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Zwischen Pop-Punk und Alkoholbeschränkung hat sich Hardcore inzwischen weit von einem seiner ursprünglich wichtigsten Standbeine entfernt: der politischen Aussage. Das 1994 im US-Bundesstaat Delaware gegründete Quintett steht glücklicherweise für eine der wenigen Ausnahmen. Boysetsfire ist die Message mindestens genauso wichtig wie die Musik. Und beides ist kaum zu überhören.
Der Legende nach trinken sich Chad Istvan und Josh Latshaw gerade einen, als sie beschließen, eine Band zu gründen. Große Ideen sind immer erstmal einfach geboren. Sie holten Nathan Gray, Matt Krupanski und Darrell Hyde an Bord. Chad und Josh übernahmen die Gitarren, Nathan den Gesang, Matt die Felle und Darrell den Bass. "Die Dinge aufrütteln" war einer der Hauptgründe für die erste Probe von Boysetsfire im Keller von Gitarrist Chad Istvans Elternhaus. Und das gelingt: es wird geknüppelt was das Zeug hält, und alles ist echter Hardcore: die Nietengürtel, die Vans, die Straight Edge-Xe, die Tätowierungen und nicht zuletzt der Krach.
In ihren Anfangstagen hauen Boysetsfire kräftig auf die Saiten und moshen durch den viel zu kleinen Proberaum. Und genau so schnell, wie sie durch ihre kurzen Songs rennen, geht auch das Leben der Band voran. Bereits einen Monat nach der ersten Probe steht ein erster Gig für Freunde ins Haus, durch den man einige Auftritte in den örtlichen Clubs von Newark ans Land zieht, und schon im Winter ist das erste selbstbetitelte Demo aufgenommen. Boy Sets Fire meinen es ernst. Halbe Sachen gibt es hier nicht, auch wenn es erst einmal Absagen von den Plattenfirmen hagelt.
Angeblich mussten sie sich in ihren Anfangstagen Geld für Essen von ihren Fans zusammenschnorren. Schon früh gewöhnen sie sich an, mit ihren Fans über Politik zu reden, denn darum geht es der Band von Anfang an: eine Message nach da draußen zu tragen. Ein zweites Demo namens "Premonition, Change, Revolt" wird veröffentlicht, eine erste zweiwöchige Tour selbst gebucht und der Bandname dreht in der Hardcore-Szene der amerikanischen Ostküste munter seine Runden. Es dauert nicht lange, bis 1996 die erste EP "This Crying This Screaming, My Voice is Being Born" erscheint, und Boysetsfire beginnen, ihre oft mit kommunistischen Ideen gefärbte Meinung in die Welt hinaus zu feuern.
Nach weiteren Touren durch jeden Punkrock-Schuppen in den Staaten signt die Band 1997 bei Inital Records und nimmt für 1200 Dollar und in einer knappen Woche das erste komplette Album "The Day The Sun Went Out" auf. Begeistert wird es in den Underground-Zines abgefeiert, besonders die enorme Spannbreite der Stimme von Sänger Nathan Gray lässt Boysetsfire aus der Flut an Veröffentlichungen heraus stechen. Eine Tour im Vorprogramm von Avail bringt die Band wieder ein Stück weiter.
Mit der "In Chrysalis"-EP im Koffer fliegt die Band das erste Mal nach Europa und schafft es auch, dort mit ihrer zweigleisigen Mischung aus Politik und melodiösen Brachial-Sound die Hardcore-Szene für sich zu gewinnen. Im Oktober 1999 trennen sich Boysetsfire von ihrem Bassisten Darrell, das ganze bezeichnet Josh später als "ein einziges großes Missverständnis". Er wird durch Rob Avery ersetzt, mit dem man für das zweite Werk "After The Eulogy" ins Studio geht und der von nun an für das komplette Artwork der Band verantwortlich ist. Unter Vertrag steht man nun beim renommierten Hardcore-Label Victory Records (Snapcase, Ten Foot Pole oder auch die deutschen Waterdown).
