Porträt

laut.de-Biographie

Charles Mingus

Der US-amerikanische Kontrabassist Charles Mingus zählt zu den wichtigsten Wegbereitern moderner Jazzmusik. Mit seinen Big-Band-Ensembles bringt er um die Mitte der 50er- und 60er-Jahre das Bewusstsein kollektiver Improvisation in einem Ausmaß zurück, wie man es seit der Blütezeit des New-Orleans-Jazz in den 20er-Jahren nicht mehr gekannt hat. Mit seinem Spiel am Kontrabass saugt er so unterschiedliche Einflüsse wie Post-Bop, Gospel, Blues, europäische Konzertmusik und Mariachi auf.

Charles Mingus kommt am 22. April 1922 in der US-Militärbasis Nogales in Arizona auf die Welt. Sein Vater, der zugleich afrikanische und schwedische Wurzeln besitzt, dient dort als Staff Sergeant der US-Army. Seine Mutter verstirbt kurz nach seiner Geburt an einer chronischen Herzmuskelentzündung. Als Mischling leidet Mingus zeitlebens an psychischen Problemen. Das gesellschaftliche und soziale Bewusstsein der Rassenunruhen in den 60ern nimmt seine Musik schon um Jahre vorweg.

Mingus wächst in ärmlichen Verhältnissen in dem afroamerikanischen Vorort Watts in Los Angeles auf. Seine Stiefmutter "Mamie" Carson übt mit ihrer Vorliebe für klassische Musik den größten Einfluss auf Mingus' Kindheit aus. Im Alter von sechs Jahren spielt er Posaune und Flöte und wechselt mit neun Jahren an das Cello und das Klavier, nachdem er Duke Ellington für sich im Radio entdeckt hat. Mit Ellington am Klavier spielt Mingus in seiner Jazzlaufbahn einige seiner gelungensten Arbeiten als Kontrabassist ein.

Er geht häufig mit seiner Stiefmutter zu den Gospel-Gottesdiensten der Holiness Church, die Mingus musikalisch und religiös nachhaltig prägen. Sein Freund Buddy Collette verschafft ihm 1938 Unterrichtsstunden am Bass. Während des Aufenthaltes in San Francisco lernt er den Maler Farwell Taylor kennen, der Mingus dazu ermutigt, als Jazzkomponist zu arbeiten.

Mingus imitiert zu Beginn seiner Jazzkarriere dem Bassisten der Duke Ellington Band, Jimmy Blunton. Seinem unnachahmlichen Stil zwischen Eruption und Zärtlichkeit formuliert er erst Mitte der 50er aus. Bei Lee Young erhält Mingus anfänglich Arrangements als Sessionmusiker. Ab 1942 spielt Mingus kurzzeitig traditionellem Jazz in der Band von Trompeter Louis Armstrong.

In diesem Jahr entwickelt er sich nach intensivem Unterricht bei Hermann Rheinshagen innerhalb weniger Monate zu einem virtuosen Bassisten. Bei Lloyd Reese studiert Mingus die Grundlagen der Harmonielehre. Er beginnt anschließend mit dem Komponieren eigener Stücke. Dinah Washington engagiert Mingus als Studiomusiker. 1944 heiratet er Camille Jeanne Gross. Die Ehe geht drei Jahre später in die Brüche.

Ab 1945 veröffentlicht Mingus Platten unter eigenem Namen. In Los Angeles arbeitet er 1947 an "The Chill Of Death". Mit Lionel Hampton an der Seite entstehen Werke wie "Mingus Fingus". Mingus verleiht den Kompositionen Hamptons durch seine Arrangements mehr Feinschliff. Hier schält sich seine unnachahmliche Signatur am Kontrabass langsam heraus.

Durch Hampton lernt er Billie Holiday und Benny Goodman kennen. Das Billie-Holiday-Stück "Eclipse" stammt aus Mingus Feder. Ab 1950 agiert er im Trio von Red Norvo mit dem Gitarristen Tal Farlow und erlangt als Solist größere Bekanntheit. Nachdem Norvo Mingus bei einem Fernsehauftritt 1951 durch einen weißen Musiker ersetzt, verlässt er das Trio.

