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Bela B. ist der beste Schlagzeuger der ... nein, falsch: Bela B. ist der Schlagzeuger der Besten Band der Welt. So herum! Unter diesem Titel kennt ihn jedes Kind und das gilt natürlich gleichermaßen für seine Stammcombo Die Ärzte, die in Deutschland ungefähr seit 1985 (oder wann erschien nochmal die Single "Zu Spät"?) Kult-Status genießt. Doch wie seine beiden Bandkollegen findet auch Doktor B. reichlich Gefallen an Nebenschauplätzen.
Bela heißt mit bürgerlichem Namen Dirk Felsenheimer und erblickt am 14. Dezember 1962 in Berlin-Spandau das Licht der Welt. Als Klein-Dirk fünf Jahre alt ist, lassen sich seine Eltern scheiden und er bleibt bei seiner Mutter und Zwillingsschwester Diana. Dank der Schulferien, die er oft bei seinem Vater in Köln verbringt, hat er genug Zeit, sich in aller Ruhe zwei Hobbys auszusuchen, ohne die er bald nicht mehr auskommt: Comic-Hefte und Rock'n'Roll. Da seine literarischen Vorlieben schwer in Richtung Horror tendieren, benennt er sich später nach dem Dracula-Darsteller Bela Lugosi. Das "B." im Nachnamen steht angeblich für seinen Spitznamen "Barney", der durch die Ähnlichkeit der Nachnamen "Felsenheimer" und "Geröllheimer" zustande kam.
Natürlich will Bela schon bald selbst Musiker werden. Die Liebe des Krawallmachers fällt prompt auf die Schießbude, und so dürften seine kindlichen Augen mächtig geglänzt haben, als er im Keller des Freundes seiner Schwester an ein echtes Kit sitzen darf. Ob damals ein Drum-Hocker gefehlt hat, wissen wir nicht, Tatsache ist aber, dass Bela bis heute zu den wenigen Schlagzeugern gehört, die ihren Job im Stehen verrichten. Später gesteht er, dies dem Stray Cats-Drummer abgeschaut zu haben. Ein Urlaub (haha) in London lässt ihn (wie auch den Farin Urlaub) endgültig zum Punkrocker mutieren. Da Bela als Kiss- und Ramones-Fan schon immer Gefallen am Auffallen fand, verführen ihn der rauhe Style und die kompromisslose Attitüde des Punk sogar dazu, sich noch während seiner Schulzeit ein erstes eigenes Schlagzeug zu besorgen. Die erste Band Empire ist da schon so gut wie gegründet.
Den Realschulabschluss in der Tasche, beginnt Bela eine Lehre als Dekorateur, nicht ohne vorher sogar kurz in die Ausbildung eines Polizisten reinzuschnuppern. Als der Jugendliche mit der pechschwarzen Mähne schließlich einen Nebenjob im Supermarkt ergattert, spricht sich sein punkiges Arbeitsoutfit schnell im Viertel herum, und die beiden Punks Hussein Kuthlucan und Bernd van Huizen schauen sich den "Neuen" genauer an. Die Interessen passen, schnell freundet man sich an und gründet 1979 die Band Soilent Grün, benannt nach dem Science Fiction-Klassiker "Soylent Green (Jahr 2022 ... die überleben wollen)" aus dem Jahr 1973.
Ebenfalls dabei: Roman Stoyloff, dessen Ex-Freundin später der Song "Ekelpack" gewidmet wird. Die Band bringt es zu regionaler Bekanntheit und veröffentlicht mit "Die Fleisch EP" einen 7"-Tonträger mit sechs Songs. Leider unveröffentlicht bleiben Songs mit den vielsagenden Titeln "Spitz wie Lumpi", "Die grünen Hampelmänner" oder das Slime-Cover "Polizei SA-SS".
Als sich der SG-Gitarrist bei einem Gig seine Klampfe klauen lässt, ist es leider vorbei mit der Band-Eintracht und Bela erinnert sich an den blonden Punk Farin Urlaub, den er kurz zuvor im Ballhaus Spandau kennen gelernt hat. Obwohl Farin als Gitarrist ins Line Up rutscht, findet 1982 ein legendäres Abschiedskonzert von Soilent Grün im Berliner SO 36 statt, bei dem eine Düsseldorfer Band namens Die Toten Hosen (Ex-ZK) als Vorgruppe auftritt. Anschließend setzen sich Bela und Farin gemeinsam mit Bassist Sahnie (Ex-Frau Suurbier) zusammen und beginnen, deutsche Musikgeschichte zu schreiben.
Im Jahre 1988 trennen sich Die Ärzte und Bela gründet die Band S.U.M.P, die sich 1990 in Depp Jones umbenennt (Zwischendurch veröffentlicht er 1989 zusammen mit Satiriker Wiglaf Droste die Single "Grönemeyer kann nicht tanzen"). Von S.U.M.P erscheint 1989 die 10"-EP "Get Wise, Get Ugly, Get Sump" mit sechs Cover-Versionen (u.a. Europes "The Final Countdown") sowie zwei Bela-Songs. Mit dabei: Gitarrist (!) Rodrigo Gonzalez (Ex-Rainbirds), Basser Michael Beckmann und Drummer Atze Ludwig. Für Ludwig stößt später Olaf Kobold-Arend von Rubbermind Revenge zur Band.
Bela ergeht es mit Depp Jones aber nicht besser als dem King Kong-Projekt seines Ex-Kollegen Farin: Nach zwei erfolglosen Alben und einer Mini-LP hat die Plattenfirma 1992 genug vom ehemaligen Ärzte-Zugpferd und kündigt den Vertrag mit Depp Jones. Kurz darauf, nach kleinen Drumming-Auftritten bei den Bands Crashland und Pearl Harbour, erliegt er den Überredungskünsten Farins, Die Ärzte wiederzubeleben und bringt Rodrigo gleich mit.
Über die Jahre hinweg wächst auch Belas Begeisterung für die Schauspielerei. Schon Anfang der 80er spielt er in Horror-Kurzfilmen seines Freundes Jörg Buttgereit (u.a. "Der Todesking") mit. Neben dem intern verhassten Frühwerk "Richy Guitar" (1985), in dem auch Farin und Sahnie mitspielen, erweitert der Drummer seine Filmographie in den 90ern u.a. um "Over The Rainbow" (1999), "Kaliber Deluxe" (2000), "Ein Göttlicher Job" (2001), "Honey Baby" (2004, Mika Kaurismäki) und einen Auftritt im bayerischen Tatort "Die Kunstfabrik" (2003). Auch die RTL-Serie "Alarm für Cobra 11" schmückt sich zweimal mit Auftritten des Rockstars.
