laut.de-Kritik

Eine Dokumentation, so spannend wie ein Krimi.

Review von

"Dieser Film war eine Liebeserklärung, die ich eigentlich nicht machen wollte. Jeff Rosen, seit 20 Jahren Dylans Manager, hat mich dazu überredet. Er kam zu mir mit einem Berg an unveröffentlichtem Material und einem fünf Tage und zehn Stunden langen Interview, das er selbst durchgeführt hatte. Das letzte, das Dylan gegeben hat. Ich hatte nur eine Auflage: die Geschichte bis 1966 zu erzählen", erklärt Martin Scorsese Ende November 2005 anlässlich der Veröffentlichung von "No Direction Home".

Seine Aufgabe hat der Regisseur brilliant gelöst. Kaum zu glauben, dass eine dreieinhalbstündige Dokumentation so packend sein kann. Als Aufhänger dient Dylans berühmter Auftritt in London 1966, als ihn ein erboster Fan mit dem Schmähruf "Judas" empfing. Dylans angebliche Sünde, die damals für viel Wirbel sorgte: den Folk und die Botschaften seiner Anfänge mit einem kommerziellen, nichts sagenden Rocksound betrogen zu haben.

Der Weg dorthin ist mit einer Fülle an Bildern und Aussagen geschmückt. Startpunkt ist die kleine Ortschaft Hibbing, Minnesota, in der Robert Zimmerman, so Dylans bürgerlicher Name, aufwächst. Zu Wort kommen ein ehemaliger Lehrer und Jugendfreunde, aber vor allem Dylan selbst. Für eine erste Überraschung sorgt seine Stimme, die auf der Bühne mittlerweile fast unerträglich nörgelig geworden ist, während sie vor der Kamera tief und vibrierend klingt. Dylan zeigt sich angeregt und verzieht seine Miene immer wieder zu einer Grimasse, die an ein Lächeln erinnert.

Ob Hank Williams, Oretta oder Woody Guthrie – die Musik seiner frühen Vorbilder ist in Wort und Bild zu erleben. Wie auch das New York Anfang der 60er Jahre, in dem Dylan durch die Café-Szene tingelt. Dave Van Ronk, Pete Seeger, Joan Baez oder der mittlerweile verstorbene Beat-Poet Allen Ginsberg plaudern aus dem Nähkästchen und erinnern sich an Episoden und Vorkommnisse. Zu Wort kommt unter vielen anderen auch Suzie Rotolo, Dylans damalige Freundin, die 1963 auf dem Cover von "The Freewheelin' Bob Dylan" mit ihm durch den New Yorker Schnee stapft.

Das Bild, das sie alle zeichnen, ist das eines introvertierten Musikers, der ausschließlich für seine Musik lebt. Den Erfolg stets im Auge, lässt er sich von niemandem einspannen und brüskiert immer wieder die Menschen um ihn herum. Etwa Folk-Ikone Seeger, der 1965 bei einem Auftritt in Newport droht, die Kabel durchzuschneiden, sollte Dylan nicht den elektrischen Effekt abstellen, den er zum ersten Mal einsetzt. Oder Joan Baez, die über 40 Jahre nach einer gemeinsamen Tour 1963 immer noch am jähen Ende ihrer Beziehung leidet.

Die kommerzielle Genugtuung scheint dabei keine Rolle zu spielen, wie auch nicht der Zuspruch des Publikums. "I've never been the kind of performer that wants to be one of them" erläutert Dylan im Rückblick. Er spielt die Musik, die er im Kopf hört und die aus seinen Fingern fließt. "God instead of tipping him on his shoulder kicked him in the ass" lässt der Produzent Bob Johnston wissen, der 1965 mit dem Album "Highway 61 Revisited" die elektrische Phase einläutete.

Der Aufschrei, der damals um die Welt ging, ist heute kaum noch nachvollziehbar. Anders als sein Idol Woody Guthrie entspricht Dylan nicht seinen Liedern, sondern ist ein Interpret seiner selbst. Im Gegensatz zu Joan Baez, die sich als Sprachrohr ihrer Generation verstand und ihren Bekanntheitsgrad nutzte, um die sozialen Unruhen der zweiten Hälfte der 60er Jahre in friedliche, aber schlagkräftige Taten umzusetzen, hatte Dylan keine politischen Änderungen im Visier.

Alles, was er wollte, war Lieder zu schreiben und zu spielen. Dem Rummel um seine Person begegnete er mit Unverständnis. Manchmal vergnügt, meist aber gelangweilt, wies er die Fragen von Journalisten von sich und zeigte sich auf Pressekonferenzen wortkarg und gereizt. Die Fans stieß er nicht nur mit seinem musikalischen Wandel vor den Kopf, sondern auch mit seiner Abschottung. "Gib mir ein Autogramm", flieht ihn eine junge Frau an. "Wenn du eines bräuchtest, würde ich es dir geben", erwidert er, bevor seine Limousine davonfährt.

Die Flucht war der einzige Ausweg, den Dylan noch vor sich sah. Aber das ist eine Geschichte, mit der sich der Film nicht mehr befasst. Er endet dort, wo er anfing: 1966 in London. Das ist eine Weile her, doch Dylan hat noch immer keine Ruhe gefunden, wie der Titel der DVD symbolisiert. Zwar enthält sie für diejenigen, die bereits Dylans Autobiografie "Chronicles Volume One" gelesen haben, keine großen Neuigkeiten. Dennoch fügen sich die vielen Konzertauschnitte, Interviews und die Qualität der vorgetragenen Stücke zu einer musikalischen Dokumentation seltener Güte zusammen.

Trackliste

DVD 1

  1. 1. Dokumentation bis 1963

DVD 2

  1. 1. Dokumentation 1963-66

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