Mingus zieht nach New York und heiratet 1951 Celia Nielson. Die Ehe hält bis 1958. Ab 1951 kommt es zur Zusammenarbeit mit Miles Davis und seinem Vorbild Charlie Parker. 1952 gründet er mit Max Roach das Label Debut Records, aus der sich seine verschiedenen Jazz-Workshop-Formationen herausbilden. Nach Rechtsstreitigkeiten und Vertriebsproblemen stellt Debut fünf Jahre später die Schallplattenproduktion ein.

Aufgrund einer Meinungsverschiedenheit mit Juan Tizol fliegt Mingus 1953 aus Duke Ellingtons Band. Noch im selben Jahr organisiert er in Toronto das Massey-Hall-Konzert mit Bebop-Musikern wie Dizzy Gillespie, Charlie Parker und Max Roach. Jedoch wendet sich Mingus mit seinen Jazz-Workshops dem Cool Jazz zu.

1955 stellt er seine Formation um Eddie Bert, George Barrow, Mal Waldron und Max Roach vor. Die Musiker orientieren sich nicht mehr nach Noten, sondern nach Gehör. Mit Hinzunahme von Jackie McLean und J. R. Monterose entsteht die Platte "Pithecanthropus Erectus". Als eine mehrteilige Komposition mit modalen Einschüben geht Mingus im Titelstück neue Wege. Seine zornigen Einmischungen und Zwischenrufe am Bass soll er ab Ende der 50er noch weiter auf die Spitze treiben.

Wegen seinem cholerischen Gemüt steigen in Folge mehrere Mitglieder der Band aus und unter Clubbesitzern handelt er sich ein schlechtes Image ein. Er hat wegen seiner wüsten Publikumsbeschimpfungen und Prügeleien mit Musikern kaum Auftrittsmöglichkeiten. Seine Wutausbrüche begleiten Mingus bis zu seinem Lebensende.

1957 nimmt er das von Mariachi-Klängen inspirierte Album "Tijuana Moods" auf. 1958 bildet er eine neue Formation, mit der er die Platte "Jazz Portraits – Mingus In Wonderland" einspielt.

Als seine fruchtbarste Phase datiert man das Jahr 1959. Auf Columbia erscheinen die beiden Werke "Mingus Ah Um" und "Mingus Dynasty". Das mittlerweile zum Standard gewordene und einer der meistgecoverten Jazzstücke überhaupt, "Goodbye Pork Pie Hat", findet sich auf "Mingus Ah Um".

Neben dieser lyrischen und zärtlichen Ballade besitzt das Album weitere bemerkenswerte, vom harten, druckvollen Kontrabassspiel angetriebene Songs wie "Better Get Hit In Your Soul" und "Fables Of Faulus", ein wütendes politisches Statement zur Rassendiskriminierung. Spürbar beeinflusst von der Energie des Gospel und dem Schmerz des Blues durchlebt das Album von Zorn bis Melancholie sämtliche Gefühlsspektren.

In der zur Big-Band herangewachsenen Formation stoßen danach der Multiinstrumentalist Eric Dolphy und Ted Curson dazu. Die Dialoge zwischen Mingus am Bass und Dolphy an der Bassklarinette genießen im Jazz eine Ausnahmestellung. Nach diesem ereignisreichen Jahr folgen Ende der 50er starke Depressionen mit Aufenthalten in psychiatrischen Anstalten.

Zu Beginn der 60er verbessert sich sein psychisch labiler Zustand und er veranstaltet als Reaktion zur Kommerzialisierung des Newport Jazz Festivals ein Gegenfestival. Bei dem ersten Jazzfestival in Antibes bekommt er einen Auftritt und durch Copyrighteinnahmen verkaufen sich seine Platten um ein Vielfaches besser als zuvor.

Für einen weiteren Eklat sorgt Mingus beim Town Hall Concert 1962. Während der Vorbereitungen für die Uraufführungen der großorchestralen Suite "Epitaph" schlägt er Jimmy Knepper einen Zahn aus. In der Folgezeit laden die Konzertveranstalter Mingus kaum noch zu Liveauftritten ein.

Mit Duke Ellington und Max Roach beteiligt er sich parallel an dem Album "Money Jungle". Darauf findet sich die poetische und wunderbare Jazzballade "Fleurette Africaine (African Flower)", die Norah Jones 2016 für ihr Album "Day Breaks" covert. Mit "Mingus Plays Piano" komponiert er ein Klavieralbum.

