laut.de-Kritik

Sorry, kein Bock auf deine Story.

Review von

Chris de Burghs weltweite Plattenverkäufe sprechen, machen wir uns nichts vor, eine deutliche Sprache. Zweihundert Gold- und Platinplatten weisen auf eine wahre Subkultur von Fans hin, eine Armee von Chrisoholics. Allerdings verhallen auch die Rufe derer nicht, die fordern, der Ire hätte spätestens nach "Lady In Red" zurück in seine Heimat, Argentinien, verduften sollen, um die Kühe in den Pampas durch stetiges Wiedergeben seiner Schmonzetten zur höheren Milchproduktion zu bewegen. Auf diesem Album beweist der Songschreiber, warum.

Nachdem er mit "The Long Road" eine respektables Konzeptalbum mit überschwänglicher Instrumentalisierung aus dem Boden stampfte, konzentriert sich de Burgh dieses Mal auf sein vermeintlich größtes Talent: Das Geschichtenerzählen. Dem bösen Eißfeldt, der in meinem Kopf spontan "Sorry, kein Bock auf deine Story" brüllt, schenke ich zunächst keine Beachtung, obwohl der Märchenopa sich bei "One World" erst mal ordentlich nass macht. Die spärliche Musikalisierung macht den hippiesken Text mit Choreinlagen kaum erträglicher, im Gegenteil. Ich stelle mir den Adelssprößling vor, wie er bei diversen imageträchtigen Benefizkonzerten in Afrika seine Eine-Welt-Vision vorstellt, kurz bevor er mit dem Privatjet weiter reist. Der Mann kann nicht nur singen, er ist ein großartiger Zyniker.

Man möge mir verzeihen, aber "Leningrad" nicht mit dem gleichnamigen Track aus der Feder Billy Joels zu vergleichen, erscheint undenkbar. Die Geschichte der Frau, die in Erinnerung an ihren Geliebten schwelgt, dessen Schicksal in Leningrad ungewiss bleibt, ist jedoch kaum mehr als eine Parodie auf den Großmeister. Musik kann übrigens auch tragisch klingen, ohne die Bpm-Zahl auf das Niveau eines Komapatienten herunter zu schrauben. Ähnliches gilt übrigens auch für "The Shadow Of The Mountain". "My Father's Eyes" begeht dafür gleich in der Folge den gegenteiligen Fehler: Die orientalische Instrumentalisierung ist direkt flott, was uns De Burgh mit diesem Text jedoch sagen will, bleibt im Dunkeln der Augen seines Vaters verborgen. Clapton machte das seinerzeit besser.

"The Grace Of A Dancer" ist großartig. Ernsthaft. Man sollte meinen, eine Mischung aus Kabale und Liebe und Titanic sei nicht nur unmöglich, sondern auch hochgradig unnötig. De Burgh gelingt nicht nur das, nein, er baut noch Lennon in den Refrain mit ein und erschafft so das gruseligste Stück Schmalz seit Erfindung der Fritteuse. Nicht mal ihm selbst gelingt es, da noch einen draufsetzen: "Spirit" kann man, von der unerträglichen Backgroundsängerin abgesehen, guten Gewissens zum gepflegten Dinner oder im Fahrstuhl hören.

"Raging Storm" kommt ohne Übertreibung als bestgewähltester Songtitel des Jahres in Betracht. Ob dem Iren bewusst ist, dass nicht nur sein Duett im Stil von Cockers "Love Lift Us Up Where We Belong" diesen Namen trägt, sondern auch eine griechische Heavy-Metal-Kapelle? Durch "The Sweetest Kiss" säuselt sich der Songschreiber dann auch gleich auf eine Elektrogitarrenunterlegung, die in etwa so unnötig ist wie die zweite Version von "My Father's Eyes", trotz des arabischen DSDS-Stars Hani Hussein.

Und so bleiben mit dem ordentlichen Titeltrack "Storyman" und dem starken "The Mirror Of The Soul" gerade mal zwei hörbare Tracks übrig, auf einer Scheibe, die ohnehin wahlweise zu kurz oder viel zu lang ist. Chris de Burgh hat Geschichte geschrieben, das stimmt. Vom Geschichtenerzählen sollte er künftig eher die Finger lassen, will er nicht Gefahr laufen, eine alternde Witzfigur zu werden, deren musikalische Ergüsse mit Glück noch von schlechten Coverbands auf goldenen Hochzeiten zum Besten gegeben werden.

