laut.de-Kritik

Auch auf B-Seiten bleibt Springsteen der Boss.

Review von

21 Songs, 21 zurückgelassene Freunde holte Bruce Springsteen aus den Sessions für das 1978er Album "Darkness on the Edge of Town" aus den Archiven. Auf dem überbordenden Box-Set "The Promise" finden sich diese Songs in Form eines eigenständigen Doppelalbums. Die vorliegende Doppel-CD zeigt vor allem eines: Springsteen hat tolle Freunde.

Material für mindestens vier Alben schrieb der Boss in seinen Mittzwanzigern für "Darkness on the Edge of Town". Am Aufnehmen und Touren durch einen Rechtsstreit gehindert, ging seine kreative Ausgangsleistung durch die Decke. Nichts änderte sich aber an Springsteens Vision seiner Musik.

"Darkness" erzählt von der Ernüchterung des amerikanischen Traums, der ausweglos weit weg ist. Mit grimmiger Entschlossenheit ziehen die Songs aber trotzdem in die Fabriken, den Highways entlang und durch die nächtlichen Großstadtdschungel. Um diese perfekt eingefangene Atmosphäre nicht zu verwässern, ließ Springsteen Dutzende Songperlen im Regal, die man sich fast durchwegs nicht auf dem Album vorstellen könnte.

Denn mit diesen Nummern hätte "Darkness" genausogut ein wundervoll kitschiges Popalbum werden können. Ein Album über Frauen, über Beziehungen, Liebe und gebrochene Herzen. Ein Album, das die Musik seiner Jugend ganz ohne Scheuklappen zelebrierte, das die Einflüsse von Roy Orbison, Elvis und Buddy Holly in jeder Faser atmete.

Das butterweiche "Someday We'll Be Together" mit Frauenchor und vielen Ohs und Ahs, das rückblickende "One Way Street" mit emotionalen Saxophon-an-einer-Straßenlaterne-Solo oder die anhimmelnden "Rendevous" und "The Little Things (My Baby Does)" sind lupenreine Liebeslieder, die ohne übliche Springsteen'sche Bildgewalt die Dinge beim Namen nennen.

Es sind seine eigenen teenage romances, verpackt in die oft überladene Popmusik der Sechziger. Bei "Gotta Get That Feeling" und "Outside Looking In" besucht Bruce die Highschool-Tanzabende, bei denen die hübschen Mädchen immer mit den Sportlern tanzten, während Bruce am Ende allein da stand.

The Promise erklärt dem geneigten Hörer aber auch die Entwicklung einiger originaler Darkness-Tracks. Bevor "Candy's Room" zu Springsteens erstem großen Punksong wurde, war es das relaxte "Candy's Boy" mit Country-Feeling und Orgelsolo statt wütendem Gitarrenbreak. "It's A Shame" bekam ein schnelleres Tempo verpasst und hieß später "Prove It All Night". Und im bitteren "Factory" ging es in der ersten Fassung mit dem Titel "Come Out (Let's Go Tonight)" noch um ein Mädchen und nicht um die Arbeit.

Dazu spendiert er noch die eigenen Studioversionen von "Because The Night" und "Fire", die der Boss gutmütigerweise an Patti Smith und die Pointer Sisters abdrückte und zu Welthits wurden. Nach dem "Born To Run"-Hype schien es fast so, als ob er mit aller Kraft große Single-Hits vermeiden wollte.

Auch fröhliche Rocker hatten auf Springsteens Version von Darkness letztlich nichts verloren. Das schnippende "Ain't Good Enough For You", der treibende Motown-Stampfer "Talk To Me" oder das in diesem Jahr fertigtgestellte "Save My Love" haben den Optimismus und die Lebensfreude, die der Erzähler in "Racing in the Street" schon lange aufgegeben hat.

Die niederschmetternde Atmosphäre des Original-Albums verinnerlicht wirklich nur der Titelsong "The Promise", der schon in einer reduzierten Version auf dem "Tracks"-Boxset zu hören war. Die Thunder Road war nur ein leeres Versprechen, man kann vor seinem eigenen Schicksal nicht davonlaufen. Bildgewaltig, emotional, Springsteen at his best.

