laut.de-Kritik

Melancholischer Pop aus Kuba statt Girlgroup-Melodrama.

Review von

Es hat sich ja bereits nach dem Erfolg von Machine Gun Kellys "Bad Things" abgezeichnet, dass Camila Cabello auch abseits ihrer Girlgroup-Heimat Potential zeigt. Und obwohl es nach allem Melodrama um den Abschied von Fifth Harmony zunächst ein wenig nach einem Fehlstart für den Breakout-Star der Gruppe aussah, kam doch noch der rechte Song zum rechten Zeitpunkt: "Havana" fängt den Latin-Hype von 2017 zu voll ein, wird zu einem sofortigen Radio-Liebling und mausert sich bis auf Platz zwei der Billboard-Charts zu einem handfesten Hit.

Der Erfolg dieser Single scheint auch das Album ein wenig umsortiert zu haben: Nicht nur änderte sich der Titel vom wesentlich schwülstigeren "The Hurting. The Healing. The Loving." (wenn auch für sich kein schlechter Albumname) zu einem simplen "Camila", sondern flogen auch fast alle bisherigen Single-Auskopplungen wie "OMG!" mit Quavo oder "Crying In The Club" kurzum aus der Tracklist.

Die jetzige Inkarnation gerät dementsprechend reduziert, thematisch und auf den Punkt. Zwar immer noch ein offensichtliches Pop-Album präsentiert sich "Camila" auffällig wenig um Hits bemüht, sondern unaufdringlich und weitaus subtiler, als Cabellas bisheriges Schaffen es vermuten ließe.

Nummern wie "All These Years" und "Consequences" geraten melancholisch, ohne unnötig in Drama zu verfallen, die markante Stimme der Protagonistin bleibt über lange Strecken in ihren sanfteren Registern. Manchmal peppen Dancehall- und Reggaeton-inspirierte Drumbeats die Energie ein wenig auf, so dass Songs wie "She Loves Control" oder "Inside Out" durchaus tanzbar geraten. Der übergreifende Vibe auf dem Projekt orientiert sich dabei dennoch konsequent an Camilas nostalgischen Gefühlen gegenüber ihrer kubanischen Heimat.

Logischerweise wird "Havana" somit zu einer musikalischen wie inhaltlichen Kernthese, um die herum sich große Teile der Platte in verschiedenen Spielarten aufschlüsseln. Spanische Gitarren, wertig ausproduzierte Klavier-Akkorde und zumeist recht analoge Drums dominieren das Soundbild, lediglich der Stimme merkt man eine Menge technischer Spielerei durchaus an, so dass ein Gefühl der übergeordneten Synthetik nie ganz verschwindet.

Das schafft dann zwar zum Beispiel auf Songs wie "In The Dark" oder "Inside Out" eine passende Ergänzung zum energetischeren und poppigeren Sound, unter anderem die auf dem Album immer wieder auftauchenden Backing-Vocals von Rapperin Starrah fügen dieser Dichte dabei einiges hinzu. Einige Momente in den balladeskeren Registern fallen durch die opulente Stimmproduktion allerdings einen Hauch austauschbarer und weniger gefühlsecht aus, als man sich gewünscht hätte.

Abseits dieser kleinen Mäkeleien bleibt ausgerechnet der Opener "Never Be The Same" als eine der wesentlichen Schwachstellen zurück. Musikalisch ein inkohärenter Umweg für ein Konzept, das an diesem Punkt noch gar nicht etabliert ist, fühlt sich dieser generische Bombast-Pop-Brecher inklusive mäßiger Falsetto-Bridge und abgedroschener "Deine Liebe ist meine Droge"-Metapher wie lieblos an das sonst sehr stimmige Album angeheftet an, weil irgendeine Label-Exekutive hier wohl einen risikoarmen Hit-Kandidaten gewittert haben muss.

Klammert man diesen Ausfall aber aus, gerät "Camila" kurz und überraschend kompromisslos. Statt Camila Cabello zu einem weiteren gesichtslosen Popstar vermarkten zu wollen, gibt man ihr den Raum, ihrer Herkunft musikalisch wie stilistisch ein ganzes Projekt zu widmen, wodurch nicht nur tanzbare Popsongs wie "Havana" oder "In The Dark" entstehen, sondern auch ein überraschend melancholischer Grundtenor möglich wird, der die Stärken der Protagonistin interessant und unerwartet facettenreich ausspielt. In der Summe ist "Camila" ein überzeugendes Debut, das authentisch den Latin-Boom des vergangenen Jahres aufgreift. Und das durchgehend Mainstream-freundlich bleibt, ohne dass die musikalische Integrität darunter leidet.

Trackliste

  1. 1. Never Be The Same
  2. 2. All These Years
  3. 3. She Loves Control
  4. 4. Havana
  5. 5. Inside Out
  6. 6. Consequences
  7. 7. Real Friends
  8. 8. Something's Gotta Give
  9. 9. In The Dark
  10. 10. Into It
  11. 11. Never Be The Same (Radio Edit)

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6 Kommentare mit 9 Antworten

  • Vor einem Monat

    Entschuldigung ?? Welche markante Stimme denn ?? An der Musik ist gar nichts kubanisch. Kubanisch war der Buena Vista Social Club. Aber nicht dieser austauschbare POP in englisch. Allein schon der Gesang mit Auto-Tune nervt nach nicht einmal 1 Minute. Um eine kubanische Platte machen zu können, hätte sie spanisch singen müssen..die Landessprache Kubas. So hat sie ein Album gemacht das nichts eigenes bietet, was andere vorher nicht schon gemacht haben.

