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Nach Franz Ferdinand und den Killers sind Bloc Party anno 2004/2005 das nächste große Ding, das mitreißende Rock-Songs zum Tanzen schreibt. Die Hits "Banquet" und "Helicopter" erobern im Handumdrehen die englischen Charts, die Indie-Tanzhallen der Welt und das obligatorische NME-Cover sowieso.
Im Jahr 1998 gegründet von Russell Lissack (Gitarre) und Kele Okereke (Gitarre, Gesang) - der allein schon mit seiner schwarzen Hautfarbe im überwiegend weißen Genre Indie-Rock für Aufsehen sorgt - , wandelt die Band auf den Pfaden von Helden wie den Pixies, Sonic Youth, Joy Division und ganz klar The Cure. Nur dass sie nicht wie ihre Vorbilder stumm und niedergeschlagen dem Weg folgt, sondern tanzend hinunter rennt.
Kurze Zeit nach der Gründung stoßen Matt Tong (Schlagzeug) und Gordon Moakes (Bass) zur Band. Damit steht der Veröffentlichung ihrer ersten Single "She's Hearing Voices" Ende 2003 nichts mehr im Wege. New Wave und Punk fließen darauf genauso in den Sound ein, wie Dance und eine nicht zu verachtende Portion des guten alten Pop. Okerke übergibt die Single den Schotten Franz Ferdinand, die sich sofort begeistert zeigen und Bloc Party einen Gig auf der zehnten Geburtstagsfeier ihres legendären Indie-Labels Domino Records (Elliott Smith, Pavement, etc.) verschaffen. Die Sound-Mixtur der Bloc Party passt perfekt ins Bild der neuen Bewegung um Dance-Punk Bands wie The Rapture oder Radio 4, dementsprechend dauert es nicht lange, bis das Label Wichita Records anklopft.
2004 erscheint eine selbstbetitelte EP, auf der auch der Über-Hit "Banquet" zu finden ist. Der NME tönt gleich gewohnt prahlerisch: "The next most important band in rock. Fact!". Mit der folgenden EP "Helicopter" werden Bloc Party ihrem Hit-Faktor weiter gerecht. Auch der einflussreiche BBC Radio 1-DJ Steve Lamacq spielt ihre Songs rauf und runter.
Gemeinsam mit Paul Epworth (der sich auch für die Produktion von Alben der Babyshambles oder der Futureheads verantwortlich zeichnet) produziert die Band in Dänemark ihr Debüt "Silent Alarm". Mit dessen Erscheinen im Februar 2005 beweisen Bloc Party, dass sie weitaus mehr können, als astreine Tanzbodenkracher zu schreiben. Die Platte erweist sich als konsequent genial durchkonstruiertes Werk, das Bloc Party auch außerhalb der britischen Insel den Durchbruch beschert.
Um den konsequent auszunutzen, wirft die Plattenfirma ein paar Monate nach der ersten Platte ein Remixalbum auf den Markt, unter anderem mit Neuinterpretationen von Ladytron, Mogwai und Death From Above 1979. Eine halbe Millionen verkaufte Platten (Stand: Herbst 2006) geben der Band Recht, und sowohl der NME als auch die Intro wählen "Silent Alarm" zum Album des Jahres 2005; die laut.de-Redaktion bedenkt die Platte mit dem fünften Platz in der Jahresendabrechnung.
Schon 2006 geht die Party wieder ins Studio, in Irland wird mit Produzent Garret Lee (U2, Snow Patrol) "A Weekend In The City" eingespielt. Das Album behandelt die Aspekte des urbanen Lebens, und Sänger Okereke ließ sich nach eigener Aussage von "the living noise of a metropolis" inspirieren.
Mit ihren beiden Alben gehen Bloc Party in der Folge auf eine ausgedehnte Tour. Allein Bassist Gordon Moakes macht ab Mitte 2008 eine Babypause von mehreren Wochen und lässt von dem mit der Band befreundeten Daniel Lindegren vertreten.
Im Juni 2010 veröffentlicht Kele Okereke sein Solo-Debüt "The Boxer" auf Wichita Recordings. Sein sanfter Gesang zu Stimmensamples, Dubstep-Anleihen und Drum'n'Bass-Spielereien erinnert dabei nur entfernt an Bloc Partys Indierock. "Ich weiß nicht, ob es mit der Band weitergeht", sagt Kele. " Fünf Jahre lang waren wir ohne Pause abwechselnd im Studio und auf Tour. Die Stimmung war angespannt, und wir brauchten eine Pause."
Kele Okereke über sein Solo-Album, das Nacktshooting und die Zukunft von Bloc Party.
Journalistenschreck Kele über sein Soloalbum "The Boxer", den Mindfuck des Tourlebens, sein Nacktshooting und die Zukunft von Bloc Party.
Die obere Etage des omihaft-hippen Cafés ist für den (ehemaligen?)Bloc Party-Sänger und seinen Betreuer abgesperrt. Nach mehreren Jahren im Quasi-Mainstream des Indierocks ist Kele ohne Zweifel berühmt, berüchtigt allerdings auch - für seine Angewohnheit, Interviewer auflaufen zu lassen oder Gespräche wegen unliebsamer Fragen gekränkt abzubrechen. Als ich komme, vergräbt er sich zunächst noch angestrengt in ein Netbook und schreibt ein paar e-mails, bevor er sich sichtlich lustlos auf die Couch herüberschleppt. Der Albumtitel "The Boxer" scheint trotzdem selbsterklärend – Kele wirkt durchtrainiert und breitschultrig.
Du hast dich physisch ziemlich verändert und nennst jetzt einen Haufen Muskeln dein Eigen. Hattest du einen trägen Chips- und Fernsehwinter und musstest gegensteuern?
Im Gegenteil, aber ich kann mich einfach am besten konzentrieren, wenn ich auf einem Laufband stehe oder kickboxe. Außerdem kann mir mit etwas mehr Muskelmasse niemand blöd kommen. London ist nachts unter lauter Besoffenen nicht gerade paradiesisch, viele Freunde von mit haben da schlechte Erfahrungen gemacht.
