4. Januar 2018

"Bei Kunst geht es nicht darum, seine Gefühle auszudrücken"

Interview geführt von

"Wir sind hier nicht in Star Wars", meint Asaf Avidan und holt aus zum philosophischen Rundumschlag, wobei er weder vor persönlichen Dämonen noch politischer und gesellschaftlicher Dimension Halt macht. Nur etwas fehlt ganz bewusst: Definitive Antworten.

Bevor er später am Abend die biblischen Geschichten vom Auszug aus Ägypten, den zehn Geboten und dem Goldenen Kalb in einer Konzertansprache in Einklang mit Feminismus, Unsicherheit, Liebe und Polyamorie bringt, nimmt sich Asaf Avidan einige Minuten Zeit, um uns ähnlich komplizierte Dinge zu erläutern. Sein eigenes Goldenes Kalb scheint der ein Jahr zuvor verstorbene Leonard Cohen zu sein, dessen Einflüsse sich nicht nur in Musik und Text Avidans – besonders auf dem aktuellen Album "The Study On Falling" – niederschlagen, sondern auch das Kunstverständnis des Israelis entscheidend prägen. Ein Gespräch über das Hoch- und Runterwürgen von Schmerz, das potentielle Ende des Zeitalters der Monogamie und die Gefahr von Dogmatisierung und Vereinfachung im Heute:

Letztes Mal, als ich dich live gesehen habe, wurde die Show kurzfristig vom größeren ins kleinere Venue verlegt – jetzt ist es andersrum.

Haha, gut. Aber das hängt nicht von mir ab. Zwar kümmern mich die Ticketverkäufe schon irgendwie, aber ich realisiere auch, dass ich recht wenig Kontrolle darüber habe. Das einzige, was ich tun kann, ist, Musik zu schreiben, von der ich denke, dass sie gut. Ich weiß, das ist ein Klischee ...

Dabei ist "The Study On Falling" weniger publikumsfreundlich als "Gold Shadow", finde ich. Auf "Gold Shadow" gab es immerhin einige ziemlich tanzbare Tracks.

Ich würde sagen, "Different Pulses" hatte bisher das größte Potential, modernes Massenpublikum zu erreichen. "Gold Shadow" war ein bisschen eklektisch. "The Study On Falling" ist nicht eklektisch, aber anachronistisch. Das Album fühlt sich an wie aus einer anderen Zeit. Darum ging es mir. Es sollte zwar keine Hommage an ein anderes Genre und eine andere Zeit sein, aber es wurde letztlich zu einer.

Es fällt außerdem noch intimer aus oder?

Mir geht es immer darum, intim zu sein. Meine Werke sind introspektiv. Ich weiß nicht, ob ich besser darin werde, das zu finden, was ich finden möchte. Vielleicht ist es schlicht eine Akkumulation, je mehr Alben du schreibst. Ich vergleiche das gerne mit einer archäologischen Grabung: Schicht um Schicht um Schicht um Schicht... Jede Schicht fühlt sich tiefgreifend für dich an, doch dann entdeckst du darunter eine weitere und du verstehst: "Aha, deshalb gehört das dort hin." So gerät die Observation immer tiefer und intimer.

Für mich klingt "The Study On Falling", als wäre es insgesamt weniger schmerzgetrieben als die Vorgänger. Ist das so?

Gleichzeitig ja und nein. Es ist immer noch derselbe Schmerz. Aber ich merke, dass ich mit steigendem Alter zunehmend in der Lage bin, auch dann Stabilität zu empfinden, wenn ich durch Unruhen gehe. Es ist wunderbar, so etwas über mich selbst sagen zu können. Ich bin froh, an einem Punkt zu stehen, wo ich nicht nur kollabiere, wenn ich falle, sondern in der Lage bin, den Sturz zu untersuchen und ihn als etwas Positives zu sehen. Trotzdem fühle ich noch eine Menge Schmerz in diesem Album.

"Kotz dich aus, bis du Schönheit darin erkennst"

Du gibst gerne an, deine Stimme habe sich "aus dem Schmerz entwickelt". Wenn du komponierst, ist es vor allem ein Rauslassen dessen oder suchst du manchmal auch aktiv danach?

