laut.de-Kritik

Ein Aufbruch zu neuen (Pop-) Horizonten.

Review von

Vor vier Jahren kannten allenfalls Techno-Insider das Produzentenduo Booka Shade. Heute wird ihr neues Album sogar in weitgehend Clubkultur resistenten Medien wie Spiegel Online besprochen. Ein sicheres Indiz dafür, dass die jüngere Karriere von Walter Merziger und Arno Kammermeier mehr Licht als Schatten kennt. Und in der Tat sind die letzten Jahre eine einzige Erfolgsgeschichte.

Am Beginn steht 2004 die Gründung des Labels Get Physical, zusammen mit Ex-Groove-Chefredakteur DJ T und dem DJ-Gespann M.A.N.D.Y. Es folgen international äußerst erfolgreiche Maxis sowie die beiden Alben "Memento" und "Movements".

Electro-House ist der Sound, für den Booka Shade und ihr Label zunächst synonym stehen. Spätestens nach "Movements" dürfte aber jedem klar geworden sein, dass das Duo nicht allein für die Tanzfläche produziert. Merziger und Kammermeier hegen einen künstlerischen Anspruch, der immer stärker aus ihren Releases spricht. Und so unterliegt ihr musikalischer Output einer sachten aber dennoch konstanten Veränderung. Wie weit sich Booka Shade inzwischen vom Electro-House entfernt haben, zeigt ihr neuestes Album "The Sun & The Neon Light".

Kollege Schuh wird beim Albumtitel sicherlich sogleich an den Depeche Mode-Abschlusstrack "The Sun & The Rainfall" von "A Broken Frame" (1982) denken. Und ganz so falsch ist die Verbindung zu den Synthie-Pop-Helden auch nicht, für die man 2006 in der Berliner Waldbühne supporten durfte.

Das qualitativ hohe Level, auf dem die Briten seit Jahren arbeiten, passt gut zu Booka Shades Anspruchdenken. In manchen Momenten lassen sich sogar konkrete Verweise nennen, etwa die offensichtlichen Referenzen von "Dusty Boots" an "Personal Jesus" oder die Fad Gadget-Nähe in "Control Me". Booka Shade erschöpfen sich jedoch nie in soundtechnischen Parallelen.

Die Berliner sind ambitioniert, sie wollen den Pop. In den schönsten Momenten gelingt ihnen der Spagat zwischen Club und Pop mit überraschender Leichtigkeit ("Redemption"). Manchmal erschrecken sie auch ein wenig vor ihrer eigenen Courage, fallen in Klischees zurück und wirken dann ein wenig hölzern in ihrem Bemühen ("Psychameleon"). Gerade am Mikrofon ist diese Unsicherheit deutlich zu hören. Dennoch stellen diese Momente das gesamte Unterfangen Pop genauso wenig in Frage, wie deutliche Verweise auf ihre Vergangenheit ("Charlotte").

Booka Shade haben sich mit "The Sun & The Neon Light" aufgemacht, die Clubs hinter sich zu lassen. Songwriting und ein ausgetüfteltes Klangdesign sollen den Weg ebnen. Es wird noch eine gute Weile dauern, bis sie sich mit ihren Ansprüchen im Mainstream festsetzen können. Gehen ihnen weder Ehrgeiz noch Kreativität aus, dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass Booka Shade noch eine große Karriere bevor steht.

Trackliste

  1. 1. Outskirts
  2. 2. Duke
  3. 3. Dusty Boots
  4. 4. Control Me
  5. 5. Solo City
  6. 6. Charlotte
  7. 7. Numbers (Radio Mix)
  8. 8. The Neon Light
  9. 9. Sweet Lies
  10. 10. Karma Car (Album Version)
  11. 11. Psychameleon
  12. 12. Planetary
  13. 13. Comacabana
  14. 14. You Don't Know What You Mean To Me (J's Lullaby)

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LAUT.DE-PORTRÄT Booka Shade

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