laut.de-Kritik

Aus Steven Wilsons Resteschublade.

Review von

Steven Wilson schreibt wieder Songs. Die erste gute Nachricht, die darauf hoffen ließ, Blackfield könnten auf ihrem fünften Album vielleicht doch noch einmal an die Qualität von "Blackfield" und "Blackfield II" anknüpfen. Aber obwohl die Leistungskurve wenigstens in manchen Momenten nach oben zeigt, gerät das Ergebnis insgesamt doch ziemlich ernüchternd.

Der Einstieg gelingt mit den Wilson-dominierten Stücken "Family Man" und "How Was Your Ride?" erst einmal recht gut. Keine Offenbarung, zumindest jedoch solide Soft-Rock-Songs mit Vocal-Lines und Melodien, die auch nach mehreren Durchläufen nicht ermüden. Es hat ein bisschen was von "Lazarus", wenn es im Hintergrund wohlig warm fiept.

Dann allerdings beginnt die erste Durststrecke. Aviv Geffen übernimmt mit gewohnt akzentschwerem Englisch den Gesang und versucht ein bisschen zu sehr, Emotion in seinen Vortrag zu legen. Schwupps, geht ein Großteil des Tiefgangs in schwülstig-brüchigem Klagen flöten.

So richtig glaubt man der Melancholie erst wieder, wenn Steven Wilson "October" anstimmt. Wobei auch er hier hart an der Grenze zum Weinerlichen vorbeischrammt. Darüber hinaus stellt der Song zwar eines der Highlights auf "Blackfield V" dar, ist dabei jedoch höchstens so stark wie die schwächsten Stellen eines "Blackfield II".

Das war es dann auch schon fast an erwähnenswerten Dingen. Okay, "The Jackal" wartet noch mit nettem Riff und Gitarrensolo auf, in "Undercover Heart" präsentiert Geffen sich von seiner Sahneseite und haut eine ziemlich eingängige Chorus-Hook raus.

All das fällt aber vor allem auf, weil das meiste darum herum sich in seiner Rolle als unterdurchschnittliches Gedümpel pudelwohl zu fühlen scheint. Gerade angesichts der Wilson-Solo-Outputs der letzten Jahre ist es teils wirklich erschreckend, mit welch songschreiberischer Gleichgültigkeit Blackfield hier zu Werke gehen.

Seinen Tiefpunkt erreicht das Album kurz vor Schluss mit "Lonely Soul". Das weichgespülte Loop-Getüdel, das Geffen hier verkaufen möchte, ist, gelinde gesagt, eine Zumutung. Mag sein, dass Drake-Single-Hörer auf so etwas abfahren. Ehrlich gesagt glaube ich sogar, dass selbst das Mainstream-Radio hiervon die Finger lassen würde – und das ganz bestimmt nicht, weil "Lonely Soul" zu progressiv wäre.

Einen positiven Nebeneffekt allerdings hat der Song: Einerseits stellt man ob des furchtbar kitschigen Einsatzes von Frauengesang fest, dass der in "Lately" gut funktioniert. Andererseits gibt es Steven Wilson die Möglichkeit, als Held aus dem Album zu gehen. Denn obwohl er sein "From 44 To 48" wohl ganz tief aus der Resteschublade gezogen hat, stellt es doch eine deutliche Steigerung zum vorangehenden Track dar.

Am halbierten Gesamteindruck ändert das freilich nichts mehr. Tatsächlich findet sich auf "Blackfield V" kein einziger Grund, warum man es in Zukunft früheren Alben vorziehen sollte ("Welcome To My DNA" und "Blackfield IV" einmal ausgenommen). So bleibt eigentlich nur ein Fazit: Blackfield haben – Stand 2017 – jegliche aktuelle Relevanz verloren.

Trackliste

  1. 1. A Drop In The Ocean
  2. 2. Family Man
  3. 3. How Was Your Ride?
  4. 4. We'll Never Be Apart
  5. 5. Sorrys
  6. 6. Life Is An Ocean
  7. 7. Lately
  8. 8. October
  9. 9. The Jackal
  10. 10. Salt Water
  11. 11. Undercover Heart
  12. 12. Lonely Soul
  13. 13. From 44 To 48

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LAUT.DE-PORTRÄT Blackfield

"Klassische, melancholische Lieder mit einer sinnlichen und warmen Produktion", so definiert Steven Wilson in einem Interview das Wirkungsfeld von Blackfield.

9 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor 11 Tagen

    Fänd ich schade. Die ersten beiden Alben haben mich sehr lange begleitet. Da man aber auf Manuel Bergers Meinung keinen Wert legen sollte, bleibt es spannend, wie's wirklich geworden ist.