Trackliste

  1. 1. The Storyman Theme
  2. 2. One World
  3. 3. Leningrad
  4. 4. My Father's Eyes
  5. 5. The Grace Of A Dancer
  6. 6. Spirit
  7. 7. The Shadow Of The Mountain
  8. 8. Raging Storm
  9. 9. The Mirror Of The Soul
  10. 10. The Sweetest Kiss Of All
  11. 11. The Storyman
  12. 12. My Father's Eyes ft. Hani Hussein

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14 Kommentare

  • Vor 7 Jahren

    Also, bei allem Respekt. "Storyman" ist sicher nicht die beste Scheibe von Chris de Burgh, aber ein derartiger Verriss bringt mich auf die Barrikaden.

    Ich weiß nicht, ob ein Rezensent für dieses Musik-Genre geeignet ist, der darüber berichten kann, dass eine griechische Heavy-Metal-Kapelle mit dem Namen "Raging Storm" existiert. Wenn man sich mit einer Musikrichtung auseinandersetzt, sollte man zumindest einen gewissen Zugang dazu haben.

    Sollte mir mal eine CD von diesen Herrschaften "Raging Storm" in die Hände fallen, erkläre ich mich gerne bereit, eine Rezension zu verfassen. Die dürfte dann allerdings ähnlich ausfallen...

    *kopfschüttel*

  • Vor 7 Jahren

    Was solls, ich hab Chris de :conk: noch nie leiden können. :hoho:

  • Vor 7 Jahren

    Nun, ich schon. Ich habe mir sogar sein Konzert in Stuttgart angehört und fand es ziemlich gut. Wenn man etwas schlecht kritisieren will, dann schafft man das zweifelsohne auch...z.B. indem man einen Raging-Storm-Kenner an die Kritik setzt. Wie pappnasig ist das denn?

    Geschmäcker sind verschieden, gebe ich gerne zu. Aber "Kritik" war das nicht, die Zeit kann ich mir auch sparen.

  • Vor 6 Jahren

    Die aprilwetterlichen Für und Wider sind schon amüsant zu lesen. Eines aus Sicht des ewigen Nobodys sollte jedoch gesagt werden.
    Kritik schreiben ist nicht jedermanns Sache, aber jeder darf es. Oft schreibt der Schreiberling auch übertriebenen Unsinn, um zu
    provozieren oder tüchtig über alle Stränge zu schlagen. Einfach um dagegen zu sein, weil doch eine erschreckend große Masse dafür
    ist. Auch das scheint berechtigt, wobei sehr fragwürdig bleibt, in wie weit der kritische Inhalt überhaupt mit der kritisierten
    Person zu tun hat. Kritik um der Kritik willen oder anders: Was juckt es eine deutsche Eiche, wenn ein Wildschwein seinen Hintern
    an ihrer Borke scheuert? Der Kritiker mag beachten: Jeder Künstler entwickelt sich weiter und sucht nach neuen Wegen und
    Ausdrucksmöglichkeiten. Daraus resultieren neue Stücke, andere Songs und Werke. Die Kunst gehört zuallererst dem Künstler. Dass
    sie auch Kritikern zugänglich ist hat mit dem Markt schlechthin zu tun. Es lebe die Kunstkritik (vgl. Georg Kreisler "Musikkritiker")
    Enrico Rogattyi

  • Vor 6 Jahren

    Vergeiche auch Ephraim Kishon: Picasso war kein Scharlatan! ;)

    Gebe dir vollkommen recht und übrigens toll, MStreibel, dass du das genau so siehst wie ich. Würde mich übrigens Wunder nehmen, welche Stücke das sind, da ich (seit 1982 Fan muss ich zugeben) schon zig Kompilationen zusammen gestellt habe, je nachdem für wen sie waren, denn Chris ist halt schon abwechslungsreicher, als sein Ladyinredferrymanmissingyoubluejeans-Image, das gilt zwar v.a. für sein Schaffen bis ca. 84, aber auch was die letzten beiden Alben betrifft, welche zudem eine reifere Tiefe besitzen.

