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Verflucht, dieser Mann ist ein Phänomen. Hip Hop-Prediger, Emorapper, Moralapostel - jedes Grüppchen selbsternannter Kritiker hat sich im Laufe der Zeit ein eigenes Prädikat für den Glatzkopf zurechtgelegt. Und dennoch, wenn Curse ans Mic tritt, spitzt die Szene geschlossen mit angehaltenem Atem die Ohren wie amerikanische Omis bei Fernsehtheologen. Wenige ernten von derart vielen Gruppen Respekt für ihr Lebenswerk, niemand ist so universell begabt wie er.
Wenn der Mindener heute mit Samuraischwert auf dem Cover ans Mic tritt, ist es ein wenig, als sei er nie weg gewesen. Durch tiefes In-sich-gehen erworbene Weisheiten, gepaart mit der messerscharfen Klinge des Battleraps, dafür steht Curse wie der verwunschene Apfel für Schneewittchen. Auch das nächste vertonte Beziehungsende ("Wir erwarten zuviel") berührt noch ebenso sehr wie "Hassliebe" vor gut fünf Jahren. Nicht wegen falschen Mitleids oder peinlicher Betroffenheit, vielmehr ist es die fast greifbare Ehrlichkeit, die in der Luft liegt, sobald Kool DJ GQs Beat aus den Boxen dröhnt. Intelligent wie er ist, folgt aber sogleich die Selbstreflexion auf dem Fuß. "Ich liebe jede meiner Exfreundinnen, denn ohne sie hätte es diese Tracks nicht gegeben." Ob ihnen das ein Trost sein wird?
Der bouncende Punkt ist, dass Curse sich eben nicht durch permanentes Tränenvergießen auszeichnet. Natürlich erzählt er mehr aus seinem Leben als andere, natürlich nutzt er die Musik ungewöhnlich oft als Sprachrohr seiner Seele. Doch zeichnet nicht genau diese Eigenschaft einen Vollblut-Musiker, nein, -Künstler aus? "Ihr wollt mir sagen, gebt den Leuten doch das, / was sie wollen, doch ich hab immer das, was sie brauchen, gemacht", betont er zu Beginn von "Gegengift", in dem er a capella eindrucksvoll sein musikalisches Selbstverständnis klarstellt. Wer einmal versucht hat, seinen Herzschmerz mit "Feuerwasser" zu bekämpfen, weiß verdammt gut, was er damit meint.
Curse lässt sich jedoch nicht von irgendwelchen Musikdogmen begrenzen. Der Träumer, permanent im inneren Struggle mit Liebeskummer und Sinnfragen, kann nämlich auch batteln wie Van Damme in Blood Sports. "Ich habe kein Problem mit Battlerap – Ich mag nur keinen Rap ohne Sinn", eröffnet er seinen Beitrag zu RZAs Europafeldzug. Nun lässt sich sicherlich darüber streiten, ob Samys x-te dämliche Platitüde gegen die herrschende politische Elite diese Bedingungen erfüllt, aber so technisch versiert, wie sich die beiden altgedienten MCs präsentieren, kann man "Broken Language Reloaded" zumindest nicht die Daseinsberechtigung absprechen – zumal der Beat von D/r Period Ärsche kickt wie Uwe Seeler einst Bälle.
"Ich kann kämpfen gegen 10 Mann, aber vor mir selbst habe ich Angst" – keine Phrase könnte Curse musikalisches Schaffen besser zusammenfassen als diese Zeile aus "Heilung". Es ist ein Fluch, sich zu oft mit seinem Inneren beschäftigen zu müssen. Vielleicht ist sein Name doch nicht zufällig gewählt. Und ehrlich wie er ist, macht Curse in "Mein Leben" anderen Rappern klar, dass sie keinen Grund haben, wegen ihrer ungerechten Kindheit so viele Tränen zu vergießen, dass die Mikrofone kurzschließen: Man kann alles bekämpfen, verdrängen, hassen, aber nichts auf der Welt schützt vor der eigenen Intelligenz.
Wer könnte also in einer Zeit, in der Eltern ihren Sprösslingen nicht mehr vermitteln als die Bedienung der TV-Fernbedienung, und in der Religiosität bedeutet, den Papsttod als Countdown herunterzuzählen, heranwachsenden Rapfans weniger aufdringlich den Zeigefinger vorhalten als der Mindener? Und er nimmt seine Verantwortung durchaus ernst. Warnt er in "24" vor Leichtsinn gegenüber der Aids-Problematik, ist das deutlich effektiver als ganze Regenwälder, bedruckt mit roten Schleifen und lustigen Kondombausätzen für Stofftiere und Flugzeuge. Und wenn er sich in "Gangsta Rap" an die gesamte Szene, Schaffende wie Konsumenten, wendet, wird Überfälliges auf den Punkt gebracht. Curse will kein Moralapostel sein, aber Menschenfreund genug, um Kids die Trennlinie zwischen fiktiven Wunschphantasien und realistischem Zusammenleben aufzuzeigen. Berufsskeptiker werden auch diesen Track freudestrahlend blutig ausschlachten, aber wer nimmt die schon ernst?
Eine der wichtigsten Gestalten der deutschen Musikszene lässt die wartende Fanschaft und Szene endlich wieder an seinem Gedankenleben teilhaben, und er erfüllt alle Erwartungen. Tolle Battletracks, technisch on top, eine spezielle Form von Romantik, die man fühlen muss, um sie zu verstehen, eine geballte Ladung Selbstreflektion, mit einem Gänsehautfaktor, die MC Rene wie ein weinendes, Tagebuch schreibendes Schulmädchen aussehen lässt.
Kritikern schleudert der Mindener in "Struggle", einem der zahlreichen Höhepunkte der Platte, ein ehrliches "Ich sag' zu ihnen: Ich kann nur sein, was ich bin. / Ich kann nur fühlen, was ich fühl, und genau das schreib' ich auch hin" entgegen. Ein Dankeschön für eine der besten und vor allem bewegendsten Rapplatten des Jahres. Ganz ehrlich.
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Curse - Sinnflut (2nd Edition) | Infos (Lieferzeit/Service) | €16,99 | €3,95 | €20,94 |
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Curse - Sinnflut | Infos (Lieferzeit/Service) | €44,99 | €0,00 | €44,99 |





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