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"Wir sind der Stachel im Arsch der Nation" heißt es auf einer ihrer Platten. Das hätten sie wohl gern. Tatsache ist, dass viele hierzulande dem Phänomen Fascho-Rock mit seinem dumpfen Bekenntnis zu Hass, Gewalt und Ausländerfeindlichkeit hilflos gegenüber standen. Aber wie soll man sich auch mit jemand streiten, der die Kraft des sachlichen Arguments nicht anerkennt. In dieser Szene haben die Onkelz in ihren ersten Jahren tatsächlich eine traurige Berühmtheit erlangt. Da hagelte es Auftrittsverbote, und das erste Studioalbum "Der Nette Mann" (1984) wurde wegen Gewaltverherrlichung und Idealisierung des Nationalsozialismus auf den Index gesetzt.
Stephan Weidner (g), Kevin Russel (voc) und Peter Schorowsky (d) gründen die Onkelz 1980 in der Nähe von Aschaffenburg. Die drei sind zwischen 16 und 17 Jahren alt, stehen auf Bands wie die Ramones, die Sex Pistols oder die Stranglers und werden von den kleineren Nachbarjungen auf Grund ihrer grün gefärbten Haare, als die bösen Onkels bezeichnet. Die sozialen Hintergründe der Teenager sind mies bis beschissen, so arbeitet Stephan in der Kneipe, die sich an den Puff seines Vaters anschließt, und hat schon mit 17 ein Schulverbot für alle Schulen in Hessen. Kevins Familie zerbricht an der Alkoholsucht der Mutter, womit Peter der einzige ist, dessen Background einigermaßen normal ist.
Es folgen die ersten Auftritte, schnell hat die Band den Ruf weg, im Auftreten authentisch und in der der Botschaft asozial bis rechtsradikal zu sein. Dies basiert nicht nur auf den zerstörerischen Wutausbrüchen insbesondere Kevins, als natürlich auch auf dem Song "Türken Raus". Häufige, selten verbale Auseinandersetzungen zwischen Punks, Skins und Ausländern mögen das Ihre beitragen. 1981 steigt mit Matthias "Gonzo" Röhr endlich auch ein Bassist in die Band ein, der vorher bei den Punks von Antikörper Gitarre gespielt hat. Die Onkelz selber sehen sich auch als Punkband und mehr oder minder in der Tradition von Slime und Abwärts.
Ende des Jahres '81 fährt das Quartett nach Berlin, um bei dem linken Label "Aggressive Rockproduktionen" (heute Noise) zwei Stücke für den "Soundtrack zum Untergang Vol. II" aufzunehmen. Dabei tauschen Stephan und Gonzo die Instrumente und behalten das bis heute bei. Als der ursprünglich unpolitische Oi-Punk ("oi" ist schlicht und ergreifend ein Slang Begriff für "hey"), bei dem es hauptsächlich um musizierende Hooligans geht, aus England rüberschwappt und dem Lebensstil der Onkelz zu 100 % entspricht, fühlen sich Stephan und Gonzo stark angezogen, obwohl diese Szene immer deutlicher zum Rechtsradikalismus neigt.
1983 ist Stephan schon verheiratet und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Kevin ist als Matrose unterwegs, Gonzo absolviert seinen Wehrdienst bei der Marine. In dieser Zeit entsteht das erste Demo der Band, eine gewaltverherrlichende, ausländerfeindliche Aneinanderreihung von geistigem Durchfall. Die rechte Szene ist begeistert und bedient sich der immer populärer werdenden Band nach Belieben, vor allem nach der Veröffentlichung von "Der Nette Mann" über das Rock O Rama-Label von Herbert Egoldt. Das Album voller nationalsozialistischer Tendenzen verherrlicht alles, was mit Gewalt, Sex und Alkohol zu tun hat.
Während sich Kevin in der rechten Szene ziemlich wohl und geborgen fühlt, denken die anderen drei etwas anders darüber. Dresscodes und ähnliche Vorschriften widersprechen dem Freiheitsgefühl der ehemaligen Punks. "Böse Menschen - Böse Lieder" kommt '85 auf den Markt, ohne dass die Band auch nur einen Pfennig für das Debüt sehen würde. Textlich beschäftigen sie sich mit der Gewalt auf den Straßen und alkoholischen Exzessen. Obwohl einige rechte Parteien die Band für ihre Zwecke einspannen wollen, lehnen sie jedes Angebot kategorisch ab.