"After The Eulogy" erscheint 2000 und entwickelt sich musikalisch deutlich in eine gemäßigtere Emo-Richtung, die aber nicht auf ihre Schrei-Orgien verzichtet (und schon gar nicht auf etwas softere Texte). Nathans Stimme klingt nach wie vor unglaublich flexibel mit ihrem fliegenden Wechsel zwischen Schreien, Wispern, Melodie und purem Rock'n'Roll. Mit "Rookie" haben Boysetsfire sogar einen kleinen Hardcore-Hit. Durch den Erfolg des Albums gepusht geht die Band mit Snapcase auf Tour und spielt sowohl die Warped- als auch die Deconstruction-Tour. Nach Streitereien mit Victory verlassen Boysetsfire das Label, veröffentlichen 2001 die EP "Suckerpunch Training" und unterschreiben einen neuen Vertrag bei Wind-Up. "Wir wollen unsere Musik und unsere Message einfach an so viele Leute wie möglich bringen" meint Bass-Man Avery. Das dürfte in direkter Nachbarschaft zu solch illustren Labelmates wie Creed oder Drowning Pool gut gelingen. Nach der EP "Live For Today" erscheint im März 2003 ihr drittes und wiederum etwas härteres Album "Tomorrow Come Today". Der Scream-Anteil ist reduziert, die cleveren Arrangements sind aber geblieben. Bezeichnender Weise ist das erste Album auf einem großen Label und mit einem echten Produzenten auch das bisher Politischste.
Nach den Aufnahmen für die Platte steigt Basser Rob Avery aus und wird durch den langjährigen Roadie Robert Ehrenbrand aus München ersetzt. In den USA nehmen sie an der namhaften Lollapalooza-Tour teil, und ein erstes Mal geht es nach Down Under. Da ihre Platte kommerziell nicht so läuft, wie Wind-Up es sich vorstellt, fordern sie Boysetsfire auf, die nächste Platte in Angriff zu nehmen. Sie setzen sich hin und schreiben sofort neue Songs. "Wir waren pleite, Bush war Präsident, unsere Privatleben waren ein Scherbenhaufen. Scheiße für uns, gut für die Musik", konstatiert Josh nüchtern. Die neuen Songs kamen bei Wind-Up nicht so gut an, musikalisch wie textlich. Offene Kritik am Präsidenten der USA ist nicht überall in den USA auch gern gehört, müssen Boysetsfire feststellen.
Am Ende bittet die Band selbst darum, aus dem Vertrag entlassen zu werden, dem stimmt die Plattenfirma zu. Mit Equal Vision finden die Fünf schnell ein neues Label, und in Europa kommts richtig dick für die Jungs: die schwedischen Punkrockgiganten Burning Heart nehmen Boysetsfire für Europa unter Vertrag. Im Februar 2006 erscheint hier "The Misery Index: Notes From The Plague Years", das vierte Full-Length-Album der Unbequemen aus Delaware. Selten hat sich die Band so vielseitig gezeigt, aber die Wut haben sie sich bewahrt.
Ende März erschien das heiß erwartete dritte Album der amerikanischen Hardcore-Größen Boy Sets Fire beim Major Sonymusic. Ein Schritt, der für eine durch und durch politische Band sicherlich nicht ganz einfach war ...
LAUT sprach mit Gitarrist Chad Istvan über die kommunistischen Tendenzen der Band und die damit verbundenen Probleme bei einem Gig in Ungarn, über die politische Einstellung von Boy Sets Fire und natürlich über ihr musikalisches Schaffen.
Hi Chad. Wie oft hast du in den letzten Wochen das Wort 'Sellout' gehört?
Ein paar Mal, aber eigentlich hielt es sich in Grenzen.
Glück gehabt, denn in letzter Zeit wurden viele Hardcore-Bands wie Thursday, A.F.I. oder eben auch Boy Sets Fire von Major-Labels gesignt ...
... (mit fester Stimme) Um eins klar zu stellen: Boy Sets Fire sind auf keinen Major. Wir haben auf dem amerikanischen Independent-Label Wind Up unterschrieben. Und dies wird in Europa über Sony vertrieben. Und es gibt immer noch einen großen Unterschied zwischen einem Plattenvertrag und dem Vertrieb.
So fühlt ihr euch nicht als Band auf einem Major-Label?
