laut.de-Kritik

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: aus Punk erwuchs New Wave.

Review von

Costellos erfolgreicher Versuch, in den USA Fuß zu fassen, führte über eine Londoner Polizeiwache.

August 1977. Gerade hatte Elvis Costello auf dem Punk-Label Stiff Records sein Debüt "My Aim Is True" auf den Markt gebracht. Eine kleine, aber ehrgeizige Adresse, die im Oktober 1976 mit "New Rose" von The Damned die erste Single einer britischen Punkband veröffentlicht hatte. Die Verantwortlichen von Stiff hatten für die USA einen Vertriebs-Deal mit dem Major Columbia/CBS eingefädelt. Nun galt es, deren Verantwortliche davon zu überzeugen, dass Costello ihre Aufmerksamkeit verdiente.

Praktischerweise hielt der ungleiche US-Partner seine Jahresversammlung im noblen Hilton Hotel in der Londoner Park Lane ab. Das gesamte Stiff-Personal begab sich vor den Eingang und hielt dort eine Art Kundgebung ab. Auf einer Tafel stand "Welcome To London - The Home Of Stiff Records". Auf einer anderen machte es Werbung für einen Auftritt Costellos am Abend, sein erster in der Hauptstadt mit der frisch gegründeten Begleitband The Attractions.

Costello selbst stand mit E-Gitarre und batteriebetriebenem Verstärker auf dem Rücken vor dem Eingang des Hotels und betätigte sich als One-Man-Band. Nachdem das Hotelpersonal erfolglos versucht hatte, für Ruhe zu sorgen, rief es die Polizei. Die wiederum befürchtete eine brenzlige Situation und rückte mit einer Sondereinheit an. Nicht weiter verwunderlich, schließlich sorgte die IRA im Vereinigten Königsreich für bleierne Jahre.

Die 'Kundgebung' löste sich augenblicklich auf, als die Polizei in Sichtweite kam. Als einziger blieb Costello zurück, der mit Verstärker und Gitarre schlecht wegrennen konnte und einfach weiterspielte. Schließlich wurde er wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses festgenommen, stand nach ein paar Stunden aber wieder auf freiem Fuß und am Tag danach in der Zeitung. Tatsächlich hatte Columbia/CBS die Aktion mitbekommen - und nahm Costello für die USA unter Vertrag.

Nicht schlecht für einen kaum bekannten britischen Musiker. Unbedarft war er nicht, wie sich bald wieder herausstellen sollte. Denn wenige Monate später wurde er gebeten, kurzfristig bei "Saturday Night Live" die Sex Pistols zu vertreten, die keine Visa erhalten hatten. Costello nutzte seine Chance.

Eigentlich hätte er aus seinem ersten Album das Stück "Less Than Zero" spielen sollen, doch nach wenigen Takten schrie er "Stop! Stop!" und setzte stattdessen mit "Radio, Radio" fort. Was ihm der Programmverantwortliche ausdrücklich verboten hatte. Es sollte für zwölf Jahre Costellos letzter Auftritt bei der einflussreichen Show gewesen sein, doch hatte er das Ziel erreicht: Als "Angry young man" Werbung für sein gerade in den USA nachveröffentlichtes Debüt zu machen.

"Radio, Radio" erschien (nur in den USA) auf Costellos zweitem Album "This Year's Model", das im März 1978 auf den Markt kam. Nachdem er sein erstes Album und seine erste erfolgreiche Single "Watching The Detectives" mit Musikern aufgenommen hatte, die gerade zur Hand waren, stellte er im Sommer 1977 die Attractions zusammen. Costello war gerade 24 geworden. Das älteste Mitglied, Schlagzeuger Bruce Thomas, war 29 und hatte wie Bassist Pete Thomas (ebenfalls 24) bereits Erfahrungen im Musikbusiness gesammelt. Ein Neuling war dagegen der 19-jährige Keyboarder Steve Nason. Als er die Frage stellte, was ein Groupie sei, nannte ihn Labelkollege Ian Dury "naive". Steve Nieve (ausgeprochen "naiv") bleibt bis heute sein Künstlername.

Die Kooperation der vier Musiker mit Produzent Nick Lowe stellte sich als ausgesprochen produktiv heraus. Texte und musikalische Ideen hatte Costello in den vorangegangenen Jahren, in denen er Rechenmaschinen mit Daten fütterte, genügend angesammelt. Die Rhythmusgruppe verstand es, Costellos schrammelige Gitarre und schnarrende Stimme tanzbar zu unterstützen.

Nieve sorgte am Keyboard für die nötige Prise Abwechslung, Amphetamine für die nervöse Energie, die das Album prägt. So war die Band zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, denn aus Punk entwickelte sich gerade New Wave. Und damit das wohl erfolgreichste Genre der folgenden Jahre.

Reggae und Ska mit Orgel und punkiger Schnoddrigkeit, so ließe sich die Stilrichtung auf "Next Year's Model" zusammenfassen. Womit Costello Kritiker und Publikum gleichermaßen überzeugte, waren seine Texte. Songs zu schreiben sei für ihn eine handwerkliche Tätigkeit, erklärt er 2015 ausführlich in seiner lesenswerten Autobiographie "Unfaithful Music". Inspiration ließe sich überall finden. Im Privatleben wie in Fernsehen oder Zeitung.

"Radio, Radio" übte Kritik an der britischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt BBC, die sich geweigert hatte, Punk in ihr Programm aufzunehmen, und an den einlullenden Medien im Allgemeinen ("Radio is a sound salvation / Radio is cleaning up the nation"). "Night Rally" beschäftigte sich mit der erstarkenden rechten Szene in Großbritannien und ihrer verführerischen Propaganda. "Everybody's singing with their hand on their heart / About deeds done in the darkest hours / That's just the sort of catchy little melody / To get you singing in the showers", dichtete Costello, durchaus kontrovers.

