laut.de-Kritik

Kreuzung aus verunglückten Skrillex-Standards und kaputtem Föhn.

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Mit Hochglanz-Fotografien im DIN-A4-Format kommt sein Debüt daher: In Lack- und Nieten-Klamotten ist er abgelichtet, der junge Künstler mit den kindlich weichen Gesichtszügen. Kein Zweifel: Ben Ivory mag die 1980er, heißt eigentlich Benjamin Hain und ist in einer Berliner Künstlerfamilie aufgewachsen. Der Vater ein Komponist, die Oma eine Autorin – beste Voraussetzungen für die Selbstverwirklichung eines Aufstrebenden, oder? Gar ein Wunderkind soll der Herr sein. Dann mal sehen, was uns unter der Elektro-Pop-Kuppel seiner "Neon Cathedral" erwartet.

Ben Ivory fühlt sich also ganz und gar in den 80ern zu Hause. Nimmt man das einem Anfangs-Dreißiger im Jahr 2013 noch ab? Ein Konzeptprodukt durch und durch: Schillernd und schick gekleidet klingt Ivorys Musik geradezu perfide auf das Jahrzehnt abgerichtet, in dem einst Synthiepop-Päpste wie Depeche Mode groß wurden. Ein Spagat zwischen Vintage und Moderne, der Titel "Neon Cathedral" deutet es schon an: Wir stürzen uns mitten hinein in eine hedonistisch angehauchte, leuchtend-schwülstige Barocklandschaft. Nur: Die Musik beschränkt sich auf Melancholie, die die Pet Shop Boys vor zwanzig Jahren weniger kitschig konnten und Melodien, die uns heute dank der Rihanna-Maschinerie täglich schon genug penetrieren.

Mit dem Song "The Righteous Ones" nahm Ben Ivory bereits am Vorentscheid zum Eurovision Song Contest teil. Platz sieben von zwölf verortete ihn schließlich im Mittelmaß. Natürlich ist die Aussagekraft eines solchen Wettbewerbs beschränkt. Ehrlicherweise kann man dem Song neben seinen abgehackten Synthies, die sich anhören wie eine Kreuzung aus verunglücktem Skrillex-Standards und kaputtem Föhn sogar Positives abgewinnen: Mit ein bisschen mehr von der genreuntypischen Gitarre, die mal mehr und mal weniger aggressiv vor sich hin schrammelt, könnte der Song durchaus neben Ellie Goulding auf Calvin Harris-Beat mithalten. Trotz überpathetischem Hymnen-Text an all die Außenseiter, Freaks und Querdenker. Der fällt getrost wieder in die Sparte 'schon mal besser gehört'.

Daran schließt das Gros des Langspielers an – wie das mit synthetischer Dampflok nachdrücklich beginnende "Disconnected", das in Sachen Gesangsmelodie dann doch wieder an abgegriffenen Billboard-Pop erinnert. Oder das von Streichern eingeleitete "All For Love", das spätestens ab dem Refrain als Hintergrund-Track für den Happy-End-Moment in Til Schweiger-Filmen taugt. Balsam für die grauen Kalkstein-Gemäuer der "Neon Cathedral" ist die erste Single "Better Love". Ein melancholischer Beat, der zwar nicht vor Innovation strotzt, leitet ein unaufdringliches und verträumtes Stück ein.

Fraglich, ob das Wunderkind Ben Ivory mit seinem Elektro-Pop eine musikalische Kathedrale errichtet. Für die Ewigkeit wird das Bauwerk jedenfalls nicht bestehen. Gerade in einer Zeit, in der jeder Fünfte sich an Ableton versucht und Pop so vergänglich ist wie nie. Als Berliner Szenekind hätte man das wissen können. Es bleibt ein Album mit kühlem Synthie-Pop, der einen über weite Strecken dank abgegriffenen Melodien und Überproduktion kalt lässt. Wobei sich an diesem Punkt der Kreis zu all den Kathedralen mit ihrem Schwulst, dem Bombast und der erdrückenden Pracht wieder schließt. Die braucht in ihrer Form auch niemand, dennoch gibt es sie zuhauf.

Trackliste

  1. 1. New Bright Lights
  2. 2. Come Undone
  3. 3. Disconnected
  4. 4. Glow
  5. 5. Remedy
  6. 6. All For Love
  7. 7. The Righteous Ones
  8. 8. Revenge
  9. 9. Save Me
  10. 10. Better Love
  11. 11. Sober
  12. 12. Neon Cathedral
  13. 13. Sound Of The City

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