Ich habe dein Album gestern bekommen, reden wir doch mal über die erste Single "Tenderoni" – ich kannte das Wort vorher nicht, hab es aber nachgeschlagen. Es beschreibt jemanden, der jünger als man selbst ist und damit unerreichbar, ist das richtig?
Fast, es steht für einen jüngeren Menschen, für den du selbst Gefühle hast und vielleicht auch ein bisschen verknallt bist. Ein Schätzchen.
Und worum geht der Song?
Es geht um eine Person, die einen Weg einschlägt, den man selbt als gefährlich betrachtet. Du sorgst dich um diese Person und möchtest ihr sagen, dass sie mehr ist als das. Dass sie da herauskommt und sich aufrappelt. Es ist eigentlich ein Song, der warnt.
Wie fühlt es sich für dich an, komplett verantwortlich für ein ganzes Album zu sein – sowohl für das Schreiben als auch für das Endergebnis?
Grandios, es fühlt sich total gut an. Es gab ja keine Zugeständnisse, alles klingt am Ende genau so, wie ich es wollte. Wenn irgendwas nicht geklappt hat, hab ich eben weitergemacht, bis alles stimmte. Ich fand das toll, sehr befreiend.
Hattest du nicht mal einen Moment lang Muffensausen, als du dich entschieden hast, solo zu arbeiten? Mit einer Band verteilt sich eine Last ja auf mehrere Schultern - nie Angst gehabt, das alles alleine zu stemmen?
Naja, es gab schon zu Beginn Momente des Zweifels. Bei Bloc Party hatten alle getrennte Zuständigkeiten - es gab den Drummer, der sich um die Rhythmik kümmert, den Gitarristen, der die melodischen Ideen beisteuert und ich singe dann halt oder schreibe die Songs zu einem Teil. Aber hier war ich in der Verantwortung für jede einzelne Idee, und wirklich nicht sicher, ob ich das schaffen könnte. Aber ich konnte, und es hat mir viel mehr Spaß gemacht, als ich zu Beginn dachte.
Du hast ja in New York aufgenommen...
(Gähnt, schließt die Augen, scheint kurz einzunicken) Ja ... huaaach ... tut mir leid. Es ist nur so, Kirk (Keles Betreuer, d. Red.) hat mir vorhin Wein gegeben, und das hat mich irgendwie so schläfrig gemacht ... vorher war ich voll gut drauf, weil ich mich den ganzen Tag nur von Energydrinks ernährt habe – aber das hat mich jetzt irgendwie runtergezogen. Ich glaube, Kirk ist Alkoholiker.
Es ist ja erst kurz nach eins, vielleicht sollte ich dir einen Kaffee bestellen?
Ich trinke keinen Kaffee, ich hab Angst, dass ich völlig ins Gegenteil umschlage. Könnte gut sein, dass ich dann total austicke und ganz wuschig werde.
Aha. Also, du hast in New York aufgenommen. Bist du denn erst dahin gezogen, als deine Songs schon fertig waren oder hast du vorher eine Weile in der Stadt gelebt?
Nein, erst als alles fertig war. Ich war nur so ungefähr drei Wochen in New York City.
Also hält sich der Einfluss der Eindrücke von dieser Stadt auf dem Album wohl in Grenzen.
Jaja, das war wirklich nur ein Arbeitsausflug. Allerdings denke ich in letzter Zeit tatsächlich darüber nach, dort hinzuziehen. Wie auch immer, den größten Einfluss hatte wahrscheinlich der fantastische R'n'B, den ich zu dieser Zeit entdeckt habe. Natürlich hab ich solches Zeug auch schon vorher gern gehört, aber ich meine jetzt richtig innovativen, neuen R'n'B, den ich erst während des Schreibens so richtig entdeckt habe: Gucci Mane, das ist ein Rapper, dann sehr viel Nicki Minaj – die geht gerade überall total ab, und Lil Wayne, für den hab ich sehr viel übrig, der lief die ganze Zeit.
Das sind zwar alles Künstler, die miteinander verbandelt sind, aber in die R'n'B-Ecke würde ich keinen von ihnen stellen. Und musikalisch ist von R'n'B oder Hip Hop auch nicht allzu viel auf dem Album zu hören.
Okay, mir fallen auch gerade eher Rapper ein. Aber ihre Musik und ihre Texte handeln von Ermächtigung und Emanzipation, und das war die Inspiration, die auf "The Boxer" hörbar ist.
Jaja, er ... (er tippt auf seinem Blackberry herum), äh ... Spank Rock, ja. Spank Rock. .. (tippt weiter) Ich ... (tippt, lange Pause)
Hallo?
Äh ... (tippt und tippt) - was war die Frage?
Spank Rock. Könntest du aufhören, zu texten? Noch zwanzig Minuten? Du weißt schon, was mit Kanye West passiert ist, als er Spike Jonze so penetrant ignoriert hat? Ich wette, du kennst den Clip, du gräbst doch selbst ständig so obskures Zeug für deinen Blog aus.
Hahaha, klar! Okay okay, sorry. Also, XXXchange von Spank Rock hat die Beats gemacht.
Und dann war da noch Hudson Mohawke im Gespräch, oder?
Nein, er ist nicht auf dem Album. Ich wollte ihn gerne dabei haben und hab ihm etwas geschickt, damit er das bearbeiten kann - aber er hat so unglaublich lange dafür gebraucht, dass ich bis dahin auch schon mit dem ganzen Album fertig war.
Dann gibt es diese Sängerin, mit der du ein Duett singst - auf "Taking A Break" und einem weiteren Song...
Es sind sogar zwei. Jody und Bobbie Goldin. Sie teilen sich die Arbeit quasi. Ich fand es schön, zur Abwechslung mal mit weiblichen Stimmen zu arbeiten. Ich kenne die zwei über meinen Freund Dan, er ist Gitarrist bei den Noisettes. Und die beiden sind die Hintergrundsängerinnen in der Band.