Der Streifen "Nass" von Felicitas Korn, in dem Bela den betrogenen Freund der Hauptperson spielt, erhält 2001 eine Nominierung für den deutschen Kurzfilm-Preis. Seine erste richtige Hauptrolle bekommt er schließlich im Film "Die Edelweißpiraten" (2003), der die wahre Geschichte jugendlicher Widerstandskämpfer im Köln des Zweiten Weltkriegs erzählt. Mittlerweile hat Belas Leidenschaft auch dazu geführt, Schauspielunterricht zu nehmen.
Mit der Gründung seines eigenen Horror-Comicverlages EEE (Extrem Erfolgreich Enterprises) erfüllt sich Zombie-Fan Bela zunächst einen Kindheitstraum und veröffentlicht unter anderem den Comic "Die Ärzte: Angriff der Fett-Teenager". Im geschääftlichen Bereich erweist sich der Verlag allerdings als absolut unrentabel, weshalb er ihn nach ein paar Jahren wieder einstellt.
2004 liest Bela mit Thomas D das Goethe-Hörbuch "Faust Vs. Mephisto" ein, selbstredend mit ihm in der Rolle des Teufels. Auch dem Kult-Ratgeber "Das Handbuch - der schnelle Weg zum Nr. 1 Hit" von KLF leiht er seine Stimme. 2005 beteiligt er sich anlässlich des Schillerjahres an einer 24-stündigen Lesung in Berlin und nimmt sich zwei Stunden lang verschiedenen Werken des 1805 verstorbenen deutschen Dichters und Dramatikers an. Im März desselben Jahres feiert er die Veröffentlichung seines ersten Fanclub-Magazins "Extrem Morlocs #1" im Kolonnadensaal des Leipziger Volkshauses.
Auch vor ungewöhnlichen Kollaborationen auf musikalischer Ebene macht Bela selten Halt. So arbeitete er u.a. bereits mit Diane Lemonbaby, Heike Makatsch und für einen Turbonegro-Tribute-Sampler sogar mit Blümchen zusammen (allerdings versteckt sich das zarte Pop-Pflänzchen hinter dem Aka Denim Girl).
Der Solokünstler Bela B. wird im Jahr 2006 geboren. Für "Bingo" schart er neben Freunden wie Mad Sin-Kontrabasser Holly und Ex-Gluecifer-Drummer Danny Young auch die damals 76-jährige Country-Legende Lee Hazlewood sowie Charlotte Roche um sich. Die Liebe zu Kollaborationen kommt auch auf dem 2009er Nachfolger "Code B" nicht zu kurz.
Der Ärzte-Star lebt heute nicht mehr in Berlin, sondern wie Farin Urlaub seit längerem in Hamburg, wo es zum Stadion des FC St. Pauli schließlich auch näher ist. Die Identifikation mit seiner Wahlheimat verpackt er auch mal in musikalisches Engagement: Um seinem Ärger über die Hamburger Innenpolitik von Senator Ronald Schill Luft zu machen, schreibt Bela 2003 in Kooperation mit Fettes Brot den Song "Schill To Hell", der als Gratis-Download verfügbar gemacht wird.
Bela über Meinungsfreiheit, Anonymität im Stadion, DJ Bobo und Nick Cave.
Heute erscheint "Code B", das zweite Soloalbum von Bela B. Wir trafen den Ärzte-Drummer zum Interview in Hamburg.
Hamburg im August, 11 Uhr: Bela B. lädt die Journaille in ein uriges Café im Schanzenviertel, den Berliner Betrüger. Sogar uns. Das war nicht unbedingt zu erwarten, gab es doch nach unserer Rezension zur Die Ärzte-Platte "Jazz Ist Anders" einige Verstimmungen hinter den Kulissen. Aber dazu später.
Mein Interview ist das erste seines Promotages und das einzige vorm Mittagessen, was die schöne Begleiterscheinung zeitigt, dass man auch in der Pause noch gemütlich bei Pommes und Currywurst (Bio!) zusammen sitzt.
Schließlich gibt es auch ein gemeinsames Fan-Thema: Lee Hazlewood. Brachte es der Ex-Berliner fertig, die Country Exotica-Legende 2007 für sein Solodebüt "Bingo" zu gewinnen, durften wir den früheren Partner von Nancy Sinatra drei Monate vor seinem Tod noch in Las Vegas treffen.
Die Fachsimpeleien sind schnell an einem Siedepunkt: Vegas-Anekdoten, Tribute-Album-Diskussionen ("Da hätten ruhig mehr Pop-Künstler drauf sein können, nicht nur alles, was links und rechts von Pavement existiert") und Sammler-Nerdtalk. Womit wir gleich bei einer schönen Grundsatzfrage sind.
Bist du ein Vinyl- oder CD-Käufer?
Bela: Im Moment kaufe ich oft CDs, weil ich viel im Auto unterwegs bin. Ich hoffe aber, dass bei Vinylalben bald regelmäßig ein Code mitgeliefert wird, mit dem man sich die Platte dann für den MP3-Player downloaden kann. Aber ich persönlich hänge natürlich an Alben, klar.
Wobei mir jetzt bei "Code B" was Lustiges passiert ist: Wir tüftelten lange über dem Konzept für das Cover, diesem Spiel mit der Maske, besprachen die Möglichkeit, das Songbook in drei Teilen auszuklappen und abends ruft mich der Grafiker dann an und meint: Scheiße, wir haben vergessen, über Vinyl zu sprechen. Im LP-Format war der Entwurf gar nicht zu verwirklichen. Da dachte ich auch nur, du Heuchler, hälst ständig Vinyl hoch, produzierst aber bei vollem Bewusstsein für die CD.
Aber das sind eben Lernprozesse. Früher haben wir ne Fotosession gemacht, die eine Stunde dauerte und dann hatten wir das Frontcover. Die erste Ärzte-Platte "Debil" hat zwei Fotos, beide Male dasselbe Motiv, vorne, hinten, fertig. Oder denk mal an die Rolling Stones. Was waren das für herrliche Zeiten: Die haben drei Interviews gegeben und die Platte hat sich trotzdem millionenfach verkauft.
Apropos Interviews, eine Sache muss ich jetzt ansprechen: Es gab vor zwei Jahren ziemlichen Ärger zwischen laut.de und euch, als wir zum ersten Mal ein Ärzte-Interview zugesprochen bekamen. Mein Kollege, übrigens ein Ärzte-Fan, hatte "Jazz Ist Anders" vorher nur zwei Mal im Netz hören können, was ihm nicht aussagekräftig genug für eine vorschnelle Analyse erschien, so dass er mit dir in Berlin lieber über andere Dinge sprach. Nach dem Interview, als die Platte dann bei uns reinkam, fand er sie tatsächlich nicht so toll und hat sie ...
Verrissen.
Nun ja, er gab 2/5 Punkten.
Das ist ein Verriss.
Okay. Euer Label war auf 180, auch weil parallel noch eine Marketing-Kampagne lief. Uns wurde Unprofessionalität vorgeworfen, böse Absichten unterstellt, dabei war alles nur eine irgendwie verdammt missglückte Aktion. Ein Jahr später wurde uns Farins Soloalbum gar nicht erst zur Rezension geschickt. Da war ich doch sehr positiv überrascht, als plötzlich dieses Interviewangebot mit dir reinkam. Wir dachten eigentlich, Die Ärzte sind jetzt alle erstmal richtig sauer.