Um den Vertrag mit dem inzwischen deutlich rechtsradikalen Rock O Rama Label zu erfüllen, nehmen die Onkelz die EP "Mexiko" auf, insgesamt erhalten sie für drei Scheiben eine Zahlung von 4.000 DM. Als "Der Nette Mann" ein Jahr später indiziert wird, kratzt das die Band nur wenig, da sie an der Scheibe eh nichts verdient hat und sie nach dem Verbot schnell Kultstatus erreicht.
"Onkelz Wie Wir" zeigt nicht nur, dass die Onkelz musikalisch inzwischen differenzierter zur Sache gehen, sondern auch, dass sie sich der rechten Szene nicht mehr verbunden fühlen. Der Song "Erinnerung" legt Stephans Gedankenwelt eindeutig dar, wird aber von der Presse nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn akzeptiert. Allein die Fanzines in der Metal-Ecke beschäftigen sich mit der Band. Die rechte Szene beginnt, den Onkelz Verrat vorzuwerfen, was diese aber nicht sonderlich juckt. Schließlich haben sie eigene Probleme, da vor allem Kevin inzwischen massiv drogenabhängig ist.
Bis zur Veröffentlichung von "Es Ist Soweit" hat sich an Kevins Drogensucht nichts geändert, was Stephan, der sich menschlich inzwischen sehr entwickelt und weiter gebildet hat, zu sehr drastischen Texten inspiriert. Als dann auch noch ein sehr guter Freund der Band erstochen wird, geht es mit Kevin beinahe zu Ende. Von "Wir Ham' Noch Lange Nicht Genug" setzen sie in kurzer Zeit 100.000 Einheiten ab. 1992 ist es um Kevin übel bestellt, da seine Alkohol- und Heroin-Sucht sich weiter verschlimmert. Auch die Presse schießt sich fröhlich auf die Band ein, nachdem diese mit "Heilige Lieder" ohne Werbung auf Platz fünf der deutschen Charts einsteigt. Es folgt eine Art Hexenjagd, in deren Verlauf immer wieder gefordert wird, der Name solle geändert werden und alles wäre vergeben. Das gipfelt darin, dass sich die Bild-Zeitung sogar weigert, eine Anzeige der Onkelz zu drucken, in der sie gegen Fremdenhass aufrufen. Ein Jahr später sitzen Stephan und Campino sogar relativ friedlich nebeneinander im einer Folge von MTVs "Free Your Mind" und reden über Fremdenhass und den Einfluss, den Bands auf ihre Fans haben können. Als die Onkelz jedoch '93 an einem Anti-Rechts-Festival in Frankfurt teilnehmen wollen, drohen Peter Maffay, Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer und diverse andere mit Absagen.
'94 erscheint nur eine Best Of, und Kevin nutzt die Pause, um endlich von seiner Sucht loszukommen. Danach geht es praktisch nur noch aufwärts. Mit "E.I.N.S." steigen sie auf Platz drei der Charts ein und das "Live In Dortmund" Video, das neben der Doppel-CD veröffentlicht wird, führt wochenlang die Videocharts an. Den Vogel schießen die Böhsen Onkelz aber mit "Viva Los Tios" ab, denn die Scheibe geht von 0 auf 1 in die Charts und verkauft sich in den ersten 48 Stunden über 300.000 mal.
"Ein Böses Märchen" toppt den Verkaufsrekord sogar noch einmal. Sogar MTV scheint inzwischen an einer Auseinandersetzung mit den Onkelz interessiert und plant eine Doku im Rahmen der "MTV Master", die allerdings wegen der Voreingenommenheit der Redakteure ziemlich peinlich ausfällt. Ausfallen muss auch ein Benefizkonzert zu Gunsten der Opfer rechter Gewalt zum zwanzigjährigen Bandjubiläum, da Kevin bei einem Autounfall schwer verletzt wird. Im folgenden Jahr holen die Onkelz die ausgefallenen Konzerte nach und schneiden vom Frankfurter Gig eine DVD mit. Das Bremer Benefizkonzert geht schließlich im März 2001 zusammen mit Kreator, Destruction, Megaherz und Sub7even über die Bühne und spielt über 100.000 DM ein.
