laut.de-Kritik

The Times They Are A-changin': Bryan covert Bob.

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Man muss weder Bryan Ferry-Fan noch ein sogenannter Dylanologe sein, um zu der nüchternen Erkenntnis zu gelangen, dass "Dylanesque" vor allem den Spaß an der Sache wiederspiegelt, den der Fan Ferry beim Aufnehmen seiner Dylan-Lieblingssongs verspürt hat. Für Menschen, die nach 1970 geboren sind, dürfte die bedingungslose Liebe älterer Rock-Semester für das noch ältere, gottgleiche Dichtervorbild Dylan eh schon schwer nachvollziehbar sein.

Bei allen anderen sind meist Emotionen im Spiel, die schnell in Schimpf und Schande gipfeln, wenn die Songauswahl oder die Interpretation den hohen Ansprüchen des Originals nicht genügen. So gesehen bin ich für diese Rezension der optimale Kandidat, denn meine Herzblutwallungen halten sich beim Nennen des Namens Dylan doch schwer in Grenzen. Eigentlich bewundere ich viel eher den Mut, den Ferry mit der Entscheidung, ein reines Dylan-Coveralbum aufzunehmen, an den Tag legt (Die Idee dazu kam ihm übrigens schon 1973).

Wem Dylans, ähm, unnachahmlicher Vortragsstil bisher den Zugang zu dessen riesigem Oeuvre versperrte, dem bietet der gänzlich nuschelunverdächtige Ferry hiermit die Chance, einzutauchen in den tatsächlich immensen Melodienreichtum des alten Folk-Barden. Den Beginn macht "Just Like Tom Thumb's Blues", ein Song des Dylan-Klassikers "Highway 61 Revisited" (1965), den schon Neil Young Anfang der 90er bei den Feierlichkeiten zum 30. Geburtstag des Dylan-Debüts dem New Yorker Auditorium darbot.

Musikalisch führt Ferry den Weg, den sein letztes Soloalbum "Frantic" von 2002 beschritt, unbeirrt fort: Es kommen Gitarren-Arrangements zum Einsatz, die sich aus dem tiefen Rhythm'n'Blues-Fundus bedienen, gelegentliche Piano-Einsprengsel, Farfisa-Orgeleinsätze und auch die Mundharmonika musste er nicht extra des Themas wegen erlernen. Seine Tourband begleitet ihn dabei unauffällig und wirkungsvoll.

So gerät die ursprünglich akustische Nummer "Simple Twist Of Fate" von 1975 unter Ferrys Fittichen zu einem schwungvollen R'n'B-Rockstück, während "Make You Feel My Love" eine dieser herzzerreißenden Piano-Balladen Ferrys darstellt, hier noch zusätzlich mit einem Streicherquartett tränentauglich getrimmt. Warum sein Roxy Music-Kumpel Brian Eno seine Mitarbeit ausgerechnet für das unspektakuläre "If Not For You" anbot, verwundert allerdings. Vielleicht ist es doch nicht so schlimm, dass aus dem Comebackalbum von Roxy Music, wie Ferry kürzlich verriet, bislang allein wegen dem Perfektionisten Eno nichts geworden ist.

Obwohl der Pop-Gentleman das Album in nur wenigen Tagen einspielte, versprüht "Dylanesque" die gewohnte Eleganz eines Bryan Ferry-Albums. Seine leicht distinguiert wirkende Stimme bringt einen atmosphärischen Song wie "Positively 4th Street" erst zur vollen, emotionalen Geltung, wenn ich das in Unkenntnis des Originals mal so in den Raum stellen darf. Abgesehen davon, dass man die drei Welthits des Albums heute weder im Original noch als Coverversion hören will, macht ausgerechnet das auf sechs Minuten gezogene und von Guns N' Roses einverleibte "Knockin' On Heavens Door" noch die beste Figur. Mit sanftem Beat, schöner Sologitarre und weiblichem Backgroundchor geht die Hymne glatt als Ferry-Song durch.

Bei "All Along The Watchtower" bleiben dagegen die Versionen von U2 und Jimi Hendrix, bei "The Times They Are A-changin'" Dylan selbst unvergessen. Fragt sich nur, wieso Star-Fotograf Anton Corbijn sich nicht am Riemen reißen konnte und ein solch hässliches Cover absegnete. Oder wollte er mit der Farbvielfalt vielleicht Dylans Aufmerksamkeit erregen? Schließlich hat Ferry sein Idol noch nie getroffen. Was manchmal auch die bessere Wahl ist. Ich weiß es.

Trackliste

  1. 1. Just Like Tom Thumb's Blues
  2. 2. Simple Twist Of Fate
  3. 3. Make You Feel My Love
  4. 4. The Times They Are A-changin'
  5. 5. All I Really Wanna Do
  6. 6. Knockin' On Heavens Door
  7. 7. Positively 4th Street
  8. 8. If Not For You
  9. 9. Baby Let Me Follow You Down
  10. 10. Gates Of Eden
  11. 11. All Along The Watchtower

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