Nein. Sonymusic hat uns wirklich sehr unterstützt, aber sie hatten keinen Einfluss auf irgendetwas, das wir aufgenommen oder gemacht haben.
Um zur Frage zurück zu kommen: Viele Bands haben zu Majors gewechselt. Ist das vielleicht gerade ein Trend wie bei den ganzen Pop-Punks à la Offspring oder Green Day Mitte der Neunziger?
Das könnte sein. Ich denke, Labels schauen eben immer danach, was das nächste große Ding sein könnte oder was erfolgreich über die nächsten Jahre sein wird. Aber du hast da wahrscheinlich recht, dass manche Leute denken, dass Hardcore das kommende Ding sein wird.
Habt ihr Angst, dass Hardcore-Bands wie Boy Sets Fire, denen ihre politische Botschaft sehr wichtig ist, nun von den Kids mit harten Bands wie Slipknot, die einfach nur alles Scheiße finden, gleich gesetzt werden?
Ich habe davor keine Angst, sondern bin damit eher zufrieden. Obwohl wir im Gegensatz zu vielen Bands etwas zu sagen haben und der Frustration und Angst der jungen Leute eine Richtung geben können. Wir sind mindestens ein Sprungbrett, um anzufangen zu denken. Aber ich hätte es natürlich viel lieber, wenn mein Kind über etwas mit Wert nachdenkt, anstatt "People suck".
Wie denkt ihr darüber, dass die Kids wohl nicht alles in euren Lyrics verstehen werden.
Das ist ok. Wenn du überlegst, dass wenigstens ein oder zwei Prozent von ihnen im Grundsatz unseren politischen Ansichten zustimmen, dann kann das vielleicht schon einige Sachen verändern. Du weißt nie, was Menschen inspiriert, etwas zu tun.
"Tomorrow Come Today" ist eure bisher politischste Platte. Und die erste auf einem großen Label. Ist das eine kleine Trotzreaktion?
Wir haben nun auf jeden Fall eine größere Möglichkeit, unsre Message an den Mann zu bringen. Wir machen das nun schon seit acht Jahren und nun nutzen wir eben unsere Chance. Wir widersetzten uns ja nicht gegen irgendjemanden, wenn wir die Sachen sagen, die wir denken. Unser Label will auch, dass wir sagen können was wir denken. Wir haben auch vertraglich festgelegt, dass wir komplette Freiheiten in unserer Musik und in unseren Texten haben.
Aber wie fühlt es sich an, auf dem gleichen Label wie Creed zu sein?
Das ist sehr merkwürdig. Und manchmal sehr surreal. Aber es fühlt sich nicht schlecht an, und ich denke, wenn jemand sich nun das Label anschaut und Boy Sets Fire neben Creed sieht, dann sieht er auch, dass bei uns wesentlich mehr Inhalt vorhanden ist. Das ist vielleicht für manche Leute nicht so attraktiv, aber für uns als Band ist es das.
Denkst du, dass sich deine politische Einstellung eines Tages ändern wird oder ist sie "for life"?
Man muss immer für neue Ideen offen sein und muss auch sehen, was um einen herum passiert. Auf unserem ersten Trip nach Europa waren wir sehr Anti-Gewalt-mäßig eingestellt. Aber von dieser Tour kamen wir mit einer komplett anderen Sicht der Dinge zurück, weil wir mit den Leuten gesprochen und mitbekommen haben, dass Drohung mit Gewalt ein nutzvolles Werkzeug ist, um es gegen Unterdrückung einzusetzen. Wir denken natürlich immer noch, dass der Verzicht von Gewalt der bessere Weg ist, aber die Androhung von Gewalt ist nicht unbedingt ein schlechtes Mittel, um die Unterdrückten zu schützen.
Boy Sets Fire steht auch ein bisschen für kommunistische Ansichten in der Hardcore-Szene. Habt ihr damit nach dem 11. September irgendwelche Probleme bekommen?