Nach "Dopamin" (2002) geben die Onkelz im Mai 2004 ihre Auflösung bekannt, kurz darauf erscheint das Abschiedsalbum "Adios". Gerüchten zufolge hatten sich Kevin Russel und Gitarrist Matthias "Gonzo" Röhr mit Texter und Bassist Stephan Weidner verkracht. Angeblich hätten die beiden die dominante Rolle Weidners nicht mehr hinnehmen wollen und deshalb auf die Auflösung hingearbeitet. Wie auch immer: das Abschiedskonzert "Vaya Con Tioz" am EuroSpeedway Lausitz lockt im Juni 2005 noch einmal gut 100.000 Fans an. Es ist der letzte öffentliche Auftritt der Band, dokumentiert auf der gleichnamigen 4-DVD-Box, die im Februar 2007 erscheint.
Schon lange vor ihrer Auflösung geben sich die Onkelz nur noch völlig unpolitisch. Zwei Dinge unterscheiden sie von Dutzenden ähnlicher Bands: Zum einen die mitunter beeindruckend expressiven Texte, die ohne die dämlichen Phrasen der Frühzeit ("heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt") noch besser kommen. Zum andern der ewige Argwohn, zu Unrecht (politisch) verfolgt zu sein. Vielleicht aber wurden sie ja gar nicht tot geschwiegen, vielleicht waren sie einfach nur noch ein Stachel, der keinen mehr juckt.
Auch wenn der eine oder andere den Begriff "Mittelalter Rock" nicht so ganz zuordnen kann, Subway To Sally sind mit ihrem eigenwilligen Sound erfolgreicher denn je. Ursprünglich sollten sie mit den Böhsen Onkelz auf einem Benefizkonzert gegen rechte Gewalt spielen. No Problem, sagt Sänger Eric.
Über mangelnde Nähe zu den Fans kann sich bei Subway To Sally keiner beschweren, schieben die Herren und Dame doch, anstatt ihren Day-Off zu genießen, lieber noch ein Zusatzkonzert in der Batschkapp ein.
Andere Bands sind meist froh, wenn sie mal 'nen Tag ausspannen können, ihr hingegen schiebt einfach noch 'n Konzert zwischenrein. Könnt ihr nicht genug kriegen?
Eric: Erstens das und zweitens, wie könnte man die Zeit besser nutzen? Meine Stimme ist zwar dummerweise nicht ganz so stark, wie ich mir das wünschen würde, aber ich möchte trotzdem jede Gelegenheit nutzen, um live zu spielen, auch wenn ich meiner Stimme ab und an eine Ruhepause einrichten sollte.
Eure Vorband Zombie Joe, kanntet ihr die vorher schon oder wie bekommt man bei euch den Opener Posten? Habt ihr da Einfluss drauf?
Eric: Klar haben wir da Einfluss, man bewirbt sich bei uns mit CD oder Demo und die werden dann irgendwann gesichtet und durchgehört. Die Jungs müssen dann natürlich noch 'n bisschen was beisteuern, aber dieses Lehrgeld muss jede Band mal zahlen. In deren Falle ist es eben Anzeigenfinanzierung, was ja auch in ihrem Interesse sein sollte. Würde mich nicht wundern, wenn die ganz gut durchstarten würden. Die Richtung ist in etwa als Gitarrenrock mit deutschen Texten zu beschreiben. Klingt noch sehr frisch und inspiriert. Vom Publikum sind sie bisher aber noch nicht sonderlich freundlich aufgenommen worden.
Es ist ja auch schwer vor euren Fans zu bestehen.
Eric: Das war aber nicht immer so. Wir waren eigentlich immer sehr stolz darauf, dass unsere Fans so open-minded und tolerant waren. Seit zwei Jahren ist das leider anders geworden. Je mehr die Entwicklung zum die hard-Fan voran geht, desto fixierter werden sie auf den Hauptact. Das stört mich jetzt natürlich nicht sooo sehr, ist aber auch ärgerlich für unsere Opener. Aber schau Dir doch mal an, wie's bei den Onkelz abläuft, da wirst Du als Opener doch schon mit Tomaten beworfen, weil alle nur wegen Kevin und Co da sind.