Es ist Rauslassen. Ich kann keine Beziehung zu dieser "Mythologie" aufbauen, sein Leben zu ruinieren, nur um Schmerz zu spüren und etwas zu schreiben zu haben. Es ist schon so viel in mir vorhanden. Wenn Stille um mich herum herrscht – wenn ich also nicht gerade Interviews gebe oder aufnehme oder sonst etwas in der Art, sondern allein mit mir selbst bin – kommt das innerhalb von zwei Sekunden alles hoch. Der einzige Weg, es zu kontrollieren und zu verhindern, dass es sich verfestigt, in Zement verwandelt und mich in den Abgrund reißt, ist für mich, es rauszulassen. So entstehen die Songs. So war es schon immer. Ich gebe dem eine Stimme. Es ist fast schon ein physischer Akt: Man drückt gewissermaßen die Luft nach draußen. Es ist eine physische und metaphysische Anstrengung.

Dadurch wird Songwriting sehr persönlich. Erlaube mir mal folgende These: Auf gewisse Weise ähneln Musiker damit Social Media-Influencern – denn von beiden wird erwartet, ihre Privatheit nach außen zu kehren, sich der Öffentlichkeit preiszugeben.

Oh, sehr gut. Das berührt nämlich einen Punkt, der mir sehr, sehr wichtig ist. Denn ich finde, bei Kunst geht es nicht darum, seine Gefühle auszudrücken. Es ist Teil davon, es ist der anfängliche Antrieb. Du musst etwas ausdrücken, was Bedeutung für dich hat, was dich bewegt, was dich interessiert. Doch dann – und hier unterscheidet es sich von Social Media – beginnt ein Prozess von Handwerk und Struktur. Dieser Prozess fehlt im Fall Social Media. Bei Social Media läuft es folgendermaßen ab: Ich mache ein Selfie von mir – guckt, das bin ich jetzt im Moment. Und jetzt bin ich das. Es durchlief nicht die Filter von Schönheit und Würde. Das habe ich von Leonard Cohen übernommen. Er formulierte das einmal so: "Wir dürfen nicht beiläufig wehklagen, wir müssen es immer in der Klausur von Schönheit und Würde tun." Diese Schönheit und Würde, diese Struktur – das ist es, was Kunst ist. Denn dieser Nebel aus menschlicher Emotion ist wie eine Gasform: Du kannst sie nicht wirklich (be)greifen. Wenn Leute Social Media übersättigen mit dem, was sie im Moment fühlen, was sie im Moment sehen, was sie im Moment essen, wo sie sich im Moment befinden, durchläuft das nicht diesen Zergliederungsprozess, der wie folgt aussieht: Auskotzen, auseinandernehmen, wieder aufnehmen, noch mal hochwürgen und noch mal erbrechen und noch mal erbrechen – bis du Struktur und Schönheit erkennst und etwas, das ästhetische Signifikanz besitzt. Darin ist Bob Dylan so großartig, darin ist Leonard Cohen so großartig, darin ist Tom Waits so großartig. Natürlich drücken diese Leute ihre Gefühle aus, aber sie tun es durch unglaublich präzise Worte und Satzbaukunst und Melodiefertigkeit. Erst dadurch wird es zu Kunst.

Sie ist nicht einfach nur da, um betrachtet zu werden, sondern du kannst etwas für dich selbst mitnehmen und interpretieren.

Ja, das ist dann schon die dritte Ebene – der finale Prozess der Kunst. Ich gehe jeden Abend darauf ein, wenn du also später zum Konzert bleibst, wirst du es hören. Der finale Prozess, der Kunst zu Kunst macht – wir hatten davor bereits den initialen Antrieb und die nachfolgende Strukturierung, welche ebenso darauf basiert, was viele andere vor dir bereits getan haben, also auch eine soziale Komponente besitzt – ist die letzte Interaktion. Sie ist, was immer mit einem bestimmten Stück passiert, wenn es gewissermaßen zu einem meteorologischen Phänomen wird und auf das Publikum niederregnet. Denn das Publikum badet darin, reflektiert es. Dann, wenn jemand es interpretiert, wird etwas wahrhaftig zu Kunst. Ich vertrete die Meinung, wenn ich allein in einem dunklen Raum sitze und die beste Kunst produziere – was auch immer das heißen mag: "beste" Kunst – existiert sie nicht. Ich betrachte sie solange nicht als Kunst, bis jemand sie sieht, bis jemand sie hört. Ich weiß, um diese Auffassung führt man eine große Debatte, aber so empfinde ich es. Ich glaube, die Live-Performance ist ein Dialog zwischen Künstler und Publikum – und zwar ein unglaublich tiefgehender.

Kommen wir direkt zu den Texten auf "The Study On Falling". "Green And Blue" zum Beispiel befasst sich mit der Beziehung zu zwei Frauen oder?

Ja.

