laut.de-Kritik

Hauchen, Trotzen und Flehen als sinnlich-identitärer Ausdruck.

Review von

Als eine musikinteressierte Öffentlichkeit noch in den verblassenden MySpace-Jahren zwischen den modernen Fräuleinwundern Julia Hummer, Soap&Skin und Helene Hegemann ob der ersten Songs und Live-Auftritte von Dominique Dillon de Byington – kurz Dillon - aufjauchzte, gab die junge Musikerin auch diesem Magazin ein erstes Interview.

Auf die damals durchaus spannende Frage, ob sie sich denn eher als Sängerin oder Rapperin verstünde, entgegnete sie ziemlich lapidar: "Ich verstehe mich als das 19-jährige Mädchen, das ich bin. Wenn ich schreien muss, schreie ich. Wenn ich singen muss, singe ich. Wenn ich weinen muss, weine ich. Sollten wir das nicht alle tun?" Diese Antwort ist in Bezug auf ihr nun bei Ellen Alliens Berliner Techno-Label Bpitch erschienenes Debütalbum "This Silence Kills" noch heute bemerkenswert, und zwar gleich in doppeltem Sinne.

Denn dass Dillon der kategorialisierenden Frage des Kollegen Manthe ausgewichen ist, sagt viel über ihr intrinsisches Verständnis von Pop. In ihrem unbedingten und dadurch mitunter auch prätentiös wirkenden Willen, mit "This Silence Kills" etwas Kunstvolles zu erschaffen, braucht sich Dillon schlichtweg nicht erklären. Darin ist sie sich mit der Berliner Musiker-Bohème einig.

Es ist das ungenierte Streben nach Wahrhaftigkeit, das auch am Theater sisyphoshaft propagiert wird, welches ihre Songs strahlen lässt. Als Künstlerin darf sie alles, das hat sie früh verstanden. Und sei es nur, den Interviewer auf das gleiche Riff an ungefilterter, adoleszenter Emotionalität auflaufen zu lassen, das auch ihre Songs so unmittelbar privat und schroff distanziert zugleich wirken lässt. Sie sind lauter kleine Ichlinge.

Gerade die Spannungszustände, eingefangen durch eine minimalistische Sound-Exzentrik zwischen chansoneskem Piano-Pop mit hausmusikalischen Akzenten und einer dekontextualisierenden Electronica, die nur in "Abrupt Clarity" druckvoll wird, machen dieses Album mutig und wertvoll.

Bei so manchem filigranen oder dramatisch heruntergekühlten Arrangement glaubt man zwar die helfenden Hände der Produzenten Thies Mynther (Phantom/Ghost) und Tamer Fahri Özgönenc (Mit) zu erkennen, die kompositorische Leistung von Dillon schmälert das in keinster Weise.

Ob Dillons fast schon schauspielernde Stimme dabei nun eher nach Björk, Lykke Li, Joanna Newsom oder doch Cocorosie riecht, sei hier einmal dahingestellt und ist im Grunde nur für Leute von Bedeutung, die sie ohnehin nur als Stimmenimitatorin entlarven wollen. Das ist sie nicht. Vielmehr sollte man ihr Hauchen, Fauchen, Trotzen, Flehen und Klagen schlichtweg als sinnlich-identitären Ausdruck begreifen.

Dillon dokumentiert auf "This Silence Kills" einen Prozess der Selbstfindung im Übergang vom Mädchen zur Frau. Er reicht so weit, dass sie sich den alten Jens Lekman-Song "Pocketful Of Money" nimmt und ihm in "Thirteen Thirtyfive" eine pathologische Liebesgeschichte überstülpt. Wohlgemerkt, in der Fiktion ist sie die 35-Jährige, der Junge ist 13.

Möglichen Plagiatsjägern hat sie damit den heiligen Moment der Empörung genommen, indem sie diesen vermeintlich unerhörten Ideenklau schon vor zwei Jahren selbst bei Youtube dokumentiert hat – willkommen im ambivalenten Zeitalter von "Axolotl Roadkill".

Trackliste

  1. 1. This Silence Kills
  2. 2. Tip Tapping
  3. 3. Thirteen Thirtyfive
  4. 4. Your Flesh Against Mine
  5. 5. You Are My Winter
  6. 6. The Undying Need To Scream
  7. 7. _______________
  8. 8. From One To Six Hundred Kilometers
  9. 9. Hey Beau
  10. 10. Texture Of My Blood
  11. 11. Gumache
  12. 12. Abrupt Clarity

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9 Kommentare

  • Vor 5 Jahren

    kunstvoll geschrieben! danke dafür. werde ich mir wohl selber unter den weihnachtsbaum legen. auf youtube gibts ein snippet zum album http://www.youtube.com/watch?v=OZLPU4F45pQ

  • Vor 5 Jahren

    ziemlich strange und geheimnisvoll, sollte man sich im Dunkeln anhören... sehr chillig

  • Vor 5 Jahren

    Hey, da ist sie ja! Wie bereits angemerkt, steht und fällt diese Platte mit Dillons Stimme - während ich die musikalischen arrangements wirklich vollständig begrüße, trägt sie die Brüchigkeit ihrer Stimme an manchen Stellen zu dick auf, was es für mich hier und da leider weniger authentisch als beabsichtigt, beinahe gekünstelt wirken lässt.
    Ich höre allerdings auch verdammt viel Potential bei der Frau, und gerade aufgrund der häufig unkonventionellen Musik (für Pop im weitesten Sinne) eine Platte, die vor abwegigen Momenten und mysthischer Stimmung nur so strotzt.