laut.de-Kritik

Avantgarde-Pop fernab jeglicher Konvention.

Review von

Wenn man eine Pop-Künstlerin über einen doch recht bekannten Black/Death-Bandleader entdeckt, hat das was zu bedeuten oder? Vor allem, wenn diese Pop-Künstlerin mit gerade mal 16 Jahren die polnische "Idol"-Ausgabe gewinnt, sich über die Jahre aber zu einer durch und durch eigenständigen Musikerin entwickelt.

Monika Brodka heißt sie, ihr neues, mittlerweile viertes Album präsentiert Avantgarde Pop fernab jeglicher Konvention und vor allem jeglicher Scheu davor, auch mal unangenehm zu werden. Ihre Geschichten erzählt sie in poetischer, teilweise viszeraler Form. "Haiti" zum Beispiel behandelt Lust — wie sie selbst sagt aus Sicht sexueller Kannibalen. "Drink his fears so he can't fear it / Eat his ears so he can't hear it" heißt es dort, begleitet von an der Dissonanz entlang schrammender Kalimba. Leiernde Synthies komplettieren das unruhige Bild.

Das nachfolgende "Funeral" zelebriert einen makaberen Walzer. Die Graborgel spielt, ein Cello legt seinen bedrohlichen Bogenstrich darunter, im Refrain marschieren die Toten im Takt getriebener Drums. Die Arrangements sind spartanischer Natur, jedes Instrument spielt nur so lange es wirklich gebraucht wird. Dafür sind die entsprechenden Lines wohldurchdacht und auf den Punkt gebracht.

Einen wesentlichen Teil zum Gelingen der dichten Atmosphäre von "Clashes" trägt genau dieses Entzerren von Strukturen bei. Wie ein Puzzle setzen sich die überlegt geformten, aber immer überschaubaren Einzelparts zu einem großen und dann geradezu überwältigenden Ganzen zusammen. Das Ergebnis erinnert damit einerseits an Lykke Li, die gern ähnlich arrangiert, in gewisser Weise aber auch an This Mortal Coil oder — was einige Vocalmelodien sowie die Grundstimmung angeht — Lana Del Rey.

Neben depressiv-verstörenden Experimenten findet sich allerdings gar Tanzbares à la "Up In The Hill", ausgestattet mit gepfiffener Lead-Melodie, oder Offbeat-Nummern wie "Santa Muerte". Denen auf ihre eigene Art trotzdem wieder etwas Verstörendes anhaftet. "Up In The Hill" ziert ein destruktives Noise-Gitarrensolo, in "Santa Muerte" macht ein permanentes Knarzen im Untergrund Entspannen unmöglich. Fun-Fact: ebenfalls im "Clashes"-Instrumentarium: eine Säge.

"My Name Is Youth" sticht stilistisch wohl am stärksten hervor. Während es sonst gerne seinen Folk-Hintergrund zur Schau stellt, adaptiert Brodka hier plötzlich rotzigen Punk-Vibe. Brachialer Drumbeat führt durch den nicht einmal zweiminütigen Track, der ebenso abrupt endet, wie er unerwartet im Albumkontext hereinbricht. Um den Kontrast möglichst krass zu gestalten, schiebt Brodka ausgerechnet "Kyrie" hinterher, das mehr unhimmlisches Gewaber als richtigen Song darstellt.

Ein gewisses Maß an Kollision, Sperrigkeit und bisweilen recht scharfen Kanten sollte man definitiv ertragen können, will man Brodkas "Clashes" in all seiner ambivalenten Schönheit genießen. Ist dies kein Problem, belohnt die Platte mit schlichten, aber doch so unwiderstehlichen Refrains wie in "Horses" oder "Holy Holes". Gerade letzteres mit seiner prägnanten Oboenmelodie und verzahnter Rhythmusbasis entpuppt sich als absolute Perle.

Brodka als Bereicherung für die Poplandschaft zu bezeichnen, greift eher noch zu kurz. "Clashes" ist mutig, zeitlos, individuell. Auf eine Art und Weise, die einerseits Vorangegangenes respektiert und integriert, andererseits genauso selbst als Vorbild für Neues dienen kann. In Polen ist Monika Brodka bereits ein Superstar, hoffentlich bald auch außerhalb.

Trackliste

  1. 1. Mirror Mirror
  2. 2. Horses
  3. 3. Santa Muerte
  4. 4. Can't Wait For War
  5. 5. Holy Holes
  6. 6. Haiti
  7. 7. Funeral
  8. 8. Up In The Hill
  9. 9. My Name Is Youth
  10. 10. Kyrie
  11. 11. Hamlet
  12. 12. Dreamstreamextreme

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