Wie ist denn eure Meinung zu der Aktion, welche die Onkelz in Bremen gestartet haben, um Opfern von Gewalttaten zu helfen? Hättet ihr ein Problem damit bei einer Aktion mitzumachen, die von den Onkelz ins Leben gerufen und unterstützt wird?
Eric: Quatsch, noch deutlicher kann man kaum Stellung beziehen. Wir hätten da ohne weiteres gespielt. Außerdem wäre das ja wohl die einmalige Gelegenheit gewesen, sich mit den Onkelz zusammen auf eine Bühne zu stellen, ohne der Öffentlichkeit einen Ansatzpunkt für Vorwürfe zu geben. Wer das dennoch tut, hat irgendwas nicht verstanden. Die Botschaft ist ja wohl eindeutig, außerdem ziehen die Onkelz 12.000 Leute in so 'ne Halle, klar würden wir da spielen.
Project Pitchfork waren da neulich noch anderer Meinung.
Eric: Wir waren ursprünglich zu dem Konzert eingeladen, wurden dann aber wieder ausgeladen, warum auch immer. Ich hab mir daraufhin aber mal die CDs besorgt und angehört. Die Musik finde ich absolut schrecklich und textlich.... die sprechen halt die Sprache des kleinen Mannes und erzählen die Geschichte des kleinen Mannes. Sie sprechen das aus, was viele denken, aber rechts ist das nun mal nicht! Zumindest nicht das, was ich auf den Scheiben gehört habe. Sie hätten es auch auf keinen Fall nötig gehabt, so eine Aktion zu starten, deswegen bin ich von der Ehrlichkeit schon überzeugt. Was immer da früher gewesen sein mag, irgendwann ist genug. Wir wären auf jeden Fall dabei gewesen.
Und dieses "Gesicht zeigen gegen Gewalt" von MTV...
Eric: Alles was mit MTV und VIVA zusammenhängt brauchst Du gar nicht weiter auszuführen.
Die treten gar nicht an euch ran, oder wie ist das?
Eric: Nee, aber wir an sie und bekommen regelmäßige Absagen mit den krudesten Begründungen. Die Musik wäre zu kompliziert, was auch schon einiges über deren Meinung über ihr Publikum aussagt, kein Zielpublikum wäre vorhanden, welche Werbung sollte man nach uns einblenden, lauter solche Sachen. Das ist respektlos und zeugt von einer radikalen Nichtachtung. Ganz zu schweigen von dem Erziehungsauftrag. Klingt geschwollen, ich meine aber damit, dass die deutschen Kiddies nicht bewusst verblödet werden sollen und auch dei deutschen Musiker durchaus gefördert werden könnten. Die Krönung ist aber, das bei VIVA Text 'ne CD Kritik zu "Herzblut" erschienen ist. So was hab ich überhaupt noch nicht gelesen, vernichtend ist gar kein Ausdruck. Mit übelsten Worten wird da die Scheibe verrissen, wir haben das auch auf unserer Homepage. Im Fan Forum wurde da die Diskussion eröffnet und viele Briefe an VIVA geschrieben, die alle nicht beantwortet wurden. Ob man unsere Musik jetzt mag, oder nicht, aber so eine substanzlose Disse hab ich echt noch nie erlebt. Wenn ein Kritiker schreibt: "Ich finde diese Platte wegen dem und dem und dem scheiße!", und seinen Namen darunter setzt, ist das für mich in Ordnung. Wenn aber einer schreibt: "Diese Platte ist scheiße!", und noch nicht mal seinen Namen drunter setzt, ist das einfach nur arm. Aber wenn Du fragst, ob MTV an uns heran treten würde, hahahaha, lang nicht mehr so gut gelacht. Unser Label geht schon so vor, dass die erst mal in Köln anfragen, wie die Chancen stehen, bevor sie Geld für ein Video locker machen würden.
Habt ihr schon mal an ein Live Video oder ein Home Video gedacht?