Denkst du, dass du mit diesem sehr elektronischen Album in gewisser Weise den letzten Bloc Party-Sound zu "Intimacy"-Zeiten weitergeführt oder sogar auf die Spitze getrieben hast?
Ja, auf jeden Fall, definitiv waren Songs wie "Ares", "Signs" oder "Mercury" die Vorboten zu diesem Album. Es fühlt sich für mich wie eine logische Konsequenz an.
Gibt es denn etwas auf diesem Album, was du mit einer Band im Rücken nicht hättest tun können?
Klar, ich denke, alles auf der Platte bin ich und nur ich. Ich musste keinerlei Kompromisse eingehen. Das Gute ist daran, dass es überhaupt nicht wie Bloc Party klingt, nur meine Stimme ist dieselbe. Die musikalischen Ideen unterscheiden sich doch sehr deutlich. Das großartige an elektronischer Musik ist eben, dass du alles manipulieren kannst. Es gibt keine Grenzen, wie etwas klingen kann, ganz im Gegensatz zu Gitarren – das Limit liegt höchstens bei dir selbst.
Und wie funktioniert das live?
Ich komme ja aus dem Rock-Kontext und will Menschen beim Musikmachen sehen, wenn ich mir einen Künstler angucke – und nicht nur zu einer Maschine tanzen. Daher wird's eine Band geben, mit Drummer, einer Synthiespielerin und einer Person, die die elektronischen Sachen, äh, bedient.
Oh, das klingt ja, als hättest du persönlich eine gewisse Distanz zu Samplern.
Ich bin auf jeden Fall verdammt ungeduldig und kein ausgesprochener Technikfreak. Ich war total grün auf dem Gebiet und hab letztes Jahr zum ersten Mal Logic auprobiert. Bei Bloc Party hatten wir zwar Erfahrung mit Drum Machines, aber nichts darüber hinaus. Mir ging es nur darum, ein Grundgerüst herzustellen, den Rest habe ich mit dem Produzenten XXXchange in New York ausgetüftelt.
Über "Intimacy" hast du gesagt, 'Ich habe gelernt, loszulassen'. Was hast du aus diesem Album gelernt?
Ich musste mich auf mich selbst konzentrieren und in das Erlernen neuer Techniken vertiefen - und dachte wirklich, dass das nicht möglich wäre. Aber es war möglich, es war schön und hat Spaß ge ... - sag mal, willst du auch einen Tee? Ich hol mir jetzt einen Tee. (...) So, tschuldigung. Ich bin sowas von im Arsch, ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren! Weißt du, es war einfach eine dermaßen lange Woche. Ein großer Teil davon ist diese Fliegerei immer hin und her. Und dieses Gewarte ... das ist der harte Teil ...
Naja, eine Band, auf die du die Arbeit verteilen könntest, hast du jetzt nicht mehr – es ist eben ausschließlich DEIN Zeug, dass du promotest.
Ja, aber ... ach, ist schon okay. Mir gehts gut. Mach weiter.
Also, wie hat sich der Schreibprozess von dem einer Bandaufstellung unterschieden?
Sehr stark. Mit der Band haben wir immer angefangen, indem wir alle zusammen in einem Raum standen und gejammt haben, bis sich eine Idee herauskristallisierte. Hier war es anders, weil man nicht mit Instrumenten loslegen kann, sondern Fetzen am Computer zusammenbastelt. Ein bisschen ähnelte das auch unserer Herangehensweise zu "Intimacy": Bei manchen Songs auf der Platte habe ich mich zusammen mit dem Produzenten hingesetzt und ihm zugeguckt, wie er ihn in Logic zusammenschraubt. So hab ich das auch bei meinem Soloalbum getan. Der erste Schritt war, einen Beat zu machen, dann hab ich ein paar wahllose Zeilen darüber gesungen und dann versucht, das ganze aufzupeppen mit einem Haufen Synthies und Effekten. Man probiert so herum und plötzlich hat man eine Idee, wie das Ganze eine Basis für einen Song hergeben könnte.
Ein Bloc Party-Album hat sich textlich immer um einen bestimmten Themenkomplex gedreht, so wie zum Beispiel "A Weekend in the City" ein Kommentar auf den Lifestyle in East London war. Hast du das adaptiert oder fallengelassen?
Naja, ich habe eigentlich überhaupt keine Texte bis zu dem Tag geschrieben, an dem ich den Song aufgenommen hab. Das war Absicht. Ich wollte mich vorher nicht festlegen und auf ein bestimmtes Ziel mit dem Album hinarbeiten. Lieber wollte ich frei losschreiben und nichts erzwingen. Viele der Texte sind dem entsprungen, was mir am Tag der Aufnahme gerade so durch den Kopf ging, zum Beispiel, während ich zur Arbeit geradelt bin. Erst jetzt, wo ich seit einer Woche etwas Abstand von dem Album hab und ständig darüber rede, geht mir auf, um was sich die Texte drehen: Sie handeln oft von Freunden oder Bekannten, zum Beispiel bei "Rise" und "Tenderoni", "On The Lam" oder "All The Things I Could Never Say". Es dreht sich meist darum, Menschen von einem Weg abzubringen, der ihnen auf die Dauer schaden könnte. Gut, das klingt jetzt ein bisschen mütterlich-vorsichtig. Ich würde sagen, wenn es diesen umfassenden Komplex gibt, dann handelt er von Neustart und Neubeginn, von Konzentration, Disziplin und Stärke.
Wie kommt das?
Ich weiß nicht, vielleicht weil ich selbst ganz neu angefangen habe. Es war das erste Mal, dass ich so etwas Großes alleine gemacht habe. Dieser Einfluss zieht sich - zumindest für mich - durch das ganze Album. Diese Periode in meinem Leben hat einfach danach geschrien, einen Neuanfang zu stellen, vielleicht sogar eine Wiedergeburt. Ich habe auf jeden Fall den Eindruck, dass alle Songs vom neu anfangen handeln.
