laut.de-Kritik

Was wäre wohl gewesen, hätte er sich angestrengt?

Review von

Es fühlt sich wie eine halbe Ewigkeit an. Doch das "Easy"-Mixtape, mit dem der junge Stuttgarter namens Carlo einen zumindest in Deutschland beispiellosen Social Media-Hype kreierte, liegt gerade einmal sieben Monate zurück. Auf faszinierende Art und Weise hat sich das Phantom mit der Pandamaske seither zum umjubelten wie kontrovers diskutierten Thema, der aufstrebende MC zum allseits gefragten Pop-Star entwickelt.

Egal ob rap.de oder der Süddeutschen - jedem Interviewpartner verklickerte Cro, die gigantische Erwartungshaltung und der Trubel um seine Person tangierten seine Arbeitsweise nicht einmal ansatzweise. Mit der ersten Studioplatte gilt es, diese Lockerheit zu bestätigen. Und siehe da, der 20-Jährige gibt sich auch als Musiker immer noch genauso unbehelligt wie zuvor. Nicht viel nachdenken, sich keinen Kopf machen, genau darin liegt seine Stärke, leider aber auch eine erhebliche Schwäche des vorliegenden Erstlings.

"Alter, Cro wäre viel geiler, wenn er einfach auf ungarisch oder so rappen würde", reagierte kürzlich mein Bekannter auf den vorab veröffentlichten Single-Dreierpack ("Du", "King Of Raop", "Meine Zeit"). Tatsächlich bringt gerade die textliche Eindimensionalität der Hits viele Hörer in eine echte Dilemma-Situation: Von den treffsicheren Ohrwürmern fühlt man sich hingezogen bis verfolgt, von Cros durch und durch hedonistischen Lyrics dagegen oft gelangweilt und von manch plumper Phrase ("Ich brauch nicht viel im Leben, außer das Supreme-Emblem", "Meine Zeit") sogar abgeschreckt.

Inhaltlich knüpft das heiß erwartete Debüt jedenfalls nahtlos an die gefeierten Mixtapes an: Unbeschwertheit und Euphorie dominieren das Geschehen, anderen Stimmungslagen gewährt Cro zumindest in seinem musikalischen Schaffen keinen Platz. Einzig "Ein Teil", ein (bezeichnenderweise versöhnlicher) Song an die Ex, sowie das ansatzweise philosophische "Jeder Tag" präsentieren den jungen Carlo mal etwas nachdenklicher, aber immer noch glücklich und zufrieden.

Gegen sonnigen Sound für die heiße Jahreszeit gibt es an und für sich nichts einzuwenden. Schade nur, dass ein wesentlicher Teil des "Raop"-Repertoires zwischen ungehemmter Selbstbeweihräucherung ("King Of Raop", "Wie Ich Bin") und Oden an die "Geile Welt" pendelt. Wirklich Eindringliches möchte er aus seinem Leben anscheinend nicht berichten. Daran ändern auch Strophen über die böse Lehrerin von früher und den ersten Geschlechtsverkehr ("Nie Mehr") nichts.

Zwar greifen Cro und sein Produzententeam auch musikalisch nicht allzu tief in die Trickkiste, schließlich hatte man es mit der Studioarbeit ohnehin eilig und sagte sogar die mehrwöchige Tour als Casper-Support ab. Für einen bunten Blumenstrauß aus abwechslungsreichen, in sich stimmigen Instrumentals hat es aber trotzdem gereicht. Ausgehend vom 'Muttergenre' Hip Hop zog man verschiedenste Stilrichtungen wie Synthiepop ("Du"), Indie ("Wie Ich Bin") oder Rock ("Wir Waren Hier") heran und setzte dabei überwiegend auf elektronische, gerne aber auch auf organische Klänge.