Eric: Überlegt haben wir uns das schon, aber bisher nie die Zeit dafür gehabt. So 'n Low-Budget Ding für 12.000 Mark würden wir wohl schon zusammen bekommen, meist scheitert es aber an der Zeit. Dadurch, dass wir alles selber machen, wird's immer eng. Zwischen Plattenabgabe und Tourbeginn war kaum Zeit.
Schreibt ihr auch auf Tour Songs, oder eher nicht?
Eric: Nein, gar nicht. Wenn wir an einen neue Platte rangehen, wird absolut reiner Tisch gemacht. Kein Text, kein Song, keine Idee die es nicht auf die letzte Platte geschafft hat, wird verwendet. Wir fangen wieder bei null an. Ich denke, das ist wichtig, um den Anspruch, den wir an jede neue Platte haben, zu erfüllen. Es muss einfach die Entwicklung spürbar sein. Wir sind nicht AC/DC die x-mal die selbe Platte rausbringen. Die Anforderung müssen wir auch an uns selber stellen, sonst finden wir uns ganz schnell wo anders wieder.
Ich hab gehört, dass ihr für "Herzblut" noch jede Menge anderer Songs zur Verfügung hattet, die es letztendlich nicht auf die Platte geschafft haben. Die werden dann doch nicht etwa einfach alle verworfen?
Eric: Eigentlich schon. Von mir ist diesmal ja nur ein Song auf der CD, die anderen werde ich vielleicht auf meiner Solo Platte verwenden. Dafür hab ich jede Menge in petto. Da ist noch nichts spruchreif, ich hab diverse Angebote, aber überhaupt keine Eile. Ich weiß, ich werden es irgendwann machen, aber ob das in zwei Jahren ist oder erst mit fünfzig, wer weiß. Ich bin mir auch noch nicht sicher, ob das jetzt 'ne Gitarre/Gesang-Sache, oder eher 'ne Rock-Sache wird, das ist alles noch offen.
Um mal beim Komponieren zu bleiben. Ihr habt für die neue CD die Contrapunktion verwendet. Für mich als alten Rocker klingt das irgendwie konstruiert, sprich nicht unbedingt organisch oder aus dem Bauch heraus, vom Aufbau her. Wie muss ich mir das Vorstellen?
Eric: Das ist die hohe Kunst des Notensatzes, die in der klassischen Musik eine große Rolle spielt. Es geht dabei, zwar nicht nur, aber in erster Linie, um Chöre. Das hört man ja sehr oft bei uns, dass wir drei versetzte Stimmen singen, teilweise sogar mit verschiedenen Texten, die sich harmonisch zu einem Punkt hin bewegen, wo sie zusammen finden, eine Fuge also. Das hat Johann Sebastian Bach zur Perfektion geführt. Das ist das was Ingo studiert. Wenn wir das jetzt so in unsere Musik integrieren können, dass es dich als Rockmusiker nicht stört, oder dir nicht auffällt, haben wir was richtig gemacht, meinst du nicht?
Voll und ganz. Hätte ich es nicht gelesen, wäre mir so was nie in den Sinn gekommen. Aber muss so etwas nicht geplant werden? Sonderlich spontan klingt das nicht.
Eric: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Die Songs entstehen immer noch bis zu 80% an der Gitarre, in meinem Fall zu 100%, bei Bodenski ist das wohl ähnlich. Bei Ingo sieht die Sache wieder anders aus, da er einfach viel visionärer ist. Er hat ab und zu so geniale Inspirationen, wie bei "Krötenliebe" zum Beispiel, wo auf Anhieb irgendwas in seinem Kopf entsteht, das den Text unterstützt. Bei "Maria" war das exemplarisch. Er hat sich hingesetzt, den Text gelesen und innerhalb von Stunden war der Song fertig.
Sind es bei euch immer die Texte, die den Song bestimmen, oder läuft das auch mal umgekehrt?
Eric: Nein, immer erst die Texte. Ich halte das auch für eine viel bessere Arbeitsweise, schließlich kann man mit Musik viel besser einen Text illustrieren, als umgekehrt. Abgesehen davon, ist es ja auch unser Anspruch an uns selbst auf deutsch zu singen und nicht ins Belanglose abzudriften. Es hat sich für uns als am effektivsten erwiesen.
