laut.de-Kritik

Im Klammergriff des FC Rödelheim.

Review von

Cassandra Steen ist in ihrer Sparte derzeit recht konkurrenzlos unterwegs. Dennoch konnte auch der kommerzielle Erfolg des letzten Albums nicht über zahlreiche kritische Stimmen hinwegtäuschen, die zu Recht mehr Volumen und Ausschöpfen der Range bei Deutschlands angeblich 'größter Soulstimme' fordern. Nun ist die amerikanische Schwäbin mit einer neuen Platte im Gepäck zurück und demonstriert als einzige in ihrem Team die Fähigkeit zur künstlerischen Weiterentwicklung.

Größere stilistische Vielfalt, offensivere Tracks und vor allem: Weg von diesem unseligen Image als reine 'Balladentante'! So ihre Forderungen an Produzent Pelham, Kollege Tawil und den Songwriterclan aus dem direkten Dunstkreis von Kumpel Naidoo. Zu diesem Entschluss kann man der sympathische Wahlberlinerin nur gratulieren. Zur Umsetzung des Vorhabens wäre es hingegen hilfreicher gewesen, sich eine Mannschaft zu angeln, die weniger überfordert agiert.

Man muss bei dieser CD strikt trennen zwischen souveräner Künstlerin einerseits und den vielen Köchen, die den kompositorischen Brei fabrizieren. Die stimmliche und gesangliche Steigerung Steens ist in nahezu jeder Sekunde präsent. Hatte man früher doch gelegentlich den Eindruck, da singt ein verhuschtes Mauerblümchen. Auf "Mir So Nah" zeigt sie endlich deutlich mehr Nuancen und eine emotionale Klangfarbe, die neugierig darauf macht, wie sie das neugewonnene Selbstvertrauen on Stage umsetzt. Trotz des sprachlich verunglückten Titels "Wenn Liebe Ihren Willen Kriegt", taugt das Stück hervorragend als Visitenkarte und gibt auch musikalisch einen Eindruck davon, was aus dieser LP hätte werden können.

So weit so gut. Jetzt fehlen nur noch knackige Songs und ein sinnlicher Sound. Auf beides wird man leider auch weiterhin warten müssen. Selten habe ich eine Produktion gehört, die erkennbar liebevoll für die Chanteuse gemeint ist und im Ergebnis doch nur austauschbar plastinierten Dudelpop transportiert, der ohne ihre Stimme nicht eine Sekunde hörbar wäre. Wer Homogenität erwartet, darf gleich weitergehen. Nicht weniger als sieben verschiedene Autoren garantieren stattdessen Zerfahrenheit und das Fehlen jeglicher Linie.

Die Tawil-Komposition und erste Single "Gebt Alles" offenbart immerhin ein erstaunliches Copycat-Talent beim Ich+Ich-Frontman. Wer das Lied "Danke" von seiner Mutterband kennt, wird beide Lieder thematisch und textlich kaum unterscheiden können. Ein Zweitaufguss als Opener? Superidee! Die sprachlich unbeholfenen zartrosa Zeilen Richter, richtet uns milder. Trainer, trainiert gekonnter erinnern ebenfalls eher an Backfisch-Poesiealben als an eine ernsthafte Souldiva. Wer braucht das?

Die drei Naidoo-Composer plus dessen Producer Ruben Rodriguez steigern die Austauschbarkeit leider noch. Wenig überraschend fällt nämlich auch den Heerscharen des heiligen Xavier nichts anderes ein, als jene immer gleiche Mucke, die Letzteren schon zum Jammerbarden des deutschen Neosoul machte.

Das dies im Kern Soulmusik sei oder mehr als bloße Spurenelemente von Rhythm And Blues enthalte, wird auch durch ständiges Wiederkäuen seitens der Beteiligten nicht richtiger. So etwas kaufen den Machern höchstens noch ganz unbedarfte Geister ab, die ihren blacken Musikgeschmack in Orsay und Young-Fashion-Shops bilden. Beispiele? "Ich Lasse Jetzt Los" könnte mit dem sensibel getupften Piano zu Anfang und Steens gefühlvoller Entschlossenheit so schön sein. Statt den sich dynamisch steigernden Rhythmus elegant in Szene zu setzen, kleistert man lieber alles mit lauten Elektrobeats zu, die mehr an Postindustrialbands à la Young Gods erinnern als an erklärte Vorbilder wie Mary J Blige.

Ein Song wie "Camouflage" schielt ausschließlich auf den 'Madonna/Gaga für Arme'-Dancefloor. Der grell-schlimme Soundmantel deckt den catchy Refrain, die rockige Dynamik und den sehr gelungenen Text von Stadtaffe-Lyriker David Conen nahezu komplett zu. Ein Lied wie "Sinfonien" setzt allem die Krone auf und driftet ganz unsinfonisch in Richtig Kunststoff-R&B finsterer Destiny's Child Musik-Verbrechen. Gruseligeres kann man dem Soul kaum antun. Hatte Pelham als zuständiger Produzent an diesen Tagen Urlaub oder einen Hörsturz? Auch beim selbst verfassten "Soo" fällt ihm nichts anderes ein, als die nach Neuem dürstende Sängerin wieder mal lang und weilig korsettiert ins Glashaus zu setzen, statt sie mit gezielten Soundsteinen eben daraus zu befreien. Eine aus Unvermögen verschenkte Chance?

Wenn Soul Moby Dick ist, dann ist diese Produktion in etwa eine Packung angetauter Fischstäbchen. Genau jener unterkühlte Käptn Iglo-Faktor enthält dieser Sammlung das so dringend benötigte Quentchen Schweiss und Fieber vor. Kollegin Joy Denalane hat bereits vor Jahren gezeigt, wie man es richtig organisch macht und international nicht zur Lachnummer mutiert.

Was als fruchtbare Zusammenarbeit im scheinbar unauflöslichen Dreieck Naidoo-Pelham-Steen begann, mutiert zusehends zur babylonischen Gefangenschaft Cassandras. Mit ihrem höchst limitierten Black-Music Verständnis erweisen sie der Gefährtin einen echten Bärendienst. Statt sie flügge ziehen zu lassen, hält die Fußfessel FC Rödelheim die Künstlerin leider konsequent vom längst überfälligen Wechsel in die Champions League ab. Als wäre Sinatra bei Tommy Dorsey geblieben oder Tina bei Ike. Schenk mir Flügel und ich flieg hinaus! Da kann sie lange warten. Die Flügel wird Steen sich wohl selbst beschaffen müssen. Bis dahin gilt bis auf weiteres leider noch immer: Deutschland einig Soulprovinz.

Trackliste

  1. 1. Gebt Alles
  2. 2. Lange Genug Zeit
  3. 3. Soo
  4. 4. Tanz
  5. 5. Leben
  6. 6. Symphonien
  7. 7. Ich Lasse Jetzt Los
  8. 8. Wenn Liebe Ihren Willen Kriegt
  9. 9. Prophetin
  10. 10. Ich Fühl Es
  11. 11. Gib Mir Mehr
  12. 12. Camouflage
  13. 13. Der Erste Winter
  14. 14. Komm Näher

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