Die Konsequenz, mit der er großartige Songs verwarf, um seine genau Vorstellung diese Albums zu bekommen, ist mehr als beeindruckend. Ob ein anderes, leichteres "Darkness on the Edge of Town" denselben Klassiker-Status innehätte, darf bezweifelt werden. Dass Bruce Springsteen trotzdem Lieder wegwirft, für die andere Künstler töten würden, ist die in Stein gemeißelte Wahrheit des Rock'n'Roll.

Trackliste

CD 1

  1. 1. Racing In The Street ('78)
  2. 2. Gotta Get That Feeling
  3. 3. Outside Looking In
  4. 4. Someday (We'll Be Together)
  5. 5. One Way Street
  6. 6. Because The Night
  7. 7. Wrong Side Of The Street
  8. 8. The Brokenhearted
  9. 9. Rendezvous
  10. 10. Candy's Boy

CD 2

  1. 1. Save My Love
  2. 2. Ain't Good Enough For You
  3. 3. Fire
  4. 4. Spanish Eyes
  5. 5. It's A Shame
  6. 6. Come On (Let's Go Tonight)
  7. 7. Talk To Me
  8. 8. The Little Things (My Baby Does)
  9. 9. Breakaway
  10. 10. The Promise
  11. 11. City Of Night

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9 Kommentare

  • Vor 5 Jahren

    @BrickTop (« Bruce war, ist und wird immer der Boss bleiben! »):
    Der Springsteen kann einem mit seiner Volksschulmentalität wirklich auf den Geist gehen. Wobei es
    mir überhaupt fraglich erscheint, ob der Springsteen jemals eine Schule besucht hat.
    Vielleicht wird er gerade deshalb vom einfachen, ungebildeten Volk als Halbgott verehrt.Psychologisch
    ist das einigermaßen erklärbar: Springsteen rebellierte in seiner Jugend einerseits gegen seinen Vater
    und versuchte ihm so wenig wie möglich zu gleichen; andererseits übernahm er dessen Werte aus der
    Arbeitswelt (u.a. Misstrauen gegenüber Intellektuellen) sowie dessen Begeisterung für Autos. Diese
    Ambivalenz kennzeichnet auch sein Verhältnis zur Musik.

  • Vor 5 Jahren

    @BrickTop (« Bruce war, ist und wird immer der Boss bleiben! »):
    Der Springsteen kann einem mit seiner Volksschulmentalität wirklich auf den Geist gehen. Wobei es
    mir überhaupt fraglich erscheint, ob der Springsteen jemals eine Schule besucht hat.
    Vielleicht wird er gerade deshalb vom einfachen, ungebildeten Volk als Halbgott verehrt.Psychologisch
    ist das einigermaßen erklärbar: Springsteen rebellierte in seiner Jugend einerseits gegen seinen Vater
    und versuchte ihm so wenig wie möglich zu gleichen; andererseits übernahm er dessen Werte aus der
    Arbeitswelt (u.a. Misstrauen gegenüber Intellektuellen) sowie dessen Begeisterung für Autos. Diese
    Ambivalenz kennzeichnet auch sein Verhältnis zur Musik.

  • Vor 5 Jahren

    @Ambrosia (« @ultraviolet (« Die Überschrift ist ja wieder sehr kompetent - es sind keine B-Seiten. Im Text scheint es der kritiker ja dann doch bemerkt zu haben. Ich sags ja - selten so wenig Ahnung wie hier angetroffen... »):

    Wieso schreibst du eigentlich noch nicht für LAUT? Dann käme mal die von dir bemängelte Kompetenz rein. »):
    Der Springsteen kann einem mit seiner Volksschulmentalität wirklich auf den Geist gehen. Wobei es
    mir überhaupt fraglich erscheint, ob der Springsteen jemals eine Schule besucht hat.
    Vielleicht wird er gerade deshalb vom einfachen, ungebildeten Volk als Halbgott verehrt.Psychologisch
    ist das einigermaßen erklärbar: Springsteen rebellierte in seiner Jugend einerseits gegen seinen Vater
    und versuchte ihm so wenig wie möglich zu gleichen; andererseits übernahm er dessen Werte aus der
    Arbeitswelt (u.a. Misstrauen gegenüber Intellektuellen) sowie dessen Begeisterung für Autos. Diese
    Ambivalenz kennzeichnet auch sein Verhältnis zur Musik.