laut.de-Kritik

Inhaltlich wie musikalisch prädestiniert für einen Disney-Film: Die fabelhafte Welt des frisch geschlüpften Schmetterlings.

Review von

Der Sommer naht. Noch auf der Suche nach dem richtigen Soundtrack? Ich wüsste da was: CousCous' zweites Album stellt quasi das musikalische Äquivalent zu Sonnenschein, sprudelnden Bächen und Freiheitsgefühl dar. Völlig losgelöster Pianopop aus Dresden, der ein Gesamtpaket mitbringt, das weit über die Musik hinausgeht.

"Als die Songs zu 'Tales' entstanden sind, war sehr schnell klar, dass es nicht reicht, uns musikalisch auszudrücken. Wir wollten Gefühle, Echtheit, das ganze Spektrum, zeigen und dies in einer Geschichte verpacken." Die Folge: ein 160-seitiges Buch zusätzlich zum Album.

Hauptfigur: der Junge mit den Schmetterlingen im Bauch. Er lebt in einer Welt, in der die Menschen Gefühle nachahmen, statt sie wirklich zu empfinden. Mehr will ich ich gar nicht verraten. Nur so viel: Diese Mischung aus "Alice Im Wunderland", "Dornröschen" und "Die Fabelhafte Welt Der Amélie" erscheint geradezu prädestiniert für einen Disney-Film. Wie auch die Musik.

Die weckt nicht nur einmal Erinnerungen an Yann Tiersens "Amélie"-Soundtrack, oder eben "Frozen" und Co. Was kommt noch in den Sinn? Christina Perri und Tori Amos zum Beispiel. Vor allem in ruhigeren Momenten. Wer Arjen Lucassens letztes Jahr erschienenes The Gentle Storm-Debüt mochte, sollte ebenfalls die Lauscher spitzen.

Tatsächlich passt letztgenannter Vergleich vielleicht sogar am besten: das fantastisch angehauchte Storytelling, auf und ab wogende Arrangements, dazu eine Sängerin, die einen Song trägt, ein beeindruckendes Spektrum abdeckt, den immensen instrumentalen Facettenreichtum aber keineswegs einschränkt.

Den Leitfaden legt stets das Klavier, häufig in Form eines durchlaufenden Patterns, um das rundherum der Wald zu blühen beginnt. Später unternimmt es dann selbst verspielte Ausflüge auf den herauf beschworenen Blumenwiesen. Genau auf diese Weise beginnt "The Wrong Side Of Life" - und damit "Tales". Im Grunde genommen baut sich alles um gerade einmal zwei helle Töne auf, zwischen denen Moritz Eßinger über eine Minute lang pendelt. Bald schon entspringen dieser Knospe eine zweite, schwerere Akkordspur, aufbauender Beckenwirbel und die Stimme von Tine Schulz. Dem unscheinbaren Kokon entschlüpft ein kräftiger, leuchtender Schmetterling, bereit, um loszufliegen. Ein besserer Einstieg für das Begleitmärchen hätte sich kaum schaffen lassen.

An Strukturkonventionen verschwendet das Duo keine Gedanken. Die beiden lassen sich einfach tragen. So decken sie innerhalb eines Songs verschiedenste Gefühlslagen ab. Eigentlich ist das sogar die Regel. "Alice" präsentiert sich insgesamt als positive, aber eher getragene Ballade. Was sie nicht daran hindert, gegen Ende in ausgelassene Tanzstimmung auszubrechen, inklusive Handclaps.

"A Tale" macht zunächst den Eindruck, als werde diesmal die sehnsüchtige Stimmung durchgehalten. Doch die energische Tine wartet schon und legt nach zweieinhalb Minuten ihre Leine ab. Kurzes Intermezzo, danach gleich wieder zurück in Streicher- und Melodiebögen. Die Übergänge passieren dabei wahnsinnig smooth, wie im echten Leben eben auch: Die Grenzen verschwimmen, und manchmal liegen vermeintliche Gegensätze ganz nah beieinander und ergänzen sich. CousCous fangen genau das ein.

