20. Juli 2009

"I Need A Big Whiskey!"

Interview geführt von

Anfang Juli beglückt Dave Matthews Presseleute und eine ausgewählte Fanschar in Hamburg mit einem Akustik-Gig. Tags darauf bittet der Meister zur Interview-Audience im noblen Hyatt Hotel in Hamburg.Anfang Juli in der Hamburger Speicherstadt: Dave Matthews gibt mit Gitarrist Tim Reynolds ein Akustik-Konzert, das einzige in Deutschland. Das Vergnügen ist leider nur von kurzer Dauer, dennoch präsentiert Dave Matthews immerhin drei Stücke der neuen Langrille: "Funny The Way It Is", "Lying In The Hands Of God", "You And Me". Stimmlich angeschlagen kämpft sich Dave professionell durchs Set. Insbesondere ein super aufgelegter Tim Reynolds lässt die Zuhörer frohlocken: Ob Flamenco, Jazz, Rock oder Blues, der Mann intoniert alle Stile gekonnt.

Am nächsten Tag wirkt Dave matt und abgekämpft. Dennoch ist er stets freundlich und gibt durchaus ausschweifende Antworten, so dass man sich schließlich auf eine Mischung aus Narration (seitens Dave) und Intervention (seitens des Redakteurs) einigt. Besonnen, routiniert und ganz der Medienprofi, gibt es dennoch eruptive, gestenreiche Momente, wenn die Sprache auf die Musik oder auf Michael Jackson kommt - es ist der Tag, an dem die Trauerfeier für Jacko in LA stattfindet.

Wie gehts dir Yan?

Oh, mir gehts gut, vielen Dank. Ich bin zum ersten Mal in Hamburg und es gefällt mir richtig gut. Sogar das Wetter spielt mit, obwohl mir gesagt wurde, es wäre durchgängig schlecht.

Zu Hamburg habe ich eine tiefe Verbindung. Mein Vater lebte viele Jahre in der Hafenstadt und verliebte sich vom ersten Tag an in die spezielle Atmosphäre. Ich glaube, er arbeitete hier, aber meine Erinnerung kann mich auch trügen. Nach seinem College-Abschluss unternahm er eine Weltreise und genoss hier unter anderem ausgiebig das Flair der Sechziger Jahre.

Dann hat er sicherlich auch die aufkommende Beat- und Rockmusik-Welle mitbekommen und möglicherweise die Beatles gesehen.

Sicherlich gab es zu dieser Zeit eine Menge Musik und einige Biere dürften auch seine Kehle runtergeflossen sein. Er hat mir nie konkret von einem Live-Erlebnis der Fab Four erzählt. Dennoch stelle ich mir manchmal vor, er hätte mir davon erzählt. Von Kindesbeinen an entfachte mein Vater meine Begeisterung für die Musik der Beatles. Ich war noch ein kleines Kind als er starb.

"Big Whiskey and The Groo Grux King": Ein langer, ungewöhnlicher Albumtitel. Kannst du ihn für uns aufschlüsseln?

Wir mögen den Klang des Namens. Eine sehr coole Ausdrucksweise, auch ohne die Geschichte, die sich hinter dem Namen verbirgt. Unvoreingenommen klingt der Titel wie ein Märchen: Die Geschichte von "Big Whiskey And The Groo Grux King".

Und nun die ganze Geschichte?

"Grux" ist der Spitzname, den wir unserem Saxophonisten LeRoi Moore verpassten. Bevor wir die Dave Matthews Band gründeten, kannten sich bereits Carter Beauford, Leroi und Tim Reynolds. Sie bezeichneten magische Momente des musikalischen Zusammenspiels als "Groo Grux". Carter verwendete eine andere Aussprache, meine war hingegen afrikanisch geprägt (Anm.: Daves Geburtsland ist Südafrika). Weiterhin verwendeten sie "Grux" als Spitznamen für jeden Einzelnen der Clique. Letztlich blieb der Name an LeRoi haften. Jeder nannte ihn so und nach einer bestimmten Zeit fing ich ebenfalls damit an. LeRoi selbst nannte alle anderen Leute ebenfalls "Grux". Für ihn war dieser Name nicht speziell für eine Person reserviert, sondern passte auf jeden aus seinem Freundeskreis.

Als ich LeRoi zum ersten Mal traf, sprach ich ihn mit "Lee Roi" an. Er schaute mich verdutzt an, nur um ernsthaft hinzuzufügen: "Meine Name ist nicht Lee Roi, mein Name spricht sich LeRoi aus, ähnlich der französischen Bezeichnung für König". Jetzt weißt du auch woher der König im Albumtitel stammt. So entstand nach und nach der Name "Groo Grux King". Und es macht Spaß diese über die Jahre entstandenen und miteinander verwachsenen Zusammenhänge zu erklären.

