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Diese nicht mehr ganz so jungen Männer sind wohl als die Institution des melodischen Punkrocks zu bezeichnen. Und das, obwohl böse Zungen behaupten, Bad Religion spielen immer den selben Song, nur in verschiedenen Variationen.
Dieser Song erklingt zum ersten Mal im Jahre 1980, als die High School-Kids Greg Graffin (Gesang), Brett Gurewitz (Gitarre), Jay Bentley (Bass) und Jay Ziskrout (Schlagzeug) aus Los Angeles beschließen, eine Punkband zu gründen. Der Name ist natürlich reine Provokation. Allerdings geht es ihnen in der Metapher "Religion" um "ein verordnetes und verschlüsseltes System, das die Freiheit und das Benehmen eines Einzelnen einschränkt" (Graffin). Dass darunter auch die amerikanische Gesellschaft fällt, ist Ehrensache.
Schon ein Jahr später erscheint auf dem von Gurewitz gegründeten Label Epitaph (Grabinschrift), das zu dieser Zeit nur aus einem Logo und einem Trademark besteht, die erste EP "Bad Religion". Auf deren Cover (und Jahre später auf jedem Punkkonzert in der Welt... egal bei welcher Band) sieht man zum ersten Mal das inzwischen markante "Crossbuster"-Label, das ein durchgestrichenes Kreuz zeigt. Aber auch hier soll dieses kein antichristliches Zeichen darstellen. "Wir kämpfen nicht gegen Menschen, die in ihre religiösen Grundsätze glauben wollen, aber wir fühlen keine Verantwortung diese religiösen Lehren zu erhalten, solange wir nicht mit ihnen allen übereinstimmen.", erklärt Graffin in einem offiziellen Statement der Band.
Mit einem Budget von 1.000 Dollar, das sich der Sänger von seinem Vater leiht, bezahlt die Band die Produktion und die Veröffentlichung des Debütalbums "How Could Hell Be Any Worse" (1982), das in nicht mal einem Jahr wahnsinnige 10.000 Kopien verkauft. Deutsche Bands bekommen dafür heutzutage eine gar nicht mal so schlechte Chartplatzierung. Zu diesem Zeitpunkt ist kein Mitglied älter als 18 Jahre.
Greg Hetson, der schon bei der ersten EP bei ein paar Gitarrensoli ausgeholfen und eigentlich bei den Circle Jerks spielt, steigt in die Band ein. Doch schon nach dem zweiten Album "Into The Unknown" (1983) zerstreuen sich Bad Religion in alle Winde. Graffin nutzt die Zeit um sich ausgiebig seinen Studien zu widmen, die er Anfang der Neunziger mit einem Doktor in Evolutionsbiologie abschließt.
1984 finden Graffin und Hetson wieder zusammen und reanimieren die Band mit Pete Finestone am Schlagzeug und dem Wasted Youth-Bassisten Tim Gallegos. Zwei Jahre später steigen dann auch Bentley und Gurewitz wieder ein. Damit ist die Besetzung fast wieder wie in Anfangstagen. Und diese Jungs beweisen ein weiteres Mal ihre Songwriterqualitäten: "Suffer" (1988) gilt heute noch als eine der wichtigsten amerikanischen Punkscheiben überhaupt, die ohne Zweifel wegweisend für alles Nachfolgende an melodischen Punkrock war.
Mit "No Control" (1989) und "Against The Grain" (1999), die beide nahtlos an die Qualität von "Suffer" anknüpfen, beginnt eine neue Phase der Band, in der sie jedes Jahr eine neue Platte veröffentlicht und sich als feste Größe im internationalen Business etabliert. Allerdings hält der Pop immer mehr Einzug. Dadurch machen sich Bad Religion in der Szene wenig Freunde, vor allem, als sie 1994 einen Vertrag mit dem Major Sony an Land ziehen.
Nachdem schon Schlagzeuger Peter goodbye sagt und durch Bobby Schayer ersetzt wird, beschließt auch Gurewitz Bad Religion nach den Aufnahmen zu "Stranger Than Fiction" (1994) zu verlassen. In der öffentlichen Begründung heißt es, der Gitarrist wolle sich vermehrt um sein Label Epitaph kümmern.
Unter der Hand kursieren aber die Gerüchte von einem dicken Zwist mit Bassist Bentley. Diese werden 1996 auch von Gurewitz selbst betätigt, als er den Song "Hate You" seiner neuen Band The Daredevils seinem altem Bandkollegen widmet. Mehr als eine Single wird es von den Daredevils aber nie geben.
Mit diesem Ausstieg fehlt eine entscheidende Hälfte von Bad Religion, denn Graffin und Gurewitz schrieben die Songs entweder alleine oder zusammen. Die anderen Bandmitglieder waren kaum in den Songwritingprozess involviert. Die fehlende Songwriterhälfte wirkt sich auf die Qualität der nachfolgenden Alben deutlich aus.
Gurewitz wird von einer anderen Legende des amerikanischen Punkrock ersetzt: Der frühere Minor Threat- und Dag Nasty-Gitarrist Brian Baker, der damit R.E.M. versetzt, bei denen er eigentlich schon fest als Tourgitarrist eingeplant ist. Baker sieht sich aber nicht als Komponist und so bleibt alles an Graffin hängen.
"The Gray Race" (1996), "No Substance" (1999, auf der sich mit dem Song "Raise Your Voice" sogar eine Zusammenarbeit mit Campino befindet) und "The New America" (2000) sind eher Alben von Graffin und Freunden als von Bad Religion, und werden von Fans als die schlechtesten Alben der Kalifornier überhaupt bezeichnet.
Aber sie dürfen sich Hoffnungen machen: Nachdem Gurewitz auf dem letzten Album ein Solo einspielt hat, zeichnet es sich ab, dass die Steithähne Frieden geschlossen haben. Der Gitarrist hat mittlerweile das größte Independent-Label der Welt unter seinen Fittichen und einige Drogengeschichte hinter sich, ein Jahr später tritt er dennoch wieder fest in die Band ein und schreibt Songs für den soliden Nachfolger "Process Of Belief", der 2002 wieder bei Epitaph erscheint, nachdem sich Bad Religion von Sony getrennt haben.