Kennst du diese Radiohead-Tourdoku, "Meeting People Is Easy"? Da ist die Band gerade richtig groß unterwegs mit "OK Computer", und die Leute rasten überall buchstäblich aus, egal wo die Band hinkommt. Das Interesse steigt rasant, eben nicht nur an der Musik, sondern auch an den Musikern als Personen. Da gibt es diese Szene nach einem ausverkauften Gig: Die Band kommt nach der letzten Zugabe in den Backstageraum, völlig erschöpft. Sie sinken in ihre Stühle und setzen sich so weit wie möglich auseinander, starren schweigend auf den Boden und man merkt: Sie haben sich absolut nichts zu sagen. Eine sehr bittere und traurige Szene. Ich frage mich, wie das ist, als Band ständig unterwegs zu sein und mit den Spannungen umgehen zu müssen. Bloc Party hat ja bis Ende 2009 auch pausenlos getourt. Was passiert mit einer Band, wenn sie Tag und Nacht aufeinandersitzt?
Es ist überhaupt nicht gut, exzessives Touren endet fast zwangsläufig hässlich. Ich kann sehr gut verstehen, warum sich Bands hassen. Es ist ja gar nicht so, dass alles schlimm wäre, aber jede Kleinigkeit wird irrsinnig stark vergrößert. Alles, was du tust, jede Art der Kommunikation wird einfach riesig aufgeblasen, weil es keinen Raum zum Atmen gibt. Alles ist wichtig, bedeutungsvoll. Wie soll man das kanalisieren? Stell dir mal vor, wie es wäre, 24 Stunden am Tag mit den Leuten eingesperrt zu sein, mit denen du arbeitest. Das sind ja nicht deine Liebhaber. All der Ärger oder die Unstimmigkeiten projezieren sich zwangsläufig auf die Bandmitglieder zurück, und zusammen mit der enormen Aufmerksamkeit, die so eine Tour begleitet, verzerrt sich alles in Wut und Frust.
Naja, vielleicht liegt es ja auch an Radiohead, das sind eben einfach Typen, die sich über gar nichts freuen können. Moment, so was sollte ich nicht sagen, damals war schließlich ihre Musik noch gut. Aber das war ja generell eine sehr harte Zeit in ihrer Karriere - ich denke, sie haben ein paar Lehren daraus gezogen, um miteinander interagieren zu können. Manchmal muss man sich eben einfach ein bisschen Raum schaffen und sich zurücklehnen, sonst sieht man irgendwann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Das geht während einer Tour nur leider meistens nicht. Andererseits denke ich nicht, dass alles immer nur glatt und leicht gehen sollte. Ach, ich weiß auch nicht, was ich da gerade sage.
Worauf ich hinaus wollte: Kommt dir das bekannt vor?
Ja, wir haben einfach zu eintönig gearbeitet und viel zu viel getourt. Es ging so: Touren, Songs schreiben, touren, Songs schreiben, Aufnehmen, drüber reden, touren. Meine Motivation war auf dem Nullpunkt. Es hat mich selbst erschreckt, dass es mir scheißegal wurde, wie ein Auftritt verlief, und noch mehr, dass ich keinen Bock mehr hatte, Songs zu schreiben. Mich hat das ganze Drumherum, nein, eigentlich die ganze Arbeit unendlich ermüdet. War ja nicht mal so, dass uns die Inspiration gefehlt hat, wir hätten schon neues Material schreiben können – aber ich wollte einfach nicht. Ich kam mir vor wie ein Rädchen in einer Maschine, aus der es keinen Ausweg gibt. Daher hab ich diese Pause einfach gebraucht, denn es wäre ja das allerschlimmste für mich, wenn ich den Spaß an der Musik verloren hätte. Musik war schon immer das Wichtigste in meinem Leben und ich wollte nicht zulassen, dass mir das alles flöten geht. Durch dieses Umfeld, in dem feststeckte, bin ich unendlich feindselig gegenüber allem geworden, was mit dem Bloc Party-Kosmos zusammenhing, reizbar, gekränkt und nachtragend. Insofern war die Pause quasi Notwehr, weil wir ausgebrannt waren. Dass das richtig war, ist mir aber erst aufgefallen, während ich "The Boxer" gemacht habe.
Hast du Kontakt zu deinen Bandkumpels?
Naja, ich habe den Schlagzeuger gesehen, weil er in New York lebt, und ich habe den Gitarristen mal getroffen.
Ah, Russell - der ist gerade mit Pin Me Down beschäftigt, oder?
Gerade macht er offensichtlich was mit Ash. Lustig daran ist, dass er in einer Ash-Coverband angefangen hat, Gitarre zu spielen. Jetzt tourt er mit ihnen. Ich glaube, wir brauchen noch etwas Zeit, in der wir uns nicht sehen und Abstand voneinander gewinnen. Danach wäre dann ein Punkt erreicht, an dem man theoretisch etwas starten könnte.
Siehst du denn eine Chance, dass ihr noch mal zusammenkommt oder fühlst du dich alleine viel besser, weil dir niemand reinredet?
Ich würde sagen, es wäre sehr unwahrscheinlich, dass wir nie wieder was zusammen machen. Aber gerade im Moment fühlt es sich irrsinnig gut an, alle Fäden in der Hand zu haben und hinter dem Ergebnis zu stehen. Und letztendlich liegt es ja nicht nur an mir, wieder Lust auf die Band zu haben. Die Reintegration wird bestimmt nicht einfach werden, weil wir so lange getrennte Wege gehen. Aber das war letztendlich der Zweck dieses Jahres. Wir müssen mal gucken, wie es uns allen am Ende dieses Auszeit-Jahres geht, da kann ich noch keine Prognose treffen.