Cro selbst inszeniert sich - entgegen der lethargischen Auftritte in diversen Video-Interviews - einmal mehr als leichtfüßiges Energiebündel. Auch diesmal wandert er geschickt auf dem Grat zwischen Rap-typischer Reimtechnik und cheesy R'n'B-Gesang. Dabei hat sich die Gewichtung seit "Easy" sogar noch leicht zu Letzterem hin verschoben, was gerade den ohnehin melodischen Instrumentals ("Jeder Tag", "Du") bestens zu Gesicht steht.

Nur manchmal stößt der Newcomer gesanglich an seine Grenzen ("Ein Teil"), zudem aktivieren die gelegentlichen Autotune-Prisen zumindest in meinem Gehör sofort gewisse Abwehrmechanismen. Seine überzeugenden Doubletime-Skills zaubert der Schwabe bedauerlicherweise nur im gelungenen "Intro" aus dem Hut.

Der Überhit "Easy", lange Zeit bereits auf dem gleichnamigen Free-Mixtape und anschließend als Single erschienen, begegnet einem in der Album-Tracklist nun ein weiteres Mal. Ob Hipsterblog, große Radiostation oder holpriges DJ-Set in der Jugenddisco: Die Nummer funktionierte in den letzten Monaten in etlichen Kontexten.

Doch inmitten der Synthie-dominierten "Raop"-Beats fügt sich der längst totgespielte Track mit seinem dominanten Bobby-Hebb-"Sunny"-Sample einfach nicht wirklich ein. Ähnliches gilt für das Kilians-Remake "Einmal Um Die Welt", das auf "Meine Musik" bereits für lau erhältlich war und die Laufzeit des wirklich neuen Materials auf 36 Minuten reduziert.

Cro liefert mit seinem Erstling dennoch genau das ab, was Medien, Facebook-Fans, Groupies und Hater von ihm erwarten. Wer "Trash", "Meine Musik" und "Easy" feiert, kommt auch mit dem heiß ersehnten Debüt voll auf seine Kosten. Denn der Shootingstar stattet tatsächlich alle vierzehn Tracks mit erheblichem Hitpotenzial aus, während die astreinen Feelgood-Beats das Ganze zur idealen Sommerplatte machen. Mit denkbar einfachen Mitteln öffnet sich Cro seine ganz eigene Nische in der deutschen Popwelt. Die "Raop"-Nische eben.

Für Überraschungen sorgt die Platte aber leider nicht. Und so wird man ihn einfach nicht los, diesen faden Beigeschmack, den ausgerechnet Cro im "Intro" denkbar treffend in Worte fasst: "Ich schüttel alle meine Texte, jeden meiner Sätze locker aus'm Handgelenk / Keiner von euch kann sich vorstellen, was wohl wär', hätt' er sich angestrengt."

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. King Of Raop
  3. 3. Easy
  4. 4. Geile Welt
  5. 5. Du
  6. 6. Wie Ich Bin
  7. 7. Meine Zeit
  8. 8. Nie Mehr
  9. 9. Jeder Tag
  10. 10. Genau So
  11. 11. Einmal Um Die Welt
  12. 12. Wir Waren Hier
  13. 13. Ein Teil

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409 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    Als eher gelegentlicher Hörer Rap(oder daran zumindest orienterter)Musik muss ich schon sagen dass ich mich außerordentlich auf das Album freu, wird zusammen mit Gaslight wohl zum Sommer-Soundtrack diesen Jahres.

  • Vor 2 Jahren

    ist 'wir waren hier' (iggy) nicht auch auf easy?
    EDIT: ja ist es, snippet gehört

  • Vor 2 Jahren

    Durch den Hype ist es einfacher Cro zu haten als ihn zu feiern.
    "Easy" war ganz nett und funktioniert super als musikalische Untermalung bei einem lauen Grillnachmittag mit Freunden!
    Deswegen erwarte ich genau diesen laid back chill Sound für den Sommer bei "Raop" und keine Neuerfindung des Rades, geschweige denn eine Wiederbelebung des so oft totgesagtem Genre HipHop.
    Laut Review werde ich wohl nicht enttäuscht werden.