Zwanzig Jahre Bandgeschichte gehen nicht spurlos vorüber, kurz vor den Aufnahmen zum Gurewitz-Reunion-Album muss Schlagzeuger Bobby Schayer seinen Stuhl räumen. Auf Grund einer Schulterverletzung kann er nie wieder professionell drummen, und wird von Brooks Wackerman ersetzt, der vorher schon bei den Vandals und den Suicidal Tendencies spielte.
2004 erscheint "The Empire Strikes First", das die Politik der Bush-Administration mit harten Worten an den Pranger stellt. Das begeistert sowohl die alten als auch neue Fans, wie die Live-DVD "Live At The Palladium" (2006) eindrucksvoll beweist.
Im selben Jahr präsentiert Greg Graffin ein etwas anderes Soloalbum: Von Brett Gurewitz produziert, enthält "Cold As The Clay" neben sechs Folkliedern auch fünf eigene Stücke, die sich stylistisch nahtlos einfügen. Dennoch bleibt den Fans nicht viel mehr, um sich die Zeit zu vertreiben, ein neues Bad Religion-Album erscheint erst wieder 2007 ("New Maps of Hell").
Kurz darauf produziert Brett Gurewitz noch das zweite Solo-Album Greg Graffins. Doch als Protestform hat scheinbar Punk ausgedient, die Nullerjahre überlebt Punk nur noch als Pose. So regt sich auch niemand mehr auf, wenn Bad Religion plötzlich den Kommerz entdecken und für einen großen deutschen Konzern die Bühne entern .
Zur neuen Dekade 2010 besinnen Gurewitz und Graffin sich unerwartet konsequent auf alte Stärken. Das mittlerweile 15. Studioalbum zum 30. Geburtstsg der Band "Dissent Of Man" knüpft an glorreiche Zeiten a la "Generator", "Suffer" ud co an. Auch die kritisch sarkastischen Texte laufen zur Hochform auf. Mit dem tollen Album im Gepäck machen sie sich auf zur erfolgreichen Jubiläumstour.
Greg Graffin über Religion, die Hölle L.A., Klimawandel und G8-Demonstranten.
Das Angebot kam überraschend erst am Vortag, war aber einfach zu gut, um es auszuschlagen. Ein Interview mit Punklegende Greg Graffin, Professor und Leadsänger von Bad Religion.
Schon immer lebte in meinem kleinen Kosmos eine kleine Legende um den Typen, der außer in seiner Band auch noch als Professor arbeitet. Ich ergriff die Gelegenheit also beim Schopfe und am nächsten Tag mit zitterten Händen den Telefonhörer. Als ich dann schließlich das für Gespräche in die USA typische Freizeichen vernahm, schlug mein Herz noch höher und ich war zugegebenermaßen ziemlich perplex, als ein unkompliziertes "Hello" aus der Hörmuschel drang.
Der Meister persönlich hatte in seinem Haus in Upstate New York ganz entspannt auf meinen Anruf gewartet. Wie zu erwarten, sprengte das Gespräch die engen Grenzen des Musikbusiness, und Greg Graffin gab freimütig Einblick in seine differenzierten Ansichten über unsere heutige Welt.
Wie ist das Wetter in New York?
Oh, es ist eigentlich ganz nett, ziemlich warm und trocken. Bestimmt besser als in Deutschland!
Na ja, wir sitzen hier in kurzen Hosen im Büro.
Ach wirklich, jedes Mal wenn wir im Mai oder Juni bei euch gespielt haben, hat es wie aus Eimern gegossen. Aber das war vielleicht auch in einer anderen Ecke von Deutschland ...
Nachdem ich ihm erklärt habe, dass Konstanz verblüffender Weise am "Lake of Constance" liegt und wir dank des Sees über ein relativ mildes Klima verfügen, frage ich nach seinen Soloaktivitäten neben BR.
Solo lässt du ja mehr den Folkguy raushängen. Einer deiner Songs wurde, bevor du ihn neu interpretiert hast, schon von Johnny Cash gecovert. Was hältst du von dem guten alten Johnny?
Na ja, mein Vater spielte früher die ganze Zeit Johnny Cash. Hmm ... ich glaube, ich kann mir wirklich niemanden vorstellen, der ernsthaft etwas gegen Johnny Cash einzuwenden haben könnte (lacht).
Ja, Johnny Cash ist eine Ikone. Er steht für den dunklen Typen, der alleine mit seiner Gitarre durch die Welt zieht. Wer stellt für dich die Ikone des ursprünglichen Punks dar?
Das ist eine schwierige Frage. Es gab da Leute wie Iggy Pop, die schon sehr sehr früh, damals nannte man sie noch gar nicht Punk, aktiv waren. Also er ist schon ein Symbol des Punks und daher auch eine Ikone, aber für mich gab es immer ein paar andere Leute. Vielleicht Jimmy Pursey von Sham 69, auch wenn die ein bisschen später kamen. Das war das erste Mal, dass ich es beobachtet habe, wie Punks richtig populär wurden.
Da gab es Leute im Publikum, die dem Leadsänger so richtig verfallen sind und dachten, er sei ein gutes Vorbild für sie. Die sprachen wirklich zu einer Generation von Punks. Das wollte ich bei Sham 69 wirklich betonen, aber da gab es auch Darby Crash von The Germs, der einen sehr poetisch Style in seinen Texten hatte, der mich sehr inspirierte. Er zeigte mir, dass man gute Texte, ja sogar Poesie, mit der Provokation im Punk vereinen kann.
Zurück zu deinem Soloalbum. Vier Jahre sind seit der letzten Bad Religion-Platte vergangen. War dein Soloalbum vielleicht eine kleine Pause von den lauten Bühnen der Punkszene?
Ja, ein bisschen. Weißt du, ich spiele das Zeug von Zeit zu Zeit zuhause mit meinen Freunden, und Brett meinte, es würde eine nette Soloplatte abgeben. Da ich ein bisschen Zeit hatte, habe ich es gemacht und werde es wohl auch weiterhin in den Jahren tun, in denen ich genügend Zeit finde. So wie in 2006 eben.
Also der "Angry Old Man" hat noch nicht genug und ist bereit für weitere 30 Jahre Punkrock?
(Lautes Lachen) Oh, ich hab mich noch nie als "Angry Old Man" betrachtet. Ich denke manchmal verwechseln die Leute das. Wenn man sie provozieren will und über ernste Dinge redet und dabei ein Haufen von Dingen in Frage stellt, heißt das nicht dass man böse ist. Man ist nur leidenschaftlich. Also ich will lieber als leidenschaftlicher alter Mann angesehen werden (lacht). Und zu den 30 Jahren: Ich weiß nicht ob ich dann noch singen kann (lacht).
