"Immer Noch" gibt einen recht guten Opener ab mit schlichtem Beat in Friedhofsstimmung und hübsch monotonen Rap-Parts von Bushido und seinem Kollabopartner Baba Saad. Auch "Oh Nein" könnte auf jeden Fall klar gehen, wäre da nicht dieser unsägliche Refrain. Wenn man partout keinen Ton trifft, sollte man das Singen entweder sein lassen oder sich Engelchen wie Cassandra Steen einfliegen lassen.
"Denn vom Bordstein bis zur Skyline ..." - nach dieser Zeile haben sich bereits genug Nostalgie-bedingte Hormone aufgebaut, um den Körper gleich heftigst im Takt abgehen zu lassen. "Carlo Coxxx Nutten II, Ich-ficke-deine-Mutter-Slang" - da gehen sie dahin und wurden nie wieder gesehen. Dafür weichen sie einem leicht angeekelten Gesichtsausdruck. Bushido fickt also unsere Mütter? Fasste Azad das persönlich auf, würde er wohl ganz böse Feuerstürme spucken. Neben dem Beat punktet einzig Saads Fler-Diss. Spätestens jetzt kann der Aggroberliner "Fette Kartoffel" als festes Synonym in sein Repertoire aufnehmen.
"Denk An Mich" macht hingegen einen weit besseren Eindruck. Ein hübscher Pianoloop, solide Basslinie, so muss das sein. Einen ganzen Track lang verzichten die Rapper auf "ficken", "Spast", "Missgeburt", "behindert" und "schwul" - so viel Political Correctness hätte man ihnen gar nicht zugetraut. Gehen Bushidos Beats von heute in eine viel Kinderohren-freundlichere Richtung als noch vor zwei Jahren, hält die textliche Ebene mit dieser Entwicklung nicht Schritt. Im Gegenteil. Manchmal fragt man sich, wozu es in Deutschland überhaupt eine Bundesprüfstelle gibt.
Ab "Sonny Black" langweilen die Beats. Ein leises, episches Sample im Hintergrund, eine variable, jedoch nicht sonderlich innovative Basslinie - dieses Schema behält Bushido mit lediglich zwei Ausnahmen bis zum Schluss der Platte bei. Zwar bricht auch "Nie Ein Rapper" daraus nicht aus, trotzdem überzeugt der Track besonders aufgrund des Refrains. Ob er "schwule Studenten" auf die Labelbosse bezieht, die ihm seine Stellung im Rapgame ermöglicht haben? Wohl eher ein verzweifelter Versuch, wieder etwas Glaubwürdigkeit bei der Stammklientel zu erlangen, die sich inzwischen auf seinen Konzerten herzlich unwohl fühlen dürfte.
"Also Komm" punktet als einziger Track auf dem Album mit einigermaßen kreativen Reimen und offenbart so die Misere, in der Bushido steckt. Wenn "Sommer bloß" auf "Dollarkurs" wirklich der beste Reim der Platte ist, was kann sie dann wert sein? Hoffnung macht schon eher der Part von D-Bo auf "Träume Im Dunkeln", der den stetig monotonen Flow seiner Kollegen zumindest eine halbe Minute lang unterbricht. Ein Satz zu "Wer Ist Dieser Junge": "Es ist Sonny Black und Saad, ich ficke deine Gang jetzt, ich ficke deine Mutter, weil die Schlampe sich bangen lässt." Schnarch.
"In Besoffene Kinder" kommt es zu einer kleinen Premiere, wenn Saad irgendwo in seiner Fäkalwort-Tirade aus dem Zweizeilerrhythmus ausbricht und ganze vier Wörter aufeinander reimt. Was selbst in Deutschland seit Samy Deluxe, allerspätestens seit dem Aufstieg von Savas eigentlich Standard sein sollte, schafft Flers Nachfolger so gut wie nie. Während Bushido früher hauptsächlich mit seinen knochenharten Texten überzeugte, punktet der Sonny Black von heute nur noch, wenn er sich an etwas deeperen Texten versucht, wie bei "Denk An Mich" oder "Es Tut Mir Leid".
Wenn auch "Taliban" das Album recht ordentlich abschließt, möchte man sich doch den Kopf halten, sobald es verklungen ist. Die Beats, mögen sie auch immer noch besser als der deutsche Durchschnitt sein, sind meilenweit von dem entfernt, was Bushido bewiesenermaßen spielend drauf hat. Textlich haben die beiden nichts zu sagen außer Phrasen. Daran ändern auch die vier, fünf annehmbaren Tracks der Platte nichts.
Der Vorgänger "Electro Ghetto" hatte schon erste Ermüdungserscheinungen offenbart. Doch der eigentliche Grund für die Schwäche von "Carlo Coxxx Nutten II" heißt Baba Saad. Der Mann erntete schon auf "Electro Ghetto" mit seinen Raps keinen Blumentopf und soll nun Flers Nachfolge als Bushidos Partner antreten. Obwohl Baba Bushidos Ex-Homie mehrfach disst, gelingt es ihm nicht, eine ähnlich kompromisslose Attitüde aufrecht zu erhalten. Fler stand seinerzeit unter dem aka Frank White auch nicht unbedingt auf einer Ebene mit Sonny Black, dennoch steuerte er einige gute Parts bei (ob Sentino irgendetwas damit zu tun hat, sei dahin gestellt). Aber bewegt sich Bu inzwischen nicht in der höchsten deutschen Rapliga? Hätte Bushido nicht Azad oder Eko als Feature gewinnen können?