    Habe übrigens gerade die Storyman auf dem iPod ;)

    Übrigens am Rande: musste verwundert feststellen, dass das Video zu Lebanese Night (halt schon älter) gerade um die Ecke meiner alten Wohnung im Zürcher Oberdorf gedreht wurde :D
    http://www.youtube.com/watch?v=TrchtZVnUfQ

  • Vor 6 Jahren

    Wie unterschiedlich doch die Geschmäcker sind. Ich fange mal bei dem Titel an, wo sich offenbar alle einig sind: The Storyman.
    Das ist für mich das beste Lied der CD. In dieses teils rockige, teils mittelalterlich anmutende Stück hat Chris de Burgh ein Stück seiner Seele miteingebracht. Ich stelle mir dabei tatsächlich den Barden vor, der von Ort zu Ort zieht und all die Plätze sieht, über die de Burgh einmal gesungen hat. Man muß natülich die Titel auch alle kennen, die in dem Lied vorkommen, wenn man kein Fan ist, ist, klingt es zwar schön aber ist nur halb soviel wert, weil man den Sinn nicht versteht.
    Womit ich mich allerdings nicht anfreunden kann, ist das "Storyman Theme". Ganz ehrlich, dieses Instrumental am Anfang stört mich eher. Ich habe zwar versucht, es als Einleitung des Gesamtwerkes zu sehn, aber irgendwie werde ich dabei ungeduldig und warte bis endlich der erste Titel kommt. Vielleicht hätte er es kürzer machen sollen, naja...
    Wo wir schon bei doppelten Sachen sind. Als Fan arabischer Musik habe ich mich wirklich so sehr über "My fathers eyes" gefreut. Aber mir hätte die Version, in der Hani Hussein singt, genügt. Sie ist authentisch. Die andre Version klingt nach einem Kompromiß für Leute, die keine arabische Musik mögen. Ich kenne da keine Kompromisse: Eine Version und zwar die Richtige! Das drittbeste ist für mich Spirit. Es hat eine Melodie, die ins Ohr geht und handelt im Grunde vom Thema "in Würde sterben". Als nächstes gefällt mir Raging Storm, zwar erst als viertbestes, aber ich finde, es klingt sehr schwungvoll. Was interessiert mich eigentlich, ob eine griechische Band so heißt???
    Und zum Thema"Songtitel, die schonmal ein anderer benutzt hat":Es gibt auch zwei "Ave Maria", eins von Schubert und eins von Bach, na und?
    "One world" hat mir anfangs nicht wirklich gefallen, der Text war mir zu simpel. Aber wenn ich mir vorstelle, daß ein paar hundert Leute das im Konzert mitsingen, paßt es eigentlich schon wieder.
    Und jetzt kommen wir zu einem seltsamen Phänomen: Das von Euch allen offenbar als das beste Stück empfundene "the mirror of the soul". Also den Text, bzw. die Geschichte, die da erzählt wird, finde ich schon interessant. Aber bei der Melodie habe ich zumindest nicht das Gefühl, daß sie direkt ins Ohr geht. Vielleicht ist es auch ein Lied, das man erst ein paarmal gehört haben muß. Zumindest bis jetzt kann ich es mal nochnicht, als das beste Lied einstufen.
    Was die drei langsamen Lieder betrifft, da gilt die Devise: Weniger ist manchmal mehr. "Leningrad" und "the shadow of a mountain" haben, das muß ich gestehn, auch auf mich eine einschläfernde Wirkung, wobei ich mir auch immer einbilde, daß die Melodien einander gleichen. Also eins von beiden hätte genügt. "The grace of a dancer" gefällt mir vom Text her, ist aber auch im Ton eher so langgezogen. Also, vielleicht hätte er die langsamen Lieder auf mehrere Alben verteilen sollen, dann wärs nicht so aufgefallen:-)
    Nun, ich habe nochnie ein Album erlebt, auf dem mir alle Lieder gefallen haben, weder bei Chris de Burgh, noch bei einem anderen Sänger. Mein liebstes Album bleibt wohl für immer "the getaway".

    P.S.: Noch was zum schmunzeln,Thema Musikkritiker: Hört euch mal das Lied "Daddy Blue" von Reinhard Mey an, aber bitte Geduld haben bis zum Schluß, weil da kommt erst das was ich meine, g