Die Texte von "Empire Strikes First" waren ziemlich direkt gegen Bush und seine Kriegspläne gerichtet. Songs wie "Let Them Eat War" waren ganz und gar nicht kryptisch, sondern eher Punkrock für jedermann. Sogar Leute wie ich, deren Muttersprache nicht Englisch ist, konnten ziemlich leicht verstehen, für was die Texte standen. Ist von dieser Kritik noch etwas in "New Maps Of Hell" enthalten?
Mit diesem Album haben wir versucht, ein metaphorisches, wenn auch sehr hartes Punkrock-Album zu schaffen. Wir wollten es sehr aggressiv haben, und unser klassischer Bad Religion-Style ist es nun mal, metaphorisch zu texten. So sind wir ein bisschen künstlerischer und nicht so geradeheraus wie bei "Empire Strikes First".
Ist Bush ein Thema, das euch nicht mehr interessiert, oder wolltet ihr einfach nicht diejenigen sein, die die Hymnen für die wütenden Massen produzieren?
Nein es ist künstlerisch gesehen einfach nicht mehr interessant, den Krieg zu kritisieren, weil der totale Reinfall sich so offensichtlich zeigt. Wenn Dinge sich zu Niederlagen entwickelt haben, ist es wirklich bescheuert, sie weiterhin zu kritisieren. Dann ist es einfach künstlerisch und gesellschaftlich nicht mehr interessant. Zu der Zeit als "Empire Strikes First" heraus kam, gab es keine Kritik. Es kam im selben Jahr heraus, als wir den Irak bombardierten. Zu diesem Zeitpunkt war es noch nicht klar, dass es so ein Reinfall werden würde, und daher wollten wir sehr wortgewaltig unsere Opposition verdeutlichen. Jetzt, wo es so eine Niederlage, so ein Albtraum ist, bedarf es keines weiteren Kommentars von unserer Seite, da jeder weiß, dass wir von Anfang an dagegen waren.
Pink ist mit ihrem Anti-Bush Song in den Charts, und sogar Linkin Park entdecken ihre politische Seite. Kaufst du ihnen das Engagement ab, oder denkst du, das ist nur ein weiterer Weg, mehr Alben zu verkaufen?
Erinnerst du dich noch, wie ich mein letztes Statement einläutete? Ich habe gesagt, dass es künstlerisch einfach nicht mehr interessant ist. Und du hast gerade zwei Künstler erwähnt, die künstlerisch eben einfach nicht interessant sind. Und so finde ich, hast mein Argument mit deiner Frage geradezu unterstrichen. Es sind Bands wie diese, weißt du, sie haben so lange gebraucht, um einen Kommentar zum Krieg abzugeben, das ist künstlerisch einfach nicht mehr interessant.
Das ist völlig egal, die sind immer da wo die Action ist...
Sogar dein Buddie Campino ist dabei, wenn es darum geht, für Schuldenerlass und Umweltschutz zu kämpfen. Ihr könntet euch wahrscheinlich nicht als solche politischen Aktivisten vorstellen?
Nun ja, unsere Songs waren immer philosophisch, akademisch und auf Probleme ausgerichtet. Ich glaube, es waren die Hippies, die dafür berühmt waren, auf die Straße zu gehen und zu marschieren und dabei nicht zu wissen, warum sie auf die Straßen gingen. Es ist für mich einfach nicht interessant zu demonstrieren, es sei denn, ich bin mir absolut im Klaren, was das konkrete Problem ist. Es ist viel wichtiger, mit einer soliden, philosophischen Grundlage zu mobilisieren und zu aktivieren, denn dann wirst du niemals so enden, dass es so aussieht, du würdest nur Profit aus dem Moment in den Medien schlagen. Daher engagiere ich mich bei Themen, die mich betreffen, einfach nur, indem ich Texte schreibe und versuche, die Leute mit der Musik zu erreichen. Ich denke, es ist großartig, dass die Leute stark genug empfinden, um gegen den G8-Gipfel zu demonstrieren, auch wenn es mir nicht ganz klar ist, für was sie damit kämpfen.
Bist du der Ansicht, da seien schon genug Leute, die in das selbe Horn blasen. Da brauchst du nicht auch mit dem Finger drauf zeigen ...
Nein, es gibt immer noch genauso so viel Grund, mit dem Finger auf Dinge zu zeigen. Es stellt sich nur die Frage, wie wir am wirkungsvollsten vorgehen. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Teilnehmer des G8-Gipfel anerkennen sollten, dass ein Haufen Widerstand gegen ihre Pläne existiert. Ich weiß nicht ob, das Randalieren auf den Straßen es vollbringen wird, aber es ist eine Stimme, um sie wissen zu lassen, dass es andere Leute gibt, die man beachten sollte, wenn es um ihre Gesetzesentwürfe geht. In dieser Stufe meines Lebens bin ich sehr an der Gesetzgebung interessiert und ich glaube, ich kann am besten helfen, indem ich weiterhin meine Vorlesungen als Professor an der UCLA halte und in informellen Reden und mit meiner Musik meiner Meinung Ausdruck verleihe. Ich denke daher, dass es immer noch sehr wichtig ist, sich mit diesen Problemen intensiv auseinander zu setzen.
Du hast deine Arbeit als Wissenschaftler erwähnt. Was denkst du über die ganze Klimawandel-Debatte. Befasst du dich damit als Professor?
Ich unterrichte eine große Klasse, meistens Doktorenanwärter. Mein Fach heißt "Evolution And Diversity Of Life", und da ist das Klima offensichtlich ein wichtiger Faktor bei der Evolution und der Biodiversität. Wir reden im Unterricht ein bisschen über die unterschiedlichen Klimata in der Geschichte der Erde. Es ist aber zurzeit ein politisch sehr aufgeladenes Thema, und von daher wäre das Schlimmste, was ich als Professor machen könnte, zu politisch zu sein. Ich versuche einfach, ihnen die wichtigen Werkzeuge und das wichtige Wissen zu vermitteln, so dass sie sich damit eine eigene Interpretation der Sachlage verschaffen können.
