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Ein 22-Jähriger steht mit seiner Gitarre auf der Bühne, umgeben von über 100.000 Menschen, die am 28. August 1963 in Washington gleiche Rechte für Weiße und Schwarze einfordern. Die Menge ist begeistert von seinen Songs, die er alleine und mit Folk-Superstar Joan Baez vorträgt. Peter, Paul And Mary singen sein "Blowin' In The Wind". Martin Luther King wird später eine Rede halten, die in die Geschichte eingeht und dem Prediger den Friedensnobelpreis einbringt ("I Have A Dream").
Im Laufe der nächsten Monate wird aus einem so gut wie unbekannten jungen Barden die Stimme einer Generation. Jeder würde solch einen Moment als einen der Highlights seines Lebens ansehen. Fast jeder. Nicht jeder. Zumindest nicht derjenige, um den es hier geht. In seinen "Chronicles, Vol. I" (2004) verliert Bob Dylan über den epochalen Friedensmarsch in Washington kein einziges Wort. Dafür beklagt er sich seitenweise bitter darüber, was ihm die Leute alles angedichtet hätten. Er sei der neue Messias, der Retter der Welt, ein Buddha in westlichen Klamotten. Dabei sei er doch nur ein Mensch, der gerne Musik gemacht habe, schreibt er. Bis man anfing, ihn überall hin zu verfolgen, anzuhimmeln und nicht mehr in Ruhe zu lassen.
Wie es soweit kommen konnte? Die Antwort, mein Freund, liegt in der vorliegende Platte aus dem Jahr 1964. Und in dem ein Jahr zuvor veröffentlichten Werk "The Freewheelin' Bob Dylan". Wobei man sie fast als Einheit sehen kann, denn die meisten Stücke hat Dylan 1962 und 1963 in einem beispiellosen kreativen Schub geschrieben. Für "Blowin' In The Wind" soll er gerade mal 30 Minuten gebraucht haben. Die Melodie holte er sich aus dem Traditional "No More Auction Block", den Text dazu tippte er auf seiner Schreibmaschine ein.
Zu diesem Zeitpunkt sieht sich Dylan in der Tradition seines großen Vorbilds Woody Guthrie und unzähliger Musiker, die im Laufe den vorangegangenen 100 Jahren Lieder über die Härte des Lebens, die Schmerzen der Liebe und die Unausweichlichkeit des Todes geschrieben haben. Seine nasale, vibrierende, nicht schöne, aber einprägsame Stimme begleitet er mit Akustikgitarre und Mundharmonika.
Hatte Dylan auf seinem gleichnamigen Debüt 1962 noch auf viele Traditionals zurückgegriffen, beginnt er anschließend, eigene Texte zu schreiben. In New York lernt er nicht nur seine engagierte Freundin Suze Rotolo kennen (mit der er auf dem Cover von "Freewhelin'" in einer dünnen Militärjacke durch den Schnee stapft), sondern auch eine politisch liberal gesinnte Welt.
Wie Guthrie sucht Dylan nach Inspiration in den Tageszeitungen. Die großen Themen 1962 sind die Rassenunruhen im Süden und die Kuba-Krise, bei der die USA und die UdSSR kurz vor dem Atomkrieg stehen. Topical Writing sei die einfachste Möglichkeit gewesen, Songs zu schreiben, so Dylan später, denn das Thema sei ja schon vorgegeben. Er habe es sich einfach durch den Kopf gehen lassen müssen und niederschreiben, was ihm dazu einfiel.
"Der Erste heute wird morgen der letzte sein, denn die Zeiten ändern sich" kündigt er auf "The Times They Are A-Changin'" im gleichnamigen Opener an. Gleich danach erzählt er die desolate Geschichte eines verhungernden Farmers, der in "Ballad Of Hollis Brown" mit seinem letzten Geld sieben Patronen kauft und damit sich und seine Familie auslöscht. "Wir haben den Deutschen vergeben und wurden Freunde. Zwar haben sie sechs Millionen ermordet, in Öfen mussten sie braten, nun haben aber auch die Deutschen Gott auf ihrer Seite", prangert er in "With God On Our Side" die Heuchelei der Mächtigen an, die sich für ihre kriegerischen Missetaten Hilfe von oben herbeireden.