  • Vor 10 Tagen

    Ich finde das Album gar nicht schlecht... :-) Mich wundert es eher, dass es wieder so schnell vorbei ist. Und ja, nur 2 Sterne ist völlig unterbewertet.

    • Vor 10 Tagen

      Mir gefällt es auch ¯\_(ツ)_/¯ .

      Konnte man ja bereits vor Wochen auf Youtube anhören, hat mir gereicht, dass es für mich einen Kauf rechtfertigt. Solide Kost. Wenn man I und II immer als Messelatte nimmt, wird wahrscheinlich kein Album herankommen, was aber auch daran liegt, dass das "Neue" fehlt.

  • Vor 10 Tagen

    meine erwartungen waren natürlich niedrig. vor dem hintergrund waren die 3 songs, die ich mir auf youtube angehört hab, aber echt in ordnung. nicht so cheesy wie gewohnt, reduzierter, etwas offeneres songwriting, wenn man so will. ganz gelegentlich kommt sogar der eindruck auf, es könnte sich um stark gestauchtes, eingängiges material von porcupine tree handeln. kein vergleich zu "blackfield" und "blackfield ii" natürlich, aber nach den echt schlimmen 2 alben danach machen die bisherigen eindrücke von diesem mir tatsächlich lust aufs album.

  • Vor 9 Tagen

    2 ist ja wohl ein Scherz!
    Klar kommt “V“ nicht an die ersten beiden Alben ran aber das war auch kaum zu erwarten. Ich würde es mindestens gleichauf mit “Welcome To My DNA“ sehen, mit der Zeit wahrscheinlich noch davor.

  • Vor 9 Tagen

    44 to 48 als Restschubladen-Song zu bezeichnen ist mehr als gewagt - ein schöner Song direkt von der Seele weg. Dass Geffen kein Native Speaker ist weiß man schon seit Blackfield I - kein Grund ihn dafür zu diskreditieren. Das Album gefällt oder nicht - keine Frage. Von "songschreiberischer Gleichgültigkeit" sollte aber keine Rede sein - das Album ist wie man es von Wilson gewohnt ist musikalisch schön umgesetzt und vor allem auch sehr gut gemischt (dank Alan Parsons).

    Wer jedoch gerne den ewig gestrigen spielen möchte und auf Biegen und Brechen Vergleiche zu Blackfield I und II sucht, kann gerne auf die Kritik von Manuel Berger hören.
    (Seit BF I sind mittlerweile 13 Jahre vergangen

    "Ehrlich gesagt glaube ich sogar, dass selbst das Mainstream-Radio hiervon die Finger lassen würde..."

    Wer sich mit den Werken von Wilson und seiner Person auseinandersetzt, wird diesem Satz schnell den Wind aus den Segeln nehmen - es war mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit garnicht sein Ziel auf irgendeinem Mainstream-Radio zu landen.

    Conclusio:

    Ein solider 4-Sterner. Nicht over the top aber definitiv auch nicht weniger.

    Kritik am Kritiker: Ein Blackfield Album mit dem Mainstream-Radio in Kontext zu setzen ist mehr als deplatziert. Vielleicht das Genre wechseln?

    • Vor 9 Tagen

      Stimme deiner Meinung soweit zu, jedoch hat Alan Parsons das Album nicht gemischt. Er hat nur produziert und auch nur 3 Songs. Gemischt wurde das Ganze von Wilson und Simon Bloor. Der Surround Mix ist zum einen von Wilson zum anderen eine Zusammenarbeit von Bloor mit Bruce Soord (Pineapple Thief). Dennoch ist das ganze Recht rund geworden, für die vielen Köche.

    • Vor 9 Tagen

      Danke für die Berichtigung. Könnte schwören in einem Interview mit Geffen gehört zu haben, dass Parsons den Mix machen sollte. Hab mich wohl getäuscht :)

  • Vor 8 Tagen

    1. A Drop in the Ocean -/-
    2. Family Man 8,5/10
    3. How Was Your Ride? 7,5/10
    4. We'll Never Be Apart 4,5/10
    5. Sorrys 7/10
    6. Life is an Ocean 5/10
    7. Lately 7/10
    8. October 4,5/10
    9. The Jackal 6,5/10
    10. Salt Water 5/10
    11. Undercover Heart 6,5/10
    12. Lonely Soul 7,5/10
    13. From 44 to 48 8,5/10

    macht für mich ingesamt ne Bewertung zwischen 3-4/5. Das ALbum ist okay, es sind ein paar sehr gute Songs drauf, aber auch ein paar echte Ausfälle...