laut.de-Kritik

Wegweisendes Sampling-Meisterwerk für höhere Sphären.

Review von

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn "Endtroducing" ausklingt. Ganz langsam ebbt der Trancezustand ab, man begibt sich wieder in die Realität, zieht den Kopf aus dem Soundkosmos, der in den 62 Minuten zuvor die Geschicke des eigenen Organismus lenkte. Stück für Stück tropfen die Alltagsgeräusche wieder ans Ohr, der Boden wird fester unter den Füßen. You've just experienced heaven. Vertraut aus der Geschichte, gleichzeitig zeitlos. Warum, ist nicht gleich klar und das ist auch das Geheimnis dieses grandiosen Albums.

Wird der Kopf klarer, lichten sich die Wolken um dieses Mysterium nach und nach. "Entroducing" besteht nur aus Samples. DJ Shadow griff zu keinem einzigen Drumstick, zu keinem Bass, zu keiner Gitarre für die Produktion. Seine Instrumente sind Platten. Dutzende, Hunderte, Tausende Alben, alte Funkscheiben, Recordings von Radioprogrammen, teilweise obskures Zeug, das schon allein des Seltenheitswerts wegen verwendet wurde. Ein Ding der Unmöglichkeit, alle Samples rechtlich abzuklären.

Das alles verschmolz zu einem ungeheuer dichten Stück elektronischer Instrumental-Musik, das zum ersten Mal den inflationär verwendeten Satz "Das Ganze ist mehr als die Summer seiner Teile" rechtfertigt. Als durchgängig konzeptioniertes Album versprüht "Endtroducing" stets eine etwas bedrückende Atmosphäre im reduzierten, heftig groovenden Downtempo. Düster und final klingt die Musik, schon der überlebensgroße Beat auf "Building Steam With A Grain Of Salt".

Die geisterhaften Frauenchöre - durchschnitten von Breaks - erwecken dermaßen das Bild verlassener gruseliger Vorstädte, dass man sich fast schon in einem David Lynch-Film sieht. In dieser Gemütsverfassung zwischen postapokalyptischer Einsamkeit und einem Zukunftsverständnis der 70er- und 80er-Jahre treibt uns das Album durch 62 Minuten, lüftet nur manchmal die extrem drückende Schwere mit einem kurzen Beispiel von kalifornischem Humor ("Untitled"), nur um danach mit einem durch und durch außerirdischen Track ("Stem/Long Stem") Streicher gegen stakkato-artiges Drumfeuer laufen zu lassen.

DJ Shadow ist ein Meister darin, scheinbare Gegensätze herauszufordern und zu seinen Gunsten umzukehren: Die Schizophrenie, mit alten Samples einen Weltraum-ähnlichen Sound zu bauen. Oder sich den Grundlagen der textbasierenden Hip Hop-Kultur zu bedienen, um ein größtenteils wortloses Instrumentalalbum zu machen. Oder sich komplett von der Forderung der Clubszene zu lösen und nachzudenken, anstatt zu feiern.

Über naturbelassen Original-Drumsounds der alten Fundstücke erlaubt sich Shadow das elegante Zaubern einer psychedelischen Traumwelt, mit viel Raum für horizontweite Soundleinwände. Die Club-Dancefloors gehen bei dem Album leer aus, die Musik auf "Endtroducing" erhebt den Anspruch auf Größeres. Tracks wie "Changeling" oder die zwei Teile von "What Does Your Soul Look Like?" mäandern zwischen Lounge und Ambient-Flächen, während Saxophon-Töne und einzelne Wort-Schnipsel als Echos vergangener Tage gegen die kantigen Beats der 60er Jahre-Funkdrummer anschwellen. Dabei verfährt er in den Arrangements nie nach dem gleichen Muster, lässt Bassfiguren in anderen Songs wieder auftauchen, setzt plötzlich auf totale Reizüberflutung ("Mutual Stomp"), und wird im richtigen Moment fast wieder massenkompatibel ("Organ Donor").

Obwohl DJ Shadow aka Josh Davis als klassischer Hip Hop-Head in Kalifornien aufgewachsen ist, steht sein "Endtroducing" näher an "The Dark Side Of The Moon" als an "The Chronic". Die fehlenden Vocals rücken die Instrumentalfinesse noch mehr in den Vordergrund, die zusammensetzt, was eigentlich nicht zusammengehört. Jazz-Elemente, Ambient-Sounds, Klassikinstrumente, alles fließt. Über Grooves alter Soul- und Funkplatten, punktiert von ein paar klassischen Turntable-Tricks.

So dick die Rhythmen, so spannend und detailliert das Soundbild. Gar reduziert mit einem feinen Gespür für Feinheiten in jeder noch so verborgenen Soundecke lässt Shadow beispielsweise minutenlang ein Break wachsen ("Napalm Brain/Scatter Brain") oder spickt sphärische Orgel- und Synthesizer-Betten mit akustischen Gitarrennoten. Manche Delikatessen legen erst Kopfhörer frei, auch nach wiederholtem Genuss, am besten naturgemäß bei abgedunkelten Fenstern.

Bei geschlossenen Augen entfaltet das Album eine cineastische Breite, dämpft die Außenwelt auf ein bloßes Umweltdasein ab und wirft sphärische Sounds und organisch gewachsene Beats im Gehirn an die sich langsam freimachende Staffelei des Geistes. Da man irgendwann aber auch aufstehen muss, funktioniert dieses Werk ebenso als Begleiter durch die hektische Welt von heute. Wer einmal auf dem Weg zur Arbeit "Midnight In A Perfect World" im Ohr hatte, weiß um die Wirkung dieser Scheibe.