Die aus sechs Teilen bestehende Suite "The Black Saint And The Sinner Lady", die sämtliche Einflüsse zwischen zeitgenössischem Jazz, Gospel, klassischer Musik, Cabaret und Mariachi zu einem vielschichtigen Gesamtkunstwerk vereint, nimmt er mit seinem Tentett im Januar 1963 auf.

"Mingus Mingus Mingus Mingus Mingus" aus dem selben Jahr klingt dagegen traditioneller und klassischer, greift aber die waghalsigen Rhythmus- und Tempoverschiebungen des Vorgängers auf. Beide Werke veröffentlicht das Label Impulse, mit dem sich Mingus 1964 zerstreitet. Sie gelten für die anschließenden Entwicklungen im Free Jazz als wegweisend.

Nach der Vertragsauflösung mit Impulse zerbröckelt seine band wegen finanzieller Schwierigkeiten. Seine Europatournee mit einem Sextett um den zurückgekehrten Eric Dolphy verläuft erfolgreich, jedoch verlässt Dolphy nach Mingus harschem Benehmen die Formation. Der Auftritt beim Monterey Jazz Festivals im September 1964 markiert dagegen einen seiner größten Livetriumphe. Seine dritte Ehefrau Sue Graham Ungaro lernt er 1965 kennen. Danach befindet er sich an einem bitteren Tiefpunkt.

Mingus arbeitet kaum noch in dieser Zeit. Im November räumt er unter polizeilicher Gewalt sein Loft wegen Mietrückständen, bei dem ein Großteil seiner Noten und Notizen verloren gehen. Weiterhin besitzt er Schulden aus gescheiterten Versuchen, Plattenfirmen zu gründen. Die Folgejahre hält er sich in einer psychiatrischen Klinik auf und nimmt starke Beruhigungsmittel. Bei den folgenden Liveauftritten zertrümmert Mingus unter Wutanfällen seinen Kontrabass auf der Bühne.

Im Village Vanguard und Village Gate stellt er 1969 dem Publikum sein neues Ensemble vor. Mit einem Sextett entstehen die Alben "Pithycanthropus Erectus" und "Blue Bird". Er geht rund um den Globus auf Tournee und spielt mit einer hervorragenden Big-Band-Formation 1971 das Album "Let My Children Hear Music" für das renommierte Columbia-Label ein. Zu der Platte äußert sich Mingus: "Diese Musik ist schwarze Klassik."

Zum letzten großen Mingus-Ensemble gehören ab 1973 Don Pullen und George Adams. Bei dem Auftritt in der Carnegie Hall brilliert er noch einmal Höchstform. Danach leidet er zunehmends an gesundheitlichen Problemen. Er erkrankt schwer an Amyotrophen Lakteralsklerose, die Mingus an den Rollstuhl fesselt.

1978 engagiert er für die Aufnahmen seiner letzten Platten George Mraz und Eddie Gomez, da er wegen seiner Lähmung nicht mehr selber Bass spielen kann. Noch im gleichen Jahr steuert er für den Longplayer "Mingus" von Joni Mitchell selbstgeschriebene Songs bei. Das Album stellt sich als eine würdevolle und unterschätzte Mingus-Hommage mit hervorragenden Musikern wie Herbie Hancock, Wayne Shorter und Jaco Pastorius heraus.

US-Präsident Jimmy Carter lädt Mingus kurz vor seinem Tod in das Weiße Haus ein. Mit 56 Jahren stirbt er am 5. Januar 1979 in Cuernavaca (Mexiko) an einem Herzinfarkt.

"Sei soviel du kannst, Mann" lautet Mingus Motto zu Lebzeiten. Angetrieben von seiner Rastlosigkeit und Spiritualität bricht er im Laufe seines Schaffens mit den konventionellen Strukturen im Jazz. Mit seinen Platten setzt er vor allem in den 60ern zwischen Tradition und Avantgarde ungeahnte Fortschritte. Auf zeitgenössische Jazzkollektive und Musiker übt Charles Mingus einen allgegenwärtigen Einfluss aus.

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