laut.de-Kritik

Zittrig und glitschig wie ein elektrischer Aal.

Review von

Klingt vielleicht esoterisch, aber ich empfehle, sich dieses Album zu ertanzen. Nicht auf einer Party, sondern konzentriert allein im Flur oder nachts mit Kopfhörern an der Bahntrasse. Das ist es wert. Denn "Amok" ist keine billige Nutte, die glitzert und brüllt, sondern fordert Zeit und etwas Geduld, um die minutiöse, akkurate Flechtarbeit wertzuschätzen.

Klar ist: An das Debütalbum einer Truppe, die aus dem Best-Of aus Tourdrummern, Produzenten, Red Hot Chili Peppers und Radiohead besteht, stellt man entweder absurd astromonische Erwartungen oder erinnert sich mit Schrecken an die jämmerlichen Egoparaden anderer Supergroups der letzten vier Jahrzehnte - seien wir ehrlich, die Ergebnisse waren meistens scheiße. Beides ist aber nicht nötig. Viel mehr als die Mitglieder hört man dem Album nämlich vor allem die Liebe zur elektronischen Avantgarde rund um die Labels Brainfeeder und Warp an: Burial, Four Tet und Flying Lotus sind Homies, mit denen Thom Yorke seit Jahren seine Allergie gegen Rockstarkonventionen behandelt.

In jedem Fall lässt sich die enge Blutsverwandschaft zum gefeierten "The Eraser" von 2006 nicht leugnen, mit einem großen Unterschied in der Herangehensweise: Während die Band Atoms For Peace gegründet wurde, um Thom Yorkes Laptop-Ideen des damaligen Albums live umzusetzen, drehte er den Ansatz nun um. Auf gerade mal drei Tage Aufnahme folgten zwei Jahre Zerpflücken, Schleifen, Umlackieren.

Die ungestüme, selbstbewusste Energie des als Einfluss bei der Aufnahme zitierten 70er-Afrobeat ist nun nur noch als Nuance zu spüren. Sie wird kontrolliert und im Hintergrund gehalten von subtilen, hochkompliziert produzierten Arrangements im Zwielicht zwischen echten und digitalen Instrumenten. Was den enorm dezent vertretenen Flea betrifft, hat der schon jüngste Erfahrungen mit Afrobeat, der keiner sein darf, und zwar als Teil von Damon Albarns Rocket Juice & The Moon - die Band klang, als hätte man Tony Allen in Watte gewickelt und das Studio in ein schwäbisches Mietshaus zur Mittagsruhe verlegt.

Auch hier spielt Flea nicht breitbeinig mit der Socke im Schritt, dafür aber umso vielseitiger. Die hörbaren Grenzen zwischen Mensch und Maschine aufzulösen, war ein erklärtes Ziel Thom Yorkes, der sich als Dirigent des Albums versteht. Vielleicht brauchte es deshalb so lange, um die instrumentale Kraft von nächtlichen Abschuss-Jams mit Billard und nigerianischem Funk in L.A. zusammen mit Nigel Godrich zurück in England in eine Form zurechtzukneten, die nur mehr halb nach Band klingt.

Obwohl Fela Kuti die erste Referenz ist, die man in den ersten Takten des Albums verorten kann, waschen sich die poppigen Gitarren sofort wieder aus. Das Stück versumpft in wenigen Sekunden, mutiert bis auf Yorkes Gesang komplett hin zu einem Netz aus summender Electronica und spuckt den Hörer in einer völlig anderen Szenerie wieder aus.
Auch anderswo bleibt der Groove nicht haften, klingt zittrig und glitschig wie ein elektrischer Aal, gepaart mit den bekannten apokalyptischen Textfiguren Yorkes. Übrig bleibt eine latente Rastlosigkeit im tickenden, ratternden Rhythmus, eingebettet in seidenweiche Tiefen und warme, flächige Melodien.

Sie sind selbstredend nicht eingängig und Refrainstrukturen fehlen ebenfalls, und doch funktionieren sie - nennt man wohl geniales Songwriting, sowas. Ein Song wie "Default", der einem von Flea nachgespielten Programmierfehler in Yorkes Sampler entsprungen ist, schafft es in aller Sperrigkeit, gleichzeitig Tiefe und spiegelglatte Oberfläche zu transportieren. Und "Ingenuine" zeigt, was passieren kann, wenn man Thom Yorke kurz in die Sonne setzt: Seine Stimme webt sich rücksichtsvoll in die verhalten optimistische Melodie ein und wird zuweilen von den Arrangements überspült. Schön ist das.

