laut.de-Kritik

In Europa: der ewige Geheimtipp.

Review von

Es ist fast schon ein Paradox: Während die Dave Matthews Band in den Staaten mit ihren energetischen Liveshows und der unkonventionellen, Grenzen sprengenden Musik massenweise Platin einheimst, hält sich der Bekanntheitsgrad in Europa in Grenzen. Lediglich Musiker, Sammler oder US-Austauschstudenten zählen die Band zu ihren Favoriten.

Bei Betrachtung des Tourkalenders bleibt alles beim Alten: Die Band bepflastert im Stile eines großen Bauunternehmens halb Amerika mit ihren monumentalen, magischen Klangbauten und spielt auch auf ausgewählten Festivals in Europa. Deutschland bleibt hingegen unberücksichtigt.

Nun kehrt die Multikulti-Progrock-Truppe mit neuem Album zurück. Mit einem weltweiten Vertrieb im Rücken erscheint die Platte immerhin auch in heimischen Gefilden, auch wenn es wohl noch bis zum St. Nimmerleinstag dauern dürfte, ehe Matthews'sche Live-Haftigkeit Deutschland beehrt.

Vieles ist neu im Lager der Akustik-Proggies: Das Etikett "Akustik" erfährt erstmals seit dem düsteren und spröden "Everyday" eine Aufweichung. Gründe: Die demokratische Beteiligung aller Bandmitglieder am Songwriting und Produzent Rob Cavallo (u.a. Green Day), der die komplexen wie luftigen Arrangements transparent gestaltet und der Band gleichzeitig einen deutlich rockigeren Sound verpasst. Die E-Gitarre soliert gleichberechtigt neben der obligatorischen Violine von Boyd Tinsley und dem Saxophon von LeRoi Moore (R.I.P.) bzw. dessen Nachfolger Jeff Coffin.

Beats und R'n'B-Elemente sowie Soundspielereien wie auf dem Vorgänger "Stand Up" finden auf dem neuen Album nicht statt. Weit von einem durchgängigen Produktions-Paradigma entfernt, schillert jeder Song somit in den ihm zustehenden Farben: So klingen der druckvolle Opener "Shake Me Like A Monkey", das funkige "Why I Am" oder die melodienselige erste Single "Funny The Way It Is" kompakt und wuchtig; die balladesken Töne auf "Lying in The Hands Of God", "Dive In" oder "Baby Blue" hingegen differenziert, transparent und orchestral.

Straighte Riffs stehen wie selbstverständlich neben Dixie-Momenten: ein Singer/Songwriter im Funk-Gewand? Nicht ist unmöglich! Das mit rhythmischen Schnörkeln und zahlreichen Tempowechseln gespickte, Jam-lastige Dreigestirn "Squirm", "Alligator Pie" und "Seven" lässt vor Begeisterung im Dreieck springen. Wer fragt sich noch, woher der Titel rührt, wenn er die Viertel-Schläge im Refrain mitzählt ...

Carter Beauford gerbt seine Felle elegant, nuanciert und treibend und bekam von Produzent Cavallo einen fantastischen Drumsound auf den Leib geschneidert. Steffan Lessards Bassspiel hat den Dreh raus, scheinbar mühelos zwischen Groove- und Jazzspiel zu switchen.

Und diese Stimme: Mit einem großen Tonumfang gesegnet wirkt Matthews bei Scat-Gesang, Improvisationen, Falsett-Einlagen, Psalmodieren oder Rock-Vocals durchgängig souverän und authentisch und führt den Hörer traumwandlerisch durch die Spitzkehren des emotionalen Serpentinenweges. So gefühlsbetont und vielschichtig klang die Band bisher nur live.

Die Entstehungsgeschichte des Albums erhielt durch den Unfalltod von Saxophonist und Gründungsmitglied LeRoi Moore eine tragische Note. Bandintern als Groogrux-King bekannt, huldigt die Band ihm mit dem Albumtitel. Freud und Leid, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, Sinnsuche und spirituelle Erlösungsgedanken stehen beisammen und wiegen sich auf dem Artwork in trauter Eintracht: In fast schon kubistischer Manier versucht Matthews, der auch für die Gestaltung des Covers verantwortlich zeichnet, visuell die Unterschiedlichkeit der Perspektiven mit einfließen zu lassen.

