waren auf Farins Soloalbum keine Zombie-Songs zu finden.
Womit wir bei der in Inhalt und Form galantesten Kompositionsleistung des zurück gekehrten Herrn U. angelangt wären: In "Wie Ich Den Marilyn Manson-Ähnlichkeitswettbewerb Verlor" formuliert der Ärzte-Sänger unter dem Ska-Groove von Pauken und Trompeten (der Busters) die Entschuldigung, dass er nun mal "nicht besonders evil" sei, und verrät nebenbei ungeahnte Intima: "Ich habe blond gefärbtes Haar, weil's in den Achtzjern Mode war." Einmalige Urlaub(s)-Unterhaltung, wenngleich die Tatsache, dass der Hüne Tofubrötchen und Fencheltee harten Drogen vorzieht, als weitläufig bekannt einzustufen ist.
Derart humoriger Wortwitz muss diesmal jedoch der nachdenklichen Seite des Texters weichen, auch wenn der auf der eigenen Website mit altbekannten Imperativen kalauert: "Mosht gefälligst, ihr Säcke!" Tja, schade nur, dass der Appell die musikalische Ausrichtung des neuen Urlaub-Albums so exakt wie plump auf den Punkt bringt. Farin erliegt nämlich nachhaltig und im Resultat wenig abwechslungsreich den Verlockungen der Stromgitarre. Dass ihm dabei manches besser von der Hand geht, als es die erschreckend fade Vorabsingle "Dusche" ankündigte, war zu erwarten. Im Opener "Mehr" thematisiert er selbstironisch seine Solo-Rückkehr, wie es Fanta Vier kürzlich in "Troy" und Die Ärzte bereits 1996 im Song "Super Drei" vormachten. Musikalisch regieren harte Riffs, wie sie neben den Ärzten auch von Bands wie den H-Blockx oder, nun ja, den Guano Apes kommen könnten. Schon hier müsste man eigentlich zu grübeln beginnen.
Farins zunächst augenzwinkernd gemeinte rhetorische Frage "Warum vier Gitarrenspuren aufnehmen, wenn's auch zehn sein können?" erweist sich schon hier als grelles Fanal. Zu den besten Songs gehört noch "Porzellan", das leichte Placebo-Ähnlichkeiten aufweist und sich mit dem großen Thema Glück auseinandersetzt. Hier sollten auch all diejenigen mal hinhören, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen wünschen, ein Star zu sein. So kennen wir ihn, den Retter aller Lebenslagen, man ist halt "auf du und du" mit Farin U.
In den Strophen von "Sonne" hört man des Songwriters Vorliebe für die Chili Peppers und insbesondere für das filigrane Gitarrenspiel eines John Frusciante heraus, obwohl der Refrain dann viel zu überladen und das Stadionrock-Solo schlicht eklig ist. In "Augenblick" zweitverwertet Urlaub sein altes "Hurra"-Riff, nicht ohne sich dabei wieder treffend auszudrücken: "Er kommt nie mehr zurück, der perfekte Augenblick". Hört man sich das Album dann komplett an, kann man sich einen zynischen Kommentar zu jener Textzeile nur mit Mühe verkneifen. Denn wo uns Farin früher mit Geistesblitzen umwarb, will er uns heute mit Stangenware ködern. Abgestandene Gothic-Refrains wie der von "Apocalypse Wann Anders" sind sicher keineswegs das Level, auf dem ein Farin Urlaub nachweislich musiziert.
Wir wollen deshalb betont wissen, dass Farin Urlaub zwar nach wie vor zu den Guten gehört (wer reimt schon MP3-Player auf Slayer?), stellen aber durchaus nicht unerschrocken fest, dass der Mann sich musikalisch doch zunehmend an den Rand der Bedeutungslosigkeit spielt. "Am Ende Der Sonne" mangelt es deutlich an auflockernden Sound-Überraschungen wie sie früher "Sumisu" oder in anderem Kontext "Jag älskar Sverige!" vermochten; Songs, die dem Hörer nicht gleich mit der Brechstange servierten, an welch großer Vergangenheit sie sich messen lassen müssen. So aber: ein Album für's Regal (okay, die Bilder sind auch nett).

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