Natürlich wird jeder vernünftige Mensch, falls ihm die Daten zu Verfügung stehen, einsehen, dass der Mensch bei der Klimaerwärmung seinen Teil beiträgt. Das ist etwas, was man zu bedenken hat, wenn man an eine nachhaltige Zukunft glaubt. Das ist aber wiederum ein moralisches Problem, und jeder hat eigene Meinungen bezüglich Nachhaltigkeit. Aber wenn du mich persönlich fragst, ist es immens wichtig, unseren Kindern zu lehren, was es heißt, nachhaltig zu denken. Ich unterrichte meine Studenten ja auch nicht so wie ich zu meinen Kindern spreche.
Zurück zu eurem neuen Album. Ihr benutzt an mehreren Stellen christliche Sinnbilder. Ist dies eine Reaktion auf die religiöse Bewegung in den USA, oder ist es nur ein künstlerisches Wohlbefinden, eine Präferenz bezüglich der Klang der Worte, der euch zu diesem Schritt bewegte.
Die Struktur der westlichen Zivilisation ist aus einer christlichen Mythologie gesponnen, und somit ist es einfach logisch, christliche Bilder zu verwenden, wenn du Leute provozierst, zweimal über sie nachzudenken. Es war immer ein sicheres Ziel für uns, weil wir nun mal Bad Religion heißen (lacht). Das Phänomen ist also nicht nur auf unserm neuen, sondern auch auf unseren alten Scheiben zahlreich vorzufinden. Man kann das Vorschreiten des Christentums und die Entwicklung der westlichen Zivilisation einfach nicht trennen, da sie im Gleichschritt stattfand.
Also nichts Neues, sondern einfach der Weg den Bad Religion schon immer verfolgt hat. Absolut kein aktueller Bezug?
Amerika geht durch diese interessanten Perioden der Extreme der religiösen Rechten. Lustigerweise war es gerade, als Bad Religion als Band Anfang der 80er startete, dass die "Moral Majority" mit Jerry Falwell viel Aufmerksamkeit von Seite der Presse und viel Sendezeit im TV bekamen. Dann ebbte die Zuneigung ab, und erst jetzt mit der Bush-Ära kam dieser religiöse Fundamentalismus wieder zurück in die Medien. Es bedeutet aber nicht, dass Fundamentalismus dadurch beliebter wäre, er ist einfach nur mehr von den Medien beleuchtet. Das hat natürlich einen Einfluss auf die Aufmerksamkeit der Leute, und das stört die Vernünftigen unter uns. Aber interessanter Weise ist Jerry Falwell vor ein paar Wochen gestorben, und die Bush-Regierung bereitet sich darauf vor, mit dem unbeliebtesten Präsidenten der Geschichte abzutreten. Daher hoffen wir, dass diese Entwicklung nicht lang anhalten wird und nur eine dieser Medien-Entdeckungen bleibt.
Würdest du mir zustimmen, wenn ich sage, dass "New Maps Of Hell" über mehr Introperspektive als seine Vorgänger verfügt?
Nicht als "Process Of Belief" aber sicherlich über mehr als "Empire Strikes First". Es ist ein bisschen mehr metaphorisch, philosophisch ...
... also ein Schritt zurück zu den Wurzeln?
Ja, das Cover sieht ein bisschen wie das von unserem ersten Album aus, und auch der Titel ist eine Anspielung auf "How Can Hell Be Any Worse", das zusammen mit dieser Wiederkehr des religiösen Fundamentalismus zeigt, dass wir uns noch nicht so weit vom Thema entfernt haben. Wir sind in Bad Religion aufgewachsen, seit wir Teenager sind, und kommentieren immer noch, hoffentlich geschickter, als bessere Songwriter und als erfahrenere Menschen. Hoffentlich wird dieses Album Punk-Fans zufrieden stellen, weil es den Geschmack unserer ersten Schritte trägt, wir die Dinge jetzt aber klarer sehen können.
Nach diesen fast 30 Jahren Punkrock, was sind eure Ziele, was wollt ihr als Band noch erreichen?
Ich weiß nicht wirklich, wie ich diese Frage beantworten soll. Ich setzte mir sicherlich Ziele für das menschliche Wesen, das ich bin. Ich will über ein bestimmtes Thema ein Buch schreiben, ich würde gerne arbeiten und in der Weise so produktiv bleiben dass ich ein Dach über dem Kopf finanzieren kann. Das sind so die Ziele der nahen Zukunft, die ich anpeile. Es ist einfach mein Weg zu leben, und es liegt in meiner Natur, nicht richtig zu planen. Ich mache das automatisch, und wenn ich mir konkrete Ziele setzten würde, fürchte ich, würde es nur zu einer großen Enttäuschung führen. Ich bin sehr glücklich wenn ich die nächsten, sagen wir mal zwei Monate umreißen kann.
OK, die nächsten zwei Monate mache ich mit Bad Religion so und so viele Shows. Hoffentlich mit Leuten, die uns sehen wollen und Tickets kaufen, und nach diesen zwei Monaten schauen wir dann, wie wir uns fühlen. Wie du vielleicht weißt, gehen wir diesen Sommer auf die "Warped Tour", im Herbst werden wir unsere Situation analysieren und schauen, wo wir stehen. Um aber weiterzumachen, brauchen wir neue Musik, und das motiviert uns, zu versuchen, gute Alben zu machen und die Begeisterung hervorzurufen, wie wir es mit ein paar von unseren Klassikern geschafft haben.
Du kannst dir also nicht vorstellen wie ein "Honest Goodbye" von Bad Religion aussehen könnte?
(Lacht)Genau! Wir haben versucht, ein Gerücht zu inszenieren "Honest Goodbye" wäre unser letzter Song (lacht), aber jetzt weiß, jeder dass es Teil eines neuen Albums ist, das uns durch die nächsten zwei Jahre begleiten wird.
Wie bringst du dein Leben als Professor und das Leben eines Rockstars unter einen Hut?
Das ist interessant, weil ich mindestens drei Monate körperlich in Los Angeles anwesend sein muss. Da aber Januar, Februar und März Monate sind, in denen Bad Religion nicht oft auf Tour geht, überlappt der Unterricht nicht wirklich mit dem Tourleben. Ideologisch ist es für mich nicht schwer, dazwischen hin und her zu wechseln. Da ich glaube, dass ich meine Hörerschaft bei einer Vorlesung genauso begrüße wie das Publikum bei einem Konzert. Mein vorrangiges Ziel ist dabei, ein paar Ideen auszutauschen, die die Hörer dazu bewegen, über bestimmte Dinge nachzudenken. Oder sie dazu zu provozieren, in Frage zu stellen, was man ihnen beigebracht hat. Das Ziel bei der Musik und in der Wissenschaft ist also ähnlich, der Stil ist natürlich grundverschieden.