Ja, ich habe viel über ihn nachgedacht, in der Phase, in der ich "The Boxer" im Groben erdacht habe. Er hat in einer Punkband gespielt und verließ die, um sein eigenes Ding zu machen. Er hat mit Synthies herumgesponnen und hat versucht, zwei Welten miteinander zu vermischen: Sein Album, "The Pleasure Principle", ist rockig aus einer elektronischen Perspektive, und ich liebe den Klang. Er selbst als Typ ist kantig und gefühlvoll. Ich mag sowohl ihn sehr, als auch vor allem seinen musikalischen Ansatz. Und er sieht aus wie ein Star - ich finde, heutzutage fehlt vielen Berühmtheiten die Aura, die Substanz.
Bist du denn viel ausgegangen, um ein Gefühl für elektronische Musik zu bekommen?
Vor allem hab ich viel aufgelegt, überall auf der Welt. Das macht total Spaß, es ist eine lustige Energie, die da entsteht.
Das hilft dir auch, ein Publikum zu kontrollieren, oder?
Genau, exakt das ist es. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie man die Leute kontrollieren kann, das hat mich weitergebracht, um eine gewisse Dynamik in die Songs reinzubekommen. Und man lernt auch, wie man das Publikum und ihre Emotionen manipulieren kann. Es ist ja eine Performance, und du möchtest, dass die Leute völlig erschöpft sind, wenn du fertig bist. Es ist eine wechselseitige Beziehung – man möchte, dass die Leute so viel geben wie möglich, indem man selbst alles gibt. Und wenn die Leute ausrasten, raste ich aus, und deswegen rasten sie noch mehr aus, und dann ... na ja, immer so weiter. Es ist ein Dialog.
Legst du Techno auf?
Nee, meistens euphorischen Elektro, Partymusik und manchmal auch Rock, wenn es passt. Es geht mir wirklich nur ums Ausflippen, um Feierstimmung.
Denkst du, dass du mit "The Boxer" auf Rockfestivals spielen wirst? Viele Rockfans - zumindest auf Festivals - sind doch ziemlich konservativ und drehen gleich wieder um, wenn nicht in den ersten 15 Sekunden eine Gitarre zu hören ist.
Tja, mal sehen, was das für ein Publikum anlockt. Ich will eigentlich schon, dass die Leute vor mir hüpfen und tanzen, und da ich aus einem Rockhintergrund komme, kenne ich das nur von Rockfestivals. Naja, aber eigentlich müssten die Leute das ja auch bei Danceevents tun, oder?
Jaja, die bewegen sich da auch. Manche hüpfen auch, da musst du dir keine Sorgen machen.
Wahrscheinlich. Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung für mich, einige Bloc Party-Fans mit rüber zu ziehen. Ich vermute mal, bei den ersten Auftritten werden ein paar Leute nur kommen, um mich zu sehen. Und dann mal gucken, wie viele nach ein paar Shows noch da sind.
Wenn man nicht über den Hintergrund Bescheid weiß, fühlt sich das Album textlich an wie ein persönliches und positives Statement, als ob du sagen wolltest: Hallo, mir gehts besser, ich bin erleichtert, dass eine schwere Last von mir genommen ist ...
Findest du, ja?! Finde ich auch. Fühlt sich für mich genauso an. Daher auch "The Boxer" - er lässt sich nicht unterkriegen und wenn du es am wenigsten erwartest, steht er wieder auf. Ich freu mich so auf's live Spielen, wenn die Leute die Songs erst mal kennen!
Ich weiß ja, in vielen früheren Interviews wolltest du nicht auf deine Sexualität ...
(Angekotzt) Toll, here we go again.
... angesprochen werden und ursprünglich wollte ich das Thema auch gar nicht zur Sprache bringen, weil ich weiß, wie empfindlich du werden kannst und dich nie zu einer Aussage hinreißen lässt ...
Und warum tust du's dann?
Auf dem Weg zum Interview war noch Zeit für ein Brötchen beim schwulen Bäcker und der hatte das BUTT Magazine ausliegen – mit dir auf dem Cover, sogar grinsend. Da dachte ich, das ist doch mal ein Statement!
Ach so, wow! Cool! Hast du dir den Artikel dazu angeschaut?
Ja klar, und ich war überrascht, wie offen und geduldig du im Interview bist, und finde auch die Bilder von Wolfgang Tillmanns sehr schön.
Du bist zwar nicht die Zielgruppe, aber das freut mich trotzdem.
Aber du bist ja eigentlich notorisch schüchtern. War das denn keine Riesenüberwindung, mit ihm für ein Schwulenmagazin zu arbeiten und sich im Interview zu outen?
Wenn es nicht mit Wolfgang gewesen hätte, wäre ich tatsächlich ins Grübeln gekommen. Zum Glück kannte ich ihn schon von einem Bloc-Party-Shooting. Aber er hat eine so beruhigende Aura, fast wie ein Mönch. Das ist auch der Grund, warum ich da nackt bin, das würde ich normalerweise in einem Shooting nie tun. Aber mit ihm hat sich das irgendwie alles einwandfrei angefühlt.
Es sind ja auch sehr subtile Bilder, du bist durch das Milchglas einer Dusche von hinten zu sehen. Wolfgang Tillmanns kann ja auch anders.
Ja, das stimmt. Die Bilder sind zum Glück nicht so offensiv – ich musste mir keinen runterholen oder so. Ich glaube, er hat ein Gefühl dafür, wie weit Leute gern gehen möchten.
Hast du viele Reaktionen dazu bekommen?
Es geht so, Freunde haben mich darauf angesprochen und ihnen gefällts.
Hat dieses Gefühl des Neu-Geboren-Seins und diese befreite Stimmung auf dem Album auch etwas damit zu tun, dass du dich geoutet hast?
Aber ich war doch eigentlich schon immer 'draußen', vielleicht nur nicht so offen. Ich wollte nur nicht drüber reden.
Das widerspricht sich doch, entweder offen damit umgehen oder herumdrucksen. Du hast immer drumherum geredet und warst dann meist beleidigt, dass man überhaupt gefragt hat.