Noch nicht genug: "Only A Pawn In Their Game" handelt vom Aktivisten Medgar Evers, der sich für die Rechte der Schwarzen an der Universität von Mississippi eingesetzt hatte und 1963 von einem Mitglied einer rassistischen weißen Gruppierung erschossen wurde. Er sei aber nur der Handlanger der weißen Elite gewesen, die den Rassenhass schüre, um die Kontrolle zu behalten, so Dylan. In "The Lonesome Death Of Hattie Carroll" erinnert er an eine schwarze Barfrau, die 1963 in Baltimore von einem betrunkenen, wohlhabenden weißen Plantagenbesitzer beleidigt und mit einem Stock geschlagen wird. Sie starb wenig später an einer Hirnblutung, doch ein Gericht verurteilte den Mann zu lediglich sechs Monaten Haft.
Bleibt noch genügend Platz für zwei von Dylans schönsten Liebesliedern, "One Too Many Mornings" (das er 1969 im Duett mit Johnny Cash noch einmal aufnimmt) und "Boots Of Spanish Leather", in denen er die zunehmend schwierige Beziehung zu Suze Rotolo verarbeitet. Außerdem das epische "When The Ship Comes In", inspiriert von Brecht/Weills "Seeräuberjenny" aus ihrer "Dreigroschenoper", niedergeschrieben in einem Hotel, das ihm zunächst kein Zutritt gewahren wollte, weil er zu ungepflegt aussah.
Doch das Lied, mit dem alles anfing, hatte er schon auf "Freewhelin'" veröffentlicht. "How many roads must a man walk down, before you can call him a man? The answer, my friend, is blowing in the wind", so die ersten Zeilen eines Openers, der mit simplen Bildern, simplen Fragen und simplen Antworten auskommt.
"Es gibt nicht viel zu diesem Song zu sagen, außer, dass die Antwort im Winde weht" hatte Dylan schon 1962 klargestellt, als er den Song noch vor der Veröffentlichung des Albums für eine Compilation freigegeben hatte. Es ist das größte Missverständnis der populären Musik, denn noch 50 Jahre später ist es eine Hymne, die auf jeder Demo seinen Platz findet – und zu jeder Demo passt.
Wie atemberaubend die Entwicklung und Vielseitigkeit Dylans bleibt, zeigt sich daran, dass auch fast alle folgenden Platten in den 60er Jahren Meilenstein-Status besitzen. Um die Messias-Rufe abzuschütteln, macht er auf "Another Side Of Bob Dylan" (1964) Schluss mit den Topical Songs. Auf "Bringing It Back Home" (1965) greift er bei mehreren Stücken zu E-Gitarre und Schlagzeug. Beim Newport Folk Festival und seiner anschließenden Welt-Tour erntet er mit diesem "Verrat" (der berühmte "Judas"-Ruf erfolgt bei einem Auftritt in England 1966) von Teilen seiner Zuhörerschaft Wut, gar Hass.
Ist das der Weg, seine alten, nervigen Fans endgültig loszuwerden? Mit "Highway 61 Revisited" (1966) und "Blonde On Blonde" (1967) erschafft Dylan jedenfalls zwei epochale Platten, die man wahrscheinlich als seine besten bezeichnen kann. Danach nutzt er einen Motorradunfall, um sich vor der Öffentlichkeit zurück zu ziehen und weiter Verunsicherung um seine Person zu stiften. Als er mit "John Wesley Harding" (1968) wieder ein Lebenszeichen von sich gibt, hört er sich schon wieder ganz anders an. Noch viele Jahre wird er sich bemühen, Fans vor den Kopf zu stoßen, was ihm aber nur bedingt gelingt. Als Musiker und Texter ist er einfach zu gut.
Ein langer, spannender Werdegang, bei dem noch Dutzende Platten entstehen, manche mittelmäßig, viele brillant. Fest steht: 50 Jahre nach ihrer Veröffentlichung haben seine Alben zwei und drei nichts von ihrem Reiz verloren. The Times They Are A-Changin', nach wie vor. Und Dylan ist immer noch da, um uns davon zu erzählen.
In der Rubrik "Meilenstein" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.
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ist bob dylan nich schon hier vertreten, wenn nicht wunderts mich...
kann doch nich sein dass lachnummern wie fanta 4 oder madonna der lautredaktion vorr bob dylan einfallen.
ansonsten: ihr habt kid rock vergessen
Das gilt sicherlich für den alten Dylan, aber nicht für den jungen.
Hat ja vermutlich jeder sein eigenes Lieblingsalbum von Dylan, da gibt es viele Meilensteinanwaerter. Persoenlich ist es bei mir 'Time Out Of Mind', was auch die letzte Veroeffentlichung ist, die ich von ihm gehoert habe. Gerade die ganz fruehen Sachen gehen mir jetzt nicht so ans Herz.