(Schon während ich die Frage formuliere, kann sich Greg das Lachen nicht verkneifen)
Weißt du, was lustig ist? Wenn du mir deine E-mail Adresse gibst, schick ich dir einen Artikel zu, der genau diese Frage behandelt. Die haben dabei auch ein paar meiner Studenten interviewt. Manche von ihnen waren überhaupt nicht über Bad Religion informiert, andere waren total geschockt.
Auf eurer letzten CD singt ihr "And the hills of Los Angeles are burning", das neue Cover zeigt L.A., wie es nach einem solchen großen Feuer aussehen könnte, und die Jungs von Strung Out haben ihr neues Album " Blackhawks Over Los Angeles" getauft ...
Erstaunt und gleichzeitig belustigt: Ach wirklich!
Warum muss es immer die Stadt der Engel sein, die zum Schauplatz der Apokalypse gerät? Ist es diese "Paradies wird zur Hölle"-Masche?
Ein Teil davon sicherlich. Aber es ist der gewisse Mythos, denn jeder in Amerika denkt bei L.A. an Hollywood. Hollywood ist eine Ikone in der amerikanischen Kultur, die die Reichen und Schönen repräsentiert, und das ist, wonach jeder Amerikaner strebt. Es ist ein sehr einflussreiches Image in allen Staaten, und von dem her hält es gut als Metapher hin. Für die Leute aber, die dort leben ... (lacht) ... ist es die Hölle auf Erden. Nichts funktioniert wirklich, es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel, überall sitzen benzinfressende Autos auf den Highways fest, und du brauchst eine Stunde um zehn Meilen voranzukommen. Es ist einfach die Definition einer ausufernden Stadt. Millionen von Menschen ausgebreitet über eine unglaublich große Fläche. Diese Dualität macht es zu einem geographisch höchst wichtigen Teil von Amerika.
Jeder, der die amerikanische Geschichte studiert und sagen wir mal nur New York in Betracht zieht, wird ein sehr einfaches Bild von Amerika bekommen. Aber wenn du nach L.A. gehst, siehst du alle Kulturen und Rassen. Alle Immigranten gehen mittlerweile durch L.A., und so gibt es Viertel von jeder ethnischen Gruppe des Globus. Und so ist es ein modernes Beispiel für die Herausforderungen, mit denen die Gründerväter des Landes konfrontiert waren. Ein Land für jede Art von Immigrant. Es ist vielleicht zu früh, das ultimative Schicksal von L.A. zu bestimmen, aber wenn man die großen Waldfeuer bedenkt die jedes Jahr passieren, die Aufstände, die Überflutungen und die Landflucht, dann sieht es wirklich wie ein apokalyptischer Ort aus.
Warum in aller Welt wohnst du dann da?
(Lacht) O.K. es gibt auch gute Dinge daran. Gute Universitäten, wirklich nette Leute, ich schätze die ethnische Abwechslung sehr. Natürlich habe ich dort meine Familie und Freunde, aber eines meiner Häuser ist hier in Upstate New York, und ich genieße das schon auch.
Immer gut, eine solche Insel zu haben. Einmal hab ich gelesen, wie du Berlin mit L.A. verglichen hast. Du konntest sogar ein paar Parallelen zwischen den Städten sehen. Welche Parallelen oder auch Unterschiede siehst du generell zwischen Deutschland und den USA?
Deutschland scheint die Dinge zu kontrollieren, über die Amerika gern die Kontrolle hätte. Was ich schon früher angesprochen habe: Massentransit, das Bundesstraßensystem, das ihr mit der Autobahn habt und das wir auch wollten, funktioniert in vielen der großen Städte einfach nicht. Die Parallelen sind, das beide als landwirtschaftlich geprägte Staaten starteten und nun mit sehr industrialisierten Menschen und einer hohen Produktivität ausgezeichnet sind. Das sind ein paar der offensichtlichsten Parallelen, und natürlich wurde unser Land auch von Deutschen, Italienern und Iren bevölkert. Und daher bestehen auch starke kulturelle Bindungen.
Ich hoffe es stört dich nicht, dass wir so viel über Politik und so wenig über Musik geredet haben ...
Oh nein es stört mich nicht. Die Wahrheit ist, ich mag Politik nicht wirklich, ich mag keine Politiker. Ich glaube die meisten von ihnen sind nur daran interessiert, berühmt zu sein. Ich mag aber philosophische Diskussionen, und ich mag es, über Erziehung und gesellschaftlich wichtige Themen zu diskutieren.
Vielen Dank für das Interview
Nach der Rückkehr des Ur-Gitarristen und Epitaph-Bosses Brett Gurrewitz haben Bad Religion wieder ein bodenständiges Album abgeliefert. Alles bleibt wie es war. Und das ist irgendwie auch gut so.
Brian Baker, Bad Religion-Gitarrist und früher u.a. bei den US-Hardcorebands Minor Threat und Dag Nasty, gehört sicherlich zu den absoluten Größen der amerikanischen Punkszene. Jetzt läuft er mit Socken durch die Lobby eines Nobelhotels und mampft neben dicken Geschäftsleuten einen Hamburger mit Pommes. Sechs Stockwerke höher fingert er dann in der Minibar herum, und während er hier und da etwas einsteckt, teilt er uns mit einem breiten Grinsen mit: "I used to be Punk. So stealing is just an old habit. Can't help myself." Guter Typ, der Junge.
Glückwunsch, euer neues Album ist auf Platz 13 der deutschen Charts eingestiegen. Was bedeutet es für dich, wenn eine alteingessene Band wie Bad Religion neben oder vor den ganzen Pop-Punk-Bands wie Blink 182 steht?
That's the punkest thing on earth. Der Grund warum wir Musik machen ist, dass die Leute es hören können. Jedenfalls in meinem eingeschränkten Verständnis ... Ich denke es ist wunderbar, zwischen O-Town oder Jessica Love You eingesandwiched zu sein und dort über das Kyoto-Abkommen zu singen. Ich würde gerne Nummer Eins sein. Aber nicht auf Grund der finanzielle Seite eines Nummer Eins-Albums, sondern weil es ein enormes "Fuck You" wäre.
Es steht außer Frage, dass Bad Religion einen wichtigen Einfluss auf viele Punkbands hatten ...