"Endtroducing" fesselt zuerst mit den Grooves, injiziert darüber aber muskellösende Entspannungswelten und verhilft in bestimmten Momenten zu beklemmender Panik und herzklammernder Gänsehaut, während man immer ein paar Zentimeter über dem Boden schwebt. Du kommst für die Beats, du bleibst für die Atmosphäre. Neben all den unbekannten Musikern verirrten sich auch einige bekanntere Namen auf "Endtroducing", jedoch nicht um des plumpen Namendroppings Willen, sondern weil ein bestimmter Scratch oder eine bestimmte Keyboardnote eben genau das war, was Shadow gesucht hatte.

Es reichte ihm jedoch nicht, einfach die Bassline einer Parliament-Single herauszunehmen und daraus eine Single zu basteln. Chirurgisch präzise, und sei es nur für den Bruchteil einer später vewendeten Sekunde, filettierte Shadow Platten von Kurtis Blow, A Tribe Called Quest und Grandmaster Flash, von Tangerine Dream, Björk, T.Rex, Kraftwerk und Metallica, um die bekanntesten Beisteuerer von "Endtroducing" zu nennen.

Prinzipiell ist er also ein großer Historiker und Archäologe der Musikgeschichte. Was er findet, bekommt sonst niemand. In der DJ-Dokumentation "Scratch", zu finden auf den gängigen Videoportalen, sieht man Davis im Keller seines Stammplattenladens, umringt von unendlichen Stapeln von Vinyl. Ein großer Haufen zerbrochener Träume in Form von Singles und Alben lägen dort herum, meint er. Wohl wissend, dass er vielleicht einmal selber nur ein Ladenhüter im Elektronik-Fach unter Buchstabe D sein wird.

Aber jeder, der sich mindestens einmal mit "Endtroducing" in die Umlaufbahn begibt, kann abnicken, dass DJ Shadow sein Bestes gegeben hat, um dort nie zu landen. Es war der ansonsten allwissende Henry Rollins, der einst die Meinung vertrat, dass DJs keine Musiker seien, da sie nur die Musik anderer Menschen spielten. Mit "Endtroducing" bewies DJ Shadow, dass Sampling und die Kreation neuer Musik daraus sehr wohl eine Kunstform sind. Und was für eine.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Best Foot Forward
  2. 2. Building Steam With A Grain Of Salt
  3. 3. The Number Song
  4. 4. Changeling
  5. 5. Transmission 1
  6. 6. What Does Your Soul Look Like (Part 4)
  7. 7. Untitled
  8. 8. Stem/Long Stem
  9. 9. Transmission 2
  10. 10. Mutual Slump
  11. 11. Organ Donor
  12. 12. Why Hip Hop Sucks in '96
  13. 13. Midnight In A Perfect World
  14. 14. Napalm Brain/Scatter Brain
  15. 15. What Does Your Soul Look Like (Part 1 - Blue Sky Revisit)
  16. 16. Transmission 3

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26 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Anwalt: Und, mal in "Endtroducing" reingehört mittlerweile? Gefällt?
    Thema Damen-Meilensteine: Björk können wir da gerne weglassen, wenn ihr mich fragt. In Sachen PJ Harvey würde ich "to bring you my love" nominieren. Weitere Dame für Meilensteine:
    - Erykah Badu mit "Baduizm"

  • Vor einem Jahr

    @dein_boeser_Anwalt (« ich sag ja nicht, dass euer gedanke quatrk wäre...nur konnte ich mir die steilvorlage natürlich nicht entgehen lassen....
    ....und natürlich hat nico eine überplatte im gepäck...the marble index....ein album wie der tod...
    nur mit welcher frau hier anfangen?
    madonna,kate b, tori, tina ( ike), janis joplin? rickie lee? joni mitchel? die knef? kylie? ani? doro? oder ganz konsequent: billie holiday?.... »):

    Oder Etta James? Nina Simone? Grace Slick? Sinéad O'Connor? Sarah Vaughan? Aretha Franklin? Annie Lennox? Roberta Flack? Karen Carpenter? - die nach deiner Definition von "great women in music" alle gingen... Sag du es mir, du arbeitest für den Schuppen - und das kontinuierliche namedropping macht es doch umso peinlicher für euren Laden, bisher in über 50 Meilensteinen noch KEINE EINZIGE der wachsenden Zahl genannter, würdiger Kandidatinnen berücksichtigt zu haben. :D
    @argi beweist natürlich gleich, warum man ihn nicht fragen würde - selbstverständlich muss Björk mit 'Homogenic', oder wahlweise 'Post', da rein - das hat nicht nur rein musikalische, sondern auch musikkulturelle Gründe, betrachtet man die Rezeption von Björks Musik durch Medien und Fans aus verschiedensten 'Subszenen' in dieser Zeit. Als Musikerin und Künstlerin schon immer visionär, in Sachen Aufnahme und Mix ihrer Musik manchmal gar revolutionär.
    PJ sollte, wie Tori und Björk, den Meilenstein für etwas aus ihrem Backkatalog der 90er bekommen.
    Von der verstörenden 'Wirkung auf die Hörer', dem Konzept und seiner Umsetzung her sicher 'Rid of me', musikalisch und songwriterisch eher 'To Bring You My Love', mein Favorit ist aber tatsächlich das durch Fans und Kritiker viel geächtete, oft dunkel-poppig klingende, dabei üppiger instrumentierte und arrangierte 'Is This Desire?' von 1998.
    Für Tori und Fiona geh ich absolut mit jenzo d'accord.

  • Vor einem Jahr

    Souli: das beweist gar nichts, Kunst liegt in den Ohren der Hörer, Björk hat mir halt nie was gegeben, jeder darf hier seine Meinung zu etwaigen Meilensteinen kundtun. Aber zumindest bei PJ sind wir uns ja recht einig.