12. Juni 2013

"Das war kurz vorm Totalschaden"

Interview geführt von

In den letzten beiden Jahren ging es im Hause der Beatsteaks hoch her. Zunächst feierten die fünf Berliner ihr erstes Nummer-eins-Album, gefolgt von einer Tour, die alles Vorherige in den Schatten stellte. Danach gönnte sich die Band eine wohldosierte Mini-Auszeit, ehe man im Sommer 2012 mit den Arbeiten am "Muffensausen"-DVD-Package begann.Ende August dann die Schreckensmeldung: "Unser Trommler Thomas hat einen schweren Unfall erlitten und liegt momentan noch auf der Intensivstation", so die Band via Facebook. Für die Anhängerschaft begann einen monatelange Zeit des Wartens und des Bangens.

Knapp eine Woche nach der Unfallmeldung verkündete die Band, dass es ihrem Dummer schon wieder besser gehe. Doch was war eigentlich passiert? Auch ein halbes Jahr nach der "Über'n-Berg-Meldung" tappen Fans und Medien weiterhin im Dunkeln.

Die Beatsteaks halten sich bedeckt: "Bitte habt Verständnis dafür, dass wir uns weder in medizinischen Details, noch im Unfallablauf verlieren", erklären die Hauptstädter. Ende April 2013 lädt der Spree-Fünfer dann zu ersten Interviewgesprächen ein, um die Werbetrommel für das im Juni 2013 erscheinende "Muffensausen"-Projekt zu rühren. Wir treffen in Berlin auf Totze, Bernd und Peter und werfen gleich zu Beginn unseres Gesprächs den Blick zurück.

Hi ihr drei, zunächst einmal: Wie geht's Thomas?

Totze: Gut, gut.

Peter: Besser.

Bernd: Ich würd auch eher sagen, dass es ihm "besser" geht. "Gut" wäre etwas übertrieben.

Totze: Er ist noch nicht ganz wieder der alte, aber es sieht gut aus.

Peter: Jop, das passt.

Ihr habt bisher zum Unfallhergang nicht viel preisgegeben. Warum?

Totze: Weil wir lange Zeit nicht wussten, ob es in Thomas' Sinne gewesen wäre.

Das führte letztlich dazu, dass sich in diversen Foren die Gerüchte nur so die Klinke in die Hand gaben. Es ging sogar so weit, dass Alkohol und Drogen ins Spiel kamen.

Totze: Das ist alles totaler Quatsch.

Was ist wirklich passiert?

Peter: Thomas ist unglücklich eine Wendeltreppe runtergefallen. Statt außen, wollte er innen die Treppe runter - das war der Fehler.

Totze: Es war so, dass wir gerade Material für die DVD-Produktion gesichtet haben, als Thomas mit einem Karton kopfüber diese Treppe runterfiel. Unten angekommen sah er dann natürlich dementsprechend aus.

War die ganze Band vor Ort?

Totze: Bis auf Peter, waren wir alle da und natürlich total geschockt. Wir haben ihn dann sofort ins Krankenhaus gefahren, wo er dann ein paar Tage auf der Intensivstation verbrachte.

Intensivstation klingt nicht gut. Reine Vorsorge? Oder bestand akute Lebensgefahr?

Peter: Naja, mit nem Schädelbasisbruch ist nicht zu spaßen. Das war schon alles ziemlich knapp, kurz vorm Totalschaden.

Bernd: Zum Glück konnte er ja nach einigen Tagen wieder raus, aber die Intensivstation-Phase war schon ziemlich heftig. Wir waren natürlich alle komplett im Eimer. Keiner wusste so richtig, was er sagen oder tun soll.

Peter: Wir standen wieder total am Anfang. Alles was war, die ganzen Alben, die fetten Tourneen, das Erlebte als erfüllter Musiker, spielte auf einmal keine Rolle mehr – krasser kann man gar nicht ins "normale" Leben zurückgeholt werden.

Dieses Gefühl haben wir als Beruf, uaaaarggghhh…


Menschen gehen ja unterschiedlich mit derart einschneidenden Ereignissen um; während die einen sich zurückziehen und lieber im stillen Kämmerlein versuchen mit der Situation umzugehen, suchen andere den Halt der Gemeinschaft. Wie war das bei euch?

Totze: Wir sind ja eine große Familie. Ich weiß, damit brüsten sich neun von zehn Bands – aber bei uns ist das wirklich so. Wir hängen alle auch in unserer Freizeit viel miteinander rum. Mittlerweile haben wir ja auch ne Menge Kinder im Schlepptau. Das verbindet noch zusätzlich. Die Band ist nach dem Unfall noch näher zusammengerückt.

Wir haben unheimlich viel geredet, wobei es aber nicht immer nur um Thomas ging. Wir saßen dann halt im Proberaum rum und haben rumgeflachst und über Dinge gesprochen, die sonst im normalen Band-Alltag eher zu kurz kommen. Da hat man dann gemerkt, dass es um weitaus mehr geht, als nur um eine halbwegs erfolgreiche Band.

Peter: Ich meine, dass ich es als Musiker spannend finde, wenn mir Arnim oder Totze erzählen, wie sie irgendein Riff finden, oder wie toll das Konzert XY war, ist ja normal – aber genauso gespannt zuzuhören, wenn es um Kindergeburtstage, Kitaausflüge oder Mann-Frau-Streitigkeiten geht, zeigt einem einfach, wie wichtig das komplette Ganze einfach ist.

Bernd: Gott sei Dank mussten wir uns aber nicht mit grundsätzlichen Fragen auseinandersetzen, da schon nach relativ kurzer Zeit klar war, dass Thomas wieder komplett hergestellt wird.

Ich habe ihn ja vorhin kurz draußen sehen können. Er hat schon wieder rumgealbert und wirkte ziemlich fit.

Totze: Ja, er ist schon fast wieder der alte. Er macht momentan noch intensiv Reha, aber er trommelt auch schon wieder rund eine Stunde am Tag.

Anderes Thema: Während der Unfall-Phase wart ihr gerade mittendrin im Arbeitsprozess für das DVD-Projekt "Muffensausen". Einmal abgesehen von der Sache mit Thomas: Hat der Begriff "Muffensausen" bei euch jemals eine Rolle gespielt?

Totze: Immer.

Peter: Diese Aufregung und das Lampenfieber gehen nicht weg. Es wird mit den Jahren auch nicht besser. Man eignet sich nur neue Techniken an, um damit besser fertig zu werden. Aber spätestens wenn der Soundcheck vorbei ist, füllen sich wieder die Hosen (lacht). Es ist wie früher in der Schule, wenn die Lehrerin dich anguckt und sagt: "Peter, komm mal nach vorne und trag das Gedicht vor". Dieses Gefühl haben wir als Beruf, uaaaarggghhh ... (lacht).

Bernd: Der Titel ist einfach Programm. Punkt. Selbst als wir das ganze Material gesichtet haben, lief mir der Schweiß die Beine runter.

Wie jetzt? Sind wir dir zu weich geworden?


Neben fünf Stunden Live-Material kommen die Fans auch in den Genuss einer 40-minütigen Doku namens "Fresse halten, Bass spielen!", in der vor allem das "Leben" von Totze im Vordergrund steht. Habt ihr vorher geknobelt, als es um die Verteilung der Hauptrolle ging?

Peter: Nee, das war gar nicht nötig (grinst).

Totze: Es gibt halt ein paar unumstößliche Fakten: Ich bin immer noch irgendwie der "Neue", also werden solche Sachen auch gerne auf mich abgewälzt. Aber es bot sich auch an. Ich betreue ja nun schon seit einiger Zeit das Beat-TV-Projekt. Das passte natürlich ganz gut. Bei uns hat halt jeder so seinen Bereich: Peter und Thomas kümmern sich ums Internet und um die Homepage, Bernd passt auf den Proberaum auf, Arnim macht immer irgendwas und ich kümmere mich eben darum, dass die Band ab und zu auch in bewegten Bildern festgehalten wird. So war klar, dass ich das übernehme.

Wir haben uns dann überlegt, dass wir eine Doku mal anders angehen wollen. So, die "Some Kind Of Monster"-Ebene kam nicht in Frage, weil wir nicht solche Flachpfeifen sind wie ...

(Allgemeines Gelächter)

Egal, jedenfalls wollten wir was Frisches machen. Und so hat sich das Ganze dann entwickelt. Die Leute erfahren unheimlich viel über die Band. Normalerweise schlagen wir ja immer schnell die Tür zu, wenn es um Dinge geht, die nicht zwingend mit einem Album, einem Konzert oder einem Song von uns zu tun haben. Hier haben wir jetzt die Tür einen Spalt weit geöffnet, und man kann mir so ein bisschen über die Schulter gucken. Ich will aber auch nicht zu viel verraten.

Ebenso im Paket enthalten ist ein neuer Song, der da heißt: "Say Say Say". Wurde der Song extra für die DVD aufgenommen, oder ist er schon Bestandteil eines gänzlich neuen Aufnahmeprozesses?

Peter: Der Song ist nur für dieses Paket geschrieben worden. Wir wollten einfach nicht nur Vergangenes aufpeppen, sondern den Leuten da draußen zeigen, dass es uns auch noch wirklich gibt – so quasi als kleines Lebenszeichen.

Totze: Bei mir stehen, in Bezug auf diesen Song, zwei ganz wichtige Dinge auf dem Zettel. Zum einen, war es für mich total schön, zu sehen, dass wir, gerade nach der Sache mit Thomas, schon nach so kurzer Zeit wieder in der Lage waren, vernünftig zusammen zu musizieren. Und zum anderen, haben wir das erste Mal überhaupt innerhalb der Bandgeschichte einen Song komplett live eingespielt. Vorher haben wir die Sachen zwar auch live eingespielt, allerdings immer ohne Arnims Gesang – der wurde immer im Nachhinein aufgenommen. Diesmal waren alle zur gleichen Zeit am Start. Allein für diese Erfahrung hat sich der Song schon gelohnt. Arnim kam später sogar zu mir und meinte, er wolle demnächst nur noch live einsingen.

Der Song ist ziemlich groovy und ist, meiner Meinung nach, ein weiterer Beleg dafür, wie facettenreich ihr euch über die Jahre musikalisch entwickelt habt. Hört ihr eigentlich noch eure alten Scheiben?

Totze: Eigentlich weniger, aber manchmal drückt einer von uns im Proberaum auch mal nen falschen Knopf und dann röhrt plötzlich die "48/49" durch die Boxen. Das ist dann immer ziemlich lustig. Die drei, die seinerzeit schon dabei waren, lachen sich dann immer dumm und dusselig, während Thomas und ich ganz aufmerksam lauschen. Wir finden nämlich die Gitarrensounds von damals total fett. Da hatten die Jungs noch richtig Druck auf der Pfanne (lacht).

Bernd: Wie jetzt? Sind wir dir zu weich geworden?

Totze: Naja, hör dir mal "Unminded" an, dann weißt du, was ich meine (grinst).

Peter: Im Grunde genommen hat sich ja grundsätzlich eigentlich nicht so viel verändert. Bei uns werden die Songs immer noch über Gitarren definiert. Dass der Sound sich über die Jahre natürlich weiterentwickelt und verändert, ist ja klar. Ich persönlich, finde nichts so schlimm, wie eine Band, die sich irgendwann einfach nur noch wiederholt. Pfui!

Immer lustig, immer neu, immer gut: Die Beatsteaks lieben irgendwie alle. Woran liegt das?

Totze: Stimmt. Warum haben wir eigentlich keine Anti-Fan-Fraktion?

Peter: Ich glaube, das liegt einfach daran, dass wir kein richtiges Konzept verfolgen. Bei den Ärzten, Rammstein oder den Hosen ist das irgendwie anders. Da gibt's halt auch viele Leute, die mit der Basis Probleme haben. Der eine versteht den Humor der Ärzte nicht, der andere findet die Hosen zu ernst und wieder andere können mit dem ganzen Rammstein-Bombast nichts anfangen. Wir machen halt einfach nur Musik, die uns Spaß macht. Da steckt jetzt nichts Großes dahinter. Ich glaube, das macht uns so liebenswert (lacht).

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