28. Januar 2005

"Kanye West gibt den Leuten Hoffnung"

Interview geführt von

Beim Promo-Termin zeigen De La Soul, wer hier die Stars sind. Sie diktieren den Tagesablauf, die arme Promoterin hängt ständig am Telefon, um den Pressefritzen zu erklären, dass sich der ausgemachte Termin um ca. 90 Minuten nach hinten verschieben wird. Heißt für die "zu früh" Gekommenen: Kaffee trinken und abwarten. Die Jungs wollen noch essen? Ok. Sie sollen ja nicht übellaunig sein. Jetzt wollen sie schlafen? Wie bitte? Am helllichten Nachmittag? Wenn sie dann besser gelaunt sind ... Ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Die drei sind gut drauf und durchaus in Redelaune, wenn auch leicht abzulenken.

Wieviel Zeit ist nun vergangen seit dem letzten Album?

Mase: So fast drei Jahre.

Ist das nicht ein bisschen lang, wenn man bedenkt, wie schnell das Musikbiz und gerade der Hip Hop sich bewegt?

Pos: Es ist eine lange Zeit, ja, aber wir kriegen ja trotzdem mit, was so vor sich geht. Nicht, dass es uns beeinflussen würde, aber wir checken schon, was geht. Das meiste, was wir für das neue Album aufgenommen haben, ist in den letzten vier Monaten entstanden. Wir sind außerdem ständig dabei, unsere Reime upzudaten, hier und da noch was einzufügen.

Ihr schreibt eure Tracks noch mal neu?

Pos: Klar, wenn wir im Nachhinein noch eine bessere Idee haben. We're trying to keep it fresh.

Ihr seid also ständig in touch mit der Szene.

Dave: Auf jeden Fall. In den USA zumindest. Die ausländischen Szenen zu checken, ist nicht so einfach. Immer zu wissen, was in Deutschland vor sich geht, oder in England, oder in Paris.

Interessiert euch das überhaupt?

Dave: Nein, nicht wirklich. Aber das ist in den USA eigentlich nicht viel anders. Mal hört mal was von einem neuen Album und hört rein, dann verpasst man wieder was. Ich kümmere mich nicht so viel um andere Künstler. Auf das neue Ghostface-Album war ich sehr gespannt. Wir versuchen nicht, bei anderen was abzugucken.

In einer Zeit, in der Typen wie 50 Cent und Eminem weltweit riesig erfolgreich sind, kommt ihr jetzt mit einem Album, zu dem am besten die Bezeichnung "Old School" passt.

Dave: Ja, wir gehen schon back to the basics. Es geht auf "The Grind Date" hauptsächlich um Beats und Rhymes, wir wollten keine sozialen oder politischen Themen strapazieren oder Tausende von Skits einbauen. Es ist einfach eine Sammlung von Supersongs. Gute Musik, gute Lyrics, das ist alles.

Gleichzeitig habt ihr mehr Gäste auf dem Album als jemals zuvor. Ghostface Killah, Flava Flav, Sean Paul sind ja nur ein paar. Wie kam das mit Spike Lee zustande?

Pos: Der Song ["Church", d. Red.] erinnerte Pos an einen Spike Lee-Film, "School Days", und mein Rhyme beginnt mit "Wake Up!". Im Film gibt es eine Szene, in der Lawrence Fishburne auf dem Campus steht und den Leuten sagt, sie sollen endlich aufwachen. Da dachten wir, es wäre cool, wenn Spike das Intro zur Aufnahme machen würde. Spike fand die Idee gut. Wir kennen ihn schon länger, eine frühere Zusammenarbeit kam aber leider nicht zustande.

Und Sean Paul?

Mase: Die Aufnahme haben wir gemacht, bevor er richtig groß wurde. Als wir vor einem Jahr unseren Deal mit Tommy Boy und Warner Brothers auflösten, haben wir als erstes eine 12-Inch herausgebracht, das war die Nummer mit Sean Paul. Ein richtiges Underground-Ding, das wir auf eigene Faust gemacht haben. Eigentlich sollte die Nummer gar nicht auf dem Album sein. Aber die Leute vom Label in UK wollten ihn drauf haben, weil Sean Paul sich so gut verkauft. Aber der Song ist gut.