War es für euch eigentlich das erste Mal, dass ihr Loops eingesetzt habt? Habt ihr vor, das weiter zu verwenden und vor allem wie setzt ihr das live um?
Eric: Wir haben mit dem selben Produzenten wie bei "Hochzeit" zusammen gearbeitet und er hat damals schon eine Lanze nach der anderen für den Einsatz von Elektronik gebrochen, doch wir haben uns alle dagegen gewehrt. In den zwei Jahren dazwischen sind wir etwas reifer und vor allem selbstsicherer geworden, nicht zuletzt durch die Konzerte und den Zuspruch, deshalb stehen wir dem Ganzen nicht mehr so negativ gegenüber. Wenn da etwas ist, das uns nützt und uns nach vorne bringt, lasst es uns ausprobieren. Wenn es dem Song dient, her damit. Wir haben auch viel Spaß daran gehabt. Ich habe auch sehr viel Spaß daran, die Platte immer wieder zu hören, was bei weitem nicht bei jeder unserer Scheiben der Fall ist. Gerade die Loops bei "Kleid aus Rosen" sind ja sehr subtil und nicht so sehr im Vordergrund. Auch die Streichersätze sind einen konsequente Entscheidung gewesen. Vor zwei Jahren hätten wir noch gesagt, dass sei viel zu kitschig und schnulzig. Kann man doch keinem antun. Diesmal musste es in erster Linie uns gefallen. Wie wir das live bringen, kannst du dir ja nachher anhören. (Klappt ganz phantastisch d.Verf.) David unser Drummer versuchte bei den Proben, die Loops möglichst zusammen zu fassen. Da er wegen den Chören bei einzelnen Songs sowieso mit Klick spielen muss, war das nicht so problematisch für ihn. Er versucht aber soviel wie möglich von dem, was man auf Platte hört zu reproduzieren. Wir scheuen uns aber auch nicht mehr, Sachen vom Band laufen zu lassen, wenn es dem Song dient.
Wird die Auswahl, welchen Song ihr live bringt, nicht jedes Mal schwerer?
Eric: Und ob, wir müssen massiv auswählen, obwohl wir meist über zwei Stunden auf der Bühne stehen. Gestern haben wir zum regulären Set, acht Zugaben gespielt. Wenn, das Publikum gut mitgeht, soll’s an uns nicht scheitern.
Bei "Die Hexe", wenn alle im Publikum "Sie soll brennen" schreien, kommt das nicht etwas makaber rüber?
Eric: Da haben sich bei mir eine Zeit lang auch sehr komische Gefühle breit gemacht, da ich mich fragte, ob die Leute, die da laut mitgrölen, den Song auch begriffen haben. Ob sie wissen, dass wir mit der durchaus makabren Darstellung dieses Vorgangs solche Dinge anprangern wollen. Wir hatten da auf unsere Homepage eine Diskussion gestartet und nach der bin ich der festen Überzeugung, dass unsere Fans wissen, was Sache ist, und es in solchen Momenten einfach um die Live-Show geht. Ich denke, dass sich unser Publikum dadurch definiert, dass sie ihren Kopf benutzen, deswegen ist die Anzahl wohl auch noch begrenzt.
Würdet ihr eigentlich auch irgendwelche Playback Sachen mitmachen, wenn es euch einen Platz im Fernsehen bringen würde?
Eric: Wohl schon, wobei mein erster Gedanke eigentlich wäre, die Verstärker wirklich einzustöpseln und die Sache live zu spielen. Ich weiß zwar nicht wie und was man da drehen müsste, das wäre aber meine erste Idee. Da bin ich aber überfragt. Man kommt sich bei so was natürlich ziemlich dämlich vor, aber was macht man nicht alles, um nach oben zu kommen. Wir werden ja jetzt nicht wie irgendwelche Newcomer gehypt, sondern müssen uns jeden Schritt erarbeiten. Ich bin mir verdammt sicher, dass da draußen noch jede Menge potentielle Fans von Subway To Sally rumlaufen, die uns einfach noch nie gehört haben. Die Mundpropaganda, die für uns früher die größte Promotion war, erschöpft sich auch irgendwann.
Dann müsstet ihr doch eigentlich glühende Anhänger von Napster sein.