Gut, das ist scheiße gelaufen. Dazu ist erstmal zu sagen, dass wir schon früh damit begonnen haben, Journalisten, die die neue Platte nicht gehört haben, wieder nach Hause zu schicken. Denn worüber soll man sprechen? Heute gibt es natürlich ein vermehrtes Interesse an den Personen der Band. Bei dem Bela von heute ist ja viel mehr zu holen als bei dem Bela Anfang der 80er. Aber Interviews sind eben nicht unsere Hobbys, wir wollen schon auch über die Platte sprechen.
Was diesen speziellen Fall angeht, erinnere ich mich an zwei schlechte Kritiken: die eine kam in diesem Fall von euch und die andere von unserem Ex-Bassisten, der sauer war, dass ein persönliches Interview nicht geklappt hat. Wir haben damals dann halt gedacht: Was ist bei laut.de schief gelaufen, dass die uns so kacke finden? Ich bin mir nicht sicher, aber wurde "Bingo" bei euch nicht auch verrissen?
Nee. Aber das ist ja eh der Witz, Die Ärzte kommen bei uns sonst ja immer gut weg. Und überhaupt seid ihr doch längst in einem Stadium angelangt, in dem Kritik eigentlich gar nicht mehr vorkommt.
Mae West hat mal gesagt: Jede Presse ist gute Presse, so lange nur der Name richtig geschrieben ist. Daran sollte man sich halten. Klar, du kannst natürlich keine Platten veröffentlichen und hinterher den Leuten vorschreiben, dass sie die gefälligst toll zu finden haben. Es gibt zum Beispiel auch nicht nur positive Reaktionen auf meine neue Single, aber damit muss man umgehen können. Nicht umsonst hasse ich eine bestimmte deutsche Kinozeitschrift, weil man dort die Filmkritiken kaufen kann.
Sowas darf nicht sein und sowas wollen wir auch nicht, aber deswegen ist es uns trotzdem nicht egal, wenn man uns unter der Gürtellinie trifft. Es gibt natürlich Musiker, die kaum Interviews geben und sowas gar nicht an sich ranlassen. Mike Patton zum Beispiel. Aber wenn du eine Platte ganz frisch fertig hast, trifft dich Kritik schon, denn im Vergleich zu dem, der nach ein paar Mal Hören eine Rezension schreibt, hast du mit dem Album ja gute zwei Jahre gelebt.
Es treffen dich also auch zwei schlechte unter hundert guten Kritiken? Wir dachten halt damals: Da scheißen die drauf.
Müssen wir ja auch. Ich bin da jetzt nicht sonderlich nachtragend, deswegen sitzt du ja hier. Und eure Seite ist eben auch eine wichtige Informationsquelle für Musik. Ich lese ja auch mal das Ox, selbst wenn die den Ärzten auch nicht nur positiv gegenüber stehen. Wobei über die Jahre überraschenderweise immer mehr.
Okay. Das war also keine Entscheidung eures Managements, so nach dem Motto: Dieses laut.de lassen wir jetzt mal außen vor.
Nee, bei den Ärzten wird jedes Detail mit uns abgesprochen, da geht nichts raus, was nicht irgendwie an uns vorbei gegangen ist, auch die schlechten Sachen. Also, das Ganze war vielleicht nicht ganz cool von uns, aber man ist dann eben auch auf eine Weise getroffen als Künstler.
Und woher kommt das schlechte Feedback zu "Altes Arschloch Liebe"?
Feedback ist natürlich relativ, denn die Platte ist ja noch gar nicht draußen, aber man schaut dann ja schon auch mal im Internet. Und da haben sich schon viele gewundert, dass ich nicht mit nem Punkrock-Song zurück komme.
Der Songtitel ist natürlich geil, wo hast du dieses alte Arschloch Liebe denn gefunden?
Witzigerweise befinde ich mich im glücklichsten Stadium meines Lebens, obwohl ich zur Zeit weniger Schlaf kriege als in meinen schlimmsten Drogenzeiten. Aber man schöpft ja immer aus seinem Erfahrungsschatz. Und ich hatte schon länger den Wunsch, ein Anklagelied an die Liebe in der Form eines Kneipen-Streitgesprächs zu schreiben.
Ein Tag vor den Schlagzeugaufnahmen fiel mir der Song dann zu, es hat nur eine halben Stunde gedauert. Dann habe ich beschlossen: Das ist der letzte Song, den ich geschrieben habe und es wird der erste sein, den ich rausbringe. Und für die Zeile 'Liebe, du alte Scheiße' feiere ich mich auch selber ab.
Hast du nach all den Jahren nicht schon ein Gefühl entwickelt, dass dir sagt: Die Platte wird groß oder der Song könnte abgehen? Deine und eure Fans sind ja doch treue Seelen.
Es gibt die Komplettisten, die sich die Platte eh kaufen. Das ist ja auch ein Grund, warum mich eine Plattenfirma in Zeiten wie diesen unter Vertrag nimmt. Aber natürlich bin ich aufgeregt, denn die Platte ist sehr viel persönlicher geworden als die letzte. Hinzu kam, dass mir meine sehr intensive Beschäftigung mit der Gitarre nun viel mehr Möglichkeiten gibt.
Letztlich ist da ein Knoten geplatzt und am Ende hatte ich 34 Songs. Natürlich bin ich auch gespannt, ob die Platte abgeht, aber was geht heute denn noch ab? Ich glaube nicht, dass ich zehn Mal in den Charts sein werde, wenn ich mal sterbe. Obwohl, mit den Ärzten könnte das vielleicht passieren (alle lachen).
Mehr noch als bei "Bingo" kann ich mir einige Songs auf "Code B" nicht bei den Ärzten vorstellen, zum Beispiel "Hilf Dir Selbst" ...
Das ist natürlich Absicht. Schon "Bingo" erschien völlig losgelöst von den Ärzten. Gut, manche sagen, der ein oder andere Song könnte auch bei den Ärzten ... würde da aber anders klingen, keine Ahnung. Bei den Ärzten sind persönliche Dinge viel versteckter, oft auch hinter Ironie. Insgesamt bin ich dieses Mal vom Geschichtenerzählen eher weggekommen. Obwohl ich als der Chaot der Band gelte, gibt es bei mir diesen roten Faden, ein Konzept.
"Als Wir Unsterblich Waren" ist eine Ode an deine Jugend und den Sound jener Zeit. Hast du da insgeheim nicht auch an deinen alten Freund Farin gedacht, obwohl der damals sicher nie getorkelt ist?