Pos springt auf und läuft ans Fenster.

Pos: What the fuck is going on? You gotta see this!

Mase: Sean Paul erinnert mich ein bisschen an Superkat - ich muss mir das da mal ansehen. Einen Moment!

Alle drei stehen jetzt am Fenster, ich geselle mich notgedrungen dazu.

Das sind Demonstrationen gegen Einschnitte in den Sozialstaat. Die Regierung plant große Veränderungen.

Mase: Da sind viele alte Menschen dabei. Betrifft es sie am meisten?

Sie wollen das Arbeitslosengeld kürzen.

Mase: Das läuft bei uns in den USA auch gerade.

(Lautsprecherverstärkte Parolen gegen Hartz IV von draußen.)

Dave: Lasst mich mitmachen!

(Zurück im Zimmer läuft die Reportage über einen Mann, der im Batman-Kostüm versucht, in den Buckingham Palast zur Queen vorzustoßen.)

Dave: Was ist da los?

Tourmanager: Er will mit der Queen sprechen.

(Dave lacht)

Tourmanager: Was ist da draußen los?

Pos: Es geht um die Kürzungen im Sozialsystem und die Arbeitslosenunterstützung - sorry, man!

Schon ok. Zurück zum Thema: Ist "The Grind Date" denn endlich das lang erwartete "AOI Part III"?

Mase: Nein. Hier handelt es sich um ein reguläres De La-Album. Wir sind in einer neuen Situation, und darum geht es uns auf der Platte. "AOI III" werden wir nachliefern. Auf jeden!

Habt ihr denn schon ein Konzept für das letzte Album der AOI-Trilogie?

Mase: Ja, das dritte soll einer Säule des Hip Hop huldigen, den DJs. Es wird eher instrumental sein. Ein paar Rapper werden gefeatured, aber im Großen und Ganzen soll es ums DJ-Ing gehen. Es wird ziemlich neuartig sein. Mit mehr Skits und Comedy-Einlagen.

Seid ihr denn schon dran?

Mase: Ja, schon seit einiger Zeit. Aber jetzt müssen wir uns erst mal mit diesem Album befassen, wenn wir damit fertig sind, werden wir das andere komplettieren.

In den letzten drei Jahren wart ihr ja auch sonst recht umtriebig. Ihr betreibt das Label/Kollektiv Spitkicker, habt eine Spitkicker-Tour auf die Beine gestellt ...

Dave: Spitkicker soll eine Plattform sein sowohl für neue Künstler als auch für Etablierte. Wir wollen sie promoten, wollen dass wir - und sie - gehört werden. Wir würden gerne wieder eine Spitkicker-Tour machen, dann ein Spitkicker-Album, eine Art Compilation. Zusätzlich wollen wir als De La Soul eine DVD rausbringen, die das "Grind Date"-Projekt dokumentiert. Und dann arbeiten wir noch am Konzept für den "De La Dunk", einen Schuh.

Das habe ich gelesen, das klingt spannend.

Dave: Die "Dunk"-Abteilung von Nike hatte die Idee, uns einen klassischen Sneaker entwerfen zu lassen. Etwas, das das "Three Feet High And Rising"-Thema aufgreift. Das ist eine coole Idee, und ich hoffe, dass wir es zum nächsten Sommer schaffen.

Wie stellt ihr euch euren Input für den Schuh vor? Habt ihr schon Ideen?

Dave: Na, Design! Farben und so ... Es wird laut sein! Es gibt schon einen Entwurf, ganz in Silber. Vielleicht nehmen wir den und machen noch ein wenig Glitzerkram auf die Seiten.

Mase: Hey, Du musst mal meinen Mann Butta Verses checken. Er kommt aus Fort Lauderdale. Er ist wirklich kredibel und hat das Zeug zu einem großen Star. Er ist schon Teil der Familie.