Ich hatte einfach nur keinen Bock, mit Musikmagazinen darüber zu reden – aber ich hatte nie ein Problem damit, mich mit Schwulenmagazinen zu unterhalten. Ich hab immer das Gefühl, Schwulenmagazine kapieren, was ich sage. Wenn ich die Interviews in Musikmagazinen mit mir lese, haben die immer so einen faden Beigeschmack. Eine Agenda. Und ich dachte: Das geht die doch überhaupt nichts an!
Weil du überzeugt bist, dass es nichts mit deiner Musik zu tun hat?
Ich dachte das zumindest, und die Diskussion darüber begeistert mich bis heute nicht. Aber ich hab mich damit abgefunden, eine Vorbildfunktion zu übernehmen. Wenn ich andere dazu ermutigen kann, zu sich selbst zu stehen, dann von mir aus. Für viele Kids scheint es wichtig zu sein, gerade weil ich in einer Rockband singe.
Und das ganz ohne Federboa. Deswegen ist das doch so interessant, weil du eben ein Typ bist, der sehr zurückhaltend rüberkommt. Das Lavieren heizt die Diskussion eher an.
Tja, offenbar – das zeigen mir die Reaktionen. Es ist eben ein komplizierter Bereich in meinem Leben.
Wir müssen aufhören. Letzte Frage, hast du einen Traum? Irgendwas, das du dir noch erfüllen möchtest?
Ich glaube, ich tu es gerade. Ich bin ich und stelle alleine etwas auf die Beine. Ich war selten so glücklich und entspannt wie gerade, auch wenn ich todmüde bin.
Danke für deine Zeit!
Gerne.
Kele Okereke hat "gerne" gesagt und gelächelt! Er geht und ist nicht sauer oder gekränkt. Und er hat erzählt. Mission accomplished!
Drummer Matt über den Druck des Erfolgs und das Ende seiner Karriere.
Bloc Party mausern sich in den letzten Jahren immer mehr von Indie- zu Experimentalrockern. Ihre aktuelle Platte "Intimacy" veröffentlichten die Briten vorab im Internet, weshalb laut.de-Autor Volker Rueß beim Interview mit Drummer Matt Tong eingehend über den Musikmarkt diskutiert. Überraschende Einblicke ins Seelenleben inklusive.
Berlin, Prenzlauer Berg. Bloc Party befinden sich gerade noch zwecks Fotoshooting in einem nahegelegenen Park. Einige Minuten später treffe ich in einem Mietapartment Drummer Matt Tong. Der schlaksige Engländer mit chinesischen Vorfahren antwortet auf Fragen stets sehr nachdenklich, während er genüsslich an seinem Tee schlürft.
Viele Fans haben euer Album schon vor der CD-Veröffentlichung in Mp3-Form gehört. Seid ihr da noch aufgeregt vor dem physischen Release?
Ich müsste lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass wir interessiert beobachten, wie sich die CD in England schlagen wird. Gleichzeitig erwarten wir, dass "Intimacy" durch den Download-Release nicht so hoch in die Charts steigen wird wie unsere bisherigen Alben. Aber die generelle Aufregung, wie sich das Album in physischer Form schlagen wird, ist schon da.
Habt ihr im Vergleich zum Download an der Tracklist oder am Sound etwas verändert?
Wir haben ein paar Lieder addiert. Eines heißt "Talons", das wird wahrscheinlich unsere nächste Single in Europa sein. Und dann gibt es noch das Stück "Letter To My Son". Die zwei haben wir dazu genommen.
Aber ihr habt nicht mehr an den Liedern selbst gebastelt?
Nein. Wir haben, glaube ich, im Juni die Aufnahmen abgeschlossen und seither nichts mehr daran gemacht. Wir haben ein paar B-Sides aufgenommen.
Würdest du ein Album zweimal kaufen?
Als wir die Download-Version auf unserer Webseite angeboten haben, gab es dort auch die Möglichkeit, sich sowohl den Download als auch die CD zu kaufen. Der Preis entsprach dem der CD-Ausgabe, während die Mp3-only-Version zum halben Preis erhältlich war. Wir haben also vermieden, dass die Leute sich entscheiden müssen, eventuell zweimal für die Musik zu zahlen. Wenn du die CD geholt hast, hast du genauso viel gezahlt wie sonst auch, hattest aber den Vorteil, es sehr früh zu bekommen.
Hat sich "Intimacy" bisher gut verkauft?
Ich hab keine Ahnung, wie die Zahlen sind. Ich glaube, es lief ganz gut. Wir hatten noch keine Möglichkeit, uns damit zu befassen, weil wir so beschäftigt sind. Seit das Album draußen ist, sind wir auf Tour, und wenn nicht, dann machen wir Promotion. Wir hatten aber auch keine bestimmten Ziele, wie viele Einheiten wir verkaufen wollen. Wir sind da ganz unromantisch.
War diese spezielle Veröffentlichungsform eure eigene Idee oder kam das vom Managment, vom Label?
Es entwickelte sich aus unserem Vorhaben, das Album noch dieses Jahr zu veröffentlichen. Als wir uns nach der Winterpause trafen, war uns klar, dass wir definitiv ein Album veröffentlichen möchten. In offenen Diskussionen, wie wir das realisieren könnten, kamen wir zum Ergebnis, dass es das Beste wäre, es zunächst im Internet zu veröffentlichen. Und dann passierten ein paar Sachen. Radiohead und andere Bands entschieden sich, genau diesen Weg zu gehen. Das gab uns den letzten Anstoß, es ebenso zu tun, bevor jeder andere es auch macht.
Fortan werden wir Platten wohl mit weniger Sorgen vorab veröffentlichen, aber das jetzige Überraschungselement wird Releases in ein paar Jahren nicht mehr begleiten. Ich denke, es gibt jetzt keinen Grund mehr ein Album zu beenden, und anschließend vier bis fünf Monate darauf sitzenzubleiben, während wir Tourpläne und Promotion machen. Für einige Bands funktioniert das, weil sie nicht so produktiv sind wie wir. Der Internetweg funktioniert recht gut für uns.
