laut.de-Kritik

Ein Live-Album, das den Sommer zurück bringt.

Review von

Nachdem Clueso Anfang September via Facebook die Trennung von seiner sechsköpfigen Band bekanntgab, steht mit "Stadtrandlichter Live" ein würdiger Abschied von 13 kreativen und vor allem produktiven Jahren der Zusammenarbeit ins Haus. Sechs Alben und rund 600 Konzerte später sieht Thomas Hübner es an der Zeit, ein Akustik-Album aufzunehmen, das sich bekanntlich besser für Clubkonzerte und Kellergigs eignet.

Ganz anders "Stadtrandlichter": Wie Kollege Langemann bereits feststellte, erklingt der Nummer eins-Longplayer des Erfurters wie für die große Bühne gemacht, zuweilen sogar stadiontauglich ("Alles Leuchtet", "Freidrehen"). Die dem Live-Album zugrundeliegenden Aufnahmen entstammen zwei Auftritten in Thüringens Landeshauptstadt vor gut fünfzehntausend – größtenteils weiblichen, so viel kann ich aus Erfahrung sagen – Fans.

Clueso nimmts gelassen. Herrlich zwanglos und unangestrengt interagiert er mit der Menge, lässt ihr Raum zum Mitsingen, aber auch zum besonnenen Lauschen, redet zwischen den einzelnen Songs weder zu viel noch zu wenig, vermeidet Standardfloskeln, grüßt dafür aber die Oma oben in der Lounge. Ob Hip Hop, Reggae, Singer/Songwriter oder Indierock: Beim Switchen zwischen den Genres erzeugt der 35-Jährige stets mit Leichtigkeit die gewünschte Stimmung.

Die bereits erwähnte Band um Gitarrist Christoph Bernewitz, Posaunist Christian Kohlhaas, Daniel Bätge am Bass, Keyboarder Philipp Milner, Tim Neuhaus hinter den Drums sowie DJ Malik weiß den detailreichen, organischen Sound mit ordentlich Spielfreude auf die Bühne zu bringen. Schade nur, und irgendwie unverständlich, dass die Tracks auf Platte nicht mit Applaus enden, sondern die Ansage für den folgenden Song direkt anschließt und danach eine Pause entsteht, die das schon angestimmte Instrumental - wenn auch nur kurz - unterbricht.

Wo wir schon beim Meckern auf hohem Niveau sind: Obwohl das Album "Stadtrandlichter Live" heißt, stimmt die Tracklist keineswegs mit der Vorlage überein: Hier finden sich sowohl ein elfminütiges "Medley" mit den alten Jam-Kollegen Norman Sinn und Dirty MC als auch "Cello", für das Udo Lindenberg persönlich aufkreuzt. Warum aber schier unkaputtbare Live-Feuerwerke wie "Keinen Zentimeter" oder "Chicago" fehlen, obwohl sie in Erfurt gespielt wurden, weiß wohl nur die Band selbst.

Nach "So Sehr Dabei", laut Clueso "einer unserer Lieblingssongs", den die sieben Mannen brauchen, "um runter zu kommen", ist noch lange nicht Schluss. Sechs sehr ruhige Bonussongs, aufgenommen im kleinen Kreis und ganz ohne Gerede, geben den Weg vor, auf dem der Erfurter wohl künftig wandeln wird. Thomas Hübner mag kein herausragender Sänger sein, doch mit Herzblut, Energie und einer großartigen Band im Rücken bringt "Stadtrandlichter Live" den Sommer zurück. Der wärmste November seit mehreren hundert Jahren kommt da gerade recht.

Trackliste

  1. 1. Pack Meine Sachen
  2. 2. Zu Schnell Vorbei
  3. 3. Freidrehen
  4. 4. Still
  5. 5. Intro 1
  6. 6. Alles Leuchtet
  7. 7. Medley
  8. 8. Gewinner
  9. 9. Nebenbei
  10. 10. Verdamp Lang Her
  11. 11. Out Of Space
  12. 12. Cello
  13. 13. Stadtrandlichter
  14. 14. Intro 2
  15. 15. So Sehr Dabei
  16. 16. Unter Strom
  17. 17. Galerie
  18. 18. Geradeaus
  19. 19. Ich Falle Noch
  20. 20. Lass Den Kopf Nicht Hängen
  21. 21. Wach Auf

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2 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 2 Jahren

    Ich war bei diesem Konzert live dabei und muss sagen, dass ich von dem Konzertmitschnitt enttäuscht bin.

    Leider wurde das gut 160 Minuten lange Konzert auf knapp über anderthalb Stunde zusammen geschnitten. Einige Songs, welche vor allem auch optisch genial umgesetzt wurden, fehlen leider komplett! Stattdessen wurden noch 5 Akustik-Tracks ("Bonustracks") dazu gepackt, was natürlich löblich ist, aber nichts mit dem Konzert zu tun hat.

    Clueso besticht live durch völlig andere Arrangements, welche meist viel besser sind, als die eigentlichen Albumversionen (sieht man ja auch an einigen Songs auf diesen Live-Aufnahmen). Daher ist dieses Ergebnis umso ärgerlicher.

    An sich gehen die 4/5 Sterne in Ordnung. Wer jedoch live vor Ort war, wird einiges vermissen, was aufgrund der Gesamtshow und dargebotenen Live-Qualität mehr als ärgerlich ist. Sehr schade!

  • Vor 2 Jahren

    leider wurde das gut 160 minuten lange konzert nicht ganz herausgeschnitten

    • Vor 2 Jahren

      Das ist ja immer Geschmackssache. Was man ihm denke ich nicht absprechen kann, ist (und das ist für mich eines der wichtigsten musikalischen Indikatoren für das Vorhandensein von Talent in irgendeiner Form) das Umgestalten von gewöhnlichen Song-Arrangements in teilweise völlig neue, beeindruckende Klangwelten. Auch die (nun ehemaligen) Bandmitglieder sind absolute Virtuosen, was man einfach am Zusammenspiel merkt. Authentisch, wenn auch mittlerweile abgenutzt durch überzogene Mainstream-Auftritte (Lindenberg etc.). Aber das interessiert mich live ja nur bedingt.