laut.de-Kritik

Nicht anders genug.

Review von

Ehre wem Ehre gebührt - keine Frage! Doch ebenso wie Johannes Heesters eigentlich nur noch süß ist, wie eben Kinder und alte Leute süß sind, und aus diesen Gründen auf den Brettern der Welt geduldet wird, sollte auch Charles Aznavour das Mikro langsam an den Nagel hängen. Nicht, dass ich keinem von beiden den Altersspaß gönne, nette Rentneralben zu veröffentlichen. Künstlerisch sind die Outputs der beiden Herren jedoch, sagen wir mal, verzichtbar.

Aznavour, der seit einigen Jahren schon einen Abschiedsgig nach dem anderen spielt, lässt sich das Singen jedoch nicht verbieten. "Das Singen nicht und auch die Fröhlichkeit", dieses kleine Tina York-Zitat sei gestattet, ist doch der französische Chanson der Schlager unserer Nachbarn. Mit Verboten hat es Aznavour, als Franzose mit Migrationshintergrund, eh nicht. Insofern nur konsequent, dass er Clayton Hamilton alle künstlerischen Freiheiten gibt.

Die schöpft der Meister der Tonsatzkunst jedoch nicht aus. Mag sein aus Respekt, Ehrfurcht oder Verehrung. Mag sein, dass er Aznavours Werke nicht gänzlich aus ihrem Zusammenhang reißen wollte - und der ist nunmal ein chansonesker. Mag sein, weil "jeder, ob jung, ob alt, Männlein oder Weiblein, ob weiß oder farbig, seine großen Klassiker auswendig kennt. Und große Klassiker haben feststehende Wendungen, Orchestrierungen, Gitarrenlicks - man kann einen solchen Klassiker nicht einfach so verändern, er ist gewissermaßen unantastbar." (Francis Marmande)

Dementsprechend intoniert Claytons Orchester die 14 Songs, ohne sich aus dem Fenster zu lehnen. Oder wie Marmande es formuliert: "Es sind Etüden der Akkuratheit, die sich nicht in den Vordergrund drängen, sondern diskret verhalten." Für Jazzfans ein vernichtender Satz. Für Aznavour-Fans eine lohnende Bereicherung? Das mag jeder aufgrund seiner Hörgewohnheiten selbst entscheiden, denn "nichts ist so traditionsverpflichtet wie ein Paar Ohren".

Diesem werden neben den großen Aznavour-Hits wie beispielsweise "La Bohème" auch einige neue Songs serviert. Im Duett mit Rachelle Ferrell ertönt "Fier De Nous" und "I've Discovered That I Love You". Dianne Reeves leistet ihren Beitrag zum Albumcloser "The Times We've Known", während Jacky Terrasson nicht nur den Flügel bedient, sondern als Pre-Producer über das gesamte Album wacht. An großen Namen, einem der "musikalischsten, souveränsten und mächtigsten" Jazzorchester und weltbekannten Songs mangelt es also nicht.

Das bringt auch das ZDF'sche heute-journal auf den Plan, das am Tag der Albumveröffentlichung ausführlich über "Charles Aznavour & The Clayton Hamilton Jazz Orchestra" berichtet. Ob das ZDF das zentrale auditive Geschmacksorgan der Nation darstellt, sei dahin gestellt. Was bleibt ist ein Album voller Songs, die zwar anders interpretiert sind, als gewohnt. Leider aber nicht anders genug. Neue Fankreise lassen sich damit nicht erschließen und den alten wirds egal sein. Denn Künstler wie Aznavour und Heesters können nichts mehr falsch machen. Ein geradezu göttlicher Zustand.

Trackliste

  1. 1. Viens Fais-Moi Rêver
  2. 2. Fier De Nous
  3. 3. Comme Ils Disent
  4. 4. Des Amis Des Deux Côtés
  5. 5. A Ma Fille
  6. 6. Le Jazz Est Revenu
  7. 7. I've Discovered That I Love You
  8. 8. Il Faut Savoir
  9. 9. The Jam
  10. 10. Je N'oublierai Jamais
  11. 11. La Bohème
  12. 12. De Moins En Moins
  13. 13. Voilà Que Ça Recommence
  14. 14. The Times We've Known

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