laut.de-Kritik
Konfettiregen, fürs Küchenradio optimiert.
Review von Simon Langemann
Axel Bosses musikalisches Schaffen hat sich in den letzten Jahren hinreichend als zuweilen wackeliger Drahtseilakt überm Kitschabgrund herausgestellt. Gleichwohl schürte "Schönste Zeit", Single Nummer eins nach der erfolgreichen Major-Rückkehr "Wartesaal", gewisse Hoffnung auf den ein oder anderen gelungenen Pop-Moment.
Dabei ließ einen der nostalgische Text in Verbindung mit angenehmer Ohrwurm-Hookline gar über gewisse textliche Ausrutscher ("Und deine Tränen war'n Kajal") hinweg sehen. Den eklatantesten Mangel der mittlerweile fünften Studioplatte "Kraniche" verkörpert die Nummer trotzdem.
"It's better to burn out than to fade away / My my, hey hey", zitiert Bosse in der Strophe aus seiner jugendlichen Musiksammlung – und macht den hübschen Ansatz direkt im Anschluss zunichte. "Und ich kaufte mir Neil Young und ein Nirvana-Shirt." Na, danke für den dezenten Hinweis. Welcher Zielgruppe muss man seine musikalischen Referenzen denn derart mit dem Holzhammer servieren?
Auch musikalisch bewegt sich "Kraniche" viel zu sehr im Bereich des Absehbaren, oft genügt allein ein Blick auf die Tracklist: "Müssiggang" setzt auf behäbige Offbeats, "Vive La Danse" auf Four-to-the-floor-Schläge aus der Drummachine. Insofern muss "Istanbul" natürlich mit orientalischen Sounds und Calypso-Rhythmen einsetzen.
Daneben drängt sich der Eindruck auf, dass eine 'Weniger ist mehr'-Instrumentierung sowie eine unperfektere Produktion so manchen Track gerettet hätten. Stattdessen erklingt jede Note perfekt getimt, jeder Chor scheinbar punktgenau eingesungen. So schmeckt im Endeffekt alles viel zu sehr nach Küchenradio-Optimierung.
Da passt es leider gut ins Bild, dass Bosses ständig angewandte Sprachbilder viel weniger Atmosphäre transportieren, als vor zwei Jahren etwa der "Wartesaal zum Glücklichsein". Weder beim "Familienfest" im Grünen ("Dein Vater war kein Vater, eher Fata Morgana"), noch im "Konfettiregen, der auf unsere Haare fällt" wird einem besonders warm ums Herz.
Kurzum: Über weite Strecken geht Axel Bosses ausgeprägtes Gespür für Popsongs diesmal in Kitsch und Belanglosigkeit unter. Dass die eingangs erwähnte Hitsingle einer der wenigen Lichtblicke bleibt, attestiert man dem sympathischen, bescheidenen Niedersachsen durchaus mit Bedauern.