(Pos geht ans Fenster, nachdem er von der Demo ein paar Scratches und Raps gehört hat, und beatboxt dazu)

Stimmt es denn, dass euer Album wegen dem zeitgleichen Veröffentlichungstermin von Talib Kwelis neuer Platte eine Woche verschoben wurde?

Dave: Nein, wir hatten einfach das Gefühl, dass wir noch ein wenig mehr Zeit brauchen.

Und an der New York University werdet ihr demnächst sogar Hip Hop unterrichten!

Dave: Ja, das ist eine großartige Chance. Manchmal ist das die beste Gelegenheit, den Leuten etwas beizubringen, wenn man selbst aus der Praxis kommt. Aber ich weiß noch nicht, ob ich dann streng nach dem Buch lehre, oder einfach freestyle.

Wie kommt man denn auf so eine Idee?

Dave: Die Leute vom College sind tatsächlich an unser Management herangetreten und haben gefragt, ob wir an so etwas Interesse hätten. Wir waren uns sofort einig mit denen.

Und wollt ihr euch in eurer Vorlesung mehr auf die Marketing-Seite konzentrieren oder mehr auf den künstlerischen Part?

Dave: Ich denke, die Leute wollen von beidem etwas hören. Zum größeren Teil wird es aber wohl um das Business gehen. Glaube ich zumindest.

Aber es fällt ja auf, dass sie eine alteingesessene Band fragen und keinen Newcomer. Habt ihr das Gefühl, dass ihr so etwas wie eine Konstante im Hip Hop seid, wo sich doch alles so rasend schnell verändert?

Dave: Ich denke schon. Nicht viele Bands bekommen eine zweite Chance. Ich möchte nicht von einem Comeback sprechen, aber viele Künstler bekommen einfach keine Chance, es noch mal zu machen. Wir beweisen, dass wir die nötige Qualität besitzen. Wir haben viel gelernt über die Jahre, und ich denke, dass wir das Rapgame einigermaßen verstehen und von unserem Wissen etwas weitergeben können.

Wenn ihr die Jahre Revue passieren lasst, würdet ihr sagen, dass Hip Hop sich zum Guten oder zum Schlechten entwickelt hat?

Dave: Hip Hop ist eine treibende Kraft, was Musik im allgemeinen und Unternehmerschaft angeht. Natürlich ist nicht alles gut, was draußen ist, aber es gibt einige Künstler, die einem die Hoffnung geben, dass eines Tages der Hip Hop wieder so kreativ und fruchtbar sein wird, wie er es mal war. Leute wie Kanye West oder Jay-Z geben den Leuten die Hoffnung, dass Kreativität wieder gefragt ist. Es kann nicht immer nur um Geld, Karren und Klunker gehen. "Girls, Girls, Girls" war eine kreative Platte in meinen Augen. Die ganze Roc-A-Fella-Crew macht mir Mut. Vielleicht balancieren sich durch solche Leute die künstlerische Seite und die unternehmerische Seite wieder aus.

Gibt es da in deinen Augen ein Ungleichgewicht im Moment?

Dave: Definitiv. Wir brauchen mehr Kreativität. Geld macht Hip Hop ohnehin wie Heu.

Würdet ihr selbst euch denn als Old-School bezeichnen?

Pos: Wir würden uns einfach als Band bezeichnen, die großartige Musik macht. Auf unserem ersten Album waren wir weit vor unserer Zeit. Wir sind eine Band, die ihre Wurzeln versteht und diese auch respektiert und verarbeitet.

In welche Richtung geht De La Soul dann im Moment?

Pos: Bei diesem Album haben wir zu uns gesagt: "Lass uns ein bisschen mehr rumprobieren, diesen und jenen Sound ausprobieren, hier noch was einbauen. Instrumente aus verschiedenen Kulturen ausprobieren. So ein bisschen wie Outkast es tun. Wir haben in jeder Hinsicht unser Bestes versucht.

Das Interview führte Mathias Möller

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