laut.de-Kritik

Furchtbarer Lärm. Stellt das ab!

Review von

Die Rolling Stones? Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Metallica? Metal up your ass. Death? Na, ratet mal. Man kann wohl guten Gewissens behaupten, dass keine andere Band ihr namenverwandtes Genre derart geprägt hat wie das stetig wechselnde Kollektiv rund um Chuck Schuldiner. Im Grunde ist es wie bei Huhn und Ei: Ob nun Band oder Genre zuerst da war, spielt eigentlich gar keine Rolle.

Letztendlich machte Death vor allem die konstante Entwicklung so einflussreich, die Chuck Schuldiner zeitlebens vorantrieb. Nicht ein einziger Abschnitt sorgte für Legendenstatus, sondern mehrere. Es ist ein bisschen wie bei Metallica: "Kill 'Em All", der ungestüme Erstling, als kompromissloses Thrash-Referenzwerk. "Master Of Puppets" als erwachsen gewordenes Herzstück der Diskographie. Das schwarze Album, das das Metal-Genre nachhaltig revolutionierte. Meilensteintauglich sind alle drei, "Ride The Lightning" obendrein. Die berühmte Qual der Wahl. So auch bei Death: "Leprosy", "Spiritual Healing" oder am Ende doch "Scream Bloody Gore"?

Das Debüt, gerne als das erste "echte" Death Metal-Album überhaupt bezeichnet, besticht mit roher Knüppelei, das abstoßende Gore-Konzept spiegelt nicht nur die Musik hervorragend wider, sondern inspiriert auch noch eine ganze Menge Peers. Songschreiberisch offenbaren sich im Vergleich zu den Nachfolgern allerdings doch Defizite. Gegen die technische Komplexität, die besonders ab "Spiritual Healing", Deaths "Master Of Puppets", Einzug in die Kompositionen hält, kommt "Scream Bloody Gore" nicht an.

Doch warum nun "Leprosy"? Als Bindeglied zwischen der Grundsteinlegung mit "Scream Bloody Gore" und dem köpflerischen "Spiritual Healing" qualifiziert sich das Album zum Schlüsselelement der Diskographie. Es hievt den Gräueltatensound des Debüts auf ein neues Level und überbietet dieses in quasi allen Punkten: Die Vocals sind kraftvoller, die Riffs schneidender, die Strukturen ausgefeilter, das Instrumentalbett anspruchsvoller. Exemplarisch dafür steht "Pull The Plug", dessen Main-Riff ankommt wie eine monströse Mutation des "Scream Bloody Gore"-Stücks "Sacrificial". Gerade diese Optimierung der Brutalität ebnete den Weg für den progressiveren Ansatz der Folgescheibe. Erbarmungsloser ging es schlichtweg nicht mehr. Neues musste her.

Stürzen wir uns also endlich ins Verderben. Bereits während der aufsteigenden Dreitonleads des einleitenden Titeltracks spürt man förmlich, wie die Krankheit langsam den Körper entlang kriecht. Ein Stilmittel, das im Verlauf des Albums noch häufiger auftauchen wird. Genau wie die pythongleich umschlingenden Palm-Mute-Sechzehntel und hämmernden Doublebass-Salven, das Slayer-Kreischen an der Gitarre und reingrätschende Tempowechsel. Beständig wandeln Death auf ihrem Grat zwischen Schleudertrauma, Groove und Melodik.

Statt stumpf draufloszuprügeln schlägt man Haken. Ewig sprunghaft verfolgt Chuck Schuldiner das Konzept seiner Texte auch in der Musik. Mal droht alles ins Chaos abzurutschen, in anderen Momenten versucht das kranke Hirn, im Angesicht des Todes krampfhaft die Kontrolle über seinen Körper zurückzugewinnen. Schuldiner röchelt von gesellschaftsisolierten, titelspendenden Lepraopfern, Totgeburten und erflehter Sterbehilfe, er pendelt zwischen Hoffnungsaufgabe, Trotz, Verzweiflung und Wahnsinn, während er als omnipotenter, aber teilnahmsloser Beobachter seine Marionetten dirigiert. "There is no hope – why don't you / Pull the plug?"

Wie immens Schuldiners Rolle innerhalb der Band ausfällt zeigt nicht nur das über die Jahre massiv rotierende Line-Up mit ihm als einzige Konstante. Auf "Leprosy" soll der Leader neben seinen Gitarren-, Vocal- und zu gewissem Grad mit Rick Rozz geteilten Songwriting-Duties außerdem die ursprünglich Terry Butler angerechneten Bassspuren übernommen haben, da dieser damit wohl technische Probleme hatte. Dasselbe Spiel setzte sich später bei "Spiritual Healing" fort.

