13. September 2013

"Der 'Jungle Drum'-Hit machte mir Angst"

Interview geführt von

Mit "Jungle Drum" landete Emiliana Torrini im Sommer 2009 ihren ersten Nummer-1-Hit in Deutschland. Danach wurde es ziemlich ruhig um die Isländerin. Gerade ist ihr neues Album "Tookah" erschienen.

Emiliana Torrinis Album "Me And Armini" stand bereits neun Monate in den Läden, als der darauf enthaltene Song "Jungle Drum" im Juni 2009 plötzlich die halbe Republik in seinen Bann zog. Als ausgewählter Finalsong der vierten "Germany's Next Topmodel"-Staffel schaffte es der Song über den Umweg Heidi Klum in den Fokus der nationalen Öffentlichkeit. Das Ergebnis: Platz eins der deutschen Single-Charts und eine Echo-Nominierung in der Kategorie "Hit des Jahres".

Auf einmal rollte sich vor der schüchternen Insulanerin überall der rote Teppich aus – eigentlich die perfekten Voraussetzungen für einen zeitnahen Nachschlag. Doch statt die Gunst der Stunde zu nutzen, zog sich Emiliana vier Jahre zurück. Wir trafen die Songwriterin in Berlin zum Gespräch.

Emiliana, viele Menschen fragen sich auch heute noch, warum du nach dem "Jungle Drum"-Triumph vor vier Jahren nicht zeitnah ein neues Album veröffentlicht hast. War die Geburt deines ersten Kindes der Grund dafür?

Emiliana Torrini: Nicht nur. "Jungle Drum" war vergleichbar mit einem verrückten Kind, das raus will und spielen. Und plötzlich waren da unzählige andere Kinder, die mitspielen wollten. Das war eine ganz verrückte Zeit für mich. Der langsamste Mensch der Welt wurde praktisch über Nacht mit Trubel und Hektik konfrontiert. Das konnte nicht gut gehen. Alle wollten mehr davon, aber es ging irgendwie nicht.

Das entwickelte in kürzester Zeit eine Eigendynamik, die zwar einerseits toll und lustig war, mir aber auch Angst gemacht hat. Irgendwann entdeckte ich sogar eine Tuba-Band auf einer Kirmes, die "Jungle Drum" gespielt hat. Lustig, aber auch irgendwie bizarr. Die Schwangerschaft und die Geburt meines Sohnes haben mich dann letztlich befreit. Ich hatte plötzlich einen anderen Fokus. Mein ganzes Leben wurde auf den Kopf gestellt.

Die neue Rolle als Mutter hat dir demnach Zeit verschafft?

Genau. Ich kam endlich zur Ruhe – zumindest so lange, bis ich merkte, dass die Mutterrolle nicht nur Entspannung und Geborgenheit beinhaltet (lacht).

Sondern?

Für mich begann plötzlich ein völlig neues Leben. Da waren all diese Glücksgefühle, diese unbeschreiblichen Momente, wenn man sein eigenes Kind in den Armen hält. Ich hatte aber auch viel Angst.

Angst wovor?

Ich war mir ganz oft unsicher, ob mein Kind in dieser Welt glücklich werden könnte. Das ist schwer zu beschreiben. Da war ganz viel Unsicherheit präsent. Aber ich war auch endlos glücklich. Dieses Hin und Her war eine große Herausforderung für mich.

"Ich bin kein Mensch, der unter Druck arbeiten kann"

Wie hast du dich letztlich aus diesem Gefühlschaos befreien können?

Irgendwann habe ich zu meinem Kern gefunden. Das hat mir Sicherheit und Halt gegeben. Ich glaube, es war die mit Abstand intensivste Phase meines Lebens.

Inwieweit haben sich all die Erfahrungen und Eindrücke der Vergangenheit auf deinem neuen Album "Tookah" verewigen können?

"Tookah" ist eine Art Spiegelbild dessen, was ich in den vergangenen vier Jahren erlebt und erfahren habe. Es ist wie ein komprimiertes Tagebuch. Es fehlen lediglich die offenen und persönlichen Eckdaten.

Statt mit klaren Ausführungen, arbeitest du wieder mit vielen Bildern und Metaphern.

Genau. Diese Interpretationsfreiheit ist mir enorm wichtig.

"Tookah" klingt in seiner Gesamtheit ungewohnt elektronisch.

Das ist nur die Oberfläche. Das eigentlich Neue breitet sich im Inneren des Albums aus. Natürlich war ein neuer Sound auch wichtig. Ich wollte mich nicht wiederholen. Aber der eigentliche Unterschied zu älteren Werken ist der Vibe unter der Oberfläche.

Synthie-Folk mit Tiefenwirkung?

Yeah, das klingt doch cool. Warum nicht?

Ich würde gerne über die Besonderheit deiner Texte sprechen: Du hast früher oft betont, dass du für diese Form des Schreibens enorm viel Ruhe und Zeit benötigst. Neulich sagtest du in einem Interview, dass du diesmal lediglich zwei Tage in der Woche für das Songwriting einplanen konntest. Wie war das für dich?