(lacht) Also es geht zunächst schon um mein persönliches Empfinden. Aber das Lied lässt sich auch auf die Gegenwart, auf ein Gefühl übertragen. Es geht natürlich um die Musik, die mich geprägt hat und wie wichtig die einmal war. Gleichzeitig war alles andere ein Experiment, die Drogen, an denen viele kaputt gegangen sind. Gerade im Mauer-Berlin hatte man ja damals immer Angst, irgendwas zu verpassen. Du bist pennen gegangen und am nächsten Tag war alles ganz anders.
Ausgelöst hat den Text aber Tony Parsons' Buch "Als Wir Unsterblich Waren", das ich übrigens jedem ans Herz lege. Wenn dich musikbezogene Literatur dazu bringt, ein Instrument in die Hand zu nehmen, ist sie immer großartig. Der Titel beschreibt diesen Punkt in der Jugend, an dem man das Recht hat, nicht an die Zukunft zu denken und keine Angst vor dem Tod zu haben. Es ist also ein sehnsüchtiger Song, denn heute ist mir Vergänglichkeit sehr bewusst, damals wars mir scheißegal.
Nee, ehrlich gesagt gar nicht. Aber zu Youtube gibts ne schöne Geschichte: Mit einem Freund diskutierte ich mal über Sinn und Unsinn der Hamburger Schule. Manches, was ich als aufgesetzt empfand, verteidigte er und es ging ziemlich heiß her, bis der Freund irgendwann sagte: So, und jetzt zeige ich dir mal, was du in dem Alter gemacht hast. Das war schon interessant, so ein bisschen wie in eine fremde Welt gucken. Ach ja, das haben wir ja auch gemacht. Oh, das war auch nah dran an der Prostitution. Aber ich schaue lieber in die nahe Zukunft und bin dankbar, was mir da passiert. Ich sehne nichts zurück.
"Schwarz/Weiß" ist meines Erachtens ein sehr guter Song auf "Code B", sowohl musikalisch als auch textlich. Strophe und Refrain begegnen dem Phänomen Schubladendenken da auf unterschiedlichen Wegen.
Gut, das Thema ist natürlich alt: Schwarzweiß-Denken ist ohne Frage ein absolutes Verbrechen. Über wie viele Menschen habe ich schon im Vorfeld geurteilt und mir dadurch interessante Erfahrungen verbaut. Dass ich nicht schwarzweiß denke, zeigt ja alleine schon der Umstand, dass ich hier mit dir ein Interview führe, mit dem Feind laut.de.
Es gibt aber Zeiten im Leben, vor allem wenn du jung bist, in dem Schwarzweiß-Denken durchaus legitim, wenn nicht absolut notwendig ist. Ich höre zum Beispiel von allen Leuten, wie nett der DJ Bobo ist, aber ich muss den echt nicht kennen lernen. Ich finde seine Musik schrecklich, das ist mein gutes Recht. Da muss ich also keine Toleranz üben. So entstand die Idee, das Ganze thematisch mal umzudrehen.
Auf dem Song sitzt ja der musikinteressierte St. Pauli-Spieler Marcel Eger am Schlagzeug. Wie kams?
Marcel war der erste Gast der Platte. Wir sind nicht eng befreundet, aber wir mögen uns. Irgendwann habe ich dann mal in der Zeitung gelesen, dass er Schlagzeug spielt und gerne mal auf einer Platte mitspielen würde. Wer schon mal auf seiner Webseite war, kann sich seine Begeisterung ausmalen. Er hat sich am Anfang ziemlich geziert und so, aber dann sagte ich: Das ist mir scheißegal, es geht hier auch um Namedropping, mein Freund! (lacht)
Es war natürlich seine erste Studiosituation und gleich mit dem Clicktrack zu spielen, war nicht ganz einfach. Er spielte den Drumbeat zum Playback. Wir haben dann Parts seines Spiels eingebaut. Ich hoffe, er kommt nachher noch kurz hier vorbei und holt sich die CD ab, denn er hat den Track noch gar nicht gehört. Es ging mir da auch nicht um Kunst, auch damals gings nicht darum, ob Charlotte Roche singen kann, sondern schlicht und ergreifend um die Tatsache, dass es viel angenehmer ist, mit Charlotte im Studio zu sein, als mit Sarah Connor. Und ob die singen kann, sei auch mal dahingestellt.
Gehst du bei der Mannschaft auch in der Kabine ein und aus?
Nee, auf keinen Fall. Dariusz Michalczewski durfte vor zehn Jahren mal auf der Trainerbank sitzen, aber das ist nicht mein Ding. Ich gebe zu, dass ich damals, als ich 1997 hergezogen bin, zunächst aus Eventgründen im Stadion war, da wurde gefeiert und getrunken. Aber das änderte sich schnell und seither leide ich mit und sehe viel schlechten Fußball, wobei sich das diese Saison ja augenscheinlich zu ändern scheint. Ich war dann auch einer der ersten, die sich eine Lebensdauerkarte gekauft haben.
Kam dir eigentlich nie Bandenwerbung à la Andrew Eldritch in den Sinn?
Doch, das habe ich mir in der Tat schon überlegt.
Sowas wird doch sicher an dich heran getragen.
Vom Verein nicht, nein. Ich genieße im Stadion ja so eine halbe Anonymität zwischen 20.000 Menschen. Die meisten Leute da haben sich an meinen Anblick gewöhnt und lassen mich in Ruhe. Aber es gibt eben auch die, die ganz aufgeregt - ach Gott Bela und so - sofort ihr Handy zücken. Aber ich gebe grundsätzlich keine Autogramme im Stadion und mache auch keine Fotos, denn das ist mein privater Freiraum. Da will ich Fußball gucken, fachsimpeln und Bier trinken.
Bandenwerbung wäre dieser Einstellung also eher hinderlich?
Ja, das lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf den Rockstar Bela B., der da im Stadion hockt. Ich war aber ziemlich stolz, als bei dem Spiel gegen Hansa Rostock, als es diese Ausschreitungen gab und zunächst eine üble Stille über dem Stadion lag, als da als erster Song "Schrei Nach Liebe" gespielt wurde, ein Song, der zum Teil auch von mir ist. Da hat das gesamte Stadion dann in den Rostock-Block gezeigt und "Arschloch" gebrüllt.
Das traf zunächst allerdings die Falschen, weil da natürlich viele normale Fans und Vereinangehörige standen. Man kann nicht pauschal sagen, alle Rostock-Fans sind Nazis. Die Polizei hat damals aber den Fehler gemacht, einige gewaltbereite Hools ins Stadion zu treiben. Deshalb traf es hier und da doch den Richtigen.
Und in dem Moment war es halt auch ein Ventil für den Druck, den an dem Tag alle spürten, da man dachte, es würde sehr schlimm werden. Die Ausschreitungen hielten sich im Vergleich zu meinen Erwartungen dann sogar noch in Grenzen, obwohl die Medien die Gewalt als sehr ausufernd dargestellt haben.
... peinlich zu werden.
Ja, oder den Absprung zu verpassen.
Das beschäftigt mich natürlich schon länger. Jan und ich sagen immer, wir hoffen, dass unsere Freunde uns rechtzeitig warnen. Wir sind aber noch nicht dement oder geisteskrank und speziell ich nicht mehr auf selbstzerstörerischen Drogentrips unterwegs. Uns wundert der Zulauf der 12-18-Jährigen auch, da man in jungen Jahren gewissen Älteren gegenüber doch eher misstrauisch gegenüber steht. Das Interesse liegt wahrscheinlich daran, dass wir uns nie verkauft haben.
Kannst du dir vorstellen, dass diese Nähe zu jugendlichen Sorgen bei euch irgendwann verschwindet, vielleicht weil ihr plötzlich nicht mehr so oft ausgeht?
Der Reiz an durchgemachten Nächten nimmt mit zunehmendem Alter schon ab. Andererseits drehen sich nicht alle Texte in der Rockmusik ums Nachtleben. Ich habe ja noch ein paar Jahre bis zur 50, wo ich dann sagen kann: Gut, einen Song wie "Teenagerliebe" muss ich nicht mehr singen. Denn man kann in Würde altern.
Mick Jagger hätte seine Spandexhosen schon lange ausziehen sollen. Aber das ist jedem selbst überlassen. Ich würde ungern das Andenken an unser Schaffen der letzten 25 Jahre durch eine Unverbesserlichkeit oder Sturheit beschmutzen. Und auch wenn ihr das anders seht: Das letzte Ärzte-Album halte ich für das Beste, was wir seit Ewigkeiten gemacht haben.
Und doch schafft ihr es, mit "Junge" als Ü-40er die Sorgen eines 12-Jährigen anzusprechen. Dieser Link zur Jugendkultur, wo kommt der her?
Das ist schon richtig, aber dieses Punkrock-Gebilde, das Farin in dem Text beschreibt, gibt es so ja auch nicht mehr. Das wurde ja von Hip Hop abgelöst. Und ich habe auch adoleszente Neffen und Nichten, die sich im pubertierenden Alter befinden. Manchmal muss man reifen, um Dinge zu verstehen, die man irgendwann mal erlebt hat. Was mich betrifft: Ich könnte mir schon vorstellen, irgendwann im höheren Alter wie Tom Jones auf die Bühne zu gehen und mit diesem Elder Statesmen-Ding zu spielen, auch vor jüngerem Publikum.
Nick Cave hat kürzlich in einem Interview gesagt, er gehe zum Songschreiben morgens früh aus dem Haus wie jeder andere Arbeitnehmer, sitze in seinem Büro und komme gegen Abend wieder nach Hause.
Ich habe das Interview auch gelesen und kannte die Herangehensweise schon von der Schriftstellerei. Der Ansatz birgt einen gewissen Reiz, gerade wenn du älter wirst und in der Lage bist, dich besser zu disziplinieren. Man kann sich ja nicht ewig wie ein 16-Jähriger benehmen, was auch ich auf dem harten Weg irgendwann erfahren musste. Ich bin aber schon eher nachtaktiv, arbeite da am besten.
In Anlehnung an Farin Urlaubs Technik trage ich immer ein Diktiergerät mit mir herum und sammle so meine Ideen. Früher haben Künstler ja auf dem Lebensentwurf bestanden, frei zu leben und abzuwarten, bis die Kunst irgendwann fließt. Und naja, irgendwie singen wir Künstler doch auch gegen diese 9 to 5-Mentalität mit Beinehochlegen am Wochenende an.
Man darf aber auch nicht vergessen, wo Nick Cave herkommt, die Drogengeschichten und all das. Ich finde ja seine Grinderman-Platte höchst pubertär, also sehr geil, und wahrscheinlich brauchte er danach sowas. (lacht). "Ninjababypowpow" von meiner neuen Platte hat in Teilen auch was von Birthday Party, zumindest hatten die auch immer so nen hypnotischen Bass damals.
Standest du damals in West-Berlin schon auf Cave?
Klar, die erste Birthday Party-Platte habe ich als Teenager rauf und runter gehört, war auch auf ihrem ersten Konzert. Im Risiko, wo ich oft rumgehangen bin, habe ich aus einer Ecke heraus immer beobachtet, wie er sich bewegt und so. (lacht)
Farin meinte kürzlich, er höre heute in den alten King Kong-Platten vor allem die Frustration heraus, es nicht geschafft zu haben. Wie ergeht es dir mit Depp Jones-Platten?
Ich höre da nur Flausen. Die erste Platte sollte eine Rock'n'Roll-Platte werden und mir gefallen einige Songs auch immer noch, aber vieles war einfach zu verkopft. Ich hätte bei dem spielerischen Umgang des S.U.M.P.-Projekts bleiben sollen, das hätte mir gut getan. Aber nach der Ärzte-Karriere, das ging Jan sicher auch so, wollten wir unbedingt ernst genommen werden.
Wir wollten von heute auf morgen anders sein und das war einfach total scheiße. Abgesehen davon, dass es der Höhepunkt unserer Karriere war, kurz danach die Mauer fiel und unzählige Ostdeutsche uns plötzlich live sehen wollten. Und wir kamen dann mit so komischen Kumpelbands, hundert Prozent an den Metal/Crossover-Zeitgeist angelehnt. Schon meine Stimme konnte das gar nicht leisten.
In der DDR habt ihr nie gespielt, oder?
Nein, es gab eine Amiga-Single und es sollte ein Album und eine Tour folgen. Dann trafen wir uns drüben mit einem Moderator, der mit unserem Bassisten befreundet war und gingen zusammen zu einem Konzert von Die Anderen. Ein paar Leute aus der Band spielen heute bei Rammstein. Anschließend ging man noch zusammen in eine Wohnung und diskutierte, sehr offen.
Leider war der Radiomoderator IM, wie wir Jahre später erfuhren. Daher ist die geplante Tour abgesagt worden. Offiziell hieß es natürlich, wir hätten uns das anders überlegt. Im Anschluss daran konnten wir auch nicht mehr unbeobachtet einreisen und wie die Toten Hosen zum Beispiel irgendwo in einer Küche spielen. Das bereue ich sehr, denn wir wohnten am dichtesten von allen dran und hätten das alles machen können.
Die Soloaktivitäten von Farin und dir überschneiden sich ja nie. Zufall ist das kaum, oder? Nach den Ärzten hattet ihr ja 2008 sicher beide gleich Solopläne in der Schublade.
Jan und ich achten schon darauf, dass wir uns nicht im Weg stehen mit den Solosachen und der Band. Ich wusste natürlich, dass ich eine neue Platte machen würde. Aber dann zog sich die Tournee mit den Ärzten immer mehr in die Länge. Klar, wir sprechen uns da schon ein bisschen ab, etwa dass ich mit dem neuen Album ein bisschen warte, bis die Leute Farin Urlaubs Tour verkraftet haben. Der Fokus liegt ja schon auf uns beiden, wir sprechen hier ja auch öfter über ihn. Man kann so eine Band auch nicht wegdiskutieren, das wäre ja Schwachsinn.
Ich fand es zum Beispiel sehr spannend, als man dank Dave Gahans Platte und seinen Interviews nach jahrelangen Nullinformationen plötzlich viel über die Strukturen hinter Depeche Mode erfahren hat. Da wurde sehr viel über die Beziehung zwischen ihm und Martin Gore bekannt. Und seitdem ist da wieder richtig Leben drin, in der Band und im Fokus auf die Band, ohne dass die jetzt schmutzige Wäsche gewaschen hätten.
Ah, meine Jugendband. Die hätte ich dir musikalisch jetzt ja nicht zugeordnet.
Also die aktuellen Sachen reizen mich jetzt nicht unbedingt. Aber in den 80ern haben die schon großartige Songs geschrieben. Die waren auch immer im Fokus der Ärzte, weil Farin Urlaub die ziemlich mochte. Und später hat das ja durch die Johnny Cash-Version nochmal eine ganz neue Bedeutung bekommen. Spätestens da war ja völlig klar: Du kannst einem guten Song höchstens noch mehr Charisma hinzufügen. Und das hat Cash dann auch gemacht.
Bela über "Bingo"-Kritik, Lee Hazlewoods Geburtstagsfeier in Las Vegas und die Zukunft der Ärzte.
Auf dem Berner Gurtenfestival absolvierte der Ärzte-Trommler Mitte Juli sein Solo-Debüt auf Schweizer Boden und lungerte vor dem Auftritt gut gelaunt im Backstagebereich des Festivals herum. Auch wir waren in Bern, ebenfalls gut gelaunt, und erhielten eine kleine Audienz.
Bela treffen. Geil. Hatte ich zwar 1994 schon mal, damals allerdings als einer von vielen Fans nach einem Ärzte-Konzert, frierend wartend am Hotel (am Hotel!) und mit anschließender Übernachtung in Mamas winzigem Toyota Starlet. Heute steht die Begegnung unter anderen, ungleich günstigeren Vorzeichen. Hat sich ja auch einiges verändert seither: Im Auto schlafe ich nur noch alle paar Jahre, mit Musikern darf ich mittlerweile hauptberuflich sprechen und Meister B. ist neuerdings Solokünstler.
Auf dem Berner Gurtenfestival absolvierte der Ärzte-Trommler Mitte Juli sein Solo-Debüt auf Schweizer Boden und lungerte vor dem Auftritt gut gelaunt im Backstagebereich des Festivals herum. Etwas anderes als positive Vibes lässt das Festivalgelände in Bern aber auch gar nicht gelten, liegt doch der Künstlerbereich nicht nur wie das gesamte Gelände auf 850 Metern Höhe, sondern auch direkt an einem Steilhang, so dass wir uns mit der Kapitale zu unseren Füßen auf einer Parkbank ganz lässig über Gott (Bela) und die Welt (uns) unterhalten konnten.
Während ich noch das Aufnahmegerät verkabele, beginnen wir einen lockeren Plausch über Bern, was Bela zunächst an ein unschönes Hotelerlebnis denken lässt, das er vor Jahren mit den Ärzten erleben musste und in dessen Hauptrolle ein missmutiger Nachtportier brillierte. Ganz Musikfan, sitzt er mir in einem Fantomas Big Band-Shirt gegenüber, was schon deswegen praktisch ist, da mein Katalog auch eine Mike Patton-Frage beinhaltet. Wie sich heraus stellt, ist der 43-Jährige ein so angenehmer wie ausschweifender Gesprächspartner, der wenig bis gar keine Pausen in seinen Redefluss integriert und es dem Fragensteller dementsprechend schwer macht, einzugreifen. Andererseits: Wer unterbricht schon gerne Rock'n'Roll-Übermenschen?
Zunächst eine Frage, die mir als Lee Hazlewood-Fan natürlich unter den Nägeln brennt. Du warst nach der Kollaboration mit ihm für "Bingo" nun sogar auf seinem Geburtstag eingeladen.
Bela: Genau, das war am vorletzten Wochenende und die Feier war auf zwei Tage verteilt. Er ist halt ein kranker Mann und eben auch sehr alt, 77 ist ja wirklich ein stolzes Alter. Wir haben daher immer mittags um 12 angefangen, vor allem weil da aufgrund der Zeitverschiebung die Fußballübertragungen los gingen und die wollte ich unbedingt sehen. Lee hatte sogar extra deswegen für einen Monat einen Sportkanal für uns abonniert. Das war natürlich sehr geil, weil alle Gäste dann Fußball geschaut haben, zuerst das Spiel um den dritten Platz und am nächsten Tag das Endspiel.
Schon nach dem Deutschland-Spiel waren eigentlich alle begeistert und als ich dann Tommy Parsons im Hotel traf, ein Bluessänger aus Phoenix, der Lees bester Freund ist und ihm auch mal das Leben gerettet hat, meinte der nur (verstellt seine Stimme tief): "Hey, make sure that you tell me when you go to see the second game. I don't wanna miss just a minute of it." Das war schon toll. Auf der Feier waren viele Verwandte, Arrangeure, Musiker und Studiobesitzer, und bevor du fragst: Keine Stars! Nancy hat nur angerufen und viele seiner Freunde sind halt auch schon tot oder wohnen so weit weg, dass sie die Reise in ihrem Alter nicht mehr machen können. Und Las Vegas ist halt jetzt auch nicht der typische Wohnort.
Wie lange wohnt er denn schon dort? Zuletzt war er doch noch in Schweden zu Hause, oder?
Schon, aber er ist glaube ich schon vor zwei Jahren wieder in die Staaten zurück gezogen als es mit dem Krebs losging. Wie jeder gute Amerikaner glaubt er halt, dass es nur in Amerika die richtige Medizin, die richtigen Ärzte und Krankenhäuser gibt. Ich weiß, dass es nicht so ist, da ich mir dort mal in einem Urlaub meine Verbrennungen behandeln lassen musste (fasst sich intuitiv an seinen rechten Arm) und es war echt schwer, dort Krankenhäuser zu finden, die an unsere Maßstäbe in Deutschland heran reichen.
Aber Lee geht es wieder besser?
Es geht ihm sogar sehr gut und er wohnt in Las Vegas mitten in der Wüste. Niemand hatte ja geglaubt, dass er seinen 77. Geburtstag noch erlebt, am wenigsten er selbst. Wir haben seine Enkeltochter Phaedra getroffen, mit der er für sein letztes Album "Some Velvet Morning" nochmal neu aufgenommen hat. Die Arbeiten daran hat er ja schon vor zwei Jahren begonnen und wir haben die Platte bei ihm neulich rauf und runter gehört. Im Moment ist er gerade dabei, es zu verdealen. Besonders schön ist, dass er meinen Song "Lee Hazlewood und das erste Lied des Tages" auf englisch draufpacken will.
Wow, Kompliment.
Ja, super, oder?! Er hat auch gleich Lula, die auf meiner Platte singt, gefragt, ob sie für ein Duett bereit stünde. Sie hat dann für seinen neuen Song "Nothing" einen deutschen Part geschrieben, den sie singt. Mittlerweile bezeichnet er mich auch schon als Freund, was natürlich eine ziemlich abgefahrene Erfahrung und vor allem eine Ehre ist. Da bin ich schon sehr stolz drauf.
Die ersten Reaktionen kamen natürlich von Ärzte-Fans, die ein bisschen erstaunt und verwundert waren. Manche fanden es zwar toll, aber manche sind auch erschrocken, weil ich in bestimmten Texten sehr offen bin. Ein Song wie "Letzter Tag" macht doch einigen Leuten Angst, weil er sehr geradeaus vom Tod handelt. Ansonsten kann ich nur meinen Eindruck von den Konzerten widergeben, und da meine ich schon, dass sich für mich jetzt auch Leute interessieren, die nicht ausschließlich bei Ärzte-Konzerten in der ersten Reihe stehen. Die mögen schon mal auf einem Ärzte-Konzert gewesen und dadurch vielleicht auf mich aufmerksam geworden sein, aber das Publikum ist schon zu ca. 50% ein anderes, so wie sich die Musik ja auch von den Ärzten unterscheidet. Das gefällt mir sehr gut.
Ich habe vor kurzem deinen TV-Auftritt bei "Zimmer Frei" gesehen, wo du erzählt hast, dass Farin bislang noch keine Kritik zu "Bingo" geäußert habe. Das dürfte sich mittlerweile doch geändert haben, oder?
Ja, die hab ich inzwischen gekriegt (lacht).
Was sacht er denn?
Ihm hat die Platte natürlich super gefallen. Gut, es war eh klar, dass wir uns erstmal gegenseitig den Popo tätscheln. Aber er hat auch ein paar Kritikpunkte angebracht.
Darf man denn ...
Nee, das bleibt unter uns.
Hört sich so eine Kritik denn typisch muckermäßig an, also quasi nach dem Motto: "Im Refrain von dem und dem Lied sind zu viele Gitarren" drin ..?
Nee, so dezidiert wird das nicht. Höchstens mal im Gespräch. Er hat das ein bisschen verallgemeinert, es war ja eine SMS. Wir kennen uns jetzt halt schon so lange, dass er bei mir eben genau wie ich auch bei ihm weiß, wie bestimmte Sachen gemeint sind und wo bestimmte Sachen herkommen. Aber das bleibt schön unter uns.
Dein erstes Konzert als Solokünstler ist jetzt noch nicht allzu lange her. Hat es dich denn während der ganzen 90 Minuten nie gejuckt, kurz an die Drums zu wechseln?
Nein, nicht wirklich. Es gibt in unserem normalen Set inzwischen einen Song, bei dem ich Schlagzeug spiele und Danny singt, da er das zum Glück auch ganz gut kann. Es kommt aber nicht vor, dass ich auf der Bühne denke, jetzt mal schnell die Gitarre weglegen oder sowas. Dafür macht mir das Gitarre spielen und Rumposen zu viel Spaß. Heute ist ja erst das zehnte Konzert überhaupt und je sicherer ich mit der Gitarre werde, desto lockerer werde ich natürlich auch im Umgang mit dem Publikum. Da entdecke ich mich gerade selbst noch ein bisschen.
Hörst du eher die Fehler des Drummers als die des Gitarristen?
Nee. Das hatte ich zunächst auch erwartet, aber da ich jetzt Bandleader bin und eben sehr mit dem Entertainen beschäftigt bin, fallen mir bis auf ganz harte Sachen die Fehler der anderen eigentlich gar nicht auf. Klar hört man auch mal Kleinigkeiten, aber ich wäre echt ein Arschloch, wenn ich meinen Drummer zusammen scheißen würde nur weil ich selber einer bin. Ich glaube, da hat er ziemlich Glück, da ich eher nachsichtig bin. Aber bei Danny gibts eh keine Probleme, da er ein Spitzen-Schlagzeuger ist. Gluecifer war ja nicht irgendeine Band, sondern eine extrem gute, eine Zeit lang auch sehr erfolgreiche Rockband. Den hab ich mir schon richtig ausgesucht.
Wenns jetzt aber doch mal Knatsch gibt, bist du wie gesagt der Bandchef. Gehst du Streitigkeiten trotzdem lieber aus dem Weg?
Naja, ich habe ja schon Anfang der 90er in meinem Leben diese Zäsur gemacht, gerade um Verantwortung zu übernehmen. Und Verantwortung zu übernehmen heißt eben bisweilen auch Führung zu übernehmen. Das war bei Depp Jones zwar nicht ganz so stark der Fall wie heute, aber das fällt mir nicht so schwer. Ich weiß schließlich auch, warum ich mit den Leuten aus meiner Band zusammen arbeite, nämlich weil sie kompetent sind und nun auch meine Freunde. Tim, der Bassist, ist der einzige, den ich vorher noch nicht so gut kannte, mit allen anderen war ich schon befreundet, respektive mit Olsen und Wayne habe ich ja die Platte aufgenommen und auch viele Songs geschrieben. Da ist natürlich viel Vertrauen im Spiel. Umgekehrt wissen die anderen aber auch, wann sie mir widersprechen können und dann heißt es halt mal "Sorry Chef, aber da weißt du leider nicht so gut Bescheid." Und ich werde einen Teufel tun und Olsen erklären, wie man eine Gitarre spielt.
Zu deiner neuen Single: Das Video spielt ja mit Charlotte Roche im Swinger Club. Wie wars denn so?
Es war echt anstrengend, denn man muss sich das so vorstellen: Ich war acht Stunden lang nackt und hatte nur eine Socke über dem Genital. Das war zwar einerseits total sinnlos, aber wenigstens eine kleine Sicherheit.
Haben andere schließlich auch schon gemacht.
Ja, ich weiß. Am Schluss sieht die Socke ja auch keiner. Insgesamt war das schon unangenehm. Einen Tag vorher hatten Charlotte und ich ja schon die Fotosession für die Single und waren dort die ganze Zeit komplett nackt, obwohl da auch ein Haufen Leute um uns herum geturnt sind. Das war eigentlich ganz normal, obwohl wir auch ein zwei Flaschen Champagner trinken mussten, um locker zu werden (lacht). Charlotte war aber so bezaubernd die ganze Zeit, das hat es dann einfacher gemacht.
Fand Charlotte die Idee mit dem Swinger Club gleich cool?
Es war ihre Idee. Ich wollte nur, dass wir diesmal den Text des Liedes umsetzen, wenn auch auf eine andere Art. Charlotte hat dann den Swinger Club vorgeschlagen, und das fand ich echt geil. An der Umsetzung haben wir mit Norbert Heitker gearbeitet, der auch schon das Video zu "Tag Mit Schutzumschlag" gemacht hat und mit dem ich überhaupt schon lange zusammen arbeite. Es hat zwar alles sehr viel Spaß gemacht, aber ich war dann auch froh, als es vorbei war. Denn irgendwann ist man auch auf so eine perverse Art und Weise angeheizt, weißte? Denn obwohl es eine Arbeitssituation ist, fühlt man sich doch unangenehm berührt und ist die ganze Zeit völlig angreifbar ...
Äh, schwer zu sagen. Also es passiert schon, dass du irgendwohin kommst und dann Leute auf dich zukommen, die eigentlich nur ihre Story loswerden wollen. Sie wollen mit dem Prominenten reden, wollen aber eigentlich nur von sich erzählen. Und es ist einfach nicht witzig, wenn jemand herkommt und fragt "Willsten Autogramm von mir?" Warum soll ich ein Autogramm von jemandem wollen? Das ist ja auch kein Hobby von mir, sondern ich mache das für Leute, die es toll finden, mich zu treffen und die das als Souvenir oder so mitnehmen wollen. Aber Scherzkekse gibt es halt an jeder Ecke. Sowas passiert mir ständig, aber da besitze ich inzwischen auch echt ein dickes Fell.
Wie deinen Kollegen bei den Ärzten ist dir dein Privatleben heilig und so gibt es auch nichts aus dieser Richtung über dich in Zeitungen zu lesen. Jetzt kam aber doch mal was raus und zwar dass du eine Liaison mit der TV-Moderatorin Sarah Kuttner hast. Ärgert dich sowas?
Ich empfinde das als einen Eingriff in meine Privatsphäre. Nur weil jemand bekannt ist, gehört sein Privatleben ja nicht automatisch auch der Öffentlichkeit. Gut, wir alle wissen, was wir von der Boulevardpresse zu halten haben. Es ist immerhin ein süßes Foto. Und wenn man sich mal küssen will, dann hält man nicht Ausschau, ob eventuell Fotografen in der Nähe sind. Zum Glück hat einen Tag später Franzi van Almsick bekannt gegeben, dass sie schwanger ist und zwei Tage später hat Sarah Connor erzählt, dass ihr Kind einen Herzklappenfehler hat und das war alles wieder viel interessanter.
Gehört zu dieser Definition von Privatheit auch deine Entscheidung, die Kollegen von "Zimmer Frei" nicht mit Kameras in deine Wohnung zu lassen? Ich hätte mich zum Beispiel sehr für deine imposante Sammlung von Bela Lugosi-Statuen interessiert.
(lacht) Das ist richtig. Aber ich gebe ja schon relativ viel von mir preis. Als Künstler bin ich mittlerweile an einem Punkt, an dem ich mich für bestimmte Sachen in der Öffentlichkeit auch gerade machen kann. Deshalb erzähle ich auch Geschichten in meinen Texten, die schon sehr privat sind. Aber das bleibt halt immer noch mir übrlassen. Das Wichtigste an dem was ich tue, ist ja immer noch, die Gabe Geschichten zu erzählen, die ich möglicherweise habe, zu nutzen. Dass ich diese Geschichten in Songs verpacke, die manchen Leuten gefallen und eventuell sogar weiter helfen. Und eben nicht diese Boulevardisierung, die in der heutigen Öffentlichkeit stattfindet. Es geht doch inzwischen nur noch darum, wer mit wem wann rumgeknutscht oder sich geprügelt hat, wer schwanger oder wessen Kind krank ist. Klar lese ich auch gerne Biographien, um zu sehen, wie wer gelebt hat oder was die Who backstage angestellt haben, aber das steht bei mir halt nicht an erster Stelle.
Das "Visions"-Magazin hat dich ja kürzlich mit Mike Patton gemeinsam interviewt. Sind das Momente, wo du dich freust bzw. der Presse dankbar dafür bist, dass sie dich mit deinen Idolen zusammen bringt?
Auf jeden Fall. Mike Patton ist zwar nicht unbedingt ein Idol von mir, aber sicherlich jemand, dessen Arbeit ich verfolge. Die meisten Platten, an denen er mitwirkt, kaufe ich mir dann auch. Naja, alle dann auch nicht, denn manchmal macht er es einem auch wirklich schwer. Ich bewundere ihn sehr als Künstler und es war einfach toll, ihn zu treffen. Er ist ein irre netter Typ und sehr offen, hat also keinerlei Ressentiments in irgendeine Richtung. Aber trotzdem ganz klar fokussiert auf seine Arbeit und diese Selbstsicherheit strahlt er auch aus. Ich war also irre dankbar, zumal ich an dem Tag eigentlich eine Einladung zu diesem Special-Konzert der Chili Peppers in Hamburg hatte.
Und ehrlich gesagt, kam mir diese Visions-Einladung dann sehr entgegen, denn die Chili Peppers habe ich schon verdammt oft gesehen. Also habe ich mich dagegen entschieden, mit Johannes B. Kerner und dem Bürgermeister von Hamburg bei den Chili Peppers zu stehen, und bin stattdessen zum ersten Mal bei Fantômas gewesen, eine Band, die ich wirklich schon lange verfolge. Und die Melvins liebe ich ja auch seit Ewigkeiten. Es war echt großartig, deren Drummer und Dave Lombardo unisono in einer halbvollen Halle spielen zu sehen.
Wurde Mike Patton kurz gebrieft, wer du bist, oder kannte der dich schon?
Nein, der wurde kurz gebrieft. Er wusste wohl so ein bisschen was über mich, weil er schon oft in Deutschland war. 20 Jahre Ärzte, manche kriegen da schon was mit, sei es durch Videos oder sonstwas. Aber er war jetzt auch kein Riesenfan. Unsere Auffassungen von Musik sind auch sehr verschieden. Er ist ja jemand, der immer wieder neue Grenzen überschreiten will oder wie er immer sagt: "Output, Output, Output." Ich dagegen stelle erstmal ein Album fertig und zelebriere es dann mit Videos und Live-Konzerten. Ich koste das also alles intensiv aus, um damit dann zwei Jahre Rockstar zu sein.
Abschließender Ausblick: An Silvester steht ein Ärzte-Konzert in Köln an. Es ist also davon auszugehen, dass du mit deinen beiden Kollegen anschließend wieder ins Studio gehst.
Wir treffen uns erst einmal im November, wenn Farin Urlaubs Tour vorbei ist, um über die Zukunft der Ärzte zu sprechen. Es ist natürlich durchaus in der Planung, nächstes Jahr was zusammen zu machen. Aber wir wollen uns nicht unter Druck setzen, denn wenn wir uns treffen, haben wir uns alle genau ein Jahr nicht gesehen. Da muss also jeder erstmal seine Gedanken und seine Erfahrungen über die letzten Jahre mit den Ärzten auf den Tisch packen und dann wird darüber geredet. Es waren ja durchaus auch anstrengende Jahre. So eine Band muss eben auch mal eine Zäsur üben können.
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