Ehrlich gesagt fällt mir keine pointierte Frage dazu ein, also erzähl doch einfach ein bisschen darüber.

Hahaha, okay. "Gold Shadow" war ein Trennungsalbum. Davor stand eine lange währende, monogame Beziehung. Sie endete. Danach kam eine weitere gleich geartete Beziehung. Ich war glaube ich 33 oder 34, als diese zu Ende ging. Ich häufte so viele solcher Anfänge, Mitten und Enden an, dass ich irgendwann sagte: "Es reicht. Ich möchte das nicht noch einmal wiederholen." Ich blickte um mich: Ich sah Menschen, die sich scheiden ließen, die betrogen, was auch immer ... Ich befand, diesen langfristigen monogamen Beziehungen wohnt eine Art Selbstzerstörungsmechanismus inne – zumindest in unseren Generationen. Ich wollte daran nicht länger teilnehmen. Ich wusste damals nicht, dass es eine andere Option gibt, aber ich ließ alles zurück, ging in eine existentielle Phase. Und dann traf ich 'Green'. Sie zeigte mir eine andere Perspektive auf Beziehungen und Liebe. Zuerst glaubte ich nicht daran. Ich war eifersüchtig. Sie nahm das hin. Und schließlich passierten gewisse Dinge einfach. Wir fingen an, mit vielen Formen von dem, was man Polyamorie nennen könnte, hinter dem sich allerdings so viel Verschiedenes verbergen kann, zu experiemtieren. Wir lebten eine Zeit lang hier in Berlin. Wir zogen um die Welt. Schließlich trafen wir 'Blue', verliebten uns, zogen für eine Weile nach Los Angeles. Es war eine verrückte Zeit, aber ich stellte fest, dass ich simultan zwei Personen wahrhaft liebte. Und es war erlaubt. Und auch ihnen war es erlaubt, verschiedene Partner zu haben. Das war durchaus kompliziert.

"The Study On Falling" entstand in dieser emotional komplizierten Periode, in der ständig irgendwelche Abzüge gedrückt wurden. Lebst du in Monogamie, ist es sehr einfach, deine eigene Unsicherheit, deine Angst vor Unsichtbarkeit, deine Furcht vor dem Fall auf jemand anderen zu projizieren. Eifersucht ist Wut gegenüber jemandem, der deinen Unsicherheits-Knopf drückt. Doch wenn du den Luxus und das Privileg, deswegen wütend auf diesen jemand zu sein, nicht hast, wirst du trotzdem zornig und eifersüchtig, kannst aber diesem jemand dafür keine Vorwürfe machen. Wohin zur Hölle also mit diesen Gefühlen? Du empfindest dich ja trotzdem als klein, unbedeutend, unsicher, verletzt. Irgendwann realisierst du: Es sind nicht sie, die mir das antun. Ich fühle mich verletzt, weil ich verletzt bin, weil ... ich mich klein fühle. Nur warum fühle ich mich klein? So arbeitest du dich langsam durch einen manchmal wunderschönen, manchmal schrecklichen Prozess mit deinen eigenen, schattenhaften Dämonen. Das ist super interessant. In den besten Fällen erkannte ich in dieser Liebe zwischen mehreren Personen das beste, was ich überhaupt je gekannt habe. In den schlimmsten Fällen, war es schmerzhafter als, alles was ich je zuvor erlebt habe. Ich weiß nicht, ob mich das jetzt zu einem Missionar für Polyamorie macht. Aber ich weiß, dass ich Dinge lieber ausprobiere als soziale Tabus als Dogmen hinzunehmen.

"Ich habe Angst, zum Dogma zu werden"

Ich glaube das mit dem Missionar ist ein guter Punkt. Denn im Endeffekt erwarten die Leute von dir als Künstler, dass du (ihnen) gewisse Dinge – nicht nur auf das Thema von eben bezogen – predigst, oder nicht? Wenn uns irgendjemand auf der Straße, den wir gar nicht persönlich kennen, solches erzählen würde, fiele die Reaktion und die Bereitschaft Zuzuhören ganz anders aus.

Ich denke, Künstler sind die Philosophen der heutigen Zeit. Und ja, du solltest eine starke Meinung vertreten, denn du bist eine denkende, kreative Person. Aber ich glaube, sobald etwas zu einer Antwort wird, schlägt das Pendel Richtung Religion aus. Mein Job als Künstler – das mag sich ändern, aber als der Mensch, der ich momentan bin, ist er es – ist, tiefschürfende, fundamentale Fragen zu stellen und damit den universellen Kern zu treffen, was es heißt, menschlich zu sein. Sieh dir an, in welchem Zustand die Welt heute ist – seit Leonard Cohen starb und Trump gewählt wurde: Wir verloren jemanden, der für Tiefe und Ehrlichkeit und Würde und Schönheit und Komplexität stand. Wir gewannen Leute, die die Verkörperung populistischer, simplistischer Weltsicht sind.