    • Vor einem Monat

      das cover weckt wenigstens noch gewisse sehnsüchte. die musik sorgt dann doch nur für reize in der magengegend. schade. :-(

    • Vor einem Monat

      "Um eine kubanische Platte machen zu können, hätte sie spanisch singen müssen."

      So'n Schwachsinn.

    • Vor einem Monat

      Na ja. Wieso Schwachsinn ? Ist eine legetime Meinung.

    • Vor einem Monat

      Nun die Rezi sagt ja nur das die Platte aus Kuba kommt nicht das kubanische Musik enthalten ist. ;-)
      Lediglich ein wenig "latin", welches ich aber auch vergeblich gesucht habe. Ansonst eine nette Pop-Platte autauschbar aber durchaus zu hören.

    • Vor einem Monat

      @plonk!:
      "gewisse Sehnsüchte" ist ein alternative Bezeichnung für "Erektion"?

    • Vor einem Monat

      @Mike:
      Naja, ich würde einmal behaupten bei egal welchem Genre oder welcher lokalspezifischen Musik ist vor allem erst einmal die Intrumentierung, die Melodieführingen und Liedstruktur dann auch noch der Gesangsstil, sofern vorhanden, und dann ganz zum Schluss die Sprache selber von Bedeutung. Musik, gerade traditionellere Musik, funktioniert eigentlich immer mehr über Klang und Rhytmik denn über sprachlichen Inhalt.
      Wenn man ein klischeefranzösisch oder -kubanisch oder wie auch immer instrumentiertes Lied auf Englisch vorträgt wird das für die allermeisten immernoch französisch oder kubanisch klingen.

      Und ja, legitime Meinung ist eine Sache, das darf man ja auch durchaus so sehen. Aber dann sollte man vielleicht auch akzeptieren können, dass es andere anders sehen und man nicht selber Bestimmer über den Goldstandard dafür was und was nicht kubanische Musik ist. Vor allem wenn man, im Gegensatz zu der schaffenden Künstlerin, nicht einmal Teil der Kultur ist.
      Eine Meinung dazu darf man natürlich trotzdem haben. Aber ich und jeder andere darf's halt auch anders sehen und empfinden. Und wenn dann jemand so deterministisch herumplärrt, dann plärr' ich halt zurück.

    • Vor einem Monat

      Hi Gleep, passt schon. Danke für den aufgräumten Beitrag, rumgeplärrt ist das nicht :-)

  • Vor einem Monat

    Mag die Single "Havana" zu grossen Teilen wegen Thugger. Zum Album: Hab nach dem ersten Song ausgemacht. Unhörbar. Diese Stimme klingt nach schaurigem 10er-Jahre Radio-pop.

  • Vor einem Monat

    Rihanna für Arme, ergo Rihanna vor etwa 12 Jahren.

  • Vor einem Monat

    Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

    der Beitrag unmittelbar über diesem hier konstatiert Rihanna implizit eine künstlerische/musikalische Entwicklung, die tatsächlich abseits einer streng kommerziell orientierten Verwertungsformel zeitgeistabhängiger Klangvorlieben nicht existent ist und sollte daher von Ihnen nicht oder nur nachrangig für eine individuelle Meinungsbildung berücksichtigt werden.

    Eher handelt es sich bei dem vorliegenden Konsumprodukt um Musik ähnlich der von Rihanna und somit für Menschen, die in ihrem persönlichen Musikgeschmack überwiegend Kriterien wie kommerziellen Verwertungserfolg und soziale Verträglichkeit/Akzeptanz über Werte wie musikalisch/technischen Anspruch, Wille zu künstlerischem Fortschritt und Entwicklung sowie emotionale Tiefe stellen oder einfach nur emotional wie gesamtmental flach sind wie schlecht ausgeführte Köpper vom Beckenrand.

    Vielen Dank für Ihr Verständnis und weiterhin gute Unterhaltung auf laut.de,

    Ihr laut.de-Serviceteam für musikalische Aufklärung und aktive Desozialisation.

    • Vor einem Monat

      Touche! :D

      Och, die Riri hat sich aber schon etwas entwickelt, mich erinnert Havana halt an Pon de Replay, so meinte ich das.
      Da war sie ja auch noch ne Standard-Hüpfdohle mit dünnem Stimmchen imo, wenn auch von Jay-Z/Def Jam gepusht ;)

      Zu der Zeit hätte ich eher auf Ciara als Next Big Thing gesetzt, hat mir auch mehr zugesagt, schade irgendwie.

    • Vor einem Monat

      "Zu der Zeit hätte ich eher auf Ciara als Next Big Thing gesetzt, hat mir auch mehr zugesagt, schade irgendwie."

      Ebenfalls touché! :D

      Grundgütiger, was habe ich damals an Hohn und Verachtung in meinen Distortion Guitar-dominierten Sozialkreisen für das Pushen von Tracks wie "Goodies" oder "Lose Control" (von Missy, aber naises Ciara-Feature, #izkla) einstecken müssen.
      Letzterer verfügt außerdem über diesen simplen Synth-Bass-Schlag auf jede 1, ein musikalisches Stilmittel, dem ich seit frühester Kindheit in keinem Genre je widerstehen konnte, was jedoch jedem gestandenen Metaller die Zornesröte ins Gesicht steigen lässt, vgl. z.B. auch "Want" von The Soft Moon...
      https://www.youtube.com/watch?v=Ufw0XwKebK8

  • Vor einem Monat

    Der erste Song raubt mir schon die Nerven. Dann wird es teilweise nervig und belanglos. Einzig die ein zwei Balladen finde ich okay. Dagegen ist Dua Lipa eine Göttin.