Der wegweisende Anspruch Deaths ist untrennbar an die Vision Chuck Schuldiners gekoppelt. Der setzt sie um, komme, was wolle, und die Leute folgen ihm. Jedenfalls bis er sie feuert oder Zerwürfnisse oder anderweitige Verpflichtungen den Ausstieg provozieren. 1987 reißt er drei Viertel der Massacre-Besetzung an sich (die auf "Leprosy" aktiven Rick Rozz, Bill Andrews und Terry Butler), nur um sie im Lauf der nächsten drei Jahre wieder loszuwerden.

Trotzdem zerbrechen Death daran nicht, sondern liefern, im Gegenteil, kontinuierlich Qualität ab, bis sich Schuldiner entscheidet, die Band aus künstlerischen Gründen zugunsten seines Control Denied-Projekts hintenanzustellen. "Leprosy" markiert den Moment, der früh alle Fäden dieser beispiellosen Karriere verknüpft. Manche führt das Album fort, manche entspringen hier, manche sind im Enden begriffen. Das liefert auch den Grund, warum wir in diesem Rahmen vom Zweitling, nicht von "Spiritual Healing" sprechen. Darauf mag Schuldiner zwar einige dieser Fäden noch dicker gesponnen haben, andere hat er aber schon wieder gekappt.

Auf "Leprosy" darf zwischendurch das Hirn auch einfach nur Matsch sein und in seiner Suppe rotieren. Etwa, wenn in schnörkelloser Thrash-Tradition "Born Dead" hereinmäht, die Tachonadel testet und dabei die rar gesäten Melodieeinsprengsel beinahe überrollt. Technischer Anspruch beschränkt sich hier einzig auf die Speed-Seite. "Left To Die" dagegen geht selbst in den Riffs melodisch vor und schaltet im Mittelteil zurück, um das dort gebettete Solo nicht nur dem Timecode nach als Herz und Zentrum des Songs zu etablieren. Dessen pulsierende Bögen wiederum ebnen den Boden für ein furioses Palm Mute-Finale, das nicht zuletzt wegen Chucks höchst anmutigem Klageseufzer im Gedächtnis bleibt.

Seinen solistischen Höhepunkt erreicht "Leprosy" kurz vor Schluss in "Primitive Ways". Hier verknüpft die Gitarre sozusagen the best of both worlds: Während die erste Hälfte auf Harmonie bedachte Tapping-Salven loslässt und mit prägnantem Orient-Einsprengsel unterfüttert (das auch die Herren von Nile recht gelungen fanden), würgt und quält man im Nachhinein den Tremolohebel, als müsse man im Text thematisierte Kannibalenpraktiken in Dissonanzen übersetzen. Funktioniert prächtig.

"Freedom is just a breath away", meint Chuck im abschließenden "Choke On It". Nur, um dann selbige Illusion zu vernichten und stattdessen ein auswegloses Folterszenario zu zeichnen. Der Bass knattert unter langsamen Leads hindurch, Bill Andrews dirigiert am Schlagzeug durch das tödliche Gewinde. Bedrohliche Tom-Fills lauern in den Low-Tempo-Parts, Doublebass-Gruppen legen die Basis für erstaunlich eingängige Vocalpassagen. Noch einmal führen Death vor, warum bis heute, fast 30 Jahre später, keine andere Band den Status als Galionsfigur des Death Metal übernommen hat.

Es mag seitdem und auch parallel weitere Acts gegeben haben, die die Entwicklung der jeweils unterschiedlichen Ausprägungen des Genres stärker beeinflusst haben, etwa Opeth und Meshuggah im Progressiven oder Cannibal Corpse im Horror/Gore. Doch kaum jemand führte im Lauf seiner Karriere mehrere dieser Stränge zusammen, wie Chuck Schuldiner und Death es taten. "Leprosy" steht dafür exemplarisch. Um auf die anfängliche Huhn/Ei-Plattitüde zurückzukommen: Völlig egal, ob nun Death oder Death Metal zuerst existierte: Für die weitere Entwicklung brauchte es beide.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Leprosy
  2. 2. Born Dead
  3. 3. Forgotten Past
  4. 4. Left To Die
  5. 5. Pull The Plug
  6. 6. Open Casket
  7. 7. Primitive Ways
  8. 8. Choke On It

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