Eric: So würde ich das jetzt auch nicht ausdrücken, aber niemand von uns verteufelt das. Wir sehen das eher als positiv an. Außer dem ist es ja auch völlig müßig, darüber zu diskutieren. Das Rad wurde anfangs wahrscheinlich auch verteufelt.
Eure Fans werden wahrscheinlich sowieso die Plattenläden stürmen um sich die CD zu kaufen, anstatt sie sich aus dem Netz zu laden.
Eric: Denke ich auch, ich hab da aber auch kein Problem mit Napster. Was mich ärgert sind Leute, die auf Konzerte gehen, dieses dann mitschneiden und als Bootleg mit miesem Sound verkaufen. Oder mit Journalisten, die acht Wochen vor VÖ bemustert werden und die Scheibe dann sechs Wochen vor VÖ im Netz steht. Das ist uns gerade mit dieser Platte der Fall. Da muss noch was passieren. Wir sind auf Platz 19 in die Charts eingestiegen, was nicht schlecht ist, hätte aber besser sein können. Wenn nicht noch große Bands wie die Bee Gees oder Rammstein zur selben Zeit mit ‘ner Platte dagestanden hätten, und solche Probleme mit den Journos nicht auftreten würden, wäre wohl mehr drin gewesen.
Aber im Gegensatz zu Rammstein bleibt ihr euch wenigstens treu und versucht nicht mit billigen Provokationen Aufmerksamkeit zu erregen. Außerdem haben die ja wohl auch das AC/DC Syndrom und veröffentlichen schon zum dritten mal die selbe Platte.
Eric: Wenn jetzt Deine nächste Frage wäre, möchtest Du mit ihnen tauschen, muss ich sagen: Kann ich nicht beantworten. Prinzipiell sag ich natürlich nein, da ich ja immer noch an uns glaube und darauf hoffe, dass auch wir irgendwann den ganz großen Durchbruch schaffen. Immerhin haben wir ja auch keine Probleme, eine Menge von 15.000 Leuten zu rocken. Bei Rock am Ring sind wir einmal durch Zufall rein gerutscht, bei uns ist das Zelt kaputt gegangen, so voll war die Hütte. Trotzdem waren die nicht daran interessiert, uns wieder zu verpflichten.
Sind eigentlich fürs Ausland irgendwelche Pläne vorhanden?
Eric: Wir fliegen nach der Tour hier nach Mexiko. Das läuft über die selbe Connection, über die In Extremo schon da getourt haben.
Ich nehme mal an, es war nicht die Rammstein, die du dir als letztes zugelegt hast, oder?
Eric: Nein, obwohl ich die auch habe. Als letztes hab ich mir die Pothead zugelegt, sehr geile Scheibe. Ich möchte abschließend aber sagen, dass ich alles in allem wirklich sehr glücklich bin im Augenblick. Wir sind doch 'ne recht große Rockband geworden mit tollen Möglichkeiten ‘ner tollen Crew, ‘nem Truck vor der Tür, alles Dinge die ich mir vor Jahren noch nicht erträumt hätte. Ich habe also keinen Grund mit dem Schicksal zu hadern, alles was ich hier angesprochen habe, sind natürlich sehr subjektive Dinge.
Das Interview führte Michael Edele.
Vaya Con Tioz (2007), Live In Hamburg (2005), La Ultima / Live in Berlin (2005)
Dopamin (2002), 20 Jahre - Live In Frankfurt (2001), Gestern War Heute Noch Morgen (2001), 20 Jahre - Live in Frankfurt (2001), Böhse Onkelz Tour 2000 (2001)
Viva Los Tioz (1998), Live In Dortmund (1997), E.I.N.S. (1996), Hier sind die Onkelz (1995), Gehasst, Verdammt, Vergöttert - Best Of (1994), Weiß (1993), Schwarz (1993), Live In Vienna (1992), Heilige Lieder (1992), Wir Ham' Noch Lange Nicht Genug ... (1991), Es Ist Soweit (1990), Kneipenterroristen (1988), Onkelz Wie Wir (1987), Böse Menschen - Böse Lieder (1985), Der Nette Mann (1984)
"Der Nette Mann" - Indizierungsbericht der BPjS.
http://www.dunklerort.net/lesenswert/indizierung.php
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