@Baude:
Oh ja. Gerade Highlands ist unglaublich. Der Text!
Der Rolling Stone kriecht doch seit jeher in Dylans Achterdeck herum, dass er selbst dem enormen Stock in lautusers Arsch Konkurrenz macht.
Allein, dass "Like A Rolling Stone" seit hundert Jahren zum Best Song Ever erkoren wird...
Ach, ich weiß nicht ...
Bob Dylan hat gerade in den 60ern mit Ausnahme seines Debüts praktisch nur Alben abgeliefert, die prägend waren, gerade im Zusammenspiel mit dem damaligen Zeitgeist. In den 70ern wird's dann langsam ein bißchen dürftig - "New Morning", "Blood On The Tracks" und die "Basement Tapes" nehme ich gerne noch aus. Aber aus der ersten Phase Dylans würde ich wirklich jedes Album als Meilenstein akzeptieren, allerdings praktisch jedes aus unterschiedlichen Gründen, und genau hier halte ich die Rezension für sehr schwammig. Warum ausgerechnet die Wahl auf "Times They Are A-Changin'" fiel, kommt irgendwie nicht so richtig raus. Die Rezension könnte man so nehmen und unter die meisten anderen Dylan-Alben links und rechts davon setzen - sie würde genauso greifen. Mir fehlt eine Begründung.
Gruß
Skywise
Also bei aller Liebe, Dylan kann nicht wirklich gut singen. Als Songwriter ist er unübertroffen, aber seine Stimme ist wohl mit Zweckmäßig gut beschrieben.
Aber auf dem Album hier ist mein Lieblingssong von ihm: "Ballad of Hollis Brown".
Ich finde Dylans Stimme großartig und (obwohl der Vergleich irgendwie ziemlich pervers ist) tausendmal interessanter als die eines Freddie Mercurys. Wenn man sich gerade mal "Hurricane" oder "Idiot Wind" anhört. So hätte diese Lieder wohl kein anderer gesungen. Oder ein "Desolation Row" das sich ewig lange einfach nur wiederholt, ohne je langweilig zu werden.
Ich finde aber auch Perfektionismus in der Musik ziemlich öde.
Letzten Endes ist Dylan aber wohl ein Phänomen, das man nicht so leicht mit Worten beschreiben kann. Bei vielen Aussagen kann ich teilweise zustimmen, aber halt nur immer teilweise. Irgendwie hat er es geschafft durch seine Art etwas wahnsinnig Eindringliches und Interessantes zu erschaffen.
Da lehnst du dich nicht nur weit aus dem Fenster, sondern bist gerade mit Anlauf raus gesprungen. 
Nein, Spaß beiseite, kann man halt darüber streiten. Für mich ist ein interessanter Sänger nunmal keiner der technisch einwandfrei über 723 Oktaven singen kann und jeden Ton 100% trifft. Ich möchte hier die Lichtgestalt Freddie Mercury auch nicht angreifen und ist auch nicht so, dass ich Queen nicht mag, aber Dylans Stimme hat für mich einfach mehr Seele. Ich erwarte auch nicht, dass das irgendjemand versteht, solche Diskussionen führen erfahrungsgemäß zu nichts.
(Ausserdem fühle ich mich gerade dabei ziemlich unwohl, die beiden miteinander vergleichen zu wollen...).
Wer ist hier überhaupt mit irgendwelchen Listen angefangen?
Das Album ist ein Genuss und die Stimme Dylans definiert sich nicht allein dadurch, wie viele Oktaven er singen oder Töne halten kann, sondern sie orientiert sich an den Inhalt seiner Texte. Freddie Mercury hat eine schöne Stimme, beeindruckend, majestätisch, mehr nicht.
Das Intro überspring ich immer wegen des Liedes. Kann seine Stimme auch nicht ertragen.
Frimi
Obacht, der Fanta-Meilenstein war ob seiner Wichtigkeit für HipHop-Musik in Deutschland berechtigt - niemand will die Tragweite mit einem Bob Dylen vergleichen. Meilenstein heißt nicht global gesehen gleiche Wichtigkeit, der User sollte das differenzieren können, yofingerverrenk.
Topic:
Völlig zu Recht Meilenstein natürlich, Dylan ist King.
Morphi
ICH und Stock im Arsch? Das hat ja noch NIE jemand behauptet, tickst Du noch richtig?
Endlich ist auch dylan dabei, allerdings ist Highway 61 Revisited das epochenalbum, auch wenn "The Times They are A-changin"" auch genial ist. 
Format
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