Textlich bedient man die Schürzenjägerfraktion, den Romancier, den Hobby-Philosophen, und gibt allen eine wichtige Lektion mit auf den Weg: In der Liebe liegt die Macht. Wer sich Matthews' teils recht schlüpfrige Lyrics durchliest und die Beats auf die Lenden wirken lässt, merkt schnell, dass die hier gemeinte Form von Zweisamkeit nicht nur rein platonischer Natur ist.

"Still here dancing with the Groo Grux King. We'll be drinking Big Whiskey while we dance and sing. When I get to the end, I'm gonna end …". Mehr noch als pure Liebeslyrik dokumentiert das klingende Endresultat den Reife- und Leidensprozess der Band: Hier tönt ein Manifest der Vergänglichkeit, der Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit aus den Boxen und wirkt wie eine Trotzreaktion angesichts widriger und deprimierender Umstände. Insofern kann das Album Halt in Krisensituationen geben, ohne rein auf eskapistische Tendenzen zu setzen. Statt dessen konfrontiert es den Hörer mit seinen Ängsten und fordert ihn auf, diesen konstruktiv zu begegnen.

Der Ex-Barkeeper präsentiert seinen Fans perfekt gespielte Lieder. Tiefgründig, aber immer auch einem Restposten an Ironie und Leichtigkeit. Mit spielerischer Leichtigkeit vereinen die Vollblut-Musiker Rock, Pop, Funk, Jazz, Folklore, Dixie, Big Band und Klassik. Eingängige Strophe-Refrain-Schemata, die in der zweiten Song-Hälfte mit allerlei Überraschungen aufwarten und rapsodische, epische Songs mit grandiosen Spannungsbögen werden traumhaft tight vom Prog-Orchester zelebriert.

Dazu kredenzt Dave Matthews zwei Bonus-Songs, die keinen Vergleich zum restlichen Material scheuen müssen und die Spielzeit auf stattliche 63 Minuten anwachsen lassen. Resultat: ein vielschichtiges Album, auf dem vielleicht erstmals in der 20-jährigen Bandgeschichte die fantastischen Live-Qualitäten im Studio festgehalten wurden. Immerhin ein schwacher Trost für uns Deutsche.

Trackliste

  1. 1. Grux
  2. 2. Shake Me Like A Monkey
  3. 3. Funny The Way It Is
  4. 4. Lying In The Hands Of God
  5. 5. Why I Am
  6. 6. Dive In
  7. 7. Spaceman
  8. 8. Squirm
  9. 9. Alligator Pie
  10. 10. Seven
  11. 11. Time Bomb
  12. 12. Baby Blue
  13. 13. Me
  14. 14. Write A Song
  15. 15. Corn Bread

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24 Kommentare

  • Vor 8 Jahren

    "Lediglich Musiker, Sammler oder US-Austauschstudenten zählen die Band zu ihren Favoriten"

    zähle wohl zu ersteren und ein bisschen zu zweiteren, schade dass diese band hier in deutschland sowenig "gehör" findet,

    es ist ja keine reine session-musik (auch wenn es live manchmal dahin ausartet), sondern es ist viel gutes songmaterial vorhanden, carter beauford ist auch ein guter drummer

  • Vor 8 Jahren

    Ich bin begeistert! Trauere jedoch um alle, denen diese Band bisher entgangen ist.

    Vielleicht schaffen sie es ja doch noch, die Deutschen zu infizieren. Immerhin mutet ihr Sound seit "everyday" ein wenig massentauglicher an. Was wiederum überhaupt nicht negativ gemeint ist. Okay.. bei "everyday" war mir dann doch ein wenig zu viel "masse" vorhanden. Die letzten beiden platten sind jedoch meiner meinung nach einfach nur gelungen, Tendenz steigend!

    Ich denke, sie beschreiten weiter ihren Weg. Sind zwar abgebogen, aber haben den richtigen Weg gefunden.

    Ich finde, sie waren immer eine bessere live-band als eine album-band. Jedoch seit "stand up" liege ich mit meiner meinung wohl mehr und mehr daneben.

  • Vor 8 Jahren

    Hauptsache, dieses Album ist besser als "Stand Up". Das konnte ich mir echt nicht geben, zu schlecht. Wäre schön, wenn es mal wieder Richtung "Before These Crowded Streets" gehen würde.

    Ach, und:
    @laut.de (« Das Etikett "Akustik" erfährt erstmals seit dem düsteren und spröden "Everyday" eine Aufweichung. »):

    Habe ich eine andere Platte gehört? "Everyday" ist doch alles andere als düster und spröde. Eher poppig und einfacher strukturiert.