Das einzige Mal, dass wir damit Probleme hatten war in Ungarn. Und das ist sicherlich verständlich. Das Land litt jahrelang unter sowjetischer Unterdrückung, und jetzt kommen da ein paar Amerikaner an und sagen, dass Kommunismus in Ordnung sei. Dann haben wir eben versucht, die Unterschiede zwischen kommunistischen Ideen von Karl Marx und denen der Sowjets zu erklären. Ich denke, dass die Sowjets einige dieser Ideen militarisiert haben.
Ist es dann für euch im gesamten Ost-Europa ein komisches Gefühl, zu spielen?
Nein, das ist nur einmal passiert, dass dort eben eine Gruppe sehr gegensätzlich eingestellt war und sich angegriffen fühlte. Und das ist auch wichtig, dass jeder sagen kann, dass er nicht mit dem anderen übereinstimmt. Danach sind wir auch eine lange Zeit zusammen gesessen und haben uns darüber unterhalten.
Habt ihr als Musiker irgendwelche Änderungen in kulturellen Leben bemerkt, seit Bush Präsident ist?
Bis jetzt nicht. Der Musikkauf und die Konzertbesuche gehen auch in den Staaten seit Jahren zurück. Aber wir haben noch keine speziellen Auswirkungen bemerkt wie etwa Zensur, oder dass Clubs uns nicht spielen lassen wollen. Natürlich habe ich Angst, dass es schlechter wird. Bush und seine Regierung sind sehr schnell damit, bestimmte Grundrechte der Amerikanern einzuschränken. Und wenn es so weiter geht, wird es darauf hinauslaufen, dass man nichts mehr gegen die Regierung sagen darf. Kurz nach dem 11.September gab es einen solchen Schwall von Patriotismus, der wirklich beängstigend war, und wenn man da etwas Regimekritisches sagte, wurde man gleich als "un-american" bezeichnet.
Lass uns über die Musik auf dem neuen Album sprechen. Als ich hörte, dass ihr auf Sony veröffentlicht, dachte ich: ok, mit ein paar "Rookie"s (der BSF-Hit schlechthin) wird das schon was werden. Bis jetzt habe ich aber noch keinen derartigen Hit auf der Platte gefunden ...
Wir hatten auch nicht die Absicht, noch mal einen solchen Hit zu schreiben. Wir sind an diese Platte wie an alle anderen heran gegangen, um das zu machen, was wir selbst wollten. Natürlich wollten wir uns nicht wiederholen, so haben wir das gemacht, was wir mit Leidenschaft machen konnten. Da wir uns in zwei Jahren ja auch als Menschen verändert haben, ist das natürlich nicht mehr das selbe.
Mit "White Wedding Present" werdet ihr erstmals auch eine Single haben ...
Ja, das stimmt. Und gestern Abend haben wir uns auch über ein Video unterhalten. Besser gesagt wussten wir gar nicht, was in Deutschland als Single erscheinen wird, aber genau zu diesem Song wollten wir immer ein Video machen. Die Plattenfirma wollte ein Live-Video, aber ein Boy Sets Fire–Video sollte schon eher politisch orientiert sein. Aber da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.
Das Album war im Mai 2002 fertig aufgenommen. Warum hat es so lange gedauert, es auf den Markt zu bringen?
Wir wurden von der Maschine der Plattenindustrie aufgesogen. Unser Label wollte nicht mit den ganzen Bands wie z.B. Pearl Jam kämpfen, die ihre Platten im letzten Herbst veröffentlicht haben, deshalb haben wir eben bis zum Frühling gewartet.
Ihr habt von der Platte drei Demos aufgenommen. Wann kam der Punkt, an dem du die Songs selbst nicht mehr hören konntest?
Eigentlich gar nicht. Ich liebe die Songs. Der kreative Prozess, wie man mit den Songs arbeitet, ist für mich der Teil an meinem Leben als Musiker, der am meisten Spaß macht. Jedes Mal, wenn wir aufgenommen haben, kamen die Sachen ein bisschen anders heraus. Und jedes Mal ein bisschen besser. Deshalb haben wir es auch so oft neu aufgenommen. Und zum Glück kam der Punkt nicht, an dem wir es nicht mehr hören konnten: denn wenn wir es nicht mehr können, wie können wir dann von jemand anderem erwarten, dass er es kann?
Das Interview führte Philipp Schiedel.
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