Besondere Erwähnung verdient dahingehend der Dreier "Tidal Wave"/"The Currents"/"River". Die Stücke passen nicht nur namentlich, sondern auch musikalisch zusammen und ergänzen einander zu einem großen Zehnminüter, der den schon vorher präsentierten emotionalen Spannungsbogen noch wesentlich breiter auffächert. "Tidal Wave" erinnert etwas an "River Flows In You", verursacht Gänsehaut, wenn Tine das Volumen ihrer Stimme entfaltet, und bleibt seiner Melancholie tatsächlich über die gesamte Lauflänge treu, bevor "The Currents" als Zwischenspiel Spannung aufbaut, sogar kurz bedrohlich wirkt, und die Steigerung einläutet. "River" versprüht dann pure Wärme. Der Song spielt noch weiter mit Dynamik, schenkt seinen Streichern Bläser und gibt sich voll und ganz Harmonie und Hoffnung hin.

Unbekümmert und verspielt bestreitet "Heart On My Sleeve" im Nachhinein das Ende der ersten Hälfte. Die zweite ist im Vergleich vielleicht etwas unscheinbarer, was hauptsächlich daran liegt, dass sie insgesamt weniger sprunghaft ausfällt und verstärkt die ruhige Seite CousCous' beleuchtet. "Daughter" und "Winter, Winter" bilden allerdings zwei der stärksten Momente des Albums. Letzteres definitiv den traurigsten, was sich vor allem wieder in den Kontrasten innerhalb des Songs niederschlägt. Auf laute, eindringliche Passagen folgen zerbrechliche, leise, die gerade wegen der Dynamikschwankung noch besser zur Geltung kommen.

Dazu halten CousCous die vermittelte Atmosphäre außerhalb der Songs aufrecht. Nachdem Moritz in "His Last Romance" den letzten Akkord angeschlagen hat und Tines letztes Wort verklungen ist, hallt die Wärme nach. Man lässt das Gehörte gerne noch einmal in der Stille Revue passieren. Als nächstes kann man sich daran machen, Geschichte und Musik zu verknüpfen. Oder man überlässt diese Aufgabe einfach den Gefühlen, die regeln das vermutlich ganz von allein. Hauptsache, man lässt den Schmetterling fliegen.

Trackliste

  1. 1. The Wrong Side Of Life
  2. 2. Alice
  3. 3. A Tale
  4. 4. Tidal Wave
  5. 5. The Currents
  6. 6. River
  7. 7. Heart On My Sleeve
  8. 8. The Secret Garden
  9. 9. Apple Tree
  10. 10. Daughter
  11. 11. The Turn
  12. 12. Winter, Winter
  13. 13. Boyhood
  14. 14. His Last Romance

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8 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor einem Jahr

    jetzt nur mal von der optischen präsentation ausgehend : musik für die die müsli-muttis vom prenzlauer berg.

  • Vor einem Jahr

    Habe einige Fragen:

    1. Wollen die jetzt auch ein Stück vom Industriekuchen, oder backen die lieber weiterhin kleinere, glutenfreie Brötchen?

    2. Sollte ich mir die Vinyl kaufen - ist die Hülle mit veganem Kleber zusammengepappt? Oder muss ich mich doch auf die digitale Version beschränken, um mich ethisch korrekt zu verhalten?

    3. Hat das Duo die für die Buchseiten verwendeten Bäume akkurat nachgepflanzt? Wenn nicht - gibt es das auch als eBook?

    4. Muss ich die Platte mit heißem Wasser übergießen, damit sie genießbar wird? Oder lieber Gemüsebrühe (ohne Hefe versteht sich)?

    5. Welche Intoleranz habe ich, wenn ich diese Musik nicht (v)ertrage?

  • Vor einem Jahr

    Allein dieses Bild auf der Portraitseite. "Huch! Ich hab ja blanke Titten! Schnell den Arm davor halten, der Fotograf ist gleich da und mir steht der Schock immer noch ins Gesicht geschrieben."

    Wie nötig kann man es denn bitte haben?