laut.de-Kritik

Eine Autopsie des Lebens.

Review von

Lassen wir den oft so unerträglich fröhlichen Sommer hinter uns. Hallo, Herbst, du alter Hallodri! Ich habe dich und deine ruhige Romantik bereits vermisst. Wenn die Blätter tanzen, beginnt die Zeit für Altherrenmusik. Die Zeit, um sich in mollig warme Melancholie zu kuscheln. Das perfekte Umfeld für Don Henleys "Cass County".

Fünfzehn Jahre liegt "Inside Job", das jüngste Solo-Album des Eagles-Sängers, zurück. In den sieben Jahren nach dem letzten Longplayer seiner Band ("Long Road Out Of Eden") bastelte der Desperado gemütlich an dessen Nachfolger. Zusammen mit Stan Lynch, ehemals Schlagzeuger von Tom Pettys Heartbreakers, entwickelte sich aus einem anfangs nur auf Cover-Versionen basierenden Projekt ein eigenständiges Werk.

Henley setzt auf Pedal-Steel-Gitarre, Fiddle, Dobro und Mandoline und spielte die Platte in Nashville und Dallas ein. Ihm zur Seite stehen Mick Jagger, Dolly Parton, Merle Haggard, Lucinda Williams, Alison Krauss, Vince Gill, Miranda Lambert, Martina McBride, Lee Ann Womack, Trisha Yearwood und Ashley Monroe.

Leicht ließe sich nun von Henleys Country-Platte sprechen, doch das Genre spielte schon immer eine gewichtige Rolle in seiner Diskografie. Es tritt diesmal nur deutlicher in den Vordergrund. Weder hat "Cass County", das er nach seiner texanischen Heimat benannte, etwas mit dem späten Johnny Cash noch etwas mit "Achy Breaky Heart" zu tun. Der Sänger selbst nennt sein Werk seine Americana-Platte.

Des Dons Texte gleichen einer Autopsie des Lebens. Gallenbittere Beobachtungen voll Schmerz, Bedauern, flüchtiger Liebe und dem unaufhaltsamen Lauf der Zeit. Henley gibt jedoch niemals auf, lässt die kleinen und großen Katastrophen nicht die Kontrolle übernehmen, sondern zieht seine Energie aus den erlittenen Schicksalsschlägen. Hartkantiges Storytelling, das er mit seiner vom Whisky zerklüfteten Stimme konfrontiert.

Auf dem Papier mag die Besetzung des von Tift Merritt geschriebenen Openers reichlich seltsam wirken. Don Henley, Mick Jagger und die Country-Sängerin Miranda Lambert ergänzen sich aber blendend. Gerade Jagger zeigt hier, wie gut ihm das zuletzt bei den Rolling Stones so sträflich vernachlässigte Genre zu Gesicht steht. Mit seinem Einsatz setzt er einen Link in "Sticky Fingers"-Zeiten. Sein immer noch viel zu oft unterschätztes Mundharmonika-Spiel schnürt das Ripsband um den von "Bramble Rose" getragenen Cowboyhut.

Der eingängigste Song "Take A Picture Of This" erinnert an die Eagles, Roy Orbison und den von Lynch eingebrachten Tom Petty. Ein finaler Blick auf die vergilbten Fotos einer in den letzten Atemzügen liegenden, einst glücklichen Ehe. Die guten und die schlechten Zeiten enden nun in einem letzten Bild.

"Praying For Rain" bricht den Klimawandel auf das kleinstmögliche Umfeld herunter: einen für Regen betenden Farmer. Staubige Schönheit durchzieht den von einer Pedal-Steel-Gitarre durchgrabenen Track. "Some pray for health and happiness / For riches and renown / But none oft this will matter much / If the waters don't come down /... / It isn't knowledge, it's humility we lack."

Der klassisch Country-Walzer "When I Stop Dreaming" (Louvin Brothers) holt seine Spannung aus dem Aufeinandertreffen von Dolly Partons klarer Stimme und Henleys kratzigem Organ. In "The Cost Of Living" wirft Merle Haggard all seine bullige Autorität in die Rodeoarena. Zwei alte Krauterer, die über die Kosten des Lebens und dessen Lektionen sinnieren, ohne sich in die Knie zwingen zu lassen.

Zweimal nimmt das von Balladen bestimmte "Cass County" Tempo auf. Das mit Vince Gill eingespielte "No, Thank You" bleibt bis auf die Textzeile "We got space age machinery, stone age emotions" zu zahm. Der trockene Rock im abschließenden "Where I Am Now" schlägt sich deutlich besser. "I've done some foolish things / And I've been downright stupid." Eine letzte Retrospektive, in der Henley zu der Erkenntnis kommt, dass nicht die Vergangenheit, nicht die Zukunft, sondern alleine das Hier und Jetzt zählen. "I been east, west, north and south / But I made it through somehow / And I like where I am now."

Trackliste

  1. 1. Bramble Rose
  2. 2. The Cost Of Living
  3. 3. Take A Picture Of This
  4. 4. Waiting Tables
  5. 5. No, Thank You
  6. 6. Praying For Rain
  7. 7. Words Can Break Your Heart
  8. 8. That Old Flame
  9. 9. When I Stop Dreaming
  10. 10. A Younger Man
  11. 11. Train In The Distance
  12. 12. Where I Am Now

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1 Kommentar

  • Vor einem Jahr

    Hallo Sven K., vielen Dank für diese Kritik, die den Nagel auf den Kopf trifft. Mit dem frechen Hinweis auf die "Altherrenmusik" kann ich mich zu 100% identifizieren.
    Habe mir das Album sofort nach dem Erscheinen herunter geladen und bin seitdem hin und weg.