Die Attitüde des Albums ist eine zurückgenommene, die in ihren schwächsten Momenten nach Selbstzensur wider der Hymnenbildung Marke Radiohead riecht. In den besten Momenten fühlt es sich an, als würde man sich langsam von einem Open-Air-Rave entfernen, die Euphorie und Energie noch deutlich im Magen spürbar, aber nicht mehr manifest. Die Grooves sind in sich gekehrt, statt nach außen zu strahlen, die Beats zum Teil papierdünn. Dieses Album macht nur Vorschläge, will, dass man näher kommt und zuhört, sonst verpasst man den größten Teil. Denn verrückterweise macht die beschnittene Produktion süchtig und die Textur der Platte umso interessanter.

Wie von Radiohead gewohnt, stellen sich manche Tracks einfach quer, bleiben unbalanciert irgendwo liegen wie nicht abgeholter Sperrmüll. "Unless" ist so ein instabiler Kandidat, er ist schier nicht greifbar, Gesang und Synths gleiten irgendwohin, und bevor man die Richtung ausmachen kann, ist es auch schon vorbei. Ähnlich geht es dem recht unbefriedigenden Schlusstrack. Andere bekommen eine Math-Rock-ähnliche Unwucht mit auf den Weg, wie der rhythmische Austicker in "Judge, Jury and Executioner".

Das beste Stück der Platte ist nicht schwer auszumachen: "Stuck Together Pieces". Spacefunk-Anleihen, fokussierte minimalistische Gitarrenlicks zum Niederknien, fantastische Momente im Geiste von "I Might Be Wrong", die aus dem Bassbett auf- und wieder abtauchen - es lässt sich an diesem Stück ablesen, wie organisch die Band zusammengespielt haben muss. Hier sind Eindrücke der Jamnächte mit noch vorhandenem "The Eraser"-Tourmomentum mehr als prominent. Schade, hätte es mehr davon gegeben, wäre das Ergebnis eher ein Banderlebnis, in dessen Genuss man ja auch vorerst live erstmal nicht kommen wird, solange Yorke und Godrich das Ganze als Zweimann-DJ-Set mit Gitarre betreiben (es dauert wohl noch eine Weile, bis die Band alle Songs live draufhaben wird).

Denn im Vergleich zu "Stuck Together Pieces" verblasst der Rest ein wenig - auf immer noch hohem Niveau. Der Ansatz ist durchaus ambitioniert und im Gegensatz zu vielen jüngeren Radiohead-Stücken hochinteressant, aber trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass die absichtliche Subtraktion einiger Elemente ein wenig vom eigentlichen Spirit weggeschliffen hat.

Eigentlich ist das schade, wenn man schon mal so eine außerirdische Allstartruppe zur freien Verfügung hat. Thom Yorke, der sturzbesoffen mit Gitarre neben Flea zu Fela Kuti abgeht? Womöglich Spaß hat? "Amok" ist einzigartig, aber nach diesem prozessierten Souvenir aus dem Jahr 2010 wünsche ich mir eigentlich nur noch eins: ein Bootleg der drei Aufnahmetage in L.A.

Trackliste

  1. 1. Before Your Very Eyes
  2. 2. Default
  3. 3. Ingenue
  4. 4. Dropped
  5. 5. Unless
  6. 6. Stuck Together Pieces
  7. 7. Judge, Jury And Executioner
  8. 8. Reverse Running
  9. 9. Amok

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12 Kommentare

  • Vor einem Jahr

    Kann the Eraser nicht das Wasser reichen

  • Vor einem Jahr

    Ich habe es jetzt schon wirklich oft angehört aber insgesamt lässt mich das Album für Thom Yorke Verhältnisse eher kalt. Und dass obwohl alles schön produziert ist, die Songs vielschichtig sind und wirklich zum Tanzen einladen (natürlich eher zum hyperaktiven Yorke Dance als zum Walzer).
    Hätte mir außerdem noch etwas mehr Input von Flea und Godrich gewünscht.
    Insgesamt trotzdem kein schlechtes Album

  • Vor 5 Monaten

    unglaublich gutes Album! vor allem der TRack default ist sowas von genial.
    Du hast ständig das Gefühl beim tanzen das er ohne Ende läuft.
    Aber irgendwie kommt doch bei diesem vertrackt gesetzten
    electrobeat das Gefühl auf das er irgendwo hängt.
    Ich find sau geil