laut.de-Kritik

Wer will schon einen Roboter flachlegen?

Review von

"The old me is gone. I feel brand new / And if you don't like it: Fuck you." Es ist doch immer wieder schön, wenn die Fronten gleich von Beginn an geklärt sind.

Christina Aguilera jagt mit "Bionic" also auch dem herrschenden Trend des Sich-ständig-selbst-neu-erfinden-müssens hinterher. Will in diesem Falle meinen: Scheiß auf mein Gesangstalent, mein begnadetes Organ und meine Stimmgewalt: Ich mach' auf Lady Gaga und trällere, was selbst eine Annemarie Eilfeld nicht überfordern würde.

Die beiden genannten, eine Britney Spears, selbst eine Madonna - ihnen bleibt bei ihren limitierten Stimmchen wenig anderes übrig, als sich mit Nummern abzugeben, die keinerlei gesangliche Fertigkeiten erfordern. Eine Christina Aguilera - das hat sie oft genug bewiesen - könnte anders.

"I am the future." Was genau stimmt eigentlich mit der Vergangenheit nicht? "I'm bionic, hit you like a rocket." Wenn es sich dabei mal nicht um Wunschdenken handelt: So recht hinterm Ofen hervor locken wollen die verzerrten Synthiesounds, die gleich im eröffnenden Titeltrack den Gesang platt walzen, nicht.

Geradeaus pumpende Dancefloor-Beats wie in "Not Myself Tonight", Retorten-Claps wie in "Desnudate" oder Plastik-Fingergeschnippse wie in "Glam" hörte man in jüngster Vergangenheit wahrhaftig mehr als genug.

Bis "Prima Donna" stampft das Album stupide voran. Dann wird es für die Dauer etlicher Nummern gefühlvoll, ehe wieder weiter bis direkt auf den Dancefloor durchmarschiert wird. Ganz ungeniert bedient sich "Prima Donna" bei Pinks "Get The Party Started". Die Balladen-Passage beginnt erst mit dem "Morning Desert".

Die langsameren Tracks gestehen der Stimme endlich ein wenig mehr Raum zur Entfaltung zu. Besonders gelingt dies einmal mehr unter der Regie Linda Perrys in "Lift Me Up" oder dem zum langsamen Walzer auffordernden Love-Song "All I Need". Arg spannend tönt aber auch dies nicht. Ein Klavier, ein paar Streicher: fertig ist der Schmachtfetzen.

Mehr noch als die musikalische Absehbarkeit erschüttert allerdings die inhaltliche Einöde, in die Christina Aguilera entführt. Weiß eine erwachsene Künstlerin wirklich nichts anderes zu berichten als 08/15-Sexphantasien? "Soon I'm gonna feel your honey drip my juices start to flow." Prost, Mahlzeit.

Ehe wir beim Guten-Morgen-Fick "Sex For Breakfast" angekommen sind, haben wir bereits eine dröge Oralsex-Nummer mit Tittenbabe Nicki Minaj ("Woohoo"), ausgeleierte Lalalala-Gesänge in "Elastic Love" und die unmissverständliche Aufforderung "Get naked for me" in "Desnudate" hinter uns. Zu spanischen Textfragmenten gibt es hier selbstredend ebenso spanisch angehauchte Gitarren und Latino-Bläser (Upps!).

Inflationär eingestöhnte Lust-Geräusche sollen wohl verrucht wirken. Tatsächlich keuchte selbst Donna Summer (die Disco-Queen, der DJ sowieso) vor Jahr und Tag bereits inbrünstiger. Ohne Herz, ohne Seele, wie sich "Bionic" von Beginn an präsentiert, wird es eben tatsächlich schwierig mit der Erotik. Wer will schon einen Roboter flachlegen?

Wenn zur Abwechslung mal weder Striptease noch Geschlechtsverkehr gefordert wird, heißt es: "Let's get glam." Die verzweifelte Politur einer Fassade mit so offensichtlich nichts dahinter, das man preisgeben möchte, erscheint beinahe bemitleidenswert.

Im krampfigen Bemühen, modern zu wirken, versackt selbst "My Girls" gemeinsam mit Peaches in Powerfrau-Klischees. "So the pain begins when the music fades", heißt es in "Lift Me Up". Komisch - bei mir setzte der Schmerz mit den ersten Takten von "Bionic" erst ein.

Trackliste

  1. 1. Bionic
  2. 2. Not Myself Tonight
  3. 3. Woohoo feat. Nicki Minaj
  4. 4. Elastic Love
  5. 5. Desnudate
  6. 6. Love & Glamour (Intro)
  7. 7. Glam
  8. 8. Prima Donna
  9. 9. Morning Dessert (Intro)
  10. 10. Sex For Breakfast
  11. 11. Lift Me Up
  12. 12. My Heart (Intro)
  13. 13. All I Need
  14. 14. I Am
  15. 15. You Lost Me
  16. 16. Jungle Juice
  17. 17. My Girls
  18. 18. Vanity

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57 Kommentare

  • Vor 4 Jahren

    Top Organ, künstliche Fleischauslage, belanglose Musik. Schade.

  • Vor 4 Jahren

    Wie schade, fand Stripped eigentlich sehr gut...
    dieses ganze Dance-Autotune/"ich bin die Zukunft"- Geschwafel ist so extrem nervig, ich könnte kotzen. Bei den Black Eyed Peas(fand ich früher auch gut) angefangen bis hin zu Kesha.
    Würg würg*1000

  • Vor 4 Jahren

    Traurig wie oberflächlich diese Kritik ausgefallen ist. Da bin ich von Laut eigentlich Besseres gewohnt.

    Kein Wort zu den vielen eben nicht-mainstream Produzenten wie Sia, Ladytron, Le Tigre, M.I.A. oder Santigold. Kein Wort zu den vielfältigen stimmlichen Texturen, wie sie eben nicht jede andere hinbekommen würde. Christina beweist hier ein Talent, welches weit über das Schmettern höher Töne hinausgeht.

    Meiner Ansicht nach hat Bionic ein sehr interessantes Konzept, welches Selbstbewusstsein und Sexappeal, verpackt in eingängigen Elektro-Beats, mit Gefühl und Authentizität, ausgedrückt in akustischen Balladen, vereint. Genau diese Kombination macht sie zu etwas Besonderem und Bionic überaus hörenswert.

  • Vor 2 Jahren

    @KillPikachu (« So ultrabeschissen wie hier beschrieben ist das Album definitiv nicht! Natürlich wirken die Titel alle etwas wahrlos dureinandergewürfelt, aber zB 'You Lost me' oder 'Lift me up' erinnern stark an die alte Christina und songs wie 'Elastic Love' oder 'Desnudate' sind nicht so bekackt und belanglos wie vom Rezesent hier beschrieben.
    Gute 3 Sterne. »):

    Ich finde es süß dass du glaubst, dass dein Kommentar jetzt noch irgendwas ändern würde :)

  • Vor 2 Jahren

    ich mag pikatschu jetzt auch nicht sonderlich, aber muss er gleich sterben? :(

  • Vor 2 Jahren

    @Bodenseenebel (« ich mag pikatschu jetzt auch nicht sonderlich, aber muss er gleich sterben? :( »):

    :D :D sehr gut. Ist mir auch grad aufgefallen dass man das auch so verstehen kann. Nein SIE muss nicht sterben