Es ist definitiv ziemlich schwierig, deine Stimme hörbar zu machen, weil so viele Leute Musik machen. Das ist eine gute Sache. Internet und MySpace sind sehr demokratische Dinge. Leider sind die meisten Leute in der Musikindustrie nicht sehr clever und stecken in ihren Strukturen fest. In dem Zustand ist die Musikindustrie gerade. Wir sind da in einer privilegierten Position. Die Leute interessieren sich dafür, was wir machen. Viele Bands aus unserer Generation müssen sich wirklich abmühen, ihre Arbeit zu veröffentlichen.
CDs zu verkaufen ist nicht mehr so wichtig für uns. Wir machen unser Geld durch Touren, durch Live-Auftritte. Erst wenn das irgendwann aufhören sollte, müssten wir uns Sorgen machen. Eine Menge Bands touren heutzutage gleichzeitig, während viele Fans gar nicht mehr so viel Geld in der Tasche haben wie vor zwei Jahren. Die können nicht mehr als vielleicht viermal im Jahr zu Konzerten gehen. Die Bankenkrise wird glaube ich sehr hart einschlagen.
Das verändert auch die Art der Musik. Wenn man sein Geld live verdient, muss man auch Musik produzieren, die auf die Bühne passt.
Ein interessanter Punkt. Aber wir waren schon immer sehr erpicht, unsere Musik vor Publikum darzubieten. Wir haben nie versucht, irgendeine Aufnahme zu replizieren. Bei der Übersetzung von CD zu Live muss man seine Fantasie einsetzen. Wir haben uns einen guten Live-Ruf erspielt; vielleicht nicht als die technisch beste Band der Welt, aber wir sind leidenschaftlich und binden das Publikum ein. Wir versuchen das zu bewahren.
Euer Album scheint mir noch experimenteller geraten als "A Weekend In The City". Lässt sich absehen, welche Richtung ihr als nächstes einschlagt?
Keine Ahnung. Das ist ziemlich unvorhersehbar. Wir könnten noch weiter gehen, extremer werden. Oder wir machen ein klassisches Heavyrock-Album. Naja, das wohl eher nicht. Jedes Album war ein Lernprozess für uns. Ich schätze, wir werden erneut ein paar Sachen ausprobieren und schauen, was wir bisher noch nicht gemacht haben. Aber ich kann dir noch nicht sagen, wie es dann aussehen wird.
Wie hat die Öffentlichkeit bisher auf das Album reagiert?
Ich habe noch nicht viele Reviews gelesen. Es gab überwiegend positive Reaktionen, ich glaube die Leute mögen es mehr als unser letztes Album. Ich war auch ein bisschen in unserem Forum unterwegs, und die Hardcore-Fans fahren offensichtlich drauf ab. Aber es ist wichtig, dass du nicht versuchst, bestimmte Reaktionen bei den Leuten zu erreichen. Ich mag es zu hören, was die Leute sagen, aber das hat keinen Einfluss auf das was wir als Band machen.
Habt ihr Angst, zu experimentell zu klingen?
Wir haben so viele Einflüsse. Das Spannende in unserer Musik rührt genau von diesen Einflüssen. Weil sie alle darum kämpfen, gehört zu werden. Wir haben das inzwischen akzeptiert. Was wir tun, ist nicht immer auf Wohlklang ausgerichtet, nicht immer schön ausbalanciert für die Masse. Manche Bands schreiben Konzeptalben, vermitteln durchweg ein ganz bestimmtes Gefühl. Aber das war nie unsere Sache. Vielleicht machen wir das in Zukunft, wer weiß.
Was für Einflüsse waren das bei eurer dritten Platte?
Die Hauptmotivation bestand darin, so viele Songs wie möglich im Studio aufzunehmen. Mindestens die Hälfte sind aus sehr spontan entstanden, davor hatten wir ein bisschen Angst. In der Vergangenheit schrieben wir einen Song, nahmen ein Demo auf und dann eine bessere Version im besonders. Diesmal sind wir unseren spontanen Ideen und Gefühlen nachgegangen und haben sie so weit wie möglich entwickelt.
Wir schreibt ihr eure Songs? Werft ihr alle Ideen in den Raum oder ist Kele der Antreiber?
Kele ist der eigenwilligste unter uns. Es gibt diese Tendenz für ihn zu schreiben, wir folgen seinem Stichwort. Wir haben zunächst eine Eingebung, oder wir haben eine Riff, und dann fischen wir darum herum. Wir jammen, bis etwas passt. Kele ist definitiv die Seele der Band, mit den bestimmenden Ideen.
Wie fühlt es denn an, sozusagen als Drummer unter Kele Okereke zu dienen?
Es ist gut, ich kann mich nicht beschweren. Der Großteil meiner Arbeit geschieht auf Tour. Ich verspüre einen anderen Druck als der Rest, einen anderen Druck als Kele, der die Lieder und Texte schreibt. Er ist das Gesicht der Band, er repräsentiert uns alle. Er muss rechtfertigen, was er macht, nicht uns gegenüber, aber vor den Medien. Es ist manchmal hart, eine Perspektive über den Proberaum hinaus zu haben. Dass Kele das kann, schätze ich wirklich. Meine persönliche Last ist es, keine Fehler zu machen. Wenn ich live Fehler mache, hört es jeder. Wenn du mit der Gitarre einen Fehler machst, kann sich das im Geräusch verlieren, aber wenn du etwas an den Drums verkackst, dann ist das wirklich schlecht.
Und magst du es, eher im Hintergrund zu stehen?
Das stört mich nicht sehr. Ich bin kein frustrierter Gitarrist oder so, obwohl ich das früher mal werden wollte. Aber wie es halt so ist in einer Band: Keiner wollte an die Drums. Mir macht es Spaß. Und wenn ein, zwei Leute im Publikum von meinem Spiel etwas mitnehmen, habe ich meine Arbeit getan.