Stimmt, viele klingen sogar genau wie wir, außer dass ihr Sänger nicht so gut ist wie unsrer.
Glaubst du, dass Bad Religion immer noch neue Punkbands inspiriert ?
Ich hoffe doch. Wir arbeiten wirklich hart daran, um unsere Musik zu machen. Natürlich ist es sehr günstig solche fantastischen Songwritern wie Greg Graffin oder Brett Gurewitz zu haben. Aber das ist auch der Grund warum wir immer noch existieren: um Leute zu inspirieren, um ihre Gedanken anzuregen und um Leute zu ermutigen, dass sie ihre Gitarre nehmen und sagen: 'Hey, das kann ich auch!'. Das ist doch auch großer Teil dieser Punkethik von der Bad Religion immer noch abhängig sind.
Du hast auch in den großartigen Bands Minor Threat und Dag Nasty gespielt. Wie fühlst du dich wenn junge Punkrocker mit einem Blink 182-Shirt dich inzwischen als Legende bezeichnen ?
Es ist natürlich sehr schmeichelhaft eine Legende für andere Leute zu sein. Wenn es Kids gibt, die Blink 182 oder Sum 41 mögen, dann ist da überhaupt nichts falsch dran. Als ich fünfzehn war liebte ich die Ramones und die sangen "Beat on the brat with a baseball bat". Sie waren keine seriöse Band. Im Punkrock gibt es eine lange Geschichte von Fun-Bands. Es ist absolut nicht angebracht, wenn man jetzt Bands wie Blink 182 in die gleiche Arena mit Bad Religion oder Pennywise, eben Bands, die über etwas singen was viel provokativer ist, schmeißt. Das ist die Schönheit von Punkrock. Es ist eine offene Form, die nicht konstruiert wurde um exklusiv zu sein. Wenn ein Kid denkt, dass Blink genau so gut ist wie Dag Nasty, dann bin ich froh, dass es überhaupt an Dag Nasty denkt.
Als du angefangen hast Punkrock zu spielen ging es hauptsächlich darum, den Leuten eure Ideen von einem besseren Leben mitzuteilen. Dieses ganze Straight-Edge-Ding eben. Heute geht es aber den meisten bekannten Punkbands nur um die Fun-Sache. Betrachtest du das als eine traurige Entwicklung ?
Nein. Als wir angefangen haben und über Straight Edge gesungen haben, hatten wir keine Mission oder dachten wir könnten die große Masse beeinflussen. Wir haben darüber nur gesungen, weil es für uns persönlich sehr wichtig war. Ich habe den Großteil der Lyrics von der Dag Nasty-Platte "Can I Say" geschrieben. Wenn ich diese Texte jetzt lese, sehe ich da ein wütendendes Kind, dass sich hauptsächlich über persönliche Beziehungen aufgeregt hat. Das war der Weg, wie ich diese Sachen aus mir rausgelassen habe. Ich habe nie gedacht, dass Dag Nasty etwas sein wird über das ich mich fünfzehn Jahre später mit jemanden in Deutschland unterhalten werde. Inzwischen ist die Welt aber ein viel schnellerer und schrecklicherer Platz geworden. Da machen Leute nichts Falsches, wenn sie mit ihrer Musik nur unterhalten wollen. Ich habe versucht solche Musik zu machen und es ist nie etwas Gutes dabei rausgekommen. Das einzige Zeug, das ich gemacht habe und das Qualität hatte, waren Dinge, die für mich wichtig waren. Aber es gibt genügend Platz für Entertainer-Bands. Ich mag sogar die Bloodhound Gang. Ich würde zwar nie in dieser Band sein wollen, aber sie sind lustig. Und es ist verdammt cool, wenn Kids gleichzeitig Rancid und Blink hören.
Meistens ist es ja auch so, dass die Kids erst die Fun-Punks aus dem Radio kennen und dann vielleicht merken, dass es da noch viel mehr zu entdecken gibt.
Genau. Funpunk ist das Marihuana des Punkrock. Das ist wie eine Einstiegsdroge. Dann kommen sie mit Heroin in die Quere. Und das ist dann definitiv Bad Religion. Und wenn du einmal in Bad Religion drin bist, ist es unmöglich da wieder herauszukommen .... (stoppt) ...that's right, Kid.
Wie stehst du heute zu deinen damaligen Statements? Klingen manche Sachen von Minor Threat für dich heutzutage seltsam ?
Ich bin jetzt 36. Als der Song "Straight Edge" geschrieben wurde, war ich fünfzehn. Damals war es für mich viel einfacher den Leuten in pauschalen Statements zu sagen, wie sie leben sollten. Als Erwachsener sehe ich die Dinge gelassener. Wenn jemand die ganze Nacht Kokain ziehen will, habe ich damit kein Problem mehr. Minor Threat ist eine ehrliche Reflektion unserer Gefühle von 1980. Es war eine bestimmte Zeit meines Lebens, die ich respektiere. Ich habe auf dutzenden Platten mitgespielt und wenn ich mir manche jetzt anhöre, kann ich nicht glauben, dass ich bei einer solchen Scheiße mitgemacht habe, oder kann nicht verstehen, warum ich damals dachte, dass dies eine gute Idee war. Aber Minor Threat ist eine der Sachen, auf die ich absolut stolz bin und ich denke, niemand wird mir es ankreiden, dass ich ein Teil von Minor Threat war.
Bestimmt nicht. Lass uns mal auf deine Rolle in Bad Religion kommen. Wie war es mit Brett Gurrewitz im Proberaum zu stehen, für denn du ja ursprünglich eingesprungen bist ?
Ich habe Brett zwar als Gitarristen ersetzt, aber er war und ist immer ein Songwriter, der seine Gitarre benutzt um Songs zu schreiben. Er sieht sich nicht als den Show-Off-Gitarristen, der auf der Bühne eine Show abzieht. So was bin ich ... denke ich jedenfalls. Als Brett zurück kam, kam er als Songwriterkraft. Ich musste immer noch Gitarrespielen und es hat mich wirklich nicht betroffen. Im Proberaum ist es so laut, dass ich seinen Verstärker nicht mal höre. Es ist immer noch so wie in den letzten sieben Jahren, dass Greg Graffin eine Idee hat und mich braucht, um diese auf der Gitarre umzusetzen. Jetzt brauchen mich dafür eben zwei Leute. Mein Job ist der gleiche geblieben. Wenn jetzt diese wilden Heavy-Metal-Solis auf Bad Religion-Platten sind, dann ist das weil sie mich jetzt haben. Das einfach mein Stil, wie ich spiele. Ich versuche die Dinge akustisch interessanter zu machen. Brett will einfach seine Akkorde herunter schrubben. Was für ihn wichtig ist, ist das Songwriting und ein Teil von Bad Religion zu sein.
