laut.de-Kritik

Warum? Warum? Warum?

Review von

Warum beginnt diese Platte mit epochal schwulstigen Streichergedudel? Warum klingt diese Platte gleich zu Beginn wie der Soundtrack der deutschen Umsetzung eines Broadway Musicals? Und warum zündet das nicht so richtig? Warum? Warum? Warum?

Ganz offensichtlich haben sich Balbina und ihr Kreativ-Team vorab den Kopf in tausend Teile zerbrochen. Denn die vorliegende Scheibe ist von hinten bis vorne durchdacht wie eine technische Zeichnung. Konzept jedenfalls, wohin das Auge reicht. Das fängt bei den Titeln des Albums an und hört bei der Struktur der Scheibe auf. Alles greift ineinander. Deshalb fühlt man sich als Rezensent fast genötigt, nun selbst ein wenig Struktur in das eigene Gedanken-Wirrwarr zu bringen und was läge da näher, als den Titel direkt aufzugreifen. Der Einstieg gelingt, irgendwie, weil er technisch sauber umgesetzt wird. Trotzdem wirken die aufgezeigten Emotionen nicht so richtig ehrlich und griffig. Alles erscheint uns bunt wie in einem Disney-Film, der Mary Poppins-Vibe manifestiert sich allgegenwärtig. Und wir beginnen zu zweifeln: Hinter allzu offen zur Schau getragener Magie verbirgt sich nicht selten nur ein oberflächlicher Trick.

Wird nun ein Bruch erfolgen? Wieso bricht der zweite Song "Unterm Strich" mit der Titelgebung des restlichen Albums? Wird es uns gelingen, den angekündigten Zaubertrick zu durchschauen? Warum? Warum? Warum?

Tatsächlich setzen sich gleich zwölf Songnamen aus Artikel-Substantiv-Kombinationen zusammen ("Der Gute Tag", "Das Scheitern", "Das Platzen" usw.), nur die beiden Opener und das abschließende "Stille" brechen mit diesem Konzept, was sich beim Hinhören aber schnell als falsche Fährte entpuppt. Eine wirkliche Soundkurve ist nicht zu erkennen, das Ruder wird niemals extrem herumgerissen. Homogenität scheint das alles entscheidende Mittel des in Unterkapitel eingeteilten Werks. Jeder Schritt baut auf den nächsten auf. Hier erinnert uns "Fragen Über Fragen" beinahe an ein Hörbuch, dessen Reihenfolge man lieber nicht durcheinander bringen sollte. Und da ergibt es wenig Sinn, sich einzelne Songs aus dem Gesamtgebilde herauszupicken. Vielleicht wäre es sogar wirklich konsequent gewesen, die Platte als Ein-Song-Musical-Monstrum zu veröffentlichen. Die strikte und strenge Struktur ist einerseits wirklich interessant, weil sie das Album als wirkliches Medium versteht, geht einem andererseits nach einiger Zeit auch ein wenig auf den Senkel. So richtig warm werde ich jedenfalls im ersten Drittel mit "Fragen Über Fragen" nicht.

Wie entwickelt sich der Sound der Platte? Hat die Scheibe jetzt mehr von Herbert Grönemeyer oder von Prinz Pi? Zieht sie das mit den Streichern wirklich durch? Warum? Warum? Warum?

Ja, die massiven Streicher ziehen sich durch die gesamten 15 Songs. Und das ist konsequent, werden sie doch ansonsten meist nur als billiges Gimmick benutzt. Bei Balbina avancieren sie aber zum festen Instrumentarium und werden zum stilbildenden Mittel, das im Verlauf des Album durch gezielten Einsatz von elektronischen Beat-Einsprengseln ein wenig die Schwere genommen wird. Denn vor allem auf musikalischer Ebene zeigt sich "Fragen Über Fragen" schon ziemlich schwülstig und romantisierend, irgendwie überladen und erdrückend. Es gibt schon einen Grund, warum Musicals nicht so richtig cool sind. Glücklicherweise präsentiert sich die Deutsch-Polin, die einst von Pi produziert wurde und auf Grönemeyers Tour den Support spielte, als überaus weirde Texterin, die einen ganz eigenen Zugang zur Sprache hat. Die Texte jedenfalls sind der große Pluspunkt dieser LP, weil sie die ganzen Tabaluga-Regenbogen mit strangen Parolen überpinseln. Und wir bemerken: Die offen ausgestellten Fragen richtet Balbina vor allem an sich selbst. Wir werden Zeuge eines komplexen Selbstfindungsprozess innerhalb der Texte. Umso seltsamer wirkt die aalglatte, musikalische Oberfläche.

Wie gehen wir nun mit dieser Platte um? Wie fällt die Bewertung aus? Lohnt es sich, das Ding zu kaufen? Warum? Warum? Warum?

Hm, da fordern wir ja immer Kreativität und Mut von unseren oft so gleich klingenden Popkünstlern ein. Und jetzt legt Balbina hier so ein andersartiges Album vor und uns fällt doch nichts anderes ein, als zu meckern. Das ist aber eben die Crux eines derartig konsequent zusammen betonierten Konzepts und einer derartig eigenwilligen Künstlerpersönlichkeit: Für den Zuhörer gibt es nur 1 oder 0, man kann Balbina eben nicht ganz nett finden, dazu ist das ganze zu eigenwillig, zu anders. Und hier muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, ob er sich ins Abenteuer stürzen will, oder ob lieber die Hände von der heißen Kartoffel lässt. Eine Bewertung fällt jedenfalls extrem schwer – subjektiv sind die ultrapoppigen Wunderland-Kompositionen nur schwer zu ertragen. Alleine für die Texte muss an dieser Stelle aber eine zarte Empfehlung ausgesprochen werden. Der Zaubertrick bleibt ungelöst, Asche auf mein Haupt!

Trackliste

  1. 1. Fragen Über Fragen
  2. 2. Unterm Strich
  3. 3. Der Dadaist
  4. 4. Der Haken
  5. 5. Der Gute Tag
  6. 6. Der Trübsaal
  7. 7. Das Sinnlos
  8. 8. Das Milchglas
  9. 9. Der Scheitel
  10. 10. Das Mittelmaß
  11. 11. Das Platzen
  12. 12. Die Regenwolke
  13. 13. Der Schlafvertrag
  14. 14. Das Glück
  15. 15. Das Kaputtgehen
  16. 16. Stille

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