Ich bin eigentlich kein Mensch, der unter Druck arbeiten kann. Ich habe früher schreiben können, wann und wo ich wollte. Das war diesmal anders. Ich wollte natürlich auch so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie verbringen. Also haben wir uns auf zwei Tage Arbeit pro Woche geeinigt. Das war zu Beginn nicht einfach. Mit der Zeit wurde es aber besser. Irgendwann habe ich die Herausforderung angenommen und gelernt, mich in einer bestimmten Zeit total zu fokussieren.

"Mich nerven ungeduldige Menschen, die auf kurze Fragen schnelle Antworten haben wollen"

Du hast dich früher auch gerne als "heimatlos" bezeichnet – als einen Menschen, der gerne unterwegs ist und die Ungebundenheit genießt, die das Leben als Vollzeitmusikerin mit sich bringt. Vermisst du die Zeit, in der du nur für dich selbst verantwortlich warst?

Es gibt schon Momente, in denen mir die "Freiheit" früherer Tage etwas fehlt. Ich war immer sehr gerne auf Tour. Das Kennenlernen neuer Länder und neuer Menschen zählte für mich immer zu den Highlights. Ich habe früher auch immer gedacht, wenn ich einmal Mutter würde, nähme ich mein Kind überall mit hin. Das funktioniert aber natürlich nicht. Die Traurigkeit darüber steht aber in keinem Verhältnis zur Freude, die ich empfinde, wenn ich zuhause Zeit mit meinem Kind verbringen kann. Diese Tage und Stunden kann man nicht ersetzen. Das ist das pure Glück.

Was macht dich sonst noch glücklich?

Mehr Glück brauche ich nicht. Die Musik ist toll und wichtig, aber die Familie steht immer an erster Stelle.

Was bringt jemanden wie Emiliana Torrini aus der Fassung? Du machst selten den Eindruck, als könntest du dich über irgendwas so richtig ärgern.

Das täuscht. (lacht).

Ich bin ganz Ohr.

Ich habe mich zum Beispiel früher immer sehr über die ewigen Björk-Vergleiche geärgert.

Dem ist nicht mehr so?

Das hat zum Glück in den letzten Jahren ziemlich nachgelassen. Ich meine, wir sind total unterschiedliche Typen. Ich finde auch, dass wir musikalisch nie sonderlich nah beieinander lagen.

Warum hat man euch beide immer in einen Topf geworfen? Was denkst du?

Pure Unwissenheit.

So?

Ich glaube, dass viele Menschen früher dachten, Björk sei die einzige Isländerin, die professionell Musik macht. Die Leute kannten nur Reykjavík, Geysire und eben Björk. Das hat sich mit den Jahren aber geändert. Mittlerweile kann ich es auch verstehen, schließlich war ich die erste Musikerin, die sich nach Björk ins Ausland wagte. Ich finde Björk auch toll. Sie ist eine wunderbare Künstlerin. Aber ich denke, dass die isländische Musiklandschaft noch viel mehr zu bieten hat.

Absolut.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich nur noch selten darauf angesprochen werde. Ansonsten nerven mich nur ungeduldige Menschen, die auf kurze Fragen schnelle Antworten haben wollen.

Oh. Ich hoffe, ich gehöre nicht dazu.

Nein, alles wunderbar (lacht). Ich bin einfach ein sehr langsamer Mensch. Ich bewege mich langsam. Ich atme langsam. Ich rede langsam. Und manchmal brauche ich für eine Antwort auch etwas mehr Zeit. Das ist halt so. Und wenn dann jemand kommt, der auf die Schnelle etwas aus mir herausquetschen will, dann ärgert mich das.

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10 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    Unprofessionell, einzig weil sie das "M" länger hält? Da spricht wohl der Experte. Das Lied mag dir nicht gefallen, aber dafür muss die Sängerin nicht unprofessionell sein. Ausserdem will ich nicht wissen, wie sich das Lied anhören würde, wenn sie das "M" nicht so lange singen würde. Achja - ich finde das Lied gut.

    • Vor 4 Jahren

      Dann würde sie den Ton halt auf dem Vokal, also dem U, halten. Aber ich finde die M-Lösung tatsächlich auch etwas charmanter, selbst wenn das die unprofessionelle Variante ist.

    • Vor 4 Jahren

      Kunst muss ja auch niemals zwingend professionell sein, Kunst kann auch GERNE mal unprofessionell charmant sein. Aight.

  • Vor 4 Jahren

    Möchte hier mal 'gollum's song' von der guten emiliana einwerfen, das einfach großartig gesungen ist. untermauern will ich damit die aussage, dass frau torrini sicherlich über eine große gesangliche professionalität verfügt. sie wird sich also schon etwas dabei gedacht haben, das 'm' so lang zu ziehen, ganz gewiss waren das jedenfalls keine unprofessionellen gedanken. ich schätze cafpow sehr und schmunzle oft über seine beiträge, aber hier wird emiliana torrini einfach unrecht getan. finde es übrigens auch sehr bedauerlich, wie dieses lied von der tumben masse aufgesogen und für sich beansprucht wurde.

  • Vor 3 Jahren

    Hey Leute, über Musik zu streiten bringts doch nicht!!
    Wer weiss mehr, wer hat Recht.....so ein Quatsch!

    Kommt doch alle am Do, 08.05.14, 20:00 Uhr ins BI NUU im U-Bhf. Schlesisches Tor, 10997 BERLIN.
    Dort spielt Emiliana mit einer coolen Berliner Band, und es wird sowas von Spass machen!