Ich bin definitiv fasziniert von guten Textern. Nicht unbedingt wegen dem, was sie sagen. (überlegt lange) Ich traue Musikern nicht zu, dass sie eine Stimme der Autorität haben, aber ich bin definitiv an der Kunst des Textens interessiert. Etwas zu schreiben, das Sinn macht und dem Hörer ermöglicht darin einzutauchen, ist eindrucksvoll. Die Liedstruktur kann das sehr schwierig machen, deine Möglichkeiten einschränken. Ich bin immer sehr beeindruckt von Keles Texten und wie sie auf die Lieder passen. Ich glaube, er ist sehr gut darin, direkt und gleichzeitig abstrakt zu sein. Wenn man gute Lyrics hat, vergrößert das ein Album.
Was meinst du damit, dass du nicht an die Autorität von Musikern glaubst?
Ich glaube, Musiker zu werden ist ein sehr egoistischer Akt. Ich sage nicht, dass man keinen Musikern trauen kann, aber es gibt Leute da draußen, die wichtigere Sachen machen. Die einen größeren Effekt haben. Wenn du jede Nacht vor Leuten spielst, dann stehen die da, weil sie von etwas entfliehen wollen. Du spielst nicht unbedingt vor Leuten, die sich ganz konkret in der Welt engagieren wollen. Du lebst in dieser Welt, wo du jede Nacht vor Leuten spielst, die Geld zahlen, um dich zu sehen. Jeder freut sich, dass du da bist. Du kannst das nach der Show nicht abstellen, du musst ein paar Drinks nehmen und dich total besaufen. Du bist von deiner Familie weg, von deinen Freunden und von Leuten, die du kanntest, bevor du das gemacht hast.
Ich sehe diese Musiker aus den 60ern und 70ern, die damals sehr respektiert waren, und die noch immer Musik machen. Ich möchte das mit 40 nicht mehr machen, zumindest nicht auf diesem Level. Und man sieht das in den Augen älterer Musiker, dieser Blick - als flüchten sie ständig. Sie realisieren, dass sie feststecken, aber sie wissen nicht, was sie sonst mit sich anfangen sollen, weil sie so lange in dieser Musikwelt drin waren. Es ist falsch, so lange von normalen Menschen abgetrennt zu leben. Ich glaube, jeder Kreative befindet sich letztlich auf der Flucht. Aber mehr als in jeder anderen Ausdrucksform findest du dich als Musiker bald in einer Welt wieder, die einfach komplett unrealistisch ist.
Wärest du gerne jemand, der etwas verändern kann, der Einfluss hat?
Jeder möchte etwas verändern. Ich habe die Reise bisher sehr genossen, bis zu einem gewissen Punkt. Aber es wäre schön, wieder abspringen zu können; zu lernen, von meinen eigenen Verstand zu leben. Ich hasse es, zu jemandem zu werden, der nur das macht, was die Leute ihm sagen. Und Touren bedeutet genau das. Es ist ein ständiger Kampf um darum, den eigenen Spielraum zu erhalten, etwas für sich selbst zu tun. Zumindest für mich. In Zukunft würde ich meine Zeit lieber Menschen widmen, die diese Zeit auch wirklich brauchen. Ich weiß nicht, welche Form das annehmen wird, aber es wäre schön etwas zu machen, was den Menschen hilft.
Aber du magst es, Musiker zu sein?
Ich mag es, Musiker zu sein und ich werde immer etwas mit Musik machen. Aber ich möchte nicht älter werden, Verantwortung für eine Familie haben und dabei touren. Das ist nicht, was ich sein will.
Aber es gibt noch keine Familienpläne?
Nein, noch nicht. Ich denke, das wäre zur Zeit nicht fair...
23. Oktober 2008, Flughafen Tempelhof, Berlin
Am 23. Oktober feierten Bloc Party mit ihrem dritten Album "Intimacy" ganz intim das letzte Großereignis auf dem Berliner Flughafen Tempelhof. Kurz vor Betriebsschluss gaben Kele Okereke und Co. das offizielle letzte Geleit. Vom verflixten dritten Album kann bei Bloc Party übrigens nicht die Rede sein. Nach "Banquet", "Helicopter" und "The Prayer" legen die Briten mit "Mercury" und "Trojan Horse" mehr als amtlich nach. Dass man sie zudem keinesfalls als Single-Act abstempeln sollte, beweist die Flughafen-Performance.
Zur "Mercury" etwa springt Frontmann Kele mitten ins Publikum und sorgt dort für reichlich Unruhe. Das Mikrokabel hinter sich herziehend, bereitet er dem Kabeljungen einige Unannehmlichkeiten, dafür den Fans aber umso mehr Freude. Und dass, ohne auch nur für einen Bruchteil einer Sekunde an Stimmgewalt zu verlieren. Dieses und viele weitere Highlights sind von Concert Online in gestochen scharfen Bildern und HQ-Ton eingefangen worden.
Wer sich also selbst überzeugen möchte, kann den Konzertfilm seit letztem Freitag auf deren Webseite käuflich erwerben – oder an unserem Gewinnspiel teilnehmen. Laut.de verlost fünfmal den Code, mit dem sich das komplette Video auf Concert Online herunterladen lässt.
Dafür genügt eine Mail mit Betreff "Tempelhof" an gewinnen@laut.de inklusive der Antwort auf folgende Frage: Wie heißt der Gott des Krieges aus der griechischen Mythologie, auf den ein Songtitel auf "Intimacy" verweist? Viel Glück!
Intimacy Remixed (2009)
| Fr | 21.06.2013 | Bloc Party Southside Festival (Neuhausen ob Eck) | |
| So | 23.06.2013 | Bloc Party Hurricane Festival (Scheeßel) | |
| Sa | 13.07.2013 | Bloc Party A-Harvest Of Art (Wiesen) |
Gute Fanseite mit haufenweise Infos und Audio/Video-Material.
http://www.blocparty.net/
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