Natürlich ging es auch um Frauen. Sein Verhältnis zum anderen Geschlecht war zu diesem Zeitpunkt kompliziert. Zwar war Costello verheiratet und hatte ein Kind, doch ging er schon fremd, bevor er berühmt wurde. Danach sicherlich nicht seltener, Stichwort "Groupies". Wie schwierig eine Beziehung sein kann, beschrieb er wortgewandt in "Little Triggers": "Thinking all about those censored sequences/ Worrying about the consequences / Waiting until I come to my senses / Better put it all in present tenses".

Auch die bekanntesten Stücke des Albums handelten ihm den Verdacht ein, ein Frauenverächter zu sein. "She's been a bad girl / She's like a chemical / Though you try to stop it / She's like a narcotic / You wanna torture her", singt er in "Pump It Up", das stellenweise stark an Bob Dylans "Subterranean Homesick Blues" erinnert. Der Refrain mit typischer Costelloscher Doppeldeutigkeit verweist auf die "Muzak", die er zu Beginn des Liedes erwähnt, könnte aber auch von Selbstbefriedigung handeln: "Pump it up until you can feel it / Pump it up when you don't really need it".

"You want her broken with her mouth wide open" singt er über "This Year's Girl", in dem er gleichzeitig die frenetische Suche der Medien nach ständig neue Gesichtern anprangert, die nach einem Jahr, tausendfach abgelichtet und dadurch verbraucht, wieder fallen gelassen werden.

Was passiert dann mit ihnen? Womöglich landen sie in Chelsea, 40 Jahre später der Inbegriff für teure Wohnungen und russischer Dekadenz, Ende der 1970er Jahre aber ein eher heruntergekommenes Viertel, das bekannt war für sein Rotlichtmilieu. "Photographs of fancy tricks / To get your kicks at 66 / He thinks of all the lips that he licks / And all the girls that he's going to fix", stellt sich Costello seine Rolle als Freier (oder Zuhälter?) vor, in einem Song, dessen Titel besonders aussagekräftig ist: "(I Don't Want To Go To) Chelsea".

Costellos wenig begeisterter Ausdruck auf dem Albumcover leistete in Kombination mit dem Titel auch seinen Beitrag zu seinem angeblich negativem Frauenbild. Tatsächlich war es aber weniger ein fiktives Model auf der anderen Seite der Linse, das Costello anwiderte, sondern die musikalische Untermalung der Fotosession. Chris Gabrin, der das Foto machte, hatte im Studio eine ganze Reihe Alben, aus der Costello "Hotel California" der Eagles aussuchte. Seine Begründung: Er hasse die Platte. Aber sie sei die richtige, da er angepisst rüberkommen wolle.

Ziel erreicht. Wie auch mit dem Album, das in Großbritannien Platz 4 und in den USA Platz 30 der Charts erreichte, vor allem aber später in vielen "Best Of"-Listen auftauchte. Gemeinsam mit dem Debüt "My Aim Is True" ist "This Year's Model" Costellos bekanntestes Album. Auch wenn es nicht unbedingt stellvertretend für seine Karriere steht. Für den ganz großen kommerziellen Erfolg blieb Costello stets zu kantig und textlich zu kompliziert, doch hat er sich die Achtung von vielen Größen im Business erarbeitet, über Bob Dylan und Paul McCartney (mit dem er einige der Stücke auf "Flowers In The Dirt" und seinen eigenen Hit "Veronica" schrieb) bis hin zu Burt Bacharach, Stammproduzent T Bone Burnett und Diana Krall, seine spätere Ehefrau.

Sein schönstes Stück bleibt wohl "Shipbuilding", in dem Costello 1982 den Konflikt zwischen seinem Heimatland und Argentinien um die Falkland-Inseln zum Anlass nahm, über die Zusammenhänge von Wirtschaft und Krieg zu sinnieren. Es gelang ihm sogar, Chet Baker für ein eindringliches Trompetensolo von einer Londoner Bühne ins Studio zu schleppen. Klavierbegleitung, angejazzte Atmosphären und die nun klare Stimme wiesen den Weg für viele folgende Produktionen, auch wenn er den Rock'n'Roll nie aus den Augen verlor. Nicht umsonst erinnert er mit seiner Brille lange an Buddy Holly.

Eine Karriere, die es ohne besagte Kundgebung' vor dem Londoner Hilton 1977 so wohl nicht gegeben hätte. Auch der Auftritt bei "Saturday Night Live" wenige Monate später erwies sich als wegweisend. 1985 machte Bret Easton Ellis (der später "American Psycho" schrieb) "Less Than Zero" zum Titel seines ersten Romans. 1989 durfte Costello, eigentlich mit einem lebenslangem Hausverbot belegt, dort wieder auftreten. "Stop! Stop!", unterbrach er die Beastie Boys, die sich gerade an "Sabotage" versuchten. Um dann selbst "Radio, Radio" zu spielen.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. No Action
  2. 2. This Year's Girl
  3. 3. The Beat
  4. 4. Pump It Up
  5. 5. Little Triggers
  6. 6. You Belong to Me
  7. 7. Hand in Hand
  8. 8. (I Don't Want To Go To) Chelsea
  9. 9. Lip Service
  10. 10. Living In Paradise
  11. 11. Lipstick Vogue
  12. 12. Night Rally
  13. 13. Radio, Radio

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