Ich als Künstler möchte dafür einstehen, das menschliche Spektrum in seiner ganzen Existenzweite zu berühren, an die Komplexität zu erinnern und daran, dass es kein Schwarz und Weiß gibt. Wir sind nicht in Star Wars, es gibt keine dunkle Seite und keine helle Seite. Niemals sind die Dinge so einfach. Jeder, der dieses Prisma, dieses weite Farbenspektrum nimmt und einschnürt, versucht, deine Ansichten für sein Machtspiel zu missbrauchen. Das stelle ich heute fest. Als Künstler kann ich an die Komplexität menschlicher Emotion und des menschlichen Geistes erinnern und zeigen, wie wir dieser Komplexität Würde verleihen können. Es geht nicht darum, diese Gefühle – Schmerz, Angst, Wut – direkt auf Social Media zu teilen. Das wäre: "Heeeeyyy! Ich bin wütend! Immigranten!" Fang an, diesen Ärger zu zerlegen. Frag dich: "Warum bin ich so wütend auf Immigranten?" – "Weil ich Angst habe." – "Warum habe ich Angst?" Warum, warum, warum, warum? Dort beginnt der Job eines Künstlers: Den Menschen seiner Gesellschaft dabei zu helfen, ...

... sich selbst zu reflektieren.

Sich selbst zu reflektieren und Fragen über sich selbst zu stellen – aber nie, Antworten zu geben. Vor dem, was du in deiner Frage beschreibst, nämlich, dass die Gesellschaft vom Künstler erwartet, etwas Bestimmtes zu sagen und für etwas Bestimmtes einzustehen, habe ich Angst. Ja, natürlich stehe ich für etwas ein. Aber wenn ich euch mitteile, wofür genau, werde ich nur zu einem weiteren Dogma, einem weiteren Politiker, einer weiteren Struktur. Das ist nicht meine Aufgabe.

Im April kommst schon wieder für einige Shows nach Deutschland zurück. Diese sind als "The Solo Tour" ausgeschrieben, während auf der laufenden Konzertreise im Teaser steht "Asaf Avidan und seine Band". Was können wir erwarten?

In den vergangenen sechs Jahren habe ich das immer abgewechselt. Die erste hieß "Back To Basics". Dann kam die "Different Pulses"-Tour, wofür ich den Albumsound wollte und also eine Band brauchte. Später kamen ein Showkonzept namens "Into The Labyrinth" und die Tour zu "Gold Shadow". Jedes Mal, wenn ein Album erscheint, möchte ich dessen Klangbild einfangen. Sobald ich das Gefühl habe, die Arbeit am Album verblasst etwas, erlaube ich mir den Luxus, mich selbst daran zu erinnern, wo ich herkomme, wie die Songs geschrieben wurden, wie ich drauf bin, wenn ich alleine bin. Ich strippe nicht nur in den Texten und Melodien, sondern stelle mich auch allein auf die Bühne, um sowohl für mich als auch für das Publikum die intimste mögliche Situation zu schaffen. Aus irgendeinem Grund ist mir das wichtig. Ich bin immer noch dabei, dahinterzukommen, warum es wichtig für mich ist, aber ich ertappe mich, wie ich es nach jedem abgeschlossenem Album wieder so handhabe. Also schätze ich, dass irgendwo tief darin eine Bedeutung verborgen liegt.

Die angesprochenen Solokonzerte Asaf Avidans finden statt in Frankfurt (13.04.), Bochum (14.04.) und Erlangen (16.04.).

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2 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 3 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 3 Monaten

    Recht interessant. Gibt es nicht irgendwo eine laut-interne bookmark-funktion?

    • Vor 3 Monaten

      Hallo Marzypern,

      zuersteinmal ein herzliches Willkommen in unserer kleinen Online-Community! Leider gibt es diese Funktion noch nicht. Wir freuen uns aber sehr über Deine Anregung, wie auch über jedes andere Feedback, da wir uns stets bemühen, laut.de so nutzerfreundlich wie möglich zu gestalten. Deinen Vorschlag werde ich an unser Entwicklerteam weiterleiten.

      Gruß,
      Krypta