Und welche Geschichte steckt hinter "Big Whiskey", was etwas profaner anmutet?

Vor der Preservation Hall in New Orleans fand ein Fotoshooting statt. Da war ein Betrunkener, der die Straße entlangstolperte. Ich glaube, er war Straßenmusiker und auf der Suche nach Kohle. Er rief immer wieder lauthals "I Need A Big Whiskey, I Need A Whiskey". Als er gerade ansetzte seinen Spruch zu wiederholen "I Need ...", drückte ich ihm einen Zwanziger in die Hand und er stockte und meinte: "Oh, That's A Big Whiskey". Er rannte dann wohl schnurstracks zur nächsten Bar. Man sah nur noch eine Staubwolke und weg war er.

Als ich zur Gruppe zurückkehrt, meinte unser Trompeter Rashawn Ross: "Big Whiskey, das klingt nach einen coolen Albumtitel". So entstand der Name "Big Whiskey And The Groo Grux King". Einerseits ist es eine Hommage an LeRoi, aber andererseits zollen wir uns auch damit selbst, als Band, ein wenig Respekt. Denn es ist wohl die erste reguläre CD, die wir ausschließlich für uns selbst aufnahmen. Weder für die Plattenfirma oder jemand anderen. Wir adeln uns mit dieser CD ein wenig selbst.

Sicherlich gab es diese magischen "Grux"-Momente auch im Studio

Was ich am meisten an der neuen CD mag, ist, dass wir mit Improvisationen und spontan kreierten Ideen starteten. Wir saßen einfach im Studio oder einem Zimmer zusammen und machten Musik. Ohne vorher eine Tonart, oder einen Rhythmus festzulegen, spielten wir einfach drauflos. Einige dieser Momente – wir hatten ungefähr einhundert davon – waren so wertvoll und magisch, dass wir sie auswählten, die Fäden verbanden und Songs daraus strickten.

Der Opener heißt "Grux"; einer dieser spontanen, unmittelbaren Einfälle. Wir probten diesen Part niemals zusammen und haben ihn seit der Aufnahme auch nicht mehr gemeinsam wieder aufgeführt. Es war ein First Take.
Und so beginnt unsere CD mit diesem Moment der Inspiration. Ich glaube, es war Rob Cavallo, der ein Machtwort sprach und meinte wir sollten damit anfangen. Und wir waren direkt Feuer und Flamme für diese Idee.

Anmerkungen von außen blendeten wir aus. Egal was die Plattenfirma, das Management oder die Radiostationen sagten, wir waren in der Situation zu sagen: "Nein, wir sind noch nicht fertig". Die Aufnahmen nahmen dementsprechend eine lange Zeit in Anspruch, aber letztlich brachten wir genau die richtige Zeit auf. Nicht, dass wir durchgängig an neuen Songs gearbeitet hätten (grinst). Neben den musikalischen Erfahrungen haben wir genauso viele außermusikalische Erfahrungen genossen. Unzählige Tassen Kaffee und Tonnen an Donots gehörten sicherlich auch dazu. Desweiteren waren wir oft stilvoll essen. Es war eine ganzheitliche Erfahrung.

In der Vergangenheit entstanden unsere Tonträger auf Druck der Plattenfirma, also im Prinzip für jeden, nur nicht für uns. Und dies ist das erste Mal, dass wir eine CD nach unseren Vorstellungen verwirklichen konnten.

"Fuck, Fuck, Fuck, Fuck, Fuck, YOU!"


Letztes Jahr im August starb LeRoi Moore, Gründungsmitglied und Saxophonist, an den Folgen eines tragischen Unfalls. Sein Spiel prägte den Sound der Band über lange Zeit. Wie beeinflusste eure Trauer die Atmosphäre im Studio?

Wir befanden uns gerade auf Tour, als er sich der Unfall ereignete. Wir gingen eigentlich davon aus, dass er nach einer Genesungsphase zu uns zurückkehrt. Doch dann starb er völlig unerwartet an den Komplikationen.
Die meiste Zeit, die wir zusammen verbrachten, ist mir in guter Erinnerung geblieben. Er wusste einfach so viel über Musik. Es war zwar nicht immer leicht mit ihm, aber er war ein guter Freund. Die Freundschaft zu LeRoi und die Chemie der einzelnen Bandmitglieder untereinander fühlte sich nie so gut an wie vor einem Jahr. Er hinterließ uns seine musikalische Philosophie, und sie lebt durch unsere Erfahrung mit ihm weiter. Sein unverkennbarer Stempel ist nach wie vor zu erkennen. Wir verfolgen immer noch dieselbe Vorstellung der Verantwortlichkeit jedes Einzelnen gegenüber der Musik, die wir gemeinsam erschaffen.

Nun habt ihr in Jeff Coffin einen neuen, sehr guten Saxophonisten.

Unser neuer Saxophonist Jeff Coffin lässt sich nicht mit LeRoi vergleichen, beide sind sich zu verschieden. Jeff ist ein erstaunlicher Musiker, vielleicht sogar einer der besten Saxophonisten aller Zeiten. Aber was diese Band wirklich ausmacht ist dieses individuelle Mosaik bestehend aus großartigen Musikern. Mehr als die Summe seiner einzelnen Teile, wie eine komplexe Maschine: Carter zum Beispiel ist der Bug, der Rumpf und die Seile. Du musst dich der Band hingeben, nicht nur den Musiker verkörpern, der seine Parts richtig umsetzt. Das wichtigste ist, dass du mit Leid und Seele bei der Sache bist.

Es kann natürlich nicht immer auf diese Weise funktionieren. Immer alles zu investieren ist nahezu unmöglich. Passt jedoch alles zusammen, dann ergibt das eine unheimliche Tiefenwirkung. LeRoi fehlt uns nicht so sehr, dass uns die Lust an der Musik vergangen wäre, weil er unsere Sicht auf Musik stark mit seiner Philosophie mitprägte. Wir vermissen seinen Ton, seine Freundschaft, sein Lachen. Seinen Zorn vermisse ich hingegen nicht, ebenso wenig die Heftigkeit seiner Wutausbrüche oder seine Streitlust. Mir fehlt es jedoch mit ihm um die Häuser zu ziehen oder ellenlang zu diskutieren. Natürlich gehört sein Zorn, seine Rastlosigkeit, seine Cholerik mit dazu, davor ist auch keiner von uns gefeit, aber jeder hat seine eigene Sicht auf das richtige Maß dieser Wesenszüge.

Und wie sieht LeRois Philosophie konkret aus, die du eben kurz angesprochen hast?

Die Idee, dass jeder für sein eigenes Instrument verantwortlich ist, man immer sein Bestes geben müsse, dabei stets Aufrichtigkeit zeigt, das sind Dinge, an die er tief in seinem Innersten glaubte. Aber auch die Noten herauslassen, die sich vage im Gedächtnis formen, bevor du es wirklich realisierst. Wagemut zeigen, nicht zu vorsichtig sein, aber trotzdem auf sein Spiel zu achten und sich ins Gesamtbild einzufügen, das war sein Credo.

Es ist sehr bewegend, LeRois Saxophonspiel zu hören. Du sprachst vorhin von dem Opener. Ohne deine Hintergrundinformationen könnte man meinen: "Was für ein seltsamer Outtake". Aber dann, ganz plötzlich springt einen förmlich deine Stimme an. Sie greift die letzten Töne des Saxophons auf und leitet quasi das Eröffnungsstück ein.

Ja, das war in der Tat eine sehr coole Idee so einzusteigen. Wir loopten einfach das Bending und es klingt kontinuierlich aus, da da da da ... Es passte tempomäßig zum folgenden Song und ich fing einfach zu schreien an und verwendete ein ziemlich versautes Wort und zwar: FUCK. Ich repetierte es entsprechend der ausklingenden Saxophon-Töne: Fuck, Fuck, Fuck, Fuck, Fuck, YOU! Man hört es nicht so genau, aber das sing ich wirklich wieder und wieder.

(Dave greift die Situation auf, nimmt Position ein, singt in ohrenbetäubender Lautstärke die "Fuck-Lyrics" und mimt danach kurz den Einstieg in "Shake Me Like A Monkey".)

Es war der pure Spaß an dieser Stelle komplett aus sich herauszugehen. UHHH. Und damit beginnt die Reise durch die Welt des "Groo Grux King", ein das gesamte Album umspannender Bogen.

"Shake Me" explodiert mit einem Schlag ins Gesicht: Ein schweißtreibender, erotisch aufgeheizter BigBand-Kracher. Das ist ein Statement, welches dir klipp und klar verdeutlicht: "Hier spielt die Band". Es scheint wahrlich dreist zu sein mit einem Gedenkstück wie "Grux" zu beginnen. Als wir die Idee aufnahmen, dachte niemand daran, dass es eine Ehrerbietung werden würde. Wir spielten einfach einen Blues. Der gefallene Soldat spielte auf diesem Stück mit. Er wies uns mit seinem gefühlvollen Spiel den Weg durch die einzelnen Takte, und dann gehen wir über in dieses lebendige, schwitzende Sex-Lied. Das ist die Band, das Leben. Ich glaube ein treffendes Wort zur Beschreibung dieser CD ist: Kompromisslos.

"Dive In" spielte ich einigen Schlagzeugern vor, sie waren alle kurz davor, ihre Sticks wegzuwerfen.

(Lacht) Das kann ich gut nachvollziehen, denn Carters Schlagzeugspiel ist nicht von dieser Welt. Er selbst ist selbst hellauf von den Aufnahmen begeistert. "Lying In the Hands Of God", unserer softester und hellster Song, wird von ihm entsprechend soft und klar intoniert, aber ansonsten spielt er sehr aggressiv und ungezügelt, er lässt sich gehen. Er ist das Fundament, auf dem diese Musik klingt. Er legte die Messlatte, an der wir uns orientieren mussten. Von Beginn an war es unser Ziel, Ergriffenheit, Hingabe, ja fast schon Manie für die Musik an den Tag zu legen.

"Michael Jackson hinterlässt absolut zeitlose Musik"


Heute findet die Trauerfeier für einen der größten Entertainer unserer Zeit statt. Wie stehst du zu Michael Jacksons unvergleichlichen Karriere?

Der Tod ist ein unveränderlicher Bestandteil des Lebens. Aber die Nachricht von Michael Jacksons Ableben war zunächst ein großer Schock, denn er war ein großer, einflussreicher Künstler. Er erschuf seine eigene musikalische Welt. Schon in jungen Jahren wirkte seine Musik glaubwürdig. Ob sie nun komisch oder nachdenklich klang, er war immer in der Lage Freude zu schenken. Er war eine feste Größe im Popbereich. Mehr noch, er konnte die Menschen fesseln und um den Verstand bringen. Nicht jedem ist ein solcher Einfluss auf die menschliche Welt vergönnt. Den Künstler Michael Jackson behalten wir für immer im Gedächtnis. Er hinterlässt uns absolut zeitlose Musik.

Hast du bei einem deiner Konzerte nach Jacksons Tod einen Song von ihm gespielt?

Ich spielte einen Song auszugsweise, "I'll Be There", ich mag diesen Song wirklich sehr gerne. Obwohl er ihn nicht selbst geschrieben hat, aber das betrifft viele seiner Songs. Dennoch sind es seine Interpretationen, die den Reiz ausmachen. Billie Holiday schrieb auch nicht "Strange Fruit", aber es war ihre Darbietung, die erinnerungswürdig blieb. Das gleiche gilt für Elvis Presleys Version von "Hound Dog". Ich denke, wenn jemand etwas in einer wunderschönen Art und Weise darbietet, dann bleibt das im Gedächtnis. Wir können uns sehr glücklich schätzen, einen solchen Musiker in unserer Zeit gehabt zu haben. Er erreichte offensichtlich mehr Menschen, als irgendjemand von uns jemals könnte. Das war sein Schicksal, er besaß diese Gabe. Er hat mein Mitgefühl angesichts der Leiden, die er am Ende seines Lebens ertragen musste. Aber wie kann man ein solchen Leben führen und keine skurrile Person abgeben? Es wurde von ihm verlangt, so zu sein.

Du warst 16 Jahre alt, als "Thriller" erschien. Hat Jacko dich in deiner Jugend beeinflusst?

Meine Begeisterung für seine Musik wuchs im Laufe der Jahre. Aber ich hatte sie stets gemocht, auch als ich jung war. Erst als ich mit meiner Band anfing, erschloss sich mir ein Großteil der Musik. Carter und LeRoi brachten mich zu seiner Musik zurück und lehrten mich, ihn noch mehr zu respektieren. In der Zeit in der wir Freundschaft schlossen, hörte ich eher Jazz und musste mich erst von meinen Scheuklappen befreien. LeRoi brachte mich gewissermaßen wieder zur Popmusik zurück. Carter sagte erst kürzlich, dass Jackson für ihn die Nummer Eins sei. Ich meine, jeder hat eine andere Sicht auf dieses Thema, aber er bewegte sich auf seinem eigenen Level, ähnlich wie die Beatles, und das ist eine unwiderruflicher Fakt. Niemand wird sich jemals wieder auf solch einem Niveau bewegen.

Ok, vielen Dank. Wäre schön, dich bald mal wieder live zu hören ...

Ich hoffe auch, dass wir endlich mal die Kurve kriegen und im Frühling hier vorbeischauen.

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