Kamen Brett und Greg dann einfach in den Proberaum, haben ihre Songs vorgestellt und ihr habt nachgespielt? Oder hat die ganze Band daran rumgeschraubt?
Beiden haben immer eine raue Skizze und wir füllen diese dann aus. Normalerweise nehmen sie auch eine Demoversion mit einer Drummaschine zu Hause auf. Dann geben wir unsre Ideen dazu und besprechen es im Kollektiv. Als ein Songwriter hat Brett natürlich das Recht zu sagen: "Hey Brian, ich will nicht wie "Van Halen I" klingen, sondern wie die Sammy Hagar-Van Halen!". (Sammy Hagar ersetzte 1985 David Lee Roth als Ryhtmus-Gitarrist bei Van Halen, Anm. der Redaktion) Songwriting ist mehr als nur die Melodie und den Text zu haben. Dahinter gibt es so viel mehr: Backgroundparts, Tempi, Starts, Stops, Pausen und und und. Diese Sachen werden dann mit der ganzen Band angepasst.
Mit dir, Brett Gurrewitz und Greg Hetson hat Bad Religion gerade drei Gitarristen. Das ist wie bei einer Hair-Metal-Band aus den 80zigern.
Jep, ein bisschen wie Iron Maiden ...
Gibt es da manchmal Streitereien um bestimmte Parts?
Nein, es ist wie es immer war: Ich mache hier und da was, Hetson springt herum und Brett hängt ab und hat eine gute Zeit. Wie es weiter geht wissen wir nicht. Brett ist zwar gerade in Europa und wird heute Abend auch mit uns spielen, aber wir wissen nicht, ob er bei der nächsten Tour dabei ist. Mit "Epitaph" gehört ihm das größte Independent-Label der Welt, da hat er keine Zeit, neun bis zehn Monate mit Bad Religion auf Tour zu sein. Wenn er mit uns auf der Bühne steht, geht es da nur um den Spaß. Es gibt da keinen Krieg, wer jetzt was spielt. Jeder weiß, dass ich für den Krach zuständig bin, der aus den großen Boxen kommt und die anderen sind eher für das Spontane da. Ich bin eben nur gemietet.
Fühlst du dich dann nicht als vollständiges Bad Religion-Mitglied?
Natürlich tue ich das. Aber ich weiß genau was meine Rolle ist. Ich war schon immer ein Gitarrist, was mir auch viel wichtiger ist als ein Songwriter oder eine Art Führer zu sein. Ich bin derjenige, der sich auf die Performance meines Instrumentes konzentriert. Die anderen waren nie so. Das ist auch absolut in Ordnung, es bedeutet nur, dass ich und unser Drummer den Job haben, die ganze Sache wie eine stramme Band klingen zu lassen. Das wunderschöne Chaos geht über eine solide Grundlage, die ich zur Verfügung stelle. Das ist der beste Job im Rock'n'Roll.
Eure neue Platte heißt "The Process Of Belief". Der Sound von Bad Religion hat sich nie großartig verändert. Steht der Albumtitel auch für euren Glauben an das, was ihr seit zwanzig Jahren macht?
Hell, Yeah. Was wir seit zwanzig Jahren tun ist absolut das Richtige. Es gibt keinen großartigen Unterschied in der Art und Weise wie die Band seit ihrem Anfang Musik gespielt und geschrieben hat. Was immer diese Jungs vor 21 Jahren in der Garage ihrer Mutter gemacht haben, ist aus einem Unfall heraus zu etwas richtig Großem geworden. Der beste Beweis sind die vielen Bands, die praktisch wie Bad Religion klingen. Wir haben unseren einzigartigen Sound und deshalb klingt auch alles was wir machen genau so. Greg Graffins Stimme ist 80 Prozent davon. In der Minute, in der du ihn hörst, weißt du sofort dass es Bad Religion ist. Ich war schon ein großer Fan der Band, bevor ich einstieg. "Recipe For Hate" blieb in meinem Tape-Deck hängen und ich habe es nie repariert. Jedes Mal, wenn ich in mein Auto eingestiegen bin, habe ich Bad Religion gehört.
Wie lang war das Tape dann im Deck ?
Bis ich das Auto verkauft habe ... (überlegt)... ich habe das Auto 1995 verkauft und das Tape habe ich Ende '92 bekommen. Also habe ich es drei Jahre lang gehört. Ich konnte das Radio zwar abstellen, aber wenn ich es angemacht habe, kam eben immer diese Platte und ich habe mich wirklich nicht darum gekümmert, es zu reparieren. Das zeigt doch, wie wichtig dieses Zeug für mich war. Heute Abend spielen wir sogar "Skyscraper" von diesem Album und ich lernte in meinem Auto, wie man den Song spielt. Ohne Gitarre ... du weißt schon, Notizen machen und so. Das war cool.
Du spielst nun schon seit über zwanzig Jahren in Punk- oder Hardcorebands. Kannst du diesen Sound überhaupt noch hören ?
Ich höre kein Punkrock. Willst du mich veräppeln? Um ehrlich zu sein höre ich sehr wenig Musik. In meinem Leben ist so viel Musik, wenn ich zu Hause eine Platte laufen lasse, ist das etwas komplett anderes. Ich höre viel amerikanische Countrymusik aus den 20igern. George Jones, Hank Williams und solche Sachen. Im Auto habe ich übrigens kein Tape-Deck mehr, statt dessen höre ich viel Informationsradio. Ich habe auch keine Ahnung was gerade so aktuell ist. Ich schaue kein MTV und höre kein Chartsradio, wenn ich Fernsehen schaue dann die "Sopranos" ...
"Sopranos" sind langweilig.
Nicht für mich. Aber ich denke du verlierst da einiges in der Übersetzung, glaub mir. Du musst in der Nähe von New Jersey wohnen um zu verstehen was die verdammten Typen da tun. It's fuckin' awesome. Aber zurück zum Thema: wenn ich auf der Bühne stehe möchte ich nichts lieber hören als Punkrock.
Schaust du dir dann überhaupt noch Konzerte an?
Wenn meine Freunde spielen schau ich mir das schon an. Das ist meistens Punkrock. Ich wohne als einziger der Band in Washington D.C., da gehe ich normalerweise nie aus um mir Livemusik anzuschauen, sondern hänge lieber mit meiner Freundin rum, fahre Motorrad und spiele Poker. Wenn nicht auf Tour bin, mache ich nichts was mit Musik zusammenhängt.
Hast du das Gefühl mit Punkrock gefüllt zu sein?
Das kann schon sein. Ich bin so überschüttet mit Punkrock, dass ich nicht noch mehr brauche.
Kennst du dich dann noch in der aktuellen Punkszene aus?
Nein, ich kenne die ganzen Bands nicht. Das ist Bretts Job. Er ist ein leidenschaftlicher Musikhörer und er ist immer up to date. Wenn mir ein Freund sagt, dass ich diese Band mal anhören sollte, dann tue ich das auch, weil es mir jemand gesagt hat, der mich kennt. Aber wenn mir das ein Magazin sagt, dann tue ich das Gegenteil. Es ist nicht so, dass ich total uninteressiert bin, ich nehme nur nicht daran teil. Viele gute Musik ist schon gemacht worden. Mehr als wir je durchhören können.
Du hast vorhin angesprochen, dass du Musik nur noch richtig auf der Bühne magst. War das auch der Grund, warum du zu Bad Religion gegangen bist und nicht zu R.E.M.?
Diese R.E.M.-Sache wurde von der Musikpresse aufgebauscht. Alles was sie wollten war ein Typ, der im Hintergrund steht und Gitarre spielt. Es war nicht so, dass Michael Stipe mich angerufen hat und sagte: "Wir wollen dich als viertes Bandmitglied. Du musst uns jetzt helfen!". Es war nur so eine Art Background-Sänger. Bei Bad Religion konnte ich dagegen ein richtiges Mitglied sein. Siebeneinhalb Jahre später denke ich, dass es die richtige Entscheidung war.
Mit Bad Religion spielst du ja auch in kleinen Clubs und das macht wohl auch mehr Spaß als die Stadion-Gigs mit R.E.M.
Absolut. Bei einer kleinen Menge siehst du die Leute und fühlst ihre Energie. So ein Gefühl kannst du dir nicht kaufen. Wenn wir ein großes Festival spielen ist die nächste Person ein Security-Guard. Es natürlich Wahnsinn vor so vielen Leuten zu spielen, aber es ist ein total anderes Gefühl. Man fühlt sich allein und sehr klein. Wenn du für weniger als tausend Leute spielst, fühlst du dich, als wärst du im Publikum.
Ist es immer noch so, dass ihr in Deutschland viel bekannter seit als in Amerika ?
Deutschland ist wahrscheinlich unser größter Markt, aber in Amerika spielen wir in viel größeren Hallen. Aber das liegt eher an der kleinen Einwohnerzahl Deutschlands. In Brasilien spielen wir immer vor zehntausend Leuten, da sind wir wie die Toten Hosen hier.
Habt ihr die Hosen hier in Düsseldorf getroffen?
Ja. Gestern waren wir mit Breiti und Wölli aus. Das sind Kumpels und auch eine coole Band.
Euer Drummer Bobby musste die Band auf Grund Schulterprobleme letztes Jahr verlassen. Ihr seit ja alle auch nicht mehr die Jüngsten. Habt ihr Angst, dass es irgendwann nicht mehr weiter geht?
Drummer sind harte Typen. Sie sind eher Sportler als Musiker und haben eine bestimmte Lebenserwartung. Ihre Arbeit ist sehr körperlich und darum siehst du ja auch keinen fünfzigjährigen Basketballer. Singen oder Gitarrespielen ist lange nicht so anstrengend wie drummen. Bobbys Zeit war leider vorbei. Schlagzeugspielen hat angefangen, ihm weh zu tun und das war es dann wirklich nicht mehr wert. Aber Bad Religion als Ganzes ist viel wichtiger als ein Einzelner. Wir haben jetzt einen neuen Drummer und den werden wir wahrscheinlich wieder abnutzen bis er nicht mehr spielen kann. Die Band am Leben zu erhalten, so lange wir noch eine relevante kreative Kraft sind, ist viel wichtiger als aufzuhören. Wenn ich die Band verlasse, würde es auch ohne mich weiter gehen. Bad Religion hat sogar Bretts Ausstieg überlebt.
Ist das Alter ein Thema bei Gesprächen in der Band ?
Nein. Wir schauen nicht in die Zukunft. Ich habe keine Ahnung, was ich nächste Woche machen werde. Ich mache mir keine Sorgen darüber, was in zehn Jahren sein wird. Wenn es uns immer noch gibt, dann ist das gut, wenn nicht, werde ich irgend etwas anderes tun.
Vielleicht reparierst du dann Tape-Decks.
Stimmt, das könnte ich machen. Dann höre ich noch auf zu rauchen. Diese ganzen Sachen eben. Das mache ich alles, wenn Bad Religion zu Ende ist.
Warten wir es ab. Vielen Dank für das Interview.
No Substance (1998), Tested (live) (1997), The Gray Race (1996), All Ages (Epitaph Best Of) (1995), Stranger Than Fiction (1994), Recipe For Hate (1993), Generator (1992), 80-85 (1990), Against The Grain (1990), No Control (1989), Suffer (1988), Into The Unknown (1983), How Could Hell Be Any Worse (1982)
| Mi | 05.06.2013 | Bad Religion Hamburg (Docks) | |
| Fr | 07.06.2013 | Bad Religion Rock Am Ring (Nürburg) | |
| Sa | 08.06.2013 | Bad Religion Rock im Park (Nürnberg) | |
| Di | 11.06.2013 | Bad Religion Dortmund (FZW) | |
| Mi | 12.06.2013 | Bad Religion Berlin (Huxley's Neue Welt) | |
| So | 28.07.2013 | Bad Religion Hannover (Capitol) | |
| Mo | 29.07.2013 | Bad Religion Dortmund (FZW) | |
| Di | 30.07.2013 | Bad Religion Saarbrücken (Garage) | |
| Fr | 02.08.2013 | Bad Religion Big Day Out (Anröchte) | |
| Do | 22.08.2013 | Bad Religion Hamburg Crash Fest (Hamburg) |
Homepage von Yogie mit feiner Bad Religion-Sparte.
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