Porträt

laut.de-Biographie

Ercandize

Was haben der Berliner Battlerapper Taktloss, die Hamburger Eins Zwo und der Bochumer Ercandize gemeinsam? Alle drei könnten T-Shirts mit dem Slogan "Keine Toilette ist so beschissen wie das Rapbusiness" tragen.

In der deutschen Szene gibt es viele, die ein Liedchen von Knebelverträgen und inkompetenten
Plattenbossen singen können. Aber nur wenige bekamen von der Industrie so viele Schläge in den Magen wie Ercan Kocer. Doch bevor die Plattenbosse ran durften, war es zunächst das karge Leben eines Arbeiterkindes im Pott, das dem späteren Ercandize ins Gesicht spuckt.

Ercan wächst in Wesel auf, einer Hochburg der Chemieindustrie, zusammen mit seinen Eltern und zwei Schwestern in einer 80-Quadratmeter-Wohnung. Die Eindrücke seiner Kindheit und Jugend fasst er später in dem sehr nahegehenden Track "80 qm" zusammen:

"Mein Blut ist vermischt mit den Wurzeln und der Gegenwart / baute viel Mist, ob das nur an meiner Gegend lag? / An meinen Freunden, denen alles scheißegal war? / Die Liebe meiner Eltern, meiner Schwestern, unbezahlbar. / Und wenn kein Vater da war, warns meine Schwestern / die mich zur Schule prügelten - sie glaubten fest dran / dass aus mir mal was wird. Ey, was'n Traum! / Drei Grundschulen, dann Gymi, doch blieb ich der Klassenclown. / Wir wurden älter und begriffen, wie die Welt war / Mama zeigte uns, dass im Mittelpunkt das Geld war. / Und alles, was sie in Jahren hier von Deutschland sah / waren diese gottverdammten 80 Quadratmeter."

Ercandize lernt Rap über Ice Cubes Klassiker "AmeriKKKas Most Wanted" kennen und lieben, bevor er seinen Horizont mit Tupac, den Geto Boys und Public Enemy erweitert. Selbst zu rappen reizt ihn zu Beginn nicht, seine große Leidenschaft heißt zunächst Graffiti. Erst 1995 gründet er mit zwei Freunden die Crew ABS und lernt über DJ Salicious schnell das Umfeld von Too Strong kennen, die damals neben den späteren RAG noch das Rapmonopol im Ruhrpott innehatten.

Mit Steve Frings findet sich ein astrein harmonierender zweiter Mann am Mic, die Beats dazu bastelt Discopolo. ABS, kurz für Anti-Blockier-System, machen ihrem Namen alle Ehre und starten gleich mit zwei Samplerbeiträgen durch, bevor sie 1999 mit einem Feature auf dem damaligen Too Strong-Release "Die Drei Von Der Funkstelle" den ersten großen Wurf schaffen.

Im gleichen Jahr erscheint auch die erste Single: Der Marktführer Juice kürt "08-15/Focus" sofort zur 12" des Monats. ABS haben einen Namen. Beatbastel-Guru Roey Marquis remixt "Focus" und lädt zum 2000er-Sampler "Ming" ein, der angesagte Fresh Familee-Produzent Plattenpapzt bringt das Feature "Für Die Strassen" mit ABS und
der Firma heraus.

Danach erscheint ein Track, der mit Fug und Recht in jedem Rapkanon vertreten sein sollte: "Weißt du, ABS, Onanon, Creutzfeld und Jakob, weißt du, der Ruhrpott ist unendlich, endlich weißt du MCs aus dem Morgengrau, während sie sich verkauften, hacken wir meist zu", lautet der Chorus zu dieser Kollabo von allen Nachwuchstalenten, die der Pott im Jahr 2000 zu bieten hat. Dennoch kommt die heißersehnte Debüt-LP, die schon ewig fertig auf ihr Release wartet, wegen Problemen mit der Plattenfirma erst nach dem Wechsel zu BMG unters Volk.

Das allerdings reißt ihnen "Kinderspiel - Leichter Getan Als Gesagt" förmlich aus den Händen. Ein Einstieg auf Platz 46: in jener Zeit für Rapper außerhalb Stuttgarts oder Hamburgs nahezu undenkbar, aber ABS vollbringen dieses Kunstwerk. Nur um letztendlich zu merken, dass sie in ihrer juvenilen Leichtgläubigkeit über den Tisch gezogen wurden.

Das Loseisen vom Major entpuppt sich als schwieriger als erwartet, so wird das Projekt ABS erst einmal eingefroren. Es erscheinen, gemessen am Erfolg des Debütalbums, spärlich gesäte Featurebeiträge zu RAG und Plattenpapzt, Roey Marquis und Beats aus der Bude. Obwohl sich ABS nie auflösen, gehen die Jungs doch eigene Wege.

Ercans Weg führt ihn direkt in die Arme von jemandem, der über Abzocke seitens des Labels noch viel mehr zu berichten weiß: Über Eko lernt er Kool Savas kennen, frisch gebackener Labelboss von Optik Records.

Ende 2003 bekommt Ercandize seinen Gastpart auf DJ Nicons "Optische Elemente Pt. 2", und zusätzlich einen Beitrag auf Single und Album des frisch gekrönten Königs von Deutschland, Eko Fresh. Dagegen fallen die Featurebeiträge zu Lennys Soloalbum und dem PX-Records-Sampler kaum noch ins Gewicht.

Der Musterung folgt die Vereidigung als Optik Soldier und bereits im Januar 2004 die erste EP "Willkommen Im Dschungel", die sich
auf Ercans Erfahrungen mit der Musikindustrie bezieht. Nach der unrühmlichen Trennung von Eko und Savas übernimmt Ercandize die Rolle des Backup-MCs für den King of Rap: in
Anbetracht dessen Technik nicht unbedingt ein leichter Job. Allerdings hat auch Ercan des öfteren gute Flows bewiesen, und so mausert er sich schnell zum vielversprechendsten Optiker mit Stammplatz auf jedem erscheinenden Release.

Nebenher gibt es allein im Jahr 2004 noch Beiträge für Lenny, Olli Banjo, Illmatic, Jonesmann, Moses Pelham, Roey Marquis und Melbeatz, die Best Of Ercandize, nach Savas Vorbild mit 35 Tracks bestückt, und das erste "Ear 2 The Street"-Mixtape mit
DJ Katch.

Für das Arbeitstier Ercandize scheint der Kontakt zu Savas wie Speed gewirkt zu haben, denn das Jahr 2005 sieht kaum anders aus. Features für Snaga und Pillath, erneut Lenny, Sucuk Ufuk, Beiträge zu Nicons "Optische Elemente 2.5", DJ Ron & DJ Shusta, mehreren Compilations und Teil Zwei der "Ear 2 The Streets"-Reihe, dieses Mal auf Doppel-CD. Dazu erscheint endlich wieder ein Lebenszeichen von ABS, "Auf Einer Ebene" auf dem "Schwarzes Gold"-Sampler, obgleich Produzent Discopolo auch in der Zwischenzeit Beats für Ercandize gebaut hatte.

Im Folgejahr 2006 veröffentlicht Ercandize neben Features für Illmatic, Kid Kobra, Jeyz und Separate auch wieder diverse Beiträge für namhafte DJ-Compilations und sein nächstes Soloding "La Haine - Sie Nannten Ihn Mücke", das jedoch als Street-CD gehandelt wird, was Ercandize in die wohl einzigartige Situation bringt, vor seinem eigentlichen Solodebüt bereits zwei Mixtapes, eine Street-CD und eine Best-Of veröffentlicht zu haben.

Das Solodebüt "Verbrannte Erde" erscheint im April 2007, und nicht etwa bei Optik Records, sondern seinem eigenen Label Assazeen, das er Ende 2006 gründet und das unter anderem langjährige Wegbegleiter wie Lakmann, Brenna und Disasta und Discopolo unter Vertrag hat.

Fast fünf Jahre lang tritt Ercandize danach nur sporadisch in Erscheinung. Im stillen Kämmerlein muss er allerdings fleißig trainiert und an Rhymes und Technik gefeilt haben: Im Juni 2012 landet sein "Uppercut" in den Kauleisten seiner zahlreichen Gegner. "Hi, ich bins nochmal kurz, mit besseren Parts, besserer Technik", meldet er sich zurück.

Keine Sentimentalitäten zulassen, keine Schwäche zeigen, keine Miene verziehen: So scheinen Ercandize' Maximen zu lauten. Und natürlich: "Es gibt keinen Unterschied zwischen Rapding und wahrem Leben."

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Ercandize - Uppercut: Album-Cover
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  • Redaktionswertung: 3 Punkte

2012 Uppercut

Kritik von Dani Fromm

Deutscher Rap ist jetzt stabil. Schön